9/11-Anschläge, Hongkong-Helden, Russland-Wahlen : Ein Wochenrückblick auf den medialen Abgrund


von Tho­mas Schwarz

Die Kam­pa­gne gro­ßer deut­scher Medi­en zur angeb­li­chen Ein­mi­schung Russ­lands in west­li­che Demo­kra­ti­en hat schon lan­ge den Cha­rak­ter der Losung “Hal­tet den Dieb!”: Um die eige­nen mas­si­ven Ein­mi­schun­gen etwa in der Ukrai­ne oder in Syri­en (und aktu­ell in Hong­kong) zu kaschie­ren, wird mit aller media­ler Macht auf die vor­geb­li­che “Col­lu­si­on” zwi­schen Rus­sen und euro­päi­schen Anti­de­mo­kra­ten gedeu­tet. Zwar sol­len Ver­su­che Russ­lands, die Geo­po­li­tik auch in sei­nem Sin­ne zu gestal­ten, hier kei­nes­wegs abge­strit­ten wer­den. Die Rela­tio­nen aber sind ziem­lich klar : Wäh­rend die west­li­chen Ein­mi­schun­gen einen offen­sicht­lich aggres­si­ven Cha­rak­ter haben und inter­na­tio­nal weit­aus mehr Men­schen tref­fen, kann man den rus­si­schen Ver­su­chen (bis­lang und mut­maß­lich) einen eher reagie­ren­den Cha­rak­ter unter­stel­len. Zusätz­lich auf­rei­zend wer­den die west­li­chen Ein­mi­schun­gen durch die mora­li­sche Selbst­über­hö­hung der west­li­chen Geo­po­li­tik durch gro­ße west­li­che Medi­en.

Hei­ko Maas, die BILD und ihre mili­tan­ten “Frei­heits-Hel­den”

Ange­sichts der Unru­hen in Hong­kong konn­te man in die­ser Woche die west­li­che Ein­mi­schung sowie deren media­le Ver­kör­pe­rung in Rein­form erle­ben : So hat­te die BILD “fünf Frei­heits-Hel­den” gela­den, um sie “von ihrem Kampf” erzäh­len zu las­sen. Die­ser Kampf der gela­de­nen “Hel­den” ist mehr als ein­mal in Mili­tanz, Gewalt und (ver­such­te und geglück­te) Staats­strei­che abge­glit­ten : Zumin­dest mit den Per­so­nen Vita­li Klitsch­ko (Mai­dan), Joshua Wong (Hong­kong) und Raed al-Saleh (“Weißhelme”/Syrien) prä­sen­tier­te die BILD hier ohne jede Scham eini­ge Prot­ago­nis­ten der mili­tan­ten west­li­chen Ein­mi­schun­gen in frem­den Län­dern.

Einen zusätz­lich skan­da­lö­sen Cha­rak­ter erhielt die BILD-Akti­on durch das devo­te Auf­tre­ten von Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Hei­ko Maas, der durch die­sen Auf­tritt der Pro­pa­gan­da der BILD einen “offi­zi­el­len” Segen gibt. Man darf gar nicht dar­über nach­den­ken, dass hier ein SPD-Poli­ti­ker die Mili­tanz in der Ukrai­ne, in Syri­en und nun in Hong­kong durch die­sen pein­li­chen Auf­tritt und Kraft sei­nes Amtes legi­ti­miert.

Hong­kong-Held”: Wer ist Joshua Wong ?

Wen die BILD da genau aus Hong­kong ein­ge­la­den hat und wel­che mas­si­ve Unter­stüt­zung Wong aus dem Wes­ten erhält, das haben die Nach­Denk­Sei­ten unter­sucht :

Spä­tes­tens 2015 begann näm­lich die Kar­rie­re des “west­li­chen Ein­fluss­agen­ten” Wong. Nach­dem Wong vom Time Maga­zi­ne zum “ein­fluss­reichs­ten Teen­ager” des Jah­res 2014 ernannt und von For­tu­ne und For­eign Affairs als “Frei­heits­kämp­fer” aus­ge­zeich­net wur­de, wur­de Wong nun auch offi­zi­ell in Washing­ton und den mit der US-Regie­rung asso­zi­ier­ten Think­tanks und Vor­feld­or­ga­ni­sa­tio­nen her­um­ge­reicht. (…) Statt­des­sen war Wong nun auch noch Dau­er­gast bei den Ver­an­stal­tun­gen ame­ri­ka­ni­scher Think­tanks wie dem “Free­dom House” und durf­te für Zei­tun­gen wie dem bri­ti­schen Guar­di­an oder dem Wall Street Jour­nal für sein Ziel, ein Refe­ren­dum, bei dem sich Hong­kong von der Volks­re­pu­blik Chi­na los­sagt, wer­ben. 2017 dreh­te Net­flix mit Wong eine unkri­ti­sche “Doku­men­ta­ti­on” mit dem viel­sa­gen­den Titel “Teen­ager vs. Super­power” und im Febru­ar 2018 nomi­nier­te Rubio Wong sogar für den Frie­dens­no­bel­preis.

Die Ver­dre­hun­gen der taz

Die­se Infor­ma­tio­nen sind offen­sicht­lich nicht bis zur taz vor­ge­drun­gen, denn die Zei­tung strei­tet – wie fast alle gro­ßen deut­schen Medi­en, die hier nicht zusätz­lich zitiert wer­den müs­sen, – jede west­li­che Ein­mi­schung ab, und for­dert sie statt des­sen ein. Dass die west­li­che Ein­mi­schung stets “höf­lich” und ange­sichts der Hong­kon­ger Unru­hen “fol­gen­los” blie­be, gehört zu den gewag­ten Deu­tun­gen der taz :

Die­ses Prin­zip ist seit Jahr­zehn­ten das glei­che, ob Tibet, Xin­jiang oder nun Hong­kong. Es lau­tet : ‘Mischt euch nicht in unse­re inne­ren Ange­le­gen­hei­ten ein.’ Und Deutsch­land hält sich an die­se Vor­ga­be, weil die öko­no­mi­sche Abhän­gig­keit von Chi­na viel zu groß ist. Da scheint es genug, wenn die Kanz­le­rin beim Chi­na-Besuch kurz die ‘Lage der Men­schen­rech­te’ oder die ‘Situa­ti­on in Hong­kong’ anspricht. Höf­li­che Kri­tik, stets fol­gen­los.

Ber­lin als “Aus­landszen­tra­le der chi­ne­si­schen Oppo­si­ti­on”

Dass sich die deut­schen Medi­en und die deut­sche Poli­tik mit der BILD-Akti­on zur “Aus­landszen­tra­le der chi­ne­si­schen Oppo­si­ti­on” degra­die­ren wür­den, hat Ger­man For­eign Poli­cy fest­ge­stellt : 

Mit einem groß insze­nier­ten Emp­fang für den Hong­kon­ger Akti­vis­ten Joshua Wong prä­sen­tiert sich Ber­lin vor der Welt­öf­fent­lich­keit als Aus­landszen­tra­le der chi­ne­si­schen Oppo­si­ti­on. Wong wur­de in Ber­lin vom Außen­mi­nis­ter per­sön­lich begrüßt ; er stell­te sei­ne For­de­rung, Maß­nah­men gegen Chi­na zu ergrei­fen, in der Bun­des­pres­se­kon­fe­renz vor. In Deutsch­land hat­ten schon zuvor zwei Män­ner aus Hong­kong Asyl erhal­ten, die für die Abspal­tung der Stadt von Chi­na ein­ge­tre­ten sind und wegen ihrer Betei­li­gung an gewalt­tä­ti­gen Kra­wal­len vor Gericht gestellt wer­den soll­ten.

911 – Gefüh­le und unter­schla­ge­ne Fak­ten

Es ist für die­se Kolum­ne immer auch inter­es­sant, wor­über gar nicht oder nur unan­ge­mes­sen in den Medi­en berich­tet wur­de. Dazu gehör­ten in die­ser Woche ein­mal mehr die Anschlä­ge vom 11. Sep­tem­ber 2001 in New York, die sich zum 18. Mal jähr­ten. Im Vor­feld die­ses Jah­res­ta­ges hat die US-Uni­ver­si­tät von Alas­ka, Fair­banks, eine neue Stu­die über den Zusam­men­bruch von WTCver­öf­fent­licht, die den Ver­dacht einer geplan­ten Spren­gung stützt. Die­se Ergeb­nis­se wer­den in den gro­ßen deut­schen Medi­en erwar­tungs­ge­mäß nicht ange­mes­sen dar­ge­stellt. Hier wird nach wie vor eine unhalt­ba­re offi­zi­el­le Ver­si­on von “9/11” ver­brei­tet.

In die­sem Text soll betont wer­den, dass hier kei­ne kon­kre­te Theo­rie der Vor­gän­ge vom 11. Sep­tem­ber 2001 ver­tei­digt wird. Da aber die offi­zi­el­le Ver­si­on mut­maß­lich unhalt­bar ist, soll hier eine ganz neue Unter­su­chung der Anschlä­ge gefor­dert wer­den.

Statt neu­er Fak­ten wur­den in zahl­rei­chen Bei­trä­gen Gefüh­le trans­por­tiert. So hat etwa die ARD “9/11 – Kin­der­bü­cher gegen das Ver­ges­sen” the­ma­ti­siert und in den Tages­the­men eine Repor­ta­ge über einen an den Spät­fol­gen gestor­be­nen Feu­er­wehr­mann gebracht. Die­ser emo­tio­na­le Fokus auf die “Spät­fol­gen” wur­de – im Gegen­satz zu einem küh­len Blick auf die Fak­ten der Vor­ge­schich­te – von zahl­rei­chen wei­te­ren Medi­en ver­folgt.

Sascha Lobo ver­fängt sich im geschlos­se­nen Welt­bild

Die­se zahl­rei­chen emo­tio­na­len und fak­ten­ar­men Berich­te müs­sen hier nicht ana­ly­siert wer­den. Beson­de­re Betrach­tung ver­dient aber die all­jähr­li­che Dif­fa­mie­rung von 9/11-Skep­ti­kern als “Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker” und dar­un­ter wie­der­um eine Kolum­ne im Spie­gel von Sascha Lobo.

In die­sem schlich­ten Text beschreibt Lobo 911 als den “ver­gif­te­ten Brun­nen des 21. Jahr­hun­derts.” Der fol­gen­de Absatz soll Skep­ti­ker der offi­zi­el­len Ver­si­on zum 11. Sep­tem­ber dif­fa­mie­ren – er klin­ge jedoch, als wür­de Lobo hier sei­ne eige­nes geschlos­se­nes Welt­bild beschrei­ben :

Aus den Aner­ken­nungs­rei­zen ergibt sich eine her­me­tisch nach außen abge­schot­te­te Grup­pe, das Gefühl der ‘Erleuch­tung’ lässt die­se Abgren­zung posi­tiv erschei­nen. Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker möch­ten ihr sozia­les Umfeld an ihrer Welt­erkennt­nis teil­ha­ben las­sen. Aber weil sie meist nur Kopf­schüt­teln, Mit­leid oder Spott ern­ten, gren­zen sie sich noch stär­ker ab. Das mög­li­che Kor­rek­tiv des eige­nen sozia­len Umfelds wird abge­kop­pelt. Irgend­wann gibt es Aner­ken­nung fast nur noch in der eige­nen Grup­pe – ein wei­te­rer Ver­stär­kungs­ef­fekt.

911 : Deut­sche Jour­na­lis­ten als blin­de Sek­ten­jün­ger

Die Nach­Denk­Sei­ten the­ma­ti­sie­ren anläss­lich von Lobos Text auch die “geschlos­se­nen Welt­bil­der vie­ler Jour­na­lis­ten” und fah­ren fort :

Denn wenn Grup­pen beim The­ma 911 geschlos­se­ne Welt­bil­der prä­sen­tie­ren, dann gehö­ren zahl­rei­che eta­blier­te Jour­na­lis­ten dazu. Wie Sek­ten­jün­ger ver­tei­di­gen sie blind eine bis auf die Kno­chen dis­kre­di­tier­te Ex-US-Regie­rung. Für die­se Ver­tei­di­gung sind sie auch bereit, weit­ge­hend seriö­se Skep­ti­ker wie etwa die Archi­tec­ts & Engi­neers for 911 Truth zu igno­rie­ren. Da wer­den lie­ber exzes­siv die offi­zi­el­len Phra­sen der US-Regie­rung rezi­tiert, als dass den welt­weit zahl­rei­chen skep­ti­schen Wis­sen­schaft­lern Gehör geschenkt wür­de.

Rus­si­sche Regio­nal­wah­len : Plötz­lich doch kein “Stim­mungs­test für Putin”

Bei der Bericht­erstat­tung zu den jüngs­ten Regio­nal­wah­len in Russ­land konn­te man in die­ser Woche einen Stim­mungs­um­schwung beob­ach­ten : Wäh­rend vor den Wah­len fast uni­so­no von einem “wich­ti­gen Stim­mungs­test” für den rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Putin geschrie­ben wur­de (etwa hier oder hier oder hier), ver­stumm­ten die­se Ansich­ten nach der Wahl. Denn die “Kreml-Par­tei” Eini­ges Russ­land hat die Wah­len gewon­nen – oder, wie der Spie­gel schreibt : “Kreml­par­tei ver­tei­digt Mehr­heit – trotz gro­ßer Ver­lus­te in Mos­kau”.

Da also der gro­ße “Stim­mungs­test” zuguns­ten Putins aus­ge­fal­len war, muss­ten die gro­ßen deut­schen Medi­en sich auf das auch vom Spie­gel her­aus­ge­stell­te Ergeb­nis in Mos­kau kon­zen­trie­ren. Man­che Medi­en dehn­ten also das Ergeb­nis in der Haupt­stadt ein­fach auf ganz Russ­land aus, um die gewünsch­te Bot­schaft (im Wider­spruch zum Wahl­er­geb­nis) in die Arti­kel zu zwin­gen. So behaup­tet die Fran­ken­post :

Aber der Zau­ber schwin­det ; immer mehr Men­schen schei­nen, von Putins Poli­tik ent­täuscht zu sein.

Mili­tä­ri­sche Mus­kel­spie­le von Syri­en bis zur Krim”

Die Frank­fur­ter Rund­schau fabu­liert eher all­ge­mein – doch auch hier klafft der Wider­spruch zwi­schen dem Wahl­er­geb­nis und dem ange­stimm­ten Abge­sang auf Putin :

Dem Mann, der seit 20 Jah­ren Regie führt in Mos­kau, scheint mitt­ler­wei­le eini­ges zu ver­rut­schen. Die Real­ein­kom­men der Rus­sin­nen und Rus­sen sin­ken das fünf­te Jahr in Fol­ge. Die Ren­ten sind nied­rig, und wer sie Anspruch neh­men will, muss län­ger arbei­ten denn je. Das schafft Unmut unter den Älte­ren ; gan­ze Regio­nen und Jahr­gän­ge füh­len sich nicht mehr mit­ge­nom­men in die Moder­ne. Lan­ge hat Putin dies alles zuge­kleis­tert, mit mili­tä­ri­schen Mus­kel­spie­len von Syri­en bis zur Krim und mit immer neu­en Insze­nie­run­gen sei­nes rus­si­schen Neo-Natio­na­lis­mus. Inzwi­schen aber hin­ter­las­sen die strah­len­den Auf­trit­te Putins immer mehr Fra­ge­zei­chen.

Eini­ges Russ­land” ist “fak­tisch tot”?

Der Mann­hei­mer Mor­gen stellt – mit Bezug auf namen­lo­se “Beob­ach­ter” – Erstaun­li­ches fest, etwa, dass die Par­tei Eini­ges Russ­land “fak­tisch tot” sei :

Die Par­tei, die dem Prä­si­den­ten Wla­di­mir Putin stets als Blitz­ab­lei­ter dient, ver­liert seit Mona­ten an Zustim­mung. ‘Fak­tisch tot’ nennt sie man­cher Beob­ach­ter im Land. Des­halb zeigt sich, dass im Klei­nen Bewe­gung mög­lich ist. Die Oppo­si­ti­on ist ange­sichts die­ser Mini-Schrit­te hoff­nungs­voll.

Inter­es­sant ist in die­sem Zusam­men­hang auch, dass die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei zahl­rei­che Stim­men, die Eini­ges Russ­land in Mos­kau ver­lo­ren hat, ein­sam­meln konn­te – dass also sogar in Mos­kau die Unzu­frie­de­nen das Heil nicht in den west­lich ori­en­tier­ten neo­li­be­ra­len Par­tei­en sieht, wie etwa die Zeit ein­räumt :

Die Kom­mu­nis­ten, die bis­her fünf Stadt­rä­te stell­ten, kön­nen dem­nach mit 13 bis 14 Sit­zen rech­nen.

Als Fazit ist fest­zu­stel­len, dass die west­li­chen Betrach­tun­gen der rus­si­schen Regie­rungs­par­tei – gera­de ange­sichts der exis­ten­zi­el­len Ver­lus­te zahl­rei­cher EU-Regie­rungs­par­tei­en – das Kri­te­ri­um des Mes­sen mit zwei­er­lei Maß über­fül­len. Man muss sich zur Ent­lar­vung der Heu­che­lei nur vor­stel­len, man wür­de die­se Maß­stä­be auch an die deut­schen Regie­rungs­par­tei­en und deren jüngs­ten Ergeb­nis­se bei den Land­tags­wah­len anle­gen.

RT Deutsch bemüht sich um ein brei­tes Mei­nungs­spek­trum. Gast­bei­trä­ge und Mei­nungs­ar­ti­kel müs­sen nicht die Sicht­wei­se der Redak­ti­on wider­spie­geln. 

RT Deutsch


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