Doppelagent Skripal : Einzelne deutsche Medien verweigern die Gefolgschaft beim Russen-Bashing


Wird irgend­wo, wie aktu­ell in Eng­land, eine anti­rus­si­sche Sau durchs Dorf getrie­ben, dann kön­nen es vie­le deut­sche Alpha-Jour­na­lis­ten gar nicht abwar­ten, auf den Zug auf­zu­sprin­gen – feh­len­de Bewei­se hin oder her. Das war so bei der “Russiagate”-Kampagne in den USA, und es wie­der­holt sich nun bei dem absur­den Spek­ta­kel rund um den im bri­ti­schen Salis­bu­ry mut­maß­lich ver­gif­te­ten rus­sisch-bri­ti­schen Dop­pel­agen­ten Ser­gei Skri­pal.

In bei­den Fäl­len recht­fer­tigt die Fak­ten­la­ge kei­ne aus­ufern­de Bericht­erstat­tung – und schon gar nicht die kon­kre­ten Feind­se­lig­kei­ten, die jetzt von Tei­len west­li­cher Poli­tik und Pres­se auf der rei­nen Behaup­tung rus­si­scher Schuld kon­stru­iert wer­den. Es gibt aber auch Posi­ti­ves zu beob­ach­ten : Eini­ge gro­ße Medi­en wah­ren Distanz zu der Kam­pa­gne, eini­ge klei­ne­re üben sogar offen Kri­tik an der Vor­ver­ur­tei­lung Russ­lands.

Das fie­le aber dem Spie­gel natür­lich nicht ein. Der fan­ta­siert statt des­sen unter der Über­schrift “Die neun Dau­men­schrau­ben der The­re­sa May” als Anklä­ger und Rich­ter in Per­so­nal­uni­on bereits über Stra­fen für einen Vor­gang, über den noch gar nicht geur­teilt wur­de. Im ver­öf­fent­lich­ten, vom Guar­di­an inspi­rier­ten Maß­re­gel-Kata­log schlägt auch ein Herz für die Pres­se­frei­heit — neben diplo­ma­ti­schen oder wirt­schaft­li­chen Sank­tio­nen wird dort vor­ge­schla­gen :

Die bri­ti­sche Medi­en­be­hör­de könn­te TV-Sen­der wie RT (frü­her Rus­sia Today) die Sen­de­li­zenz aberken­nen.

Eine ande­re Sank­ti­on geht schon in Rich­tung Gue­ril­la-Tak­tik und kann als offe­ner Auf­ruf zur geheim­dienst­li­chen Ein­mi­schung in die rus­si­sche Prä­si­dent­schafts­wahl gedeu­tet wer­den : Es wird ange­regt, “Geheim­do­ku­men­te über mut­maß­li­che Geld­wä­sche von Prä­si­dent Wla­di­mir Putin und engen Ver­trau­ten (zu) ver­öf­fent­li­chen oder (zu) lea­ken”. Die Bild druckt die glei­che Lis­te, gibt sie aber als ihre eige­ne aus : “Bild erklärt, wel­che Mög­lich­kei­ten sie (The­re­sa May) hät­te.”

Soli­da­ri­tät mit den Bri­ten im Kam­pa­gnen­mo­dus demons­triert auch das ZDF : The­re­sa May habe bei ihrer Rede im Par­la­ment “sehr geschickt” auf­ge­zeigt, dass Russ­land in unter­schied­li­chen Situa­tio­nen “immer wie­der das­sel­be Ver­hal­tens­mus­ter” an den Tag gelegt habe, so die Kor­re­spon­den­tin Dia­na Zim­mer­mann, die in einem Absatz erstaun­lich vie­le unse­riö­se Aus­sa­gen unter­bringt :

Das ist bei Cyber­hacking pas­siert, bei Ein­mi­schung in Wah­len, bei der Anne­xi­on der Krim — und sie hat ganz aus­drück­lich auch den Hacker­an­griff auf den deut­schen Bun­des­tag erwähnt. 

Man­che gro­ße Medi­en, und das ist eine neue Ent­wick­lung, hal­ten sich aber mit ihren beson­ders for­schen Mei­nungs­bei­trä­gen, die sonst im Zusam­men­hang mit Russ­land üblich sind, noch etwas zurück. Ech­te Distanz zum infa­men Ver­hal­ten der bri­ti­schen Regie­rungs­che­fin The­re­sa May stel­len zwar auch die Zeit oder die Nach­rich­ten­agen­tur dpa nicht her, aber es fin­det immer­hin nicht die gewohn­te, ganz gro­ße anti­rus­si­sche Ver­brü­de­rung statt.

In tat­säch­li­che Oppo­si­ti­on zur Vor­ver­ur­tei­lung Russ­lands gehen eher klei­ne­re, aber doch dem Main­stream zuzu­rech­nen­de Medi­en. Zwar fin­det der Donau­ku­rier, dass Russ­land der Anschlag “ohne Fra­ge zuzu­trau­en” sei. Aber er ringt sich dann doch zu dem Satz durch : “Dass Putins Regie­rung wirk­lich etwas mit dem spek­ta­ku­lä­ren Ver­bre­chen zu tun hat, ist kei­nes­wegs sicher.” Es wirft ein Licht auf die Medi­en­qua­li­tät, wenn man schon froh ist, sol­che selbst­ver­ständ­li­chen Fest­stel­lun­gen in der Zei­tung zu lesen – aber immer­hin !

Schär­fe­re Kri­tik an der um sich grei­fen­den Ver­dachts­be­richt­erstat­tung übt die Neue Osna­brü­cker Zei­tung (NOZ):

Längst hat sich euro­pa­weit eine Stim­mung breit­ge­macht, in der hin­ter allen kri­mi­nel­len Vor­fäl­len, die eine Ver­bin­dung zu Russ­land haben, sogleich von Wla­di­mir Putin höchst­selbst orches­trier­te fins­te­re Machen­schaf­ten gese­hen wer­den. Bewei­se ? Wer braucht die schon, wenn man ein soli­des Bauch­ge­fühl hat ?

Die NOZ pocht denn auch dar­auf, vor irgend­wel­chen Urtei­len den Ermitt­lern Zeit zu las­sen. Und die Zei­tung bezeich­net den poli­tisch-media­len Umgang mit Skri­pals Ver­gif­tung als das, was er mut­maß­lich ist : ein will­kom­me­ner Vor­wand, um einem poli­ti­schen Kon­kur­ren­ten das Leben schwer­zu­ma­chen. Die­se Tak­tik sei nicht nur ziem­lich durch­schau­bar, son­dern sie zeu­ge auch von Dop­pel­mo­ral, so die NOZ :

Denn in Russ­land wird in neun Tagen gewählt — wie war das doch gleich mit der Ein­mi­schung in Wahl­kämp­fe frem­der Län­der ?

Mehr zum The­ma - Zwei­fel nicht erlaubt : Bri­ti­sche Abge­ord­ne­te for­dern Lizenz­ent­zug für RT wegen Skri­pal-Fall

RT Deutsch


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