Eskalation im Asylstreit : CSU setzt der Kanzlerin Frist und somit die Koalition auf Spiel


Der Macht­kampf in der Uni­on ist eska­liert und bedroht nach weni­ger als 100 Tagen die Exis­tenz der Koali­ti­on von Ange­la Mer­kel. Im Streit über die Zurück­wei­sung von Flücht­lin­gen droh­te Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU) der Bun­des­kanz­le­rin am Don­ners­tag mit einem Allein­gang. Die CSU wies Mer­kels Vor­schlag zurück, in den kom­men­den bei­den Wochen auf euro­päi­scher Ebe­ne eine Lösung für das Pro­blem zu fin­den. Statt­des­sen setz­te die Schwes­ter­par­tei der CDU-Che­fin ein Ulti­ma­tum bis Mon­tag und kün­dig­te indi­rekt an, See­ho­fer kön­ne andern­falls eigen­mäch­tig eine Zurück­wei­sung von Migran­ten an der Gren­ze anord­nen.

See­ho­fer kri­ti­siert Mer­kels Asyl­po­li­tik schon seit dem Höhe­punkt der Flücht­lings­kri­se 2015/2016. Nun for­dert er sie offen her­aus. Die Aus­ein­an­der­set­zung spitz­te sich am Don­ners­tag dra­ma­tisch zu. Der Bun­des­tag unter­brach sei­ne Bera­tun­gen im Ple­num für meh­re­re Stun­den. Die Abge­ord­ne­ten von CDU und CSU kamen in der Zeit zu getrenn­ten Bera­tungs­sit­zun­gen zusam­men — was höchst unge­wöhn­lich ist.

Kanzlerin Merkel möchte zwei Wochen Zeit, CSU setzt Frist bis Montag

In der CSU-Lan­des­grup­pe ver­kün­de­te See­ho­fer sei­ne Bereit­schaft, den Kon­flikt auf die Spit­ze zu trei­ben. Nach Infor­ma­tio­nen der Deut­schen Pres­se-Agen­tur erklär­te er dort : Soll­te es kei­ne Eini­gung in der Fra­ge geben, wol­le er not­falls per Minis­ter­ent­scheid han­deln und dazu am Mon­tag den Auf­trag des CSU-Vor­stan­des ein­ho­len.

Mer­kel wie­der­um warb vor den CDU-Abge­ord­ne­ten um Unter­stüt­zung für ihren Kurs in der Asyl­po­li­tik und bat nach dpa-Infor­ma­tio­nen um Ver­trau­en bis zum EU-Gip­fel am 28. und 29. Juni in Brüs­sel. Sie wol­le die zwei Wochen bis dahin nut­zen, um mit den am stärks­ten vom Migra­ti­ons­druck betrof­fe­nen Län­dern bila­te­ra­le Abkom­men zu schlie­ßen, sag­te sie dem­nach. Einen natio­na­len Allein­gang lehn­te sie ab.

CDU-Prä­si­di­um stell­te sich hin­ter die Kanz­le­rin. Aller­dings : Mer­kel-Kri­ti­ker Jens Spahn warb in der Sit­zung offen für die CSU-Posi­ti­on — für Zurück­wei­sun­gen von Flücht­lin­gen an der deut­schen Gren­ze. “Er zün­delt”, berich­tet ein CDU-Abge­ord­ne­ter von drin­nen. Die Fra­ge ist nun : Wie lan­ge bekommt Mer­kel noch Schon­frist ? Zwei Wochen, wie die CDU-Frak­ti­on offen­bar mehr­heit­lich will oder kei­ne mehr ?

Glaubwürdigkeit beider Seiten ist auf dem Spiel

Die Schwes­ter­par­tei will Mer­kel kei­ne zwei Wochen Zeit geben und nicht auf eine euro­päi­sche Lösung war­ten. Man habe “nicht den Glau­ben dar­an”, dass eine Lösung auf EU-Ebe­ne in weni­gen Tagen zu errei­chen sei, sag­te CSU-Lan­des­grup­pen­chef Alex­an­der Dob­rindt nach den getrenn­ten Bera­tun­gen. Tei­le von See­ho­fers Mas­ter­plan stün­den “in der direk­ten Ver­ant­wor­tung des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters” und soll­ten daher umge­setzt wer­den, ohne auf eine Eini­gung in der EU zu war­ten. Dies sei drin­gend nötig, “um wie­der Ord­nung an den Gren­zen zu schaf­fen”.

Für die Kanz­le­rin geht es beim Asyl­streit um einen zen­tra­len Kern ihrer Poli­tik, den sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren so vehe­ment ver­tei­digt hat. Doch auch für die CSU, für See­ho­fer, Söder & Co., geht es um die eige­ne Glaub­wür­dig­keit. Man kön­ne jetzt kei­nes­falls mehr nach­ge­ben, heißt es qua­si uni­so­no sowohl aus der Lan­des­grup­pe im Bun­des­tag als auch aus der CSU-Land­tags­frak­ti­on in Bay­ern.

Seehofers Alleingang würde praktisch das Ende der Koalition bedeuten

Recht­lich betrach­tet könn­te See­ho­fer als Bun­des­in­nen­mi­nis­ter durch­aus die Bun­des­po­li­zei eigen­mäch­tig anwei­sen, bestimm­te Flücht­lin­ge an der Gren­ze abzu­wei­sen. Er bräuch­te dafür nicht die Zustim­mung der Kanz­le­rin oder des Kabi­netts. Für Mer­kel und ihre Koali­ti­on wür­de dies aber fak­tisch das Ende der Regie­rung bedeu­ten. Die Kanz­le­rin könn­te, wenn sie den Allein­gang ver­hin­dern woll­te, See­ho­fer das Ver­trau­en ent­zie­hen und ihn als Minis­ter ent­las­sen. Bei einem Bruch zwi­schen den Uni­ons-Par­tei­en hät­te die schwarz-rote Koali­ti­on aber kei­nen Bestand mehr.

Die übri­gen Par­tei­en beäu­gen die Eska­la­ti­on mit Sor­ge und machen See­ho­fer zum Teil schwe­re Vor­wür­fe. SPD-Che­fin Andrea Nah­les wies den CSU-Vor­schlag strikt zurück und for­der­te ein Ende des Uni­ons-Streits. “Thea­ter­stü­cke im Diens­te von Land­tags­wah­len sind hier nicht ange­mes­sen”, sag­te sie mit Blick auf die CSU, die im Okto­ber ihre Mehr­heit bei der Land­tags­wahl in Bay­ern ver­tei­di­gen will und in der Flücht­lings- und Asyl­fra­ge auf eine har­te Linie pocht.

Grüne verurteilen Seehofers Vorgehen, AfD sieht darin wahltaktisches Manöver

Die Grü­nen ver­ur­teil­ten See­ho­fers Vor­ge­hen als unver­ant­wort­lich. Die­ser miss­brau­che sei­nen Minis­ter­pos­ten als “CSU-Wahl­kampf-Minis­ter”, rüg­te Grü­nen-Frak­ti­ons­chef Anton Hof­rei­ter. Sei­ne Co-Vor­sit­zen­de Kat­rin Göring-Eckardt sag­te : “Wir sind tief besorgt ange­sichts der Regie­rungs­kri­se, die wir der­zeit erle­ben.”

Links­frak­ti­ons­che­fin Sah­ra Wagen­knecht rief Mer­kel auf, die Koali­ti­on ange­sichts des Streits zu been­den. “Die Uni­on ist offen­sicht­lich nicht mehr regie­rungs­fä­hig und zer­legt sich auf offe­ner Büh­ne”, sag­te sie. “Mer­kel soll­te jetzt Kon­se­quen­zen zie­hen und der Bevöl­ke­rung eine Fort­set­zung die­ses Trau­er­spiels erspa­ren.” Lin­ke-Chef Bernd Riexin­ger for­der­te See­ho­fer auf, als Minis­ter zurück­zu­tre­ten. Die AfD bezeich­ne­te den Uni­ons-Streit als rein wahl­tak­ti­sches Manö­ver.

Bei­stand bekam See­ho­fer von FDP-Chef Chris­ti­an Lind­ner. Er sag­te, eine Rück­kehr zum alten Recht erhö­he den Eini­gungs­druck in der EU.

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(dpa/rt deutsch)

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