Künstlerkonferenz von Melodie & Rhythmus : Über Zeiten, in denen man nicht nur Schauspieler sein darf


von Timo Kirez

Wirk­lich, ich lebe in fins­te­ren Zei­ten ! Das arg­lo­se Wort ist töricht. Eine glat­te Stirn deu­tet auf Unemp­find­lich­keit hin. Der Lachen­de hat die furcht­ba­re Nach­richt nur noch nicht emp­fan­gen”, mit die­sen Wor­ten beginnt Ber­tolt Brechts Gedicht “An die Nach­ge­bo­re­nen”, das zwi­schen 1934 und 1938 im Exil ent­stan­den ist. Um eine scho­nungs­lo­se Zeit­dia­gno­se ging es auch auf der Künst­ler­kon­fe­renz der Zeit­schrift “Melo­die & Rhyth­mus” am ver­gan­ge­nen Sams­tag.

In vier ver­schie­de­nen Dis­kus­si­ons­run­den soll­te ermit­telt wer­den, was Kunst und Kul­tur in Zei­ten eines von den Ver­an­stal­tern dia­gnos­ti­zier­ten Rechts­rucks in der Gesell­schaft tun kann – und tun muss. Stich­wort “Gegen­kul­tur”. Rich­ti­ger­wei­se stell­te die Chef­re­dak­teu­rin von “Melo­die & Rhyth­mus”, Susann Witt-Stahl, schon zu Beginn der Ver­an­stal­tung fest, dass rech­te Strö­mun­gen den Begriff “Gegen­kul­tur” mitt­ler­wei­le erfolg­reich geka­pert haben. Das mag aller­dings auch dem schwam­mi­gen Begriff selbst geschul­det sein.

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Mit ande­ren Wor­ten, auch ein Neo­na­zi-Kon­zert oder eine Akti­on der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung ist per se erst ein­mal “Gegen­kul­tur” – des­we­gen das Bemü­hen der Ver­an­stal­ter, die Hege­mo­nie über den Begriff wie­der zurück­zu­ge­win­nen und “Gegen­kul­tur” erneut in der Tra­di­ti­on kri­ti­scher lin­ker Kunst und Kul­tur zu ver­or­ten. Dabei ganz in der Tra­di­ti­on des im Jahr 1914 am Vor­abend des Ers­ten Welt­kriegs ermor­de­ten fran­zö­si­schen Sozia­lis­ten Jean Jaurès, der im Jahr 1910 an die Adres­se der kon­ser­va­ti­ven Abge­ord­ne­ten gerich­tet fest­stell­te : “[…] wir sind die wah­ren Erben der Her­de unse­rer Vor­fah­ren : Wir haben dar­aus ihre Flam­me geholt, ihr habt nur die Asche bewahrt.”

Wäh­rend des gesam­ten Tages gab es ins­ge­samt vier Dis­kus­si­ons­run­den. Zu Beginn jeder Dis­kus­si­on rezi­tier­te der Schau­spie­ler Rolf Becker jeweils einen Text, der sich the­ma­tisch in die Run­de ein­füg­te. So zum Bei­spiel mal von Ber­tolt Brecht – oder auch von Wal­ter Ben­ja­min und Peter Hacks. In der ers­ten Dis­kus­si­ons­run­de ver­sam­mel­ten sich die Schrift­stel­le­rin Gise­la Stein­eckert, der Lie­der­ma­cher Kon­stan­tin Wecker und der Thea­ter­re­gis­seur Vol­ker Lösch. Mode­riert wur­de das Gespräch vom lang­jäh­ri­gen jun­ge Welt- und heu­ti­gem Rot­fuchs-Chef­re­dak­teur Arnold Schöl­zel. Unter dem Titel “Anschwel­len­der Bocks­ge­sang”, der sich auf einen pola­ri­sie­ren­den Essay von Botho Strauß im Spie­gel aus dem Jahr 1993 bezieht, ver­such­te sich die Run­de an einer Bestands­auf­nah­me der aktu­el­len Polit­kul­tur.

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Von links nach rechts : Gise­la Stein­eckert, Kon­stan­tin Wecker, Arnold Schöl­zel, Vol­ker Lösch und Rolf Becker.

Kon­stan­tin Wecker erzähl­te, dass er seit eini­gen Jah­ren fest­stel­le, wie sehr die ver­meint­li­chen The­men “von ges­tern”, wie zum Bei­spiel der Faschis­mus oder die zer­stö­re­ri­sche Kraft des Kapi­ta­lis­mus, das Publi­kum aufs Neue bewe­gen. Musik gebe Mut für den poli­ti­schen Kampf. Die Schrift­stel­le­rin Gise­la Stein­eckert wies auf die Bedeu­tung von lin­ker Kunst als Ori­en­tie­rung für jun­ge Men­schen hin. Sie beton­te jedoch, dass auch lin­ke Kunst vor allem klug und gut gemacht sein müs­se. Kunst sei eben mehr, als nur sei­ne Mei­nung kund­zu­tun.

Der Thea­ter­re­gis­seur Vol­ker Lösch erzähl­te davon, wie es ist, in Dres­den mit Pegi­da-Mit­glie­dern zu dis­ku­tie­ren. Und wie sinn­los dies in sei­nen Augen mitt­ler­wei­le sei. Wer ideo­lo­gisch bereits so ver­bohrt sei, las­se sich kaum noch umstim­men, so Lösch sinn­ge­mäß. Im Gegen­teil, man dür­fe die­sen Leu­ten nicht auch noch ein Podi­um geben. Der Regis­seur hat­te zu Beginn des Jah­res 2019 mit sei­nem Stück “Das Blaue Wun­der” für Schlag­zei­len gesorgt. In der Insze­nie­rung wird die AfD mit­hil­fe eines “Sketch- und Typen­ka­ba­retts” durch den Kakao gezo­gen. Inklu­si­ve Zita­ten aus dem Par­tei­pro­gramm, Auf­sät­zen und Reden.

In der zwei­ten Dis­kus­si­ons­run­de tra­fen die Redak­teu­rin der lin­ken tür­ki­schen Zei­tung Yeni E, Ekin­su Devrim Danış, die vene­zo­la­ni­sche Jour­na­lis­tin Julie­ta Daza und Ekke­hard Sie­ker, Redak­teur der Sati­re­sen­dung “Die Anstalt” (ZDF) und des Polit­ma­ga­zins “Moni­tor” (WDR), auf­ein­an­der. Mode­riert wur­de das Gespräch von Diet­mar Koschmie­der, dem Geschäfts­füh­rer des Ver­lags 8. Mai. Die Über­schrift zu der Gesprächs­run­de lau­te­te “Unter den Medi­en schwei­gen die Musen”, ein Zitat des im Jahr 2003 ver­stor­be­nen Dra­ma­ti­kers und Lyri­kers Peter Hacks.

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Von links nach rechts : Ekin­su Devrim Danış, Diet­mar Koschmie­der, Ekke­hard Sie­ker und Julie­ta Daza.

Ekin­su Devrim Danış zog eine Ver­bin­dung zwi­schen öffent­li­cher Des­in­for­ma­ti­on und der Klas­sen­ge­sell­schaft. Zwar berich­te­ten auch die Main­stream-Medi­en oft­mals die Wahr­heit, doch sie zögen zum Teil ande­re Schlüs­se aus “die­ser Wahr­heit”. So kön­ne man den Selbst­mord eines Arbei­ters auf “psy­chi­sche Pro­ble­me” redu­zie­ren, dann wür­den aller­dings die Lebens­um­stän­de, das Sozia­le, auch geschickt aus­ge­klam­mert. Julie­ta Daza wies ins­be­son­de­re auf die Bedeu­tung von loka­len Medi­en im Gemein­schafts­be­sitz hin. Die klei­nen Gemein­de­ra­di­os hät­ten in Vene­zue­la eine Gegen­macht zu den in Pri­vat­be­sitz befind­li­chen Medi­en­kon­zer­nen geschaf­fen. Zwar sei­en auch Digi­tal­me­di­en und sozia­le Medi­en wie Twit­ter bedeu­tend, doch immer wie­der vor­kom­men­de Account­sper­run­gen, zum Bei­spiel des Sen­ders Tele­sur, zeig­ten auch deut­lich, dass von Neu­tra­li­tät kei­ne Rede sein kön­ne.

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Ekke­hard Sie­ker zeig­te sich über­zeugt, dass man in Deutsch­land auch bei einem öffent­lich-recht­li­chen Sen­der kri­tisch arbei­ten kön­ne. Auch wenn man in ein Nischen­da­sein gezwun­gen wer­de. Doch kri­ti­sche Arbeit sei auf eine tadel­lo­se und gründ­li­che Fak­ten­re­cher­che ange­wie­sen. Der “post­mo­der­nen” Behaup­tung, dass es kei­ne Wahr­heit mehr gebe, müs­se man mit bein­har­ten Fak­ten ent­ge­gen­wir­ken. Emo­tio­nen allein genüg­ten nicht, man müs­se das Publi­kum “zur Rea­li­tät ver­füh­ren”. Mit die­ser Dis­kus­si­on war der ers­te Teil der Ver­an­stal­tung been­det.

Den zwei­ten Abschnitt eröff­ne­te der israe­li­sche Kunst­theo­re­ti­ker, His­to­ri­ker und Sozio­lo­ge Mos­he Zucker­mann. In einem Vor­trag, der glück­li­cher­wei­se län­ger andau­er­te, als geplant, ver­such­te er, das Ver­hält­nis zwi­schen Kunst und Poli­tik näher zu beleuch­ten. Es gebe dies­be­züg­lich unter­schied­li­che For­men der Koexis­tenz. Zum einen kön­ne die Kunst sich dem Dik­tat der Poli­tik unter­wer­fen und sich ihre Zie­le zu eigen machen. In die­sem Zusam­men­hang wies Zucker­mann auf die Zeit des Faschis­mus hin, aber auch auf den soge­nann­ten “Sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus”, ohne jedoch, wie Zucker­mann beton­te, den Sozia­lis­mus mit dem Faschis­mus in einen Topf wer­fen zu wol­len.

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Mos­he Zucker­mann wäh­rend sei­nes Vor­trags.

Dann gebe es wie­der­um Kunst, die sich zwar kei­nen poli­ti­schen Zie­len unter­wer­fe, aber Poli­tik als Mate­ri­al nut­ze. Gro­ße Kunst, so Zucker­mann, sei aller­dings Kunst, die “nicht pre­di­ge”, son­dern das Poli­ti­sche durch sei­ne “Form­schaf­fung” schaf­fe. Das klingt zunächst abs­trakt, doch Zucker­mann ver­such­te anhand eines Bei­spiels, das Abs­trak­te die­ses Gedan­kens kon­kret zu machen. Laut Zucker­mann gebe es ein “gött­li­ches Zitat” von Brecht aus der “Drei­gro­schen­oper”, wel­ches lau­tet : “Was ist ein Ein­bruch in eine Bank gegen die Grün­dung einer Bank?”, das sei geni­al, er wür­de jeden Poli­ti­ker wäh­len, der die­sen Gedan­ken aus­spre­che, so der israe­li­sche Sozio­lo­ge. Doch die­ser Satz sei eben “kei­ne gro­ße Kunst”.

Als Gegen­bei­spiel für “gro­ße Kunst” führ­te Zucker­mann den berühm­ten “stum­men Schrei” aus dem Brecht-Stück “Mut­ter Cou­ra­ge” an. Mut­ter Cou­ra­ge ver­liert in dem Stück aus den Jah­ren 193839 ihre drei Kin­der. Durch eige­nes Ver­schul­den, da sie ver­sucht, wäh­rend des Drei­ßig­jäh­ri­gen Kriegs Geschäf­te zu machen. Beim Anblick ihres erschos­se­nen Soh­nes Schwei­zer­kas wird Mut­ter Cou­ra­ge das ange­rich­te­te Grau­en bewusst, und es ist nur noch ein “stum­mer Schrei” ihrer­seits mög­lich. In die­sem stum­men Schrei ste­cke der gan­ze Hor­ror des Krie­ges, der Kata­stro­phe, so Zucker­mann. Hier wer­de nicht gepre­digt, kein Pam­phlet ver­teilt, son­dern durch eine künst­le­ri­sche Ent­schei­dung hin­durch die Schre­cken des Krie­ges erfahr­bar gemacht. Und genau des­we­gen sei das gro­ße Kunst.

Damit schlug er mehr oder weni­ger in die glei­che Ker­be wie der fran­zö­sisch-schwei­ze­ri­sche Film­ma­cher Jean-Luc Godard, der kon­ti­nu­ier­lich davon spricht, nicht poli­ti­sche Kunst, son­dern ins­be­son­de­re poli­tisch Kunst zu machen. Eine wich­ti­ge Nuan­ce. Zucker­mann schloss sei­nen Vor­trag mit dem Gedan­ken, dass es durch­aus Zei­ten gebe, in denen man nicht “nur Schau­spie­ler sein dür­fe”. Zur Unter­ma­lung ver­wies er auf die Schluss­sze­ne von Ist­ván Szábos Film “Mephis­to” über einen pro­mi­nen­ten Künst­ler im Drit­ten Reich, in der der von Klaus Maria Bran­dau­er gespiel­te Prot­ago­nist mit­teilt : “Was wol­len die alle von mir ? Ich woll­te doch nur Schau­spie­ler sein.” 

In der anschlie­ßen­den drit­ten Dis­kus­si­ons­run­de unter dem Titel “Wider­stand und Poe­sie” tra­fen Ste­fan Huth, Chef­re­dak­teur der Tages­zei­tung jun­ge Welt, Kon­stan­tin Wecker, der deutsch-eng­li­sche Kom­po­nist Wie­land Hoban und der Schrift­stel­ler Mesut Bay­raktar auf­ein­an­der. Wecker erläu­ter­te, dass vie­le sei­ner poli­ti­schen Gedich­te und Lie­der ihm ein­fach nur “pas­siert” sei­en. So zum Bei­spiel auch eines sei­ner bekann­tes­ten Lie­der “Wil­ly”. Die­ses sei aus einem pri­va­ten Impuls her­aus ent­stan­den. Er bezeich­ne­te sich als einen “Anar­cho” und spi­ri­tu­el­len Men­schen, der in der Poe­sie einen Zugang zum Nicht-Ratio­na­len suche.

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Von links nach rechts : Ste­fan Huth, Kon­stan­tin Wecker, Mesut Bay­raktar und Wie­land Hoban.

Der Kom­po­nist Wie­land Hoban roll­te in dem Gespräch noch ein­mal die Kon­tro­ver­se um sei­ne nicht erfolg­te Ein­la­dung zu den Donau­eschin­ger Musik­ta­gen auf. Im Jahr 2018 woll­te der Kom­po­nist mit einem Stück teil­neh­men, das auch den israe­li­schen Angriff auf Gaza in den Jah­ren 2008/2009 the­ma­ti­siert. So hört man im drit­ten Teil des als Tri­lo­gie ange­leg­ten Wer­kes auch Ori­gi­nal­zi­ta­te von israe­li­schen Sol­da­ten. Der Fes­ti­val­lei­ter Björn Gott­stein lehn­te in einem Ant­wort­schrei­ben die Teil­nah­me von Hoban ab. In sei­nem Schrei­ben soll, wie Hoban mit­teil­te, zunächst davon die Rede gewe­sen sein, dass Hoban bereits an dem Fes­ti­val teil­ge­nom­men habe und man die­ses Jahr auch ande­re Künst­ler der Öffent­lich­keit prä­sen­tie­re wol­le. Doch ganz zum Schluss schrieb Gott­stein, dass er kei­ne Kri­tik an Isra­el akzep­tie­re und dafür sor­gen wer­de, dass ent­spre­chen­de Stü­cke nie­mals ihren Weg in das Pro­gramm der Musik­ta­ge fin­den wer­den.

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Scho­ckiert über einen der­ar­tig mas­si­ven Ein­griff in die Kunst­frei­heit ver­fass­te Hoban anschlie­ßend einen offe­nen Brief, der von mehr als 200 Kul­tur­schaf­fen­den unter­zeich­net wur­de. Der jun­ge Schrift­stel­ler Bay­raktar, der in eine tür­ki­sche Emi­gran­ten­fa­mi­lie in Wup­per­tal hin­ein­ge­bo­ren wur­de, erklär­te in dem Gespräch, dass er schlicht­weg “nur Glück gehabt hat, was sei­ne noch jun­ge künst­le­ri­sche Kar­rie­re betrifft”. Dass er als Ers­ter in sei­ner Ver­wandt­schaft Abitur und Stu­di­um absol­viert habe und als Autor arbei­te, sei “kei­ne Fra­ge des Talents, son­dern des Glücks”. Dank der rich­ti­gen Ein­flüs­se von außen habe er das “Gefäng­nis der Klas­sen­ge­walt” ver­las­sen kön­nen. Das Bedürf­nis nach Ver­än­de­rung exis­tie­re auch in “unte­ren Schich­ten” – es müs­se jedoch geför­dert und ein Weg gefun­den wer­den, um sich aus­zu­drü­cken.

Im Anschluss an die­se Dis­kus­si­on sang Kon­stan­tin zwei Lie­der aus sei­nem letz­ten Album, bevor alle Teil­neh­mer der Kon­fe­renz, ein­schließ­lich des jun­gen afgha­ni­schen Sän­gers She­kib Mos­a­deq und Esther Beja­ra­no, gemein­sam das alte Par­ti­sa­nen­lied “Bel­la Ciao” san­gen. Das text­si­che­re Publi­kum sang nicht nur mit, son­dern quit­tier­te die Vor­füh­rung mit minu­ten­lan­gem Applaus und Stan­ding Ova­tions.

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Mit 94 immer noch auf der Büh­ne : Esther Beja­ra­no zusam­men mit Kon­stan­tin Wecker.
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Gro­ße Stim­mung, nach dem alle zusam­men “Bel­la Ciao” gesun­gen haben.

Die vier­te und letz­te Dis­kus­si­ons­run­de der Künst­ler­kon­fe­renz stand unter dem Titel “Im Ver­gan­ge­nen den Fun­ken der Hoff­nung anfa­chen”. An die­ser Dis­kus­si­on nah­men die Sän­ge­rin und Ausch­witz-Über­le­ben­de Esther Beja­ra­no, der öster­rei­chi­sche Autor Erich Hackl und Mos­he Zucker­mann teil. Mode­riert wur­de die Run­de von Susann Witt-Stahl, die gleich zu Beginn der Dis­kus­si­on fest­stell­te, dass ihr ange­sichts der Sie­ge der neu­en alten Rech­ten “das Blut in den Adern gefriert”. Eine Anspie­lung an ein Zitat des Phi­lo­so­phen Wal­ter Ben­ja­min, der im Jahr 1940 ange­sichts des Drit­ten Reichs einst schrieb : “Auch die Toten wer­den vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und die­ser Feind hat zu sie­gen nicht auf­ge­hört.”

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Von links nach rechts : Mos­he Zucker­mann, Esther Beja­ra­no, Susann Witt-Stahl und Erich Hackl.

Susann Witt-Stahl frag­te die Ausch­witz-Über­le­ben­de Esther Beja­ra­no, ob sie sich heu­te wie­der an die Zeit des Faschis­mus erin­nert füh­le. Die 94-jäh­ri­ge Künst­le­rin erklär­te dar­auf­hin, dass sie tat­säch­lich Par­al­le­len sehe. So sei­en auch damals vie­le Flücht­lin­ge über­all auf der Welt abge­wie­sen wor­den. Beja­ra­no erin­ner­te an Schif­fe mit Juden, die bei­spiels­wei­se Häfen in den USA anlie­fen, doch nicht auf­ge­nom­men wur­den. Die Juden muss­ten nach Deutsch­land zurück­keh­ren. Für vie­le das Todes­ur­teil. “Und wenn ich dann die­se Nazis sehe, die in die­sem Land hier mar­schie­ren dür­fen, mit Hit­ler­gruß, und ihre men­schen­ver­ach­ten­de Ideo­lo­gie groß raus­po­sau­nen, dann kann ich ein­fach nicht begrei­fen, dass unse­re Regie­rung dem nicht ein Ende macht”, so Beja­ra­no.

Der öster­rei­chi­sche Autor Erich Hackl erzähl­te von sei­ner Ohn­macht. Es sei zwar wich­tig, die bewah­rens­wer­ten Erin­ne­run­gen an anti­fa­schis­ti­sche Kämp­fe kon­kret auf­zu­be­wah­ren. Doch ange­sichts der gerin­gen Wir­kung, ins­be­son­de­re auch in sei­nem Hei­mat­land, über­kom­me ihn doch manch­mal eine Art Ohn­macht. “Ein sehr pein­li­ches Gefühl”, wie Hackl selbst zugab. Doch damit aus Ohn­macht nicht Resi­gna­ti­on wer­de, brau­che es eine Gemein­schaft, und genau die ver­su­che er mit sei­ner Arbeit her­zu­stel­len, nicht nur mit den Leben­den, son­dern auch mit den Toten.

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Zucker­mann wies in dem Gespräch dar­auf hin, dass nach sei­nem Ver­ständ­nis der Holo­caust von Isra­el ver­ein­nahmt wor­den sei. Der Grün­dungs­my­thos Isra­els sei zwar die “Wie­der­auf­er­ste­hung des jüdi­schen Vol­kes”, doch gleich­zei­tig habe es eine “kras­se Ideo­lo­gie, die mit dem Geden­ken an die Opfer wenig zu tun” gehabt habe, gege­ben. Im Gegen­teil : In den 1950er-Jah­ren sei­en Sho­ah-Über­le­ben­de im öffent­li­chen Leben nicht prä­sent gewe­sen, hät­ten kei­ne Ehrun­gen erfah­ren. Erst mit dem Eich­mann-Pro­zess in Jeru­sa­lem sei­en die­se Men­schen wie­der in die Erin­ne­rung zurück­ge­kehrt. Am Ende der letz­ten Dis­kus­si­ons­run­de ver­las Esther Beja­ra­no einen Appell an alle heu­ti­gen Künst­le­rin­nen und Künst­ler, der vom Publi­kum stür­misch gefei­ert wur­de :

Weil ich den Holo­caust über­lebt habe und weiß, was uns bevor­steht, wenn wir nicht alle gemein­sam gegen die­se men­schen­ver­ach­ten­de Ideo­lo­gie kämp­fen […]: Nie wie­der Faschis­mus ! Nie wie­der Krieg ! Nie wie­der Schwei­gen!”

Abge­run­det wur­de die Künst­ler­kon­fe­renz von einer Gala, auf der die von der Kri­tik hoch­ge­lob­te Band “Black Hei­no”, She­kib Mos­a­deq sowie der Kom­po­nist und Pia­nist Chris Jar­rett auf­tra­ten. Zwi­schen­zeit­lich las Erich Hackl aus sei­nem Buch “Am Seil”. Zum Fina­le gab es das Requi­em für Che Gue­va­ra “Das Floß der Medu­sa” von Hans Wer­ner Hen­ze und Ernst Schna­bel in einer von Han­nes Zer­be und sei­nem Ensem­ble spe­zi­ell für die Ver­an­stal­tung bear­bei­te­ten Ver­si­on.

Künstlerkonferenz von Melodie & Rhythmus: Über Zeiten, in denen man nicht nur Schauspieler sein darf
Die Band “Black Hei­no” auf der Büh­ne wäh­rend der Gala.

RT Deutsch


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