Sea-Watch 3, “Folterstaat” Venezuela, von der Leyen : Ein Wochenrückblick auf den medialen Abgrund


von Tho­mas Schwarz

Um das von Wirt­schafts­krieg und Umsturz­ver­su­chen geplag­te Vene­zue­la war es in den ver­gan­ge­nen Wochen rela­tiv ruhig gewor­den. So ruhig, dass man bereits fast an der Ent­schlos­sen­heit und auch an der Fähig­keit der USA zwei­feln konn­te, end­lich wie­der ein­mal im “eige­nen Hin­ter­hof” über Wohl und Wehe von gewähl­ten Regie­run­gen zu bestim­men. In die­ser Woche zeig­te sich : Die­se Ruhe war mut­maß­lich trü­ge­risch – jeden­falls, wenn man die neu­er­li­chen media­len Angrif­fe gegen die Regie­rung Vene­zue­las als Maß­stab nimmt. Denn die haben in den letz­ten Tagen wie­der das gewohn­te Maß erreicht.

UN-Bericht zum “Fol­ter­staat Vene­zue­la”

Bestim­mend waren dabei zwei Vor­gän­ge. Auf der einen Sei­te stand die Rück­kehr des deut­schen Bot­schaf­ters nach Vene­zue­la und eine damit ver­bun­de­ne (vor­schnel­le?) Hoff­nung auf eine (rela­ti­ve) Nor­ma­li­sie­rung der Bezie­hun­gen zwi­schen den Län­dern. Mög­li­cher­wei­se damit im Zusam­men­hang stand aber auf der ande­ren Sei­te eine poli­ti­sche und media­le Offen­si­ve gegen die vene­zo­la­ni­sche Regie­rung und ihre Sicher­heits­kräf­te. Die­se Offen­si­ve stütz­te sich vor allem auf einen Bericht der UN-Men­schen­rechts­kom­mis­sa­rin Michel­le Bache­let. Dar­in macht sie der Regie­rung Vene­zue­las schwers­te Vor­wür­fe, die etwa das ZDF – wie fast alle gro­ßen Medi­en – über­nom­men hat. Der Sen­der ver­kün­de­te unter der unmiss­ver­ständ­li­chen Über­schrift, “UN-Bericht : Vene­zue­la ist ein Fol­ter­staat”:

Außer­ge­richt­li­che Hin­rich­tun­gen, Fol­ter, sys­te­ma­ti­sche Unter­drü­ckung der Oppo­si­ti­on und der Ein­satz der Sozi­al­pro­gram­me als Mit­tel der Kon­trol­le : Der Bericht der UN-Men­schen­rechts­kom­mis­sa­rin zur Lage in Vene­zue­la ist ein poli­ti­sches Deba­kel für die sozia­lis­ti­sche Regie­rung von Prä­si­dent Nico­las Madu­ro in Cara­cas.

Zustän­de wie in Syri­en”

Zur (angeb­li­chen) Bestä­ti­gung des Inhalts ver­weist das ZDF auf “renom­mier­te Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen”, die Ähn­li­ches “seit Jah­ren aus und über Vene­zue­la berich­ten” wür­den. Die­ser unkri­ti­schen Hal­tung gegen­über schwers­ten Anschul­di­gun­gen schlos­sen sich fast alle Medi­en an, unter vie­len ande­ren die taz und die Frank­fur­ter Rund­schau. Noch wei­ter als deut­sche Medi­en wag­ten sich aus­län­di­sche Zei­tun­gen vor. So lei­tet die öster­rei­chi­sche Pres­se aus dem Bericht eine “Schre­ckens­herr­schaft des Nicolás Mau­ro” ab. Und für die mexi­ka­ni­sche Zei­tung LA CRONICA DE HOY ist der­weil klar :

In Vene­zue­la wird gefol­tert, und die Ver­ant­wor­tung dafür trägt Nicolás Madu­ro. Die Zah­len aus dem Bericht erin­ner­ten an ein Bür­ger­kriegs­land wie etwa Syri­en. Wie Assad scheut Madu­ro auch nicht davor zurück, auf die eige­ne Bevöl­ke­rung zu schie­ßen.

Die vene­zo­la­ni­sche Zei­tung ANALITICA tritt erstaun­li­cher­wei­se neben­bei den Beweis an, dass die behaup­te­te “Unter­drü­ckung oppo­si­tio­nel­ler Medi­en” anschei­nend noch immer gar kei­ne umfas­sen­de Wir­kung zeigt :

Der Bruch zwi­schen Madu­ro und der über­gro­ßen Mehr­heit der Bevöl­ke­rung ist inzwi­schen voll­stän­dig. Vene­zue­la und Madu­ro pas­sen nicht mehr zuein­an­der. Die Pro­ble­me der Nati­on wer­den nicht von die­sem Régime gelöst wer­den, son­dern sich nur wei­ter ver­schär­fen.

Was sagt denn die vene­zo­la­ni­sche Regie­rung dazu ?

Und was sagt die vene­zo­la­ni­sche Regie­rung zu den Vor­wür­fen ? Schwer zu sagen, denn deren kri­ti­sche Stel­lung­nah­me wird, wenn über­haupt, nur selek­tiv und stark ver­kürzt zitiert. Im Gegen­satz zu vie­len ande­ren Medi­en wird die­se Erklä­rung im ZDF wenigs­tens erwähnt, ohne aber die wich­ti­gen Details zu nen­nen :

Die vene­zo­la­ni­sche Regie­rung hat Ände­run­gen an einem UN-Bericht über Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in ihrem Land ver­langt. Der Bericht von UN-Men­schen­rechts­kom­mis­sa­rin Michel­le Bache­let über Fol­ter, sexu­el­len Miss­brauch und unge­setz­li­che Tötun­gen sei ein­sei­tig und beschrei­be nicht ‘die Wirk­lich­keit in unse­rem Land’, sag­te Vize-Außen­mi­nis­ter Wil­liam Cas­til­lo. Er monier­te schwe­re metho­di­sche Feh­ler und einen Man­gel an Genau­ig­keit.

Wie kam der UN-Bericht eigent­lich zustan­de ?

Wie kam die UN-Kom­mis­sa­rin für Men­schen­rech­te, Michel­le Bache­let, über­haupt zu ihrem ver­nich­ten­den Urteil ? Dazu schreibt die Frank­fur­ter Rund­schau :

Der Bericht Bache­lets grün­det sich im Wesent­li­chen auf ihrem drei­tä­gi­gen Besuch in Vene­zue­la vom 19. bis 21. Juni und Inter­views mit 558 Opfern staat­li­cher Gewalt.

Bache­let hat sich also drei Tage in Vene­zue­la auf­ge­hal­ten und in die­ser Zeit­span­ne das Pen­sum bewäl­tigt, mit etwa 600 “Opfern staat­li­cher Gewalt” zu spre­chen. Inter­es­sant wäre hier, wie dar­aus die ver­zehn­fach­te Zahl von über 5.000 angeb­lich “hin­ge­rich­te­ten” Oppo­si­tio­nel­len wur­de. Und auch, wie Bache­let die Schuld­fra­ge ange­sichts der gewalt­tä­ti­gen Eska­la­tio­nen in Vene­zue­la beant­wor­ten wür­de. Eben­falls inter­es­sant ist, wie der Besuch von Bache­let über­haupt zustan­de kam. Das erfährt man nicht in den gro­ßen Medi­en, son­dern etwa beim Por­tal Ame­ri­ka 21. Dem­nach folg­te die UN-Kom­mis­sa­rin einer Ein­la­dung der Regie­rung Vene­zue­las :

Vene­zue­las Prä­si­dent Nicolás Madu­ro emp­fing Bache­let am Frei­tag im Prä­si­den­ten­pa­last Miraf­lo­res. Die UN-Kom­mis­sa­rin war einer offi­zi­el­len Ein­la­dung der vene­zo­la­ni­schen Regie­rung gefolgt.

Dazu schrieb Ame­ri­ka 21 :

Die UN-Kom­mis­sa­rin für Men­schen­rech­te, Michel­le Bache­let, hat sich zum Ende ihres drei­tä­gi­gen Besuchs in Vene­zue­la mit einer dif­fe­ren­zier­ten Sicht­wei­se zur aktu­el­len Situa­ti­on in dem süd­ame­ri­ka­ni­schen Land geäu­ßert. Die ehe­ma­li­ge Prä­si­den­tin Chi­les zeig­te sich nach Tref­fen mit Ver­tre­tern von Regie­rung, Oppo­si­ti­on und Zivil­ge­sell­schaft auf­grund der huma­ni­tä­ren Situa­ti­on des Lan­des besorgt und rief zu einer fried­li­chen Lösung der Kri­se unter Betei­li­gung aller Akteu­re auf. Sie äußer­te jedoch auch mit kla­ren Wor­ten ihre Besorg­nis wegen der nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen durch die ver­häng­ten Wirt­schafts­sank­tio­nen.

Kürz­lich noch lob­te die UN-Kom­mis­sa­rin Vene­zue­las Regie­rung – Wie kam es zu dem radi­ka­len Sin­nes­wan­del ?

Wei­ter­hin lob­te die UN-Kom­mis­sa­rin damals “die Bereit­schaft der Regie­rung, einer Dele­ga­ti­on den Zugang zu Gefäng­nis­sen zu ermög­li­chen, um die Haft­be­din­gun­gen und den gesund­heit­li­chen Zustand der Inhaf­tier­ten ein­schät­zen zu kön­nen”. Gleich­zei­tig pries die UN-Kom­mis­sa­rin die Bemü­hun­gen der vene­zo­la­ni­schen Regie­rung, mit­tels von Sozi­al­pro­gram­men im Umfang von 75 Pro­zent des Staats­haus­hal­tes den uni­ver­sel­len Zugang der Bevöl­ke­rung zu den sozia­len Grund­rech­ten sicher­zu­stel­len. Die Ursa­chen für die wirt­schaft­li­che Kri­se, die sich seit dem Jahr 2013 dra­ma­tisch ver­schärft habe, sei­en viel­fäl­tig. Besorgt zeig­te sich Bache­let etwa über die jüngs­ten US-Sank­tio­nen gegen den Export von Erd­öl und den Han­del mit Gold, die die öko­no­mi­sche Kri­se nur ver­schärf­ten. 

Das klingt alles erheb­lich aus­ge­wo­ge­ner als das, was Michel­le Bache­let nun der UNO vor­ge­legt hat. Es scheint also zwi­schen dem Besuch des Lan­des und der Vor­la­ge des Berichts ein radi­ka­ler Sin­nes­wan­del bei der UN-Kom­mis­sa­rin statt­ge­fun­den zu haben. Weder die Ein­la­dung durch die Regie­rung noch die zunächst teils posi­ti­ven Äuße­run­gen Bache­lets spie­geln sich in den aktu­el­len Berich­ten wider.

Das Medi­en­ver­sa­gen der Woche : Büh­ne frei für den “demo­kra­ti­schen” Put­schis­ten  

Der wohl unver­schäm­tes­te Medi­en­bei­trag der Woche zum The­ma Vene­zue­la kommt vom Deutsch­land­funk. Das Inter­view mit dem am Putsch von 2002 betei­lig­ten vene­zo­la­ni­schen Ex-Offi­zier Otto Gebau­er zeigt eine skan­da­lö­se Inter­view­füh­rung. Der gestän­di­ge Put­schist darf hier etwa unwi­der­spro­chen die deut­sche LINKE dif­fa­mie­ren und sich als “Demo­krat” bezeich­nen. Die­ses Doku­ment des media­len Total­ver­sa­gens fin­det sich hier.

Wie sich Gebau­er in Deutsch­land als offi­zi­el­ler Ver­tre­ter vene­zo­la­ni­scher Insti­tu­tio­nen auf­spie­len darf, hat­te RT bereits hier beschrie­ben und kom­men­tiert.

Gutes Timing : Soll UN-Bericht Annä­he­rung mit Vene­zue­la brem­sen ?

Wie gesagt : Die­se Medi­en- und UNO-Offen­si­ve ent­fal­tet sich just zu jenem Zeit­punkt, da sich die Bezie­hun­gen zwi­schen eini­gen EU-Län­dern und der recht­mä­ßi­gen Regie­rung Vene­zue­las zu nor­ma­li­sie­ren schie­nen, wie man erneut fast aus­schließ­lich bei Ame­ri­ka 21 nach­le­sen kann :

Ver­tre­ter des deut­schen Aus­wär­ti­gen Amtes haben sich am Mon­tag mit dem vene­zo­la­ni­schen Vize­au­ßen­mi­nis­ter Yván Gil getrof­fen und damit ein ers­tes diplo­ma­ti­sches Zei­chen der Ent­span­nung in Rich­tung der Regie­rung von Nicolás Madu­ro gesetzt. Die­se reagier­te umge­hend und wider­rief die im März getä­tig­te Aus­wei­sung des deut­schen Bot­schaf­ters in Vene­zue­la, Dani­el Krie­ner. Bereits in der ver­gan­ge­nen Woche war der Außen­mi­nis­ter von Vene­zue­la, Jor­ge Arrea­za, mit sei­nen Amts­kol­le­gen aus Spa­ni­en und Por­tu­gal zusam­men­ge­kom­men. Somit schei­nen eini­ge Mit­glieds­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on (EU) von ihrer umstrit­te­nen Hal­tung abzu­rü­cken, den selbst­er­nann­ten Inte­rims­prä­si­den­ten Juan Guai­dó und die von ihm beru­fe­nen Ver­tre­ter als ein­zig legi­ti­mier­te vene­zo­la­ni­sche Gesprächs­part­ner anzu­er­ken­nen.

Man kann nur hof­fen, dass sich die­se EU-Regie­run­gen nun nicht von der aktu­el­len mut­maß­li­chen Kam­pa­gne durch Medi­en, UNO und Poli­tik brem­sen las­sen.

Von der Ley­en : Die EU-Pos­ten und die Kro­ko­dils­trä­nen für die “EU-Demo­kra­tie” 

Wer sich von der etwa hier beschrie­be­nen Show um die EU-Wahl und die “Spit­zen­kan­di­da­ten” hat beein­dru­cken las­sen, für den muss das fol­gen­de Pos­ten­ge­scha­cher und die Nomi­nie­rung Ursu­la von der Ley­ens ein böses Erwa­chen gewe­sen sein. Die­se For­mu­lie­rung vom “Erwa­chen” setzt aber bereits einen “Schlaf” vor­aus. Jene Bür­ger aber, die für die all­seits ange­stimm­ten Schlaf­lie­der nicht emp­fäng­lich waren, emp­fin­den das aktu­el­le Pokern der Hin­ter­zim­mer ledig­lich als logi­sche Fort­set­zung der leid­lich bekann­ten inter­nen EU-Macht­kämp­fe.

Dass sich die­se des­il­lu­sio­nier­te Hal­tung nicht in den deut­schen Medi­en spie­gelt, ist aller­dings auch erwar­tungs­ge­mäß. So ver­gießt etwa die Neue Osna­brü­cker Zei­tung Kro­ko­dils­trä­nen für die “EU-Demo­kra­tie”:

Die Tat­sa­che, dass Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ursu­la von der Ley­en Jean-Clau­de Juncker beer­ben soll und nicht jemand, der sich bei der Euro­pa­wahl behaup­tet hat, sen­det ein fata­les Signal. Die EU-Len­ker ent­sor­gen ohne Not das Spit­zen­kan­di­da­ten­prin­zip, das doch erst mit für eine stei­gen­de Wahl­be­tei­li­gung gesorgt hat­te.

Der Süd­ku­rier beklagt eben­falls :

Mit Ursu­la von der Ley­en als Nach­fol­ge­rin für Jean-Clau­de Juncker war nun wahr­lich nicht zu rech­nen. Ihre Nomi­nie­rung erlaubt es allen, ihr Gesicht zu wah­ren. (…) Der Haken ist nur, dass sie mit Demo­kra­tie nichts zu tun hat.”

Und auch die Mär­ki­sche Oder­zei­tung erlebt erst jetzt ihr “Erwa­chen”:

Das Par­la­ment, das eben noch einen Ver­trau­ens­vor­schuss erhal­ten hat­te, tor­pe­diert auf bei­spiel­lo­se Wei­se zer­strit­ten den demo­kra­ti­schen Pro­zess, einen Kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten zu benen­nen.

Ana­ly­ti­scher geht da schon die Leip­zi­ger Volks­zei­tung ran, die schreibt : 

Ange­la Mer­kel, maul­ten Miss­güns­ti­ge, sei in der EU iso­liert. Des­we­gen kön­ne sie, logisch, auch beim Rin­gen um die Brüs­se­ler Pos­ten nichts durch­set­zen. In Wirk­lich­keit hat die Kanz­le­rin nun einen Rie­sen­er­folg errun­gen. Ihre lang­jäh­ri­ge Ver­trau­te Ursu­la von der Ley­en soll die EU-Kom­mis­si­on füh­ren. Zum ers­ten Mal seit den 50er Jah­ren kommt Deutsch­land in Brüs­sel zum Zug.

Dass die Zei­tung mit die­ser Deu­tung mut­maß­lich auf dem Holz­weg ist, hat Jens Ber­ger auf den Nach­Denk­Sei­ten beschrie­ben, der etwa hier und hier den Fall “von der Ley­en” näher beleuch­tet.

Demon­tie­ren Trans­at­lan­ti­ker momen­tan die Trans­at­lan­ti­ke­rin ?

Einen “schwe­ren Macht­kampf” in der EU wünscht sich erstaun­li­cher­wei­se die Süd­deut­sche Zei­tung in fast schon fata­lis­ti­scher Manier her­bei. Die Zei­tung emp­fiehlt den Euro­pa­ab­ge­ord­ne­ten : 

Sie soll­ten von der Ley­en durch­fal­len las­sen. Gewiss, das wür­de in Zei­ten von Bre­x­it, Trump, Kli­ma­wan­del und einem aggres­si­ven Chi­na die EU in einen schwe­ren Macht­kampf stür­zen. Aber da muss Euro­pa durch. Nur eine wirk­lich demo­kra­ti­sche Uni­on, in der die Bür­ger das ent­schei­den­de Wort spre­chen und das Par­la­ment das Macht­zen­trum ist, kann aus künf­tig 27 Staa­ten mit ego­is­ti­schen Regie­run­gen eine Ein­heit for­men und so die genann­ten Her­aus­for­de­run­gen bestehen.

Doch war­um for­dern aus­ge­rech­net die mut­maß­li­chen “Trans­at­lan­ti­ker” von der Süd­deut­schen Zei­tung die­se Höchst­stra­fe für die mut­maß­lich vor­bild­li­che “Trans­at­lan­ti­ke­rin” Ursu­la von der Ley­en ? All­ge­mein irri­tiert aktu­ell ein biss­chen, dass vor allem US-ori­en­tier­te Blät­ter wie SZ oder Spie­gel die doch weit­hin als US-ori­en­tiert beschrie­be­ne Ursu­la von der Ley­en vor der EU-Abstim­mung beson­ders hart kri­ti­sie­ren — bezie­hungs­wei­se ihr “schwe­res Erbe” für die Bun­des­wehr und das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um, wie etwa ganz aktu­ell hier oder hier oder hier zu lesen ist.

Die “Sea-Watch 3” und die Moral

Anläss­lich der vor­über­ge­hen­den Ver­haf­tung der Kapi­tä­nin der “Sea-Watch 3” wur­de in deut­schen Medi­en in die­ser Woche ein wah­res Feu­er­werk des rigo­ro­sen Mora­lis­mus abge­brannt. Das muss in der Gleich­för­mig­keit hier nicht pro­to­kol­liert wer­den. Als Bei­spiel sei etwa ein Gast­bei­trag in der Zeit zitiert : 

Die Pflicht zum Unge­hor­sam gilt nicht nur für tyran­ni­sche oder tota­li­tä­re Sys­te­me. Sie ist das Salz der Demo­kra­tie. Die Bür­ger sind kei­ne Unter­ta­nen. Sie brau­chen ein Gesetz, das die ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Gren­zen über­schrit­ten hat, nicht unter­wür­fig zu akzep­tie­ren. Als ob es natür­lich wäre, die Ret­tung zu einem Straf­tat­be­stand zu machen ! Als ob es eine Selbst­ver­ständ­lich­keit wäre, die Ethik auf den Kopf zu stel­len : Wer sich dazu ver­pflich­tet, Men­schen­le­ben zu ret­ten, macht sich schul­dig, wenn er dies unter­lässt. Eine Umkeh­rung ist nicht akzep­ta­bel.

Das “kal­te” Behar­ren auf dem Rechts­staat

Die­ser anschei­nend ein­deu­ti­gen, dadurch aber nicht weni­ger ver­ein­fa­chen­den Sicht steht ein vie­ler­orts als “kalt” emp­fun­de­nes Behar­ren auf den Regeln des Rechts­staats gegen­über, das eben­falls Züge der Ver­ein­fa­chung trägt. Dazu soll hier bei­spiel­haft aus der Welt zitiert wer­den :

Wenn ein deut­scher Kapi­tän belie­bi­gen Geschlechts das Ver­bot, in einen Hafen zu fah­ren, miss­ach­tet und ein ita­lie­ni­sches Zoll­boot bedrängt, ist das unzwei­fel­haft Wider­stand gegen die ita­lie­ni­sche Staats­ge­walt und straf­bar. Wenn er oder sie ohne Geneh­mi­gung Aus­län­der in den Hafen bringt, ist das zwei­fel­los Bei­hil­fe zur ille­ga­len Ein­wan­de­rung. Der ita­lie­ni­sche Innen­mi­nis­ter Sal­vi­ni, dem mei­ne Sym­pa­thie nicht gehört, fragt nicht zu Unrecht, war­um ein in den Nie­der­lan­den regis­trier­tes und von einer deut­schen Besat­zung betrie­be­nes Schiff die Schiff­brü­chi­gen nicht in die Nie­der­lan­de oder nach Deutsch­land trans­por­tiert. War­um eigent­lich nicht ?

Deutsch­land ver­teilt mal wie­der Noten

Einen zusätz­li­chen Aspekt nennt die taz in einem Gast­kom­men­tar : 

Wie­der mal hat Deutsch­land Noten ver­teilt. Und wie­der mal ist Ita­li­en durch­ge­fal­len. Etwas weni­ger Selbst­ge­rech­tig­keit wür­de Deutsch­land und Euro­pa gut­tun.

RT Deutsch bemüht sich um ein brei­tes Mei­nungs­spek­trum. Gast­bei­trä­ge und Mei­nungs­ar­ti­kel müs­sen nicht die Sicht­wei­se der Redak­ti­on wider­spie­geln.

Mehr zum The­ma — “Soli­da­ri­tät” mit Caro­la Racke­te : Die Kro­ko­dils­trä­nen der Moral­apos­tel

RT Deutsch


Iran-Krieg, Ossi-Bashing, Golunow-Hype : Ein Wochenrückblick auf den medialen Abgrund


von Tho­mas Schwarz

Ange­sichts der unver­blüm­ten Agi­ta­ti­on für einen Krieg gegen den Iran in die­ser Woche könn­te und müss­te nun eigent­lich die Stun­de der kri­ti­schen Jour­na­lis­ten und der küh­len Ana­lys­ten schla­gen : Das “Beweis­vi­deo”, mit dem die USA ihre schwe­ren Anschul­di­gun­gen gegen Tehe­ran unter­füt­tern wol­len, ist nicht ernst zu neh­men — eigent­lich müss­te es eine Steil­vor­la­ge für Spott und Häme gegen­über den Ver­brei­tern sein. Allein der Ver­such, mit einem sol­chen Video einen gro­ßen Krieg anzu­zet­teln, müss­te als Belei­di­gung der Intel­li­genz bezeich­net wer­den. Auch west­li­che Medi­en müss­ten dar­auf unmiss­ver­ständ­lich hin­wei­sen. Indem sie die­se Ein­deu­tig­keit in ihren Hin­wei­sen unter­las­sen, betei­li­gen sie sich an jener Belei­di­gung der Intel­li­genz der Medi­en­kon­su­men­ten.

Golf von Ton­kin, Brut­kas­ten­lü­ge, Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen — wann ler­nen die Medi­en ?

Die Betu­lich­keit in den Hin­wei­sen auf die schwa­che Beweis­kraft des Vide­os muss ange­sichts des total unse­riö­sen Cha­rak­ters der “US-Beweis­füh­rung” als unan­ge­mes­sen bezeich­net wer­den : Denn die jüngs­ten Vor­fäl­le im Golf von Oman ord­nen sich mut­maß­lich (!) in eine schänd­li­che Rei­he an kriegs­vor­be­rei­ten­der und durch­schau­ba­rer Pro­pa­gan­da ein, als die man etwa den “Über­fall” auf den Sen­der Glei­witz 1939, die “Angrif­fe” im Golf von Ton­kin 1964, die “Brut­kas­ten­lü­ge” 1990 oder die Kam­pa­gne zu den “Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen” 2003 bezeich­nen muss.

Pro­pa­gan­da jetzt iden­ti­fi­zie­ren ! “Hin­ter­her ist man immer klü­ger” gilt nicht !

Bei den auf­ge­zähl­ten fin­gier­ten Vor­fäl­len war schon zum Zeit­punkt des Ein­sat­zes der Pro­pa­gan­da deren kriegs­trei­be­ri­scher und fabri­zier­ter Cha­rak­ter offen­sicht­lich. Ein ums ande­re Mal haben die gro­ßen Medi­en aber ver­sagt, indem sie die jewei­li­gen Lügen nicht ange­mes­sen atta­ckiert oder sie gar gestützt haben. Der Satz “hin­ter­her ist man immer klü­ger” gilt in kei­nem der genann­ten Fäl­le : Man konn­te auch zum Zeit­punkt der Pro­pa­gan­da die­se bereits durch­schau­en, wie die jewei­li­gen zeit­ge­nös­si­schen Kri­ti­ker bewei­sen.

Das ist auch beim aktu­el­len Vor­gang um den Iran der Fall — die Redak­teu­re wer­den sich spä­ter nicht mit dem Ver­weis auf “Unwis­sen” aus der Affä­re zie­hen kön­nen : Wer die US-Ver­si­on nun nicht medi­al dekon­stru­iert oder wer sie gar stützt, macht sich mit­schul­dig. Man stel­le sich zur Illus­tra­ti­on der Absur­di­tät des aktu­el­len west­li­chen Medi­en­ver­hal­tens vor, Russ­land oder Chi­na oder der Iran wür­den sich trau­en, mit einem sol­chen Video an die Öffent­lich­keit zu gehen und wür­den damit mili­tä­ri­sche Dro­hun­gen recht­fer­ti­gen.

Die vor­sätz­li­che Nai­vi­tät der Medi­en zum Iran

Die Neue Osna­brü­cker Zei­tung stellt dazu zwar fest : “Die Fak­ten sind dünn : Zwei Schif­fe sind beschä­digt. Über Ablauf, Hin­ter­grün­de und mög­li­che Schul­di­ge darf spe­ku­liert wer­den.” Die Zei­tung schließt dann aber doch vor­schnell und vor­sätz­lich naiv : „Die Span­nun­gen zwi­schen dem Iran und den USA legen nahe, dass Tehe­ran hin­ter den mut­maß­li­chen Atta­cken steckt. Oder doch nicht?“

Die unrea­lis­ti­sche Deu­tung, der Iran könn­te für die Angrif­fe ver­ant­wort­lich sein, stützt indi­rekt auch die Badi­sche Zei­tung : “Die Angrif­fe könn­ten eine ver­zwei­fel­te War­nung aus Tehe­ran sein : Bis hier­hin und nicht wei­ter!” Die­se Dar­stel­lung, die zwar Zwei­fel an der US-Ver­si­on anmel­det, aber dann doch (weit her­ge­holt) eine zumin­dest indi­rek­te oder doch anschei­nend mög­li­che ira­ni­sche Urhe­ber­schaft unter­stellt, fin­det sich in zahl­rei­chen deut­schen Medi­en.

Wie man­che Medi­en einen gro­ßen Krieg her­beisch­rei­ben

Noch einen gro­ßen Schritt wei­ter gehen etwa die Welt und die Süd­deut­sche Zei­tung. Die Welt  unter­stellt nicht nur indi­rekt eine ira­ni­sche Schuld, sie for­dert auch unver­blümt “not­falls” den “Ein­satz von Gewalt” — sogar durch die EU :

Die Euro­päi­sche Uni­on soll­te die Ira­ner als Spon­so­ren des Staats­ter­ro­ris­mus ver­ur­tei­len, die Far­ce eines Atom­deals, der nur den Ira­nern nutzt, been­den und klar­stel­len, dass die Stra­ße von Hor­mus not­falls mit Gewalt offen­ge­hal­ten wird. Und damit dem Tehe­ra­ner Régime zei­gen, dass es sich die­ses Mal ver­zockt hat. Das könn­te Wun­der wir­ken.“

Die Süd­deut­sche Zei­tung recht­fer­tigt pro­phy­lak­tisch einen even­tu­el­len US-Krieg gegen den Iran, schließ­lich kön­ne sich der Prä­si­dent “nicht vor­füh­ren las­sen”:

Iran kann kaum noch Öl expor­tie­ren und hält Erpres­sung offen­bar für ein pro­ba­tes Mit­tel der Gegen­wehr. Die Dro­hung, die wich­tigs­te Ölrou­te der Welt zu blo­ckie­ren, ist letzt­lich die Dro­hung mit einer Welt­wirt­schafts­kri­se. Sie auch nur anzu­deu­ten, ist ein wahn­wit­zi­ges Spiel mit dem Feu­er. Der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent mag kei­nen Krieg wol­len, aber noch weni­ger kann er es sich erlau­ben, vor­ge­führt zu wer­den.“

Wie ver­ar­bei­ten man­che Redak­teu­re ihre Kriegs­trei­be­rei ?

Man weiß nicht, wie sol­che Jour­na­lis­ten noch in den Spie­gel schau­en kön­nen, nach­dem sie leicht­fer­tig die Welt ein Stück näher an einen ver­meid­ba­ren Kon­flikt her­an­ge­schrie­ben haben. Wie man im Kon­trast dazu dem Gebot der Stun­de folgt — Dees­ka­la­ti­on ! -, das zeigt die spa­ni­sche Zei­tung El Priód­ico :

Denn ohne zu wis­sen, was in der Meer­enge wirk­lich gesche­hen ist, scheint es die ein­zig ver­ant­wor­tungs­vol­le Reak­ti­on zu sein, wie die EU und Japan erst ein­mal zur Ruhe auf­zu­ru­fen und das Ver­trau­en oder den Respekt unter den Geg­nern wie­der auf­zu­bau­en.“

Mit Ossi-Bashing die Russ­land-Sank­tio­nen ret­ten

Die Vor­stö­ße der Minis­ter­prä­si­den­ten von Sach­sen und Thü­rin­gen gegen die anti­rus­si­schen Wirt­schafts­sank­tio­nen, die RT hier beschreibt, sind rund­um zu begrü­ßen. Die Abschaf­fung der irra­tio­na­len und auf fal­schen Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen fußen­den Sank­tio­nen ist über­fäl­lig. Die For­de­run­gen nach der Abschaf­fung haben aber auch erwar­tungs­ge­mäß wüten­de Abwehr­re­ak­tio­nen her­vor­ge­ru­fen. Eini­ge gro­ße Medi­en ver­folg­ten dabei die Tak­tik, die Vor­stö­ße als “Wahl­kampf­ma­nö­ver”, als “Geschäf­te­ma­che­rei” und als eine “AfD-Posi­ti­on” zu dif­fa­mie­ren.

Ein per­fi­der Son­derstrang in der Mei­nungs­ma­che für die Sank­tio­nen ist die Bezeich­nung des Wun­sches nach Annä­he­rung mit Russ­land als etwas “ost­deut­sches”. Die Dis­kus­si­on wird von eini­gen skru­pel­lo­sen Redak­teu­ren für gesell­schaft­li­che Spal­tun­gen genutzt, etwa indem ein angeb­li­cher “neu­en Ost-West-Kon­flikt” beschwo­ren wird, wie es etwa hier im Tages­spie­gel oder oder hier in der FAZ geschieht. Ein empö­ren­des Bei­spiel für eine aktu­ell ver­brei­te­te anma­ßen­de, arro­gan­te und bil­li­ge Fern-Psy­cho­lo­gie gegen­über “den Ost­deut­schen” lie­fer­te in die­ser Woche etwa der Deutsch­land­funk :

Auch wenn der Wes­ten mit sei­nen Auf­baumil­li­ar­den noch immer glaubt, den Osten auf West­ni­veau anglei­chen zu kön­nen, so wird gera­de in die­sem Wahl­jahr kla­rer als je zuvor : Der Osten Deutsch­lands pro­fi­liert sich seit drei Jahr­zehn­ten als Avant­gar­de – sei es in der Über­al­te­rung, den satt zwei­stel­li­gen Erfol­gen einer rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei, dem Ver­trau­ens­ver­lust gegen­über den eta­blier­ten Par­tei­en.”

Der Osten” und “der star­ke Mann”

Der Ruf nach dem star­ken Mann sei im Osten Deutsch­lands “kein außer­ge­wöhn­li­cher”, fährt der Bei­trag fort. Und auch nicht der Blick nach Osten auf der Suche nach Kon­zep­ten für die Zukunft :

Skru­pel­lo­se Macht­po­li­ti­ker und Natio­na­lis­ten wie Putin oder Orban kön­nen in einer Regi­on, in der die West­bin­dung Deutsch­lands und die Wah­rung der Men­schen­rech­te einer signi­fi­kan­ten Min­der­heit wenig gel­ten, leicht zu Vor­bil­dern wer­den.”

In die­se Ker­be haut auch die Zeit, die den Sank­ti­ons-Vor­stoß als “Irr­weg eines Ost­deut­schen” bezeich­net, und diver­se ande­re Blät­ter.

Die “taz”: Unver­ant­wort­li­ches Zen­tral­or­gan der arro­gan­ten Spal­ter

Ihren spal­ta­ri­schen Cha­rak­ter end­gül­tig offen­ge­legt hat im Zuge der Sank­ti­ons­de­bat­te nun auch und vor allem die taz. Die Zei­tung erklärt etwa “war­um es fei­ge, ver­lo­gen und chau­vi­nis­tisch ist”, die Abschaf­fung der Sank­tio­nen zu for­dern. Oder in einem ande­ren Bei­trag, dass “Wir” ein Land sei­en — und “Ihr” ein ande­res Land. Mit “Wir” sind selbst­ver­ständ­lich die West­deut­schen gemeint, die den anti­rus­si­schen Sank­tio­nen und der Demo­kra­tie-Illu­si­on noch noch brav die Treue hal­ten wür­den.

Die taz hat­te kürz­lich auch auf einem ande­ren Feld ihren Ruf als arro­gan­tes Zen­tral­or­gan der gesell­schaft­li­chen Spal­tung erneu­ert. So wur­de in der Kolum­ne “Der rote Faden” unter dem Titel „Rent­ner, gebt das Wahl­recht ab!“ gefor­dert :

Füh­rer­schei­ne soll­te man im Alter abge­ben. War­um nicht auch das Wahl­recht ? Ja, ich weiß – ein Men­schen­recht. Aber es soll­te doch auch für uns Jun­ge ein Men­schen­recht dar­auf geben, min­des­tens Ende sieb­zig zu wer­den wie der durch­schnitt­li­che Mensch in Euro­pa heu­te, und das, ohne abwech­selnd von Sturm­flu­ten und Wald­brän­den heim­ge­sucht zu wer­den.”

Der Arti­kel fährt fort :

Lie­be Mit­wäh­len­de über 60, wir unter 30 hät­ten ja auch ger­ne was von die­sem Wohl­stand, nicht zuletzt weil wir schon jetzt ärmer sind, als unse­re Eltern­ge­nera­ti­on es je war (…).”

Die­ser Text ist kei­ne Sati­re, wie man ange­sichts der irren The­se ver­mu­ten könn­te : Weder die For­mu­lie­run­gen noch das For­mat noch die Kolum­ne als sol­che signa­li­sie­ren, dass es sich hier­bei um ein nicht ernst gemein­tes Gedan­ken­ex­pe­ri­ment han­delt. Unterm Strich steht die star­ke Ver­mu­tung : Die taz meint die­se demo­kra­tie-, ver­fas­sungs- und men­schen­feind­li­che Posi­ti­on tat­säch­lich ernst. Die­se unver­ant­wort­li­che Art der Auf­wie­ge­lung der Jugend ist aktu­ell an vie­len Orten zu beob­ach­ten, etwa auch hier im Tages­spie­gel : “Die Baby­boo­mer beklau­en ihre Kin­der dop­pelt. Ein wah­res Schur­ken­stück.”

Alle gegen Alle

Ossis gegen Wes­sis, Stadt gegen Land, Jung gegen Alt : Alle Gegen Alle ! Man hat den Ein­druck, dass es momen­tan kaum gesell­schaft­li­che Grup­pen gibt, die von der gegen­sei­ti­gen Auf­wie­ge­lung durch eini­ge Medi­en ver­schont blei­ben.

Aber doch : Zwei sol­che Grup­pen gibt es — die Haben­den und die Nicht-Haben­den. Mut­maß­lich wer­den all die ande­ren Kämp­fe vor allem initi­iert, um den einen Kampf zu ver­mei­den : den von Arm gegen Reich.

Juli­an Assan­ge und Iwan Golunow : Medi­en-Soli­da­ri­tät gibt es nur für ideo­lo­gi­sche Ver­bün­de­te

Ein Para­de­bei­spiel für das Mes­sen mit zwei­er­lei Maß durch die gro­ßen deut­schen Medi­en lie­fer­te in die­ser Woche der Kon­trast zwi­schen der Bericht­erstat­tung über zwei Fäl­le : Jenen des rus­si­schen Jour­na­lis­ten Iwan Golunow einer­seits und jenen des Wiki­leaks-Grün­ders Juli­an Assan­ge ande­rer­seits. Die gro­ße Soli­da­ri­tät west­li­cher Medi­en mit dem rus­si­schen Jour­na­lis­ten Iwan Golunow sei zwar zu begrü­ßen, schrei­ben die Nach­Denk­Sei­ten. Ver­glei­che man die­sen Auf­wand jedoch mit dem dröh­nen­den Schwei­gen zu Juli­an Assan­ge, so sei die­ser Kon­trast skan­da­lös.

Unter dem Titel „Wenn Juli­an Assan­ge doch nur ein Rus­se wäre“ beschrei­ben die Nach­Denk­Sei­ten im Fol­gen­den das offen­sicht­li­che Mes­sen mit zwei­er­lei Maß der Medi­en bei den bei­den Fäl­len :

Hier wird nicht unbe­se­hen von Per­son und Ideo­lo­gie Unter­stüt­zung gebo­ten, das macht der Ver­gleich Assange/Golunow deut­lich : Wer wie Juli­an Assan­ge jour­na­lis­tisch das eige­ne (west­li­che) Bett beschmutzt, soll­te auf die Hil­fe gro­ßer west­li­cher Medi­en nicht bau­en – auch wenn die­se Medi­en auf den Leis­tun­gen von Assan­ge ihre größ­ten Sto­ries der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit auf­ge­baut haben.(…)

Die Ungleich­be­hand­lung zwi­schen Assan­ge und Golunow und die vor­ge­nom­me­ne ideo­lo­gi­sche Unter­schei­dung nach Freund und Feind ent­wer­tet teil­wei­se auch Soli­da­ri­täts-Aktio­nen wie die nun erleb­te : Der Ver­dacht, hier sol­le ein­mal mehr die Flos­kel von der Pres­se­frei­heit gegen die rus­si­schen ‘Macht­ha­ber’ instru­men­ta­li­siert wer­den, droht den sehr posi­ti­ven Akt der Soli­da­ri­tät zu befle­cken.

Die ange­spro­che­ne Heu­che­lei vie­ler west­li­cher Medi­en setz­te sich auch nach Golunows Frei­las­sung fort, näm­lich bei der Bericht­erstat­tung über einen nicht geneh­mig­ten Pro­test­marsch und die dort unwei­ger­lich fol­gen­den Fest­nah­men. Von der gro­ßen Tole­ranz, die deut­sche Medi­en den Teil­neh­mern einer ver­bo­te­nen Demons­tra­ti­on in Russ­land ent­ge­gen­brin­gen, kön­nen deut­sche Demons­tran­ten nur träu­men.”

RT Deutsch bemüht sich um ein brei­tes Mei­nungs­spek­trum. Gast­bei­trä­ge und Mei­nungs­ar­ti­kel müs­sen nicht die Sicht­wei­se der Redak­ti­on wider­spie­geln.

RT Deutsch


D-Day-Kitsch, Grünen-Hype, SPD-Desaster : Ein Wochenrückblick auf den medialen Abgrund


von Tho­mas Schwarz

Erwar­tungs­ge­mäß – und ent­spre­chend einer lan­ge gewach­se­nen Tra­di­ti­on – wur­de der Jah­res­tag der Lan­dung der Alli­ier­ten in der Nor­man­die 1944 in die­ser Woche exzes­siv für Pro­pa­gan­da und Geschichts­klit­te­rung genutzt. Es steht außer Zwei­fel : Euro­pa wur­de durch die Rote Armee des Viel­völ­ker­staa­tes Sowjet­uni­on vom Faschis­mus befreit. Doch wie bereits seit Jahr­zehn­ten wur­de auch in die­ser Woche der west­li­che Bei­trag zum Sieg über Hit­ler­deutsch­land maß­los auf­ge­bauscht, jener der Sowjet­uni­on dage­gen her­un­ter­ge­spielt – bis zum völ­li­gen Ver­schwei­gen. Die west­li­che Dar­stel­lung jener Ereig­nis­se kann man nur noch als völ­lig unhis­to­ri­sche, damit unwis­sen­schaft­li­che, aber den­noch leicht durch­schau­ba­re Ver­keh­rung der Fak­ten bezeich­nen. Die poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung – bereits im Vor­feld vom soge­nann­ten D-Day – wur­de von RT in die­sem Arti­kel schon sehr tref­fend ein­ge­ord­net. Ergän­zen könn­te man da noch den ver­zer­ren­den deut­schen Pres­se-Wider­hall zum The­ma, der in die­ser Woche ertön­te.

D-Day : US-Mythen wur­den mit der Mut­ter­milch ver­ab­reicht

Die gro­ßen deut­schen Medi­en bewe­gen sich beim The­ma D-Day bekann­ter­ma­ßen in einer (beson­ders) kit­schi­gen und gegen Tat­sa­chen abge­schot­te­ten Par­al­lel­welt. In die­ser Schein­welt ist es unum­stöß­lich, dass die Wen­de im Zwei­ten Welt­krieg nicht in Schlach­ten an der Ost­front ein­ge­lei­tet wur­de, son­dern erst weni­ger als ein Jahr vor Kriegs­en­de in Frank­reich, mit einem Brü­cken­kopf der West-Alli­ier­ten in der Nor­man­die. Wie könn­te es auch anders sein ? Schließ­lich haben vie­le der Redak­teu­re nicht nur die ent­spre­chen­de US-Medi­en­pro­pa­gan­da mit der Mut­ter­milch (oder Tro­cken­milch aus Care-Pake­ten, gar der Rosi­nen­bom­ber?) auf­ge­so­gen : Auch inten­si­ve und jahr­zehn­te­lan­ge Kul­tur­pro­pa­gan­da haben den Mythos vom “Längs­ten Tag” durch 70 lan­ge Jah­re Wie­der­ho­lun­gen abge­si­chert.

Die­se Medi­en- und Kul­tur­pro­pa­gan­da ist so offen­sicht­lich, dass sie hier nicht im Detail reka­pi­tu­liert wer­den muss. Inter­es­sant ist, dass sich in die­ser Woche aber auch mah­nen­de und kor­ri­gie­ren­de Stim­men fin­den lie­ßen – mit der gebo­te­nen Vor­sicht sogar in öffent­lich-recht­li­chen Medi­en. Und dies sowohl zur ver­gleichs­wei­se mili­tä­ri­schen Bedeu­tungs­lo­sig­keit des D-Days als auch zur erwähn­ten Kul­tur­pro­pa­gan­da, die half, das Bild von dem “Hit­ler nie­der­rin­gen­den US-Sol­da­ten” zu instal­lie­ren.

Nicht der “Anfang von Hit­lers Ende”: Man­che Medi­en tan­zen aus der Rei­he

So war ein­mal mehr der domi­nie­ren­de Tenor in den gro­ßen deut­schen Medi­en in die­ser Woche jener vom D-Day als der “Anfang von Hit­lers Ende”. Die­se Deu­tung vom D-Day als dem mili­tä­ri­schen Wen­de­punkt wird von der ernst­haf­ten his­to­ri­schen Wis­sen­schaft bestrit­ten. Das ist auch gar nicht neu. Neu ist, dass die­se Posi­ti­on der Wis­sen­schaft in man­chen gro­ßen Medi­en nun pro­mi­nent als Gegen­pol zum gän­gi­gen emo­tio­na­len D-Day-Mär­chen plat­ziert wird. So zitiert die­se Woche etwa die Süd­deut­sche Zei­tung den His­to­ri­ker Peter Lieb :

Heut­zu­ta­ge wis­sen wir, der Krieg war vor­her schon für die Deut­schen ver­lo­ren. Da waren Sta­lin­grad und die hohen Ver­lus­te im Osten. Die Deut­schen ver­lo­ren an der Ost­front seit 1941 pro Tag 2.000 Mann – durch Tod, schwe­re Ver­wun­dun­gen oder Gefan­gen­schaft.

Und auch im Deutsch­land­funk erhält die Posi­ti­on von Lieb und vie­le ande­ren For­schern zur tat­säch­li­chen Moti­va­ti­on der Lan­dung der Alli­ier­ten Raum. Dem­nach war der Zweck der Ope­ra­ti­on kei­ne Befrei­ung Euro­pas und Deutsch­lands von den Nazis, son­dern viel­mehr der Ver­such der “Ret­tung” West­eu­ro­pas vor dem siche­ren Sieg der Roten Armee :

Der His­to­ri­ker Peter Lieb schreibt der Lan­dung der Alli­ier­ten in der Nor­man­die 1944 weni­ger eine mili­tä­ri­sche Bedeu­tung zu, dafür aber eine poli­ti­sche. Durch die­se mili­tä­ri­sche Ope­ra­ti­on sei ver­hin­dert wor­den, dass West- und Mit­tel­eu­ro­pa in die Hän­de Sta­lins gefal­len wären.

US-Fake-News als (west-)deutsche Staats­re­li­gi­on

Ange­sichts der noch immer vor­herr­schen­den Domi­nanz der US-Mythen in deut­schen Medi­en erschei­nen die­se ver­ein­zel­ten kri­ti­schen Rand­no­ti­zen zur his­to­ri­schen Schief­la­ge west­li­cher Pro­pa­gan­da als Klei­nig­keit – aber das sind sie in Wirk­lich­keit nicht : Die Dekon­struk­ti­on von lang­fris­tig auf­ge­bau­ten Fake-News zur Nach­kriegs­ge­schich­te, die in (West-)Deutschland zu einer Art Staats­re­li­gi­on erho­ben wor­den waren, kann nicht über Nacht gesche­hen. Lang­sam aber sicher – hier und da – sickern immer mal wie­der his­to­ri­sche Fak­ten und Ana­ly­sen in ein­zel­ne Berich­te, etwa auch zum rea­len Cha­rak­ter und Beweg­grün­den des gene­rö­sen “Mar­shall-Plans” der USA : So wur­de das Mär­chen vom selbst­lo­sen Han­deln der USA gegen­über dem Nach­kriegs-Euro­pa und ins­be­son­de­re (West-)Deutschland kürz­lich in der ARD zer­pflückt – aber fol­ge­rich­tig zu den domi­nie­ren­den Erzäh­lun­gen ist die Doku­men­ta­ti­on “Mythos und Mas­ter­plan” mitt­ler­wei­le aus der Media­thek wie­der ver­schwun­den, Wiss­be­gie­ri­ge kön­nen sie aber hier doch noch sehen. Und in der Neu­en Zür­cher Zei­tung – und sogar bei der Deut­schen Wel­le – wur­de in die­ser Woche ein­mal die Pro-US-Pro­pa­gan­da in Spiel­fil­men (zumin­dest teil­wei­se) kri­tisch ana­ly­siert. 

Die­se Ein­zel­bei­spie­le einer his­to­risch (annä­hernd) kor­rek­ten Bericht­erstat­tung erfor­dern Mut – denn es ist leicht, selbst die­se Stim­men im “eige­nen Chor” zu dif­fa­mie­ren, indem man sie mit der Macht der gro­ßen Medi­en­kon­zer­ne nie­der­brüllt und ihre Wort­mel­dun­gen den auf­wän­dig erzeug­ten und gepfleg­ten Mythen als der “wah­ren” Wahr­haf­tig­keit gegen­über­stellt. Aus die­sen Ein­zel­bei­spie­len bereits Hoff­nung auf objek­ti­ve Geschichts­pfle­ge für die Nach­ge­bo­re­nen und brei­te Ein­sicht in gro­ßen deut­schen Redak­tio­nen zu schöp­fen, bleibt wohl ein Trug­schluss, wie der fol­gen­de Blick in den Main­stream gleich noch zeigt – inter­es­sant und erwäh­nens­wert ist das Phä­no­men wohl den­noch.

Im Wes­ten nichts Neu­es” — Die “Leit­me­di­en” und die Welt­kriegs-Pro­pa­gan­da

Im Wes­ten nichts Neu­es” könn­te man dage­gen die rest­li­che Bericht­erstat­tung der deut­schen “Leit­me­di­en” zur D-Day-Far­ce über­schrei­ben. Durch­gän­gig wird hier der Mythos vom “mili­tä­ri­schen Wen­de­punkt” gepflegt, wie auch hier pro­to­kol­liert wur­de. So erklär­te der Spie­gel : “Vom 6. Juni 1944 an lan­de­ten sie im Rah­men der ‘Ope­ra­ti­on Over­lord’ an den Strän­den der Nor­man­die, (…). Es war der Anfang von Hit­lers Ende.” Die Süd­deut­sche Zei­tung behaup­te­te : “Der Unter­gang von Nazi-Deutsch­land begann am 6. Juni 1944– dem Beginn der alli­ier­ten Inva­si­on im besetz­ten Frank­reich”. Die Zeit sag­te : “Der Tag, der die Wen­de brach­te”. Die Tages­schau mein­te : “Die größ­te Lan­dungs­ope­ra­ti­on der Mili­tär­ge­schich­te hat­te ent­schei­den­de Bedeu­tung für den wei­te­ren Ver­lauf des Zwei­ten Welt­krie­ges.” Und Papst Fran­zis­kus bezeich­ne­te den D-Day als “ent­schei­dend im Kampf gegen die Bar­ba­rei der Nazis”. Amen.

Ein wirk­sa­mes Gegen­mit­tel gegen die­ses Gift der Geschichts­klit­te­rung in deut­schen Medi­en hat in die­ser Woche der rus­si­sche Außen­mi­nis­ter gelie­fert — Ser­gei Law­rows poin­tier­ten Auf­satz zum The­ma hat RT hier exklu­siv und voll­stän­dig ins Deut­sche über­setzt.

Schön für die Grü­nen : Alle reden vom Kli­ma

Alle gesell­schafts­po­li­ti­schen Merk­ma­le wei­sen momen­tan (eigent­lich) auf eine drän­gen­de Hand­lungs­auf­for­de­rung bei den The­men sozia­ler Aus­gleich, Ver­mö­gens­ver­tei­lung, Steu­er­ge­rech­tig­keit gegen­über Kon­zer­nen, Ent­span­nung gegen­über Russ­land und Kon­trol­le des Finanz­sys­tems. Gestärkt geht aus die­ser doch ziem­lich ein­deu­ti­gen Situa­ti­on jedoch eine Par­tei her­vor, die all die­se The­men in eine unbe­stimm­te Zukunft ver­schie­ben will : Die Grü­nen. Denn die Gegen­wart wird durch die Par­tei und durch eine mas­si­ve media­le Unter­stüt­zung aktu­ell mit dem “Genera­tio­nen-The­ma” Kli­ma auf­ge­füllt. Dem The­ma Sozia­les zei­gen die Grü­nen ohne­hin weit­ge­hend die kal­te Schul­ter und gegen­über Russ­land gibt es aktu­ell kaum eine destruk­ti­ve­re Par­tei.

Man darf die The­men Sozia­les und Kli­ma nicht gegen­ein­an­der auf­rech­nen oder gar aus­spie­len. Die gegen­wär­ti­ge Domi­nanz des Kli­ma­the­mas ist den­noch beun­ru­hi­gend, wie etwa die Nach­Denk­Sei­ten beschrei­ben :

Und so schien der gesell­schaft­li­che Tenor vor der EU-Wahl fol­gen­der­ma­ßen : Ja, es gebe kras­se Unge­rech­tig­kei­ten und schlim­me sozia­le Ungleich­hei­ten in der EU, von der Kin­der- bis zur Alters­ar­mut – aber ange­sichts der dro­hen­den Kli­ma-Apo­ka­lyp­se kön­nen die EU-Bür­ger die­se sozia­len “Peti­tes­sen” vor­erst ruhen las­sen. Gegen den Kli­ma­wan­del kön­ne man schließ­lich auch “auf­ste­hen”, wenn die Mie­te seit Mona­ten nicht bezahlt ist. Was ist schon ein Min­dest­lohn, eine ordent­li­che Ren­te oder eine Ban­ken­re­gu­lie­rung gegen den Welt­un­ter­gang ?

Der Höhen­flug der Grü­nen : Ein fata­ler Irr­tum

Wie gesagt : Kli­ma-Enga­ge­ment soll hier nicht dif­fa­miert wer­den. Fatal ist aber, dass die Domi­nanz des The­mas (erwar­tungs­ge­mäß) die Grü­nen stärkt. Deren unge­brems­ter Höhen­flug erscheint aber selbst ange­sichts der mas­si­ven Mei­nungs­ma­che für die Par­tei in den gro­ßen Medi­en noch rät­sel­haft. Die­ser Erfolg ist nur durch kras­ses Unwis­sen auf Wäh­ler­sei­te zu erklä­ren. Den rea­len, aber schein­bar weit­ge­hend unbe­kann­ten Cha­rak­ter der pro­ble­ma­ti­schen grü­nen Par­tei hat dar­um gera­de Oskar Lafon­tai­ne auf den Punkt gebracht :

Erstaun­lich ist das star­ke Abschnei­den der Par­tei ‘Die Grü­nen’, da sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren für Waf­fen­ex­por­te in Span­nungs­ge­bie­te, eine Betei­li­gung der Bun­des­wehr an den Roh­stoff-Krie­gen und eine Ver­stär­kung der Kon­fron­ta­ti­on gegen­über Russ­land eben­so Ver­ant­wor­tung trug wie die Par­tei­en der ‘Gro­ßen Koali­ti­on’. Und beim Sozi­al­ab­bau waren sie eif­rig dabei. Dar­über hin­aus sind die Grü­nen dort, wo sie regiert haben oder regie­ren, mit­ver­ant­wort­lich für unter Umwelt­ge­sichts­punk­ten zwei­fel­haf­te Vor­ha­ben wie das Groß­pro­jekt Stutt­gart 21, den Aus­bau des Frank­fur­ter Flug­ha­fens, die Abhol­zung des Ham­ba­cher Fors­tes, oder die Elb­ver­tie­fung. Sie pro­fi­tie­ren dar­über hin­aus als Befür­wor­ter der bestehen­den Wirt­schafts­ord­nung und damit der gel­ten­den Besitz- und Herr­schafts­struk­tu­ren eben­so wie die übri­gen Regie­rungs­par­tei­en von Spen­den der Ban­ken und Kon­zer­ne.

SPD-Absturz : Gerech­te Stra­fe für neo­li­be­ra­len Umbau ?

Nun zu einer ande­ren pro­ble­ma­ti­schen Par­tei : Wer an einer fort­schritt­li­chen Poli­tik in Deutsch­land inter­es­siert ist, der war in die­ser Woche regel­rech­ten Wech­sel­bä­dern aus­ge­setzt : Zum einen kön­nen sich jene Men­schen durch den Absturz der SPD bestä­tigt füh­len – die trau­ri­ge Ent­wick­lung der Par­tei ist eben die gerech­te Stra­fe dafür, dass sich “Sozi­al­de­mo­kra­ten” etwa durch Hartz-IV einem neo­li­be­ra­len Umbau der Gesell­schaft ange­dient haben.

Zum ande­ren ist ein dro­hen­des Ver­schwin­den der SPD aber auch sehr beun­ru­hi­gend. Vor allem dann, wenn die Ex-SPD-Wäh­ler nicht die logi­sche Kon­se­quenz wäh­len – näm­lich die Links­par­tei –, son­dern sich wahl­wei­se von der AfD oder den Grü­nen anlo­cken las­sen. Doch wie hät­ten die Bür­ger denn auch die­se Links­par­tei in ihrer aktu­el­len Ver­fas­sung wäh­len kön­nen ? Hier muss ganz klar die Füh­rung der LINKEN in die Pflicht genom­men wer­den : Kat­ja Kip­ping, Bernd Riex­in­ger und ihr Gefol­ge haben nicht nur mit Sah­ra Wagen­knecht die begab­tes­te Poli­ti­ke­rin der Par­tei demon­tiert – sie haben zudem die poten­zi­ell eigent­lich mas­sen­haf­ten Wäh­ler mit pseu­do­lin­ker und welt­frem­der Rhe­to­rik von den “Open Bor­ders” und einer Iden­ti­täts-Poli­tik gera­de­wegs den Rech­ten in die Arme getrie­ben.

Lip­pen­be­kennt­nis­se von einer “Re-Sozi­al­de­mo­kra­ti­sie­rung”

Doch zurück zur SPD. Der dra­ma­ti­sche “Schuss vor den Bug” die­ser Par­tei bei der EU-Wahl mag – wie gesagt – als gerecht emp­fun­den wer­den, ein Ver­schwin­den der Par­tei ist den­noch nicht wün­schens­wert. Vor­aus­ge­setzt, man glaubt der Par­tei nun die Lip­pen­be­kennt­nis­se zu einer “Erneue­rung” und einer “Re-Sozi­al­de­mo­kra­ti­sie­rung”: Wie kann sich die SPD ret­ten ? Und kann das inner­halb der Gro­ßen Koali­ti­on gelin­gen ? Das waren die Fra­gen der Medi­en.

Die Frank­fur­ter Rund­schau sieht kei­ne Zukunft in der Gro­Ko : “Die gesam­te SPD-Füh­rung rede­te sich und der Öffent­lich­keit im ver­gan­ge­nen Jahr ein, die pro­gram­ma­ti­sche Neu­erfin­dung der Sozi­al­de­mo­kra­tie im post­in­dus­tri­el­len Zeit­al­ter lie­ße sich bei gleich­zei­ti­ger Regie­rungs­be­tei­li­gung in einer gro­ßen Koali­ti­on bewerk­stel­li­gen.” Dem schließt sich die Süd­deut­sche Zei­tung an : “Die gro­ße Koali­ti­on tor­kelt noch einen Som­mer ; dann ist Schluss. Ver­mut­lich im kom­men­den Win­ter wer­den Neu­wah­len statt­fin­den.”

SPD lang­fris­tig in der zwei­ten Liga

Dass das noch hilft, dar­an glaubt die FAZ nicht : “Eine gan­ze Par­tei hat im Grun­de ihren Rück­tritt erklärt. (…) Die SPD (ist) aus dem Tritt gera­ten, gestrau­chelt und schließ­lich abge­stie­gen ist in die zwei­te Liga der deut­schen Par­tei­en. Dort wird sie vor­läu­fig blei­ben.” So sieht das auch der Gene­ral-Anzei­ger : “Die SPD sucht jeman­den, der sie aus der Gro­Ko führt, ihr pro­gram­ma­ti­sche Per­spek­ti­ven bie­tet, die Flü­gel und Grup­pen eint und dazu noch Wah­len gewinnt. Selbst in den guten Zei­ten gab es in der SPD nur sel­ten Poli­ti­ker, die die­ses Pro­fil erfüll­ten. (…) Die Per­spek­ti­ven für die Par­tei blei­ben daher kurz- und mit­tel­fris­tig düs­ter.”

Die Pforz­hei­mer Zei­tung ver­kün­det dage­gen, wel­che (nicht sozi­al­de­mo­kra­ti­schen) The­men sie aktu­ell wich­tig fin­det und wel­che sie bei der SPD ein­for­dert : “Kli­ma­po­li­tik, Digi­ta­li­sie­rung, Infra­struk­tur, Bil­dung” – also nicht : Min­dest­lohn, Ban­ken­kon­trol­le, gerech­te Steu­ern und gerech­te Ver­mö­gens­ver­tei­lung. Die­se The­men-Beto­nung und Ablen­kung von der sozia­len Fra­ge führt die Kolum­ne zurück zum oben the­ma­ti­sier­ten Kli­ma-Zeit­geist und zum beun­ru­hi­gen­den Grü­nen-Hype.

RT Deutsch bemüht sich um ein brei­tes Mei­nungs­spek­trum. Gast­bei­trä­ge und Mei­nungs­ar­ti­kel müs­sen nicht die Sicht­wei­se der Redak­ti­on wider­spie­geln.

RT Deutsch


Giftgas-Mythen, EU-Wahl, Strache-Sturz : Ein Wochenrückblick auf den medialen Abgrund


von Tho­mas Schwarz

Wenn alles blei­ben soll, wie es ist, muß sich alles ändern.” Die­se Losung des “Leo­par­den” in Giu­sep­pe Toma­si di Lam­pe­du­sas gleich­na­mi­gem Werk wird aktu­ell sträf­lich miss­ach­tet. Denn man kann die Aus­sa­ge auch auf den aktu­el­len Zustand der EU anwen­den : Wenn die EU über­le­ben soll, dann muss sie radi­kal ver­än­dert wer­den. Die Zeit der war­men Wor­te ist vor­bei — wenn die Bür­ger nicht schnell Taten und im All­tag wahr­nehm­ba­re Ver­än­de­run­gen sehen, wird sich die EU und wer­den sich damit auch die vie­len wich­ti­gen und posi­ti­ven Aspek­te des Pro­jekts in Nichts auf­lö­sen.

EU-Fans als Toten­grä­ber von “Euro­pa”

Als beson­ders eif­ri­ge Toten­grä­ber der EU muss man dar­um jene Akteu­re bezeich­nen, die nun so tun, als wären sie die über­zeug­tes­ten “Euro­pä­er” von allen. Denn zum einen sind sie es (die Ver­tre­ter wirt­schafts­li­be­ra­ler Par­tei­en), die den aktu­ell zer­ris­se­nen Zustand der EU zu ver­ant­wor­ten haben – und eben nicht die als Teu­fel an die Wand gemal­ten “Natio­na­lis­ten”, die nur ein Sym­ptom und nicht die Ursa­che der Kri­se sind. Zum ande­ren bezwei­feln die EU-Wort­füh­rer die Dring­lich­keit der ein­gangs ein­ge­for­der­ten Ver­än­de­run­gen, indem sie ein Feu­er­werk der Phra­sen­dre­scherei abbren­nen : “Uns” geht es gut, nie­mand hat so “von Euro­pa” pro­fi­tiert wie “Wir”, wir dür­fen “unser Euro­pa” nicht den Natio­na­lis­ten über­las­sen. Die­se Leug­nung der offen­sicht­li­chen sozia­len Schief­la­gen in der EU wird mitt­ler­wei­le selbst vom naivs­ten EU-Anhän­ger durch­schaut. 

An die fal­sche Gleich­set­zung von “EU” und “Euro­pa” hat man sich mitt­ler­wei­le gewöhnt. Inak­zep­ta­bel bleibt aber das Man­tra vom “Wir” und von den angeb­lich pro­fi­tie­ren­den Bür­gern. Um nur einen Aspekt her­aus­zu­grei­fen : Deutsch­lands Export­wirt­schaft hat tat­säch­lich von der EU pro­fi­tiert. Doch die­ser Erfolg wur­de durch Lohn­dum­ping in Deutsch­land her­bei­ge­führt. Deutsch­land hat dadurch – gegen alle Abspra­chen – die Pro­duk­te sei­ner Nach­barn unter­bo­ten. Die dadurch ent­stan­de­nen Ungleich­ge­wich­te und Export­über­schüs­se sind ein wich­ti­ger Aspekt der EU-Kri­se. Wer ist bei die­sem Bei­spiel das in den letz­ten Wochen exzes­siv zitier­te “Wir”? Die deut­schen Beschäf­tig­ten muss­ten Lohn­ein­bu­ßen hin­neh­men, die Nach­bar­län­der äch­zen unter deut­schen Bil­lig­wa­ren – pro­fi­tiert hat hier aus­schließ­lich das eine Pro­zent. Und was ist das für ein “Wir”, in das die ver­arm­te grie­chi­sche Rent­ne­rin eben­so wie der fran­zö­si­sche Mil­li­ar­där hin­ein­ge­zwun­gen wird ?

Der “Kampf gegen den Hass” und ganz viel “Kli­ma”

Kon­kre­te und schnel­le Ver­än­de­run­gen wären im Übri­gen auch im Inter­es­se der EU-Eli­ten. Denn das Ein­gangs-Zitat von Lam­pe­du­sa hat noch einen vor­ge­la­ger­ten Teil. Ange­sichts von Unzu­frie­den­heit im auf­stre­ben­den Bür­ger­tum, for­dert der adli­ge Prot­ago­nist, dass sich die Eli­ten schein­bar der Ver­än­de­rung ver­schrei­ben soll­ten, wenn sie über­le­ben wol­len : “Wenn wir nicht auch dabei sind, besche­ren die uns die Repu­blik. Wenn alles blei­ben soll, wie es ist, muß sich alles ändern.”

Die Ent­schei­dungs­trä­ger von CDU/CSU/SPD/FDP/Grünen haben sich im EU-Wahl­kampf jedoch gegen die The­ma­ti­sie­rung der Ungleich­hei­ten und gegen die For­de­run­gen nach Ver­än­de­run­gen ent­schie­den. Statt­des­sen wur­de (neben ganz viel “Kli­ma”) der Ein­druck erzeugt, wer kein Unmensch sein wol­le, der müs­se nun den neo­li­be­ra­len Sta­tus Quo der EU gegen “rechts” ver­tei­di­gen. Die par­tei­über­grei­fen­de Losung war jene der Ein­schlä­fe­rung und jene der durch­schau­ba­ren Jubel-Phra­sen. Flan­kiert wur­de die­se brei­te Par­tei-Mei­nungs­ma­che zum einen vom Hor­ror­bild der angeb­lich lau­ern­den “Auto­kra­ten”. Zum ande­ren von einer Viel­zahl von Appel­len aus der “Zivil­ge­sell­schaft”, man sol­le doch ja bit­te­schön zur Wahl gehen, um “unser Euro­pa” nicht “dem Hass” zu über­las­sen.

EU-Wahl­kampf : Fas­sa­de und Phra­sen­dre­scherei 

Wer vor die­sem EU-Wahl­kampf noch nicht von der Fas­sa­den­haf­tig­keit der EU-“Demokratie” über­zeugt war, ist nun sicher eines Bes­se­ren belehrt. Denn neben den hier bespro­che­nen Aspek­ten ist zusätz­lich noch die Macht­lo­sig­keit des zu wäh­len­den EU-Par­la­ments zu beto­nen. Die­se Insti­tu­ti­on kann nur als Mogel­pa­ckung bezeich­net wer­den, weil sie die wirk­lich wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen nicht fäl­len darf. Auch die­ser Fakt wur­de medi­al ver­ne­belt, indem sug­ge­riert wur­de, die EU-Bür­ger wür­den mit dem EU-Par­la­ment so etwas wie ihre direk­te Inter­es­sen­ver­tre­tung bestim­men.

Die gro­ßen Pri­vat­me­di­en und auch die Öffent­lich-Recht­li­chen hat­ten sich in den letz­ten Wochen, abge­se­hen von ein­zel­nen Bei­trä­gen, mehr oder weni­ger geschlos­sen der hier geschil­der­ten Stoß­rich­tung ver­schrie­ben. Ande­re Töne fand man in den Medi­en der zwei­ten Rei­he, so schreibt die Badi­sche Zei­tung :

Gut, dass die­ser Wahl­kampf vor­bei ist. Über­all ähn­li­che Paro­len, ähn­li­che Appel­le, wohl­fei­le Phra­sen – der Wett­streit um die Zusam­men­set­zung des nächs­ten Euro­pa­par­la­ments wirk­te auch die­ses Mal wie­der selbst auf Wohl­mei­nen­de wie ein Seda­ti­vum. Immun dage­gen waren bloß die, denen die Mam­mut­wahl ohne­hin sonst wo vor­bei­geht.”

Fal­sches Pathos, abge­grif­fe­ner Kitsch

So weit, so zutref­fend. Aber auch die­se Zei­tung greift schließ­lich auf fal­sches Pathos zurück : “Dabei gilt allem Gegäh­ne zum Trotz : Sel­ten war eine Euro­pa­wahl wich­ti­ger als dies­mal.” Die­sen abge­grif­fe­nen EU-Kitsch ver­sucht auch das Flens­bur­ger Tage­blatt zu nut­zen :

Dies­mal ist wei­ten Krei­sen der Bevöl­ke­rung bewusst, dass nichts selbst­ver­ständ­lich ist. Nicht unser Wohl­stand, nicht unse­re Sicher­heit, nicht unse­re Gren­zen und nicht unse­re Lebens­grund­la­ge. Die Lösung der anste­hen­den Pro­ble­me gehen wir gemein­sam mit unse­ren Part­ner­län­dern und demo­kra­tisch an. Das ist die Bot­schaft die­ser Wahl.”

Die Not­wen­dig­keit (kon­kre­ter, schnel­ler und im All­tag spür­ba­rer) Ver­än­de­run­gen räumt am ehes­ten noch die Rhei­ni­sche Post ein, wenn sie schreibt : “Wenn Euro­pa künf­tig nicht im Popu­lis­mus ver­sin­ken soll, dann wer­den die Abge­ord­ne­ten und die Beam­ten in Brüs­sel ihr Ver­spre­chen ein­lö­sen müs­sen, Euro­pa näher an die Men­schen her­an­zu­brin­gen.” Lei­der wählt das Blatt dafür ein fal­sches Bei­spiel : “Ein Anfang wäre es, Gras­wur­zel­be­we­gun­gen erns­ter zu neh­men – die zur­zeit mäch­tigs­te ist ‘Fri­days for Future’.”

Es lebe der unre­flek­tier­te Jugend-Hype !

Eine Lan­ze für den unre­flek­tier­ten – und von der sozia­len Fra­ge ablen­ken­den – Jugend-Hype bricht auch die Han­no­ver­sche All­ge­mei­ne Zei­tung :

Sach­lich­keit allein reicht nicht aus, um die EU zusam­men­zu­hal­ten. Es braucht Lei­den­schaft. Wer meint, dies sei zu viel ver­langt, der bli­cke auf die Jugend. Sie stiehlt den Spit­zen­po­li­ti­kern die Show. Hun­dert­tau­sen­de sind in den zurück­lie­gen­den Mona­ten auf die Stra­ße gegan­gen, um für Kli­ma­schutz, für ein schran­ken­lo­ses Inter­net oder ein sozia­les Euro­pa zu demons­trie­ren.”

Die sozia­le Fra­ge als igno­rier­tes Anhäng­sel

Kli­ma­schutz” und “schran­ken­lo­ses Inter­net” – sind das also die drän­gen­den und aktu­el­len Pro­ble­me in der EU ? Zwar wird auch hier das “sozia­le Euro­pa” pflicht­schul­dig mit auf­ge­zählt. Doch die­ses abso­lut zen­tra­le Anlie­gen wird – auch von den nun begeis­tert auf­ge­nom­me­nen jugend­li­chen Demons­tran­ten – als unkon­kre­tes Anhäng­sel geführt und dar­um nicht mit Leben und auch nicht mit Dring­lich­keit erfüllt.

Solan­ge aber die sozia­le Fra­ge und die Rück­erlan­gung staat­li­cher Hand­lungs­fä­hig­keit nicht die Dring­lich­keit erhal­ten, die sie ver­die­nen – solan­ge wer­den die Men­schen fort­fah­ren, sich von der EU abzu­wen­den.

Stra­che-Affä­re : Jour­na­lis­ti­sche Leis­tung oder Staats­streich ?

An der Bewer­tung der Affä­re um den Sturz des öster­rei­chi­schen Vize­kanz­lers und FPÖ-Poli­ti­kers Heinz-Chris­ti­an Stra­che in der ver­gan­ge­nen Aus­ga­be die­ser Kolum­ne hat sich nichts geän­dert :

Stra­ches Ver­hal­ten und sei­ne Äuße­run­gen sind in meh­re­rer Hin­sicht scho­ckie­rend. (…) Die­ses ein­deu­ti­ge Urteil lässt aber nicht die zahl­rei­chen Fra­gen in den Hin­ter­grund tre­ten, die mit dem dubio­sen Video-Vor­gang ver­bun­den sind, und die sich auch an die gro­ßen deut­schen Medi­en rich­ten.”

Denn : Zum einen ist zu begrü­ßen, dass hier ein pro­ble­ma­ti­scher Poli­ti­ker gestürzt ist. Zum ande­ren ist der Vor­gang aber höchst beun­ru­hi­gend. Denn hier wur­de belas­ten­des Mate­ri­al pro­du­ziert, dann archi­viert und schließ­lich stra­te­gisch plat­ziert. Mit dem Mate­ri­al wur­de eine Regie­rung gestürzt. Der Vor­gang ist also, wie die Nach­Denk­Sei­ten schrei­ben, einer­seits ein jour­na­lis­ti­scher Coup, ande­rer­seits aber auch ein Coup d´Etat — ein Staats­streich. Dazu kommt, dass hier unver­blüm­te Wahl­ein­mi­schung betrie­ben wur­de – also das, was die west­li­che Pres­se und Poli­tik seit Jah­ren Russ­land vor­wirft, ohne es ange­mes­sen bele­gen zu kön­nen.

Wie die Affä­re schein­bar “rus­si­sche Ein­mi­schung” bele­gen soll

Wie jene Pres­se und Poli­tik nun die­se mut­maß­lich west­li­che Wahl­ein­mi­schung als schein­ba­ren Beleg für die an die Wand gemal­te “rus­si­sche Desta­bi­li­sie­rung” ein­ord­net, kann man in der Welt, bei den Tages­the­men oder im Deutsch­land­funk beob­ach­ten. Die Nach­Denk­Sei­ten haben das Phä­no­men hier beschrie­ben

Trotz die­ser ver­such­ten “rus­si­schen” Ablen­kung scheint offen­sicht­lich : Die Urhe­ber der Affä­re ent­stam­men mut­maß­lich west­li­chen Krei­sen. Ob, wie in die­ser Woche Zei­tun­gen mut­ma­ßen, nun Weg-“Gefährten” Stra­ches, ein “west­li­cher Geheim­dienst”, eine öster­rei­chi­sche Kanz­lei oder ein deut­scher Come­di­an hin­ter der Fal­le ste­cken, ist für die­se Fest­stel­lung zweit­ran­gig.

Der Inhalt soll die dubio­se Ent­ste­hung des Vide­os recht­fer­ti­gen

Die meis­ten Zei­tun­gen möch­ten der­weil mit dem Inhalt des Vide­os auch sei­ne dubio­se Erstel­lung recht­fer­ti­gen, so etwa die taz :

Nun kann einem bei der per­fekt geplan­ten und auf die Schwä­chen der bei­den FPÖ-Män­ner abge­stell­ten Fal­le durch­aus unwohl wer­den. Auch wirft die gro­ße Zeit­span­ne zwi­schen der Auf­nah­me 2017 und der Ver­öf­fent­li­chung kurz vor der so wich­ti­gen Euro­pa­wahl Fra­gen auf, die man gern beant­wor­tet hät­te. Das alles aber mil­dert das Ver­hal­ten von Stra­che und sei­nem Gehil­fen nicht : Für das Aus­ge­plau­der­te sind sie nun ein­mal ganz allein selbst ver­ant­wort­lich.”

Die­se juris­tisch frag­wür­di­ge Posi­ti­on teilt der Reut­lin­ger Gene­ral-Anzei­ger : 

Wer auch immer die erfolg­rei­che Fal­le gestellt hat, hat sich mit der Ver­let­zung von Per­sön­lich­keits­rech­ten viel­leicht straf­bar gemacht, im Ergeb­nis aber ihre Ver­wor­fen­heit auf­ge­deckt und Scha­den von Öster­reich abge­wen­det. Anders als bei Inter­net-Trol­len oder Ver­schwö­rungs­theo­ri­en geht es hier nicht um Fake News, son­dern um die Wahr­heit.”

Auf die Spit­ze treibt die­ses Prin­zip die Leip­zi­ger Volks­zei­tung :

Stra­che nennt die Video­auf­zeich­nung ‚ein geziel­tes poli­ti­sches Atten­tat‘. Er und sei­ne Freun­de soll­ten auf­hö­ren mit die­sem jäm­mer­li­chen Selbst­mit­leid. Ja, es gab einen Anschlag auf die Demo­kra­tie – aber der lag dar­in, dass ein Mann mit einem so mons­trö­sen Ver­hält­nis zur Rechts­staat­lich­keit wie Stra­che über­haupt Vize­kanz­ler wer­den konn­te in Öster­reich.”

Nut­zung von Kom­pro­mat soll­te grund­sätz­lich geäch­tet wer­den

Dem Ver­such, die dubio­se Erstel­lung des Vide­os und des­sen stra­te­gi­schen Ein­satz mit den gefilm­ten Inhal­ten zu recht­fer­ti­gen, ist jedoch ent­ge­gen­zu­tre­ten. Zudem soll­te das in dem Stra­che-Vor­gang prak­ti­zier­te Prin­zip nun nicht als Akt der poli­ti­schen Rei­ni­gung oder gar der Demo­kra­tie ver­kauft wer­den. Im Gegen­teil : Das Vor­ge­hen, poli­ti­sche Kon­kur­ren­ten zu bespit­zeln und die archi­vier­ten Ergeb­nis­se bei Bedarf ein­zu­set­zen, gehört grund­sätz­lich geäch­tet.

Die­se Fest­stel­lung gilt völ­lig unab­hän­gig von den poli­ti­schen Posi­tio­nen des “Opfers”. Das soll­ten auch die nun froh­lo­cken­den poli­ti­schen Geg­ner Stra­ches beher­zi­gen : Akzep­tiert man nun das Vor­ge­hen gegen Stra­che, so wird es bald auch Per­so­nen tref­fen, die einem poli­tisch näher ste­hen.

Gift­gas : Das gro­ße Schwei­gen zum OPCW-Leak 

Da das Unter­drü­cken von Infor­ma­tio­nen eine zen­tra­le Vor­ge­hens­wei­se bei der Erstel­lung von Pro­pa­gan­da ist, soll­te mög­lichst auch das pro­to­kol­liert wer­den, was die gro­ßen Medi­en nicht ver­mel­den. In die­ser Woche war das etwa der Hin­weis auf ein kürz­lich gele­ak­tes Doku­ment der Orga­ni­sa­ti­on für das Ver­bot che­mi­scher Waf­fen (OPCW). Die­ses kri­ti­sche Zusatz­pro­to­koll zu einem OPCW-Bericht war von der Orga­ni­sa­ti­on mut­maß­lich unter­drückt wor­den. Das Doku­ment wider­spricht zen­tra­len west­li­chen Stand­punk­ten zu angeb­li­chen Ein­sät­zen von Gift­gas durch die syri­sche Regie­rung. Die Medi­en, die die­se Stand­punk­te einst ver­brei­tet hat­ten, schwei­gen nun zu den neu­en Ent­wick­lun­gen. 

Das betref­fen­de OPCW-Doku­ment wur­de von der Initia­ti­ve “Syri­en, Pro­pa­gan­da und Medi­en” (WGSPM) ver­öf­fent­licht, wie etwa die aus­tra­li­sche Jour­na­lis­tin Caitlin John­stone schreibt. Ein aktu­el­ler Arti­kel von Robert Fisk im bri­ti­schen Inde­pen­dent ist aktu­ell der ein­zi­ge Bei­trag zu den Vor­gän­gen in einem gro­ßen west­li­chen Medi­um. Zu dem nur von Tele­po­lis, RT Deutsch und den Nach­Denk­Sei­ten durch­bro­che­nen Schwei­ge­kar­tell gegen­über einer wich­ti­gen Nach­richt schreibt John­stone :

Das Doku­ment ent­larvt nicht nur eine wich­ti­ge Nach­rich­ten­ge­schich­te, die mili­tä­ri­sche Fol­gen hat­te, sie weckt auch Zwei­fel an einer renom­mier­ten inter­na­tio­na­len unab­hän­gi­gen Unter­su­chungs­stel­le und unter­gräbt die grund­le­gen­den Annah­men, auf denen seit vie­len Jah­ren die west­li­che Bericht­erstat­tung zu dem The­ma beruht. Die Bür­ger (…) gehen davon aus, dass, wenn es nicht in den Nach­rich­ten ist, es kei­ne gro­ße Sache ist. Das ist eine gro­ße Sache, das ist eine gro­ße Geschich­te, und sie wird nicht berich­tet – dadurch wird auch das Schwei­gen der Medi­en zu einem Teil der Geschich­te.”

Gift­gas-Angriff unter fal­scher Flag­ge ?

Der kri­ti­sche Bericht kommt, anders als die OPCW-Ana­ly­se, zu dem Schluss, dass die in Duma gefun­de­nen Gas-Zylin­der nicht aus der Luft abge­wor­fen wur­den, son­dern von Men­schen am Boden plat­ziert wur­den, wie etwa Ste­phen McIn­ti­re betont. Der Bericht fol­gert, dass “die Abmes­sun­gen, Eigen­schaf­ten und das Aus­se­hen der Zylin­der und die Umge­bung der Vor­fäl­le nicht mit dem über­ein­stimm­ten, was zu erwar­ten gewe­sen wäre, wenn einer der Zylin­der aus einem Flug­zeug abge­wor­fen wor­den wäre”. Dem­nach sei die manu­el­le Plat­zie­rung der Zylin­der an den Orten, an denen die Ermitt­ler sie gefun­den haben, “die ein­zig plau­si­ble Erklä­rung für Beob­ach­tun­gen am Tat­ort”.

Die Nach­Denk­Sei­ten schrei­ben dazu und zur Rol­le der Medi­en :

Die­se Sicht ent­las­tet die syri­sche Regie­rung und nährt den Ver­dacht, dass die mit Al-Qai­da ver­bun­de­ne Grup­pe Dscha­isch al-Islam das Gas damals in Duma frei­ge­setzt hat. Es gab schon 2018 erheb­li­che Zwei­fel an der von der OPCW, west­li­chen Medi­en und Poli­ti­kern befeu­er­ten Dar­stel­lung. Die­se Zwei­fel wur­den jedoch durch mas­si­ve Kam­pa­gnen über­tönt, um “Ver­gel­tungs-Schlä­ge” recht­fer­ti­gen zu kön­nen. Das Doku­ment – sei­ne Echt­heit vor­aus­ge­setzt – holt die dama­li­gen Zwei­fel an den Medi­en­kam­pa­gnen nun mit Macht zurück. Die damals akti­ven Redak­teu­re schwei­gen bis­lang beschämt zu der neu­en Ent­wick­lung.”

Medi­en nut­zen OPCW-Berich­te — aber nur wenn sie ins Bild pas­sen

Dabei hät­ten vie­le deut­sche Redak­teu­re die Berich­te der OPCW für mas­si­ve und mili­tä­risch fol­gen­schwe­re Anschul­di­gun­gen gegen die syri­sche Regie­rung genutzt. Etwa hät­ten Medi­en 2018 in einen dama­li­gen OPCW-Vor­ab-Bericht bereits fal­sche Tat­sa­chen hin­ein-inter­pre­tiert. So hät­ten etwa die ARD, der Spie­gel, das ZDF, der Stern und zahl­rei­che ande­re Medi­en im Som­mer 2018 behaup­tet, der Vor­ab-Bericht der OPCW zu Duma wür­de Spu­ren oder gar den mili­tä­ri­schen Ein­satz von Chlor­gas fest­stel­len. Das war damals schon sehr zwei­fel­haft. 

Die­ses Medi­en­ver­hal­ten – näm­lich auf neue Ent­wick­lun­gen zu selbst ent­fes­sel­ten Kam­pa­gnen nicht ein­zu­ge­hen – ist bekannt :

Bei vie­len Affä­ren in jün­ge­rer Ver­gan­gen­heit wur­de durch media­le Wie­der­ho­lung eine nicht von Bewei­sen gestütz­te Ver­si­on der Ereig­nis­se erzeugt. War das gewünsch­te Bild instal­liert, wur­de die Bericht­erstat­tung – ohne neue Ent­wick­lun­gen zu berück­sich­ti­gen– jäh abge­bro­chen und die erzeug­te Bot­schaft im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis ‘geparkt’. Dort kön­nen die Kam­pa­gnen bei Bedarf jeder­zeit reak­ti­viert wer­den.

Syri­en-Pro­pa­gan­da : Sogar die “Weiß­hel­me” gehen von der Fah­ne 

Es gab in die­ser Woche bezüg­lich der Pro­pa­gan­da gegen die syri­sche Regie­rung aber auch eine posi­ti­ve Ent­wick­lung zu ver­mel­den : So haben bis­he­ri­ge enge US-Ver­bün­de­te wie die “Syri­sche Stel­le für Men­schen­rech­te” oder die “Weiß­hel­me” den aktu­el­len US-Mythen zu Gift­gas­ein­sät­zen in Syri­en die Gefolg­schaft ver­wei­gert. 

Etwa mel­de­te die “Syri­sche Beob­ach­tungs­stel­le für Men­schen­rech­te” am Mitt­woch laut Medi­en­be­rich­ten als Reak­ti­on auf US-Berich­te über angeb­li­chen Gift­gas­ein­satz : “Wir haben kei­nen Beleg für einen sol­chen Angriff”. Auch die in “Oppo­si­ti­ons­ge­bie­ten akti­ve Ret­tungs­or­ga­ni­sa­ti­on ‘Weiß­hel­me’ ” erklär­te, es gebe kei­ne Hin­wei­se auf einen Gift­gas­ein­satz, wie dpa berich­te­te. Auch wenn die­se Absatz­be­we­gun­gen zu begrü­ßen sind, so geis­tern Res­te der ein­ge­spiel­ten Sprach­re­ge­lun­gen noch immer durch die Arti­kel, wie die Nach­Denk­Sei­ten fest­stel­len : So sei etwa der hier zitier­te Begriff “Oppo­si­ti­ons­ge­biet” für isla­mis­tisch besetz­te Stadt­vier­tel oder die Beschrei­bung der “Weiß­hel­me” als “Ret­tungs­or­ga­ni­sa­ti­on” höchst unse­ri­ös. Eben­so die Über­nah­me des Titels “Stel­le für Men­schen­rech­te”.

Kriegs­ver­län­gern­de Mei­nungs­ma­che

Die Nach­Denk­Sei­ten fah­ren abschlie­ßend fort : 

Die skan­da­lö­se Rol­le vie­ler Medi­en im Zusam­men­hang mit Syri­en muss ohne­hin noch gründ­lich auf­ge­ar­bei­tet wer­den. Man soll­te den betref­fen­den Redak­teu­ren nicht gestat­ten, sich nun schein­bar von der seit 2011 ver­brei­te­ten Mei­nungs­ma­che von der guten isla­mis­ti­schen ‘Oppo­si­ti­on’ und dem bösen ‘Régime’ zu distan­zie­ren. Die­se Mei­nungs­ma­che war kriegs­ver­län­gernd und ist zu ver­ur­tei­len.”

RT Deutsch bemüht sich um ein brei­tes Mei­nungs­spek­trum. Gast­bei­trä­ge und Mei­nungs­ar­ti­kel müs­sen nicht die Sicht­wei­se der Redak­ti­on wider­spie­geln.

RT Deutsch


Strache-Sturz, Iran-Krise, Bayer-Demontage : Ein Wochenrückblick auf den medialen Abgrund


von Tho­mas Schwarz

Zum boden­lo­sen Sturz des öster­rei­chi­schen Vize­kanz­lers und FPÖ-Poli­ti­kers Heinz-Chris­ti­an Stra­che über die Video-Affä­re soll hier zunächst ange­merkt wer­den : Stra­ches Ver­hal­ten und sei­ne Äuße­run­gen sind in meh­re­rer Hin­sicht scho­ckie­rend – zum einen wegen der poli­ti­schen Ver­führ­bar­keit und auch Skru­pel­lo­sig­keit, die sich in Stra­ches State­ments offen­ba­ren. Zum ande­ren wegen der gro­tes­ken Nai­vi­tät, die schein­bar noch immer selbst unter Berufs­po­li­ti­kern vor­herrscht. Stra­ches Rück­tritt war aus bei­den Grün­den unum­gäng­lich. Die­ses ein­deu­ti­ge Urteil lässt aber nicht die zahl­rei­chen Fra­gen in den Hin­ter­grund tre­ten, die mit dem dubio­sen Video-Vor­gang ver­bun­den sind, und die sich auch an die gro­ßen deut­schen Medi­en rich­ten.

Der (schein­ba­re) Coup zum The­ma “rus­si­sche Ein­fluss­nah­me” von Spie­gel und Süd­deut­scher Zei­tung (SZ) hat die Poli­tik Öster­reichs die­se Woche gründ­lich ins Cha­os gestürzt : “Auf heim­lich auf­ge­nom­me­nen Vide­os von 2017 ver­sprach Öster­reichs heu­ti­ger Vize­kanz­ler Heinz-Chris­ti­an Stra­che nach Infor­ma­tio­nen von Spie­gel und SZ einer ver­meint­li­chen Inves­to­rin aus Russ­land öffent­li­che Auf­trä­ge.” Sicher an dem in vie­ler­lei Hin­sicht dubio­sen Vor­gang ist zunächst vor allem, dass er min­des­tens eben­so vie­le Fra­gen auf­wirft, wie er beant­wor­tet. Im Fall Stra­che wären die Fra­gen etwa jene nach den Urhe­bern der Video­fal­le – die­se Urhe­ber wer­den “aus Grün­den des Quel­len­schut­zes” bis­her nicht genannt. Oder danach, war­um das zwei Jah­re alte Video erst jetzt ver­öf­fent­licht wird. Eini­ge die­ser drän­gen­den Fra­gen stellt Tele­po­lis.

Fall Stra­che deu­tet eher auf west­li­che Urhe­ber­schaft

Ein Beweis für die seit Jah­ren an die Wand gemal­te rus­si­sche Ein­mi­schung in west­li­che Demo­kra­ti­en ist der Vor­fall aber trotz des aus­ge­lös­ten Cha­os nicht : Denn die (unbe­kann­ten) Initia­to­ren des Vide­os waren wohl eben­so wenig Rus­sen wie die Prot­ago­nis­tin der mühe­voll erstell­ten Fal­le. Auch zäh­len die Rus­sen nicht zu den Pro­fi­teu­ren des Vor­gangs. So ist die Epi­so­de mut­maß­lich ein Bei­spiel, bei dem die west­lich initi­ier­te Panik vor rus­si­scher Wahl­be­ein­flus­sung von mut­maß­lich west­li­cher Sei­te für Wahl­be­ein­flus­sung genutzt wur­de. In die­se Rich­tung spe­ku­liert etwa das öster­rei­chi­sche Blatt Die Pres­se : “Geheim­dienst­ler, mit denen Die Pres­se sprach, tip­pen auf eine Insze­nie­rung eines west­li­chen Geheim­diens­tes.”

Bewie­sen ist durch die Insze­nie­rung vor allem die Offen­heit west­li­cher Poli­ti­ker – oder auch nur jene Stra­ches – für poli­ti­sche Kor­rup­ti­on. Ob die­se Offen­heit aus “ideo­lo­gi­schen” Grün­den expli­zit und nur gegen­über Rus­sen besteht, dar­über sagt die Epi­so­de wenig aus : Etwa zur Fra­ge, ob sich Stra­che auch gegen­über einem Abge­sand­ten von US-Kon­zer­nen zu Zuge­ständ­nis­sen hät­te hin­rei­ßen las­sen.

Die Fra­ge, ob ähn­li­che Vor­gän­ge unter ande­ren Vor­zei­chen eben­so skan­da­li­siert wür­den, stellt Tele­po­lis :

Wie oft kom­men die ange­spro­che­nen Machen­schaf­ten – ver­deck­te Par­tei­en­fi­nan­zie­rung, ille­ga­le Abspra­chen bei Staats­auf­trä­gen, Ein­fluss­nah­men bis hin zu expli­zit poli­ti­schen Stel­len­be­set­zun­gen bei ‘unab­hän­gi­gen’ Medi­en (wir reden also nicht vom ORF!) – tat­säch­lich in Öster­reich und anders­wo vor?”

Egal, wie die­se Fra­gen beant­wor­tet wer­den – eines ist bereits jetzt abso­lut sicher : Durch die Video-Epi­so­de wur­den die Men­schen Zeu­ge einer “einmalige(n) Selbst-Demon­ta­ge eines Ex-Vize­kanz­lers”.

Kom­pro­mat – eine “vom rus­si­schen Geheim­dienst per­fek­tio­nier­te” Tech­nik

Dass der Vor­gang offensichtlich/mutmaßlich nicht von Rus­sen initi­iert wur­de, hält die Welt nicht davon ab, die Vor­ge­hens­wei­se als “vom rus­si­schen Geheim­dienst per­fek­tio­niert” zu beschrei­ben. Das Sam­meln von Kom­pro­mat soll dadurch als etwas genu­in “rus­si­sches” dar­ge­stellt wer­den – obwohl im kon­kre­ten Fall das Kom­pro­mat doch schein­bar von west­li­cher Sei­te initi­iert, gesam­melt, geparkt und nun strategisch/politisch ein­ge­setzt wur­de.

Ande­rer­seits ord­net die Welt das Gesche­hen aber rich­tig ein :

Der­je­ni­ge, der Stra­che die Fal­le gestellt hat, hat viel inves­tiert. Über einen län­ge­ren Zeit­raum haben die unbe­kann­ten Akti­vis­ten das Ver­trau­en des FPÖ-Poli­ti­kers Johann Gude­nus gewon­nen, um schließ­lich Stra­che zu tref­fen. Zuvor haben sie Legen­den geschaf­fen, eine Vil­la auf Ibi­za ange­mie­tet, Über­wa­chungs­tech­nik bereit­ge­stellt. All das kos­tet Geld, Zeit, Mühe.”

Drän­gen­de Fra­gen an die betei­lig­ten Medi­en

Der Vor­gang wirft laut Welt Fra­gen auf, die “poli­ti­scher und medi­en­ethi­scher Natur” sei­en, so die Sprin­ger-Zei­tung über­ra­schend zutref­fend. Die dubio­se Rol­le und das rät­sel­haf­te Vor­wis­sen des Sati­ri­kers Jan Böh­mer­mann scheint eher ein Nischen­the­ma. Die für die­se Kolum­ne beson­ders inter­es­san­ten medi­en-ethi­schen Fra­gen lau­ten eher, war­um das Video zwei Jah­re lang zurück­ge­hal­ten wur­de, ehe es Spie­gel und Süd­deut­sche Zei­tung unmit­tel­bar vor der Euro­pa­wahl ver­öf­fent­li­chen konn­ten. Wich­tig ist auch die Fra­ge, ob es eine gute Sache ist, wenn die­se bei­den Medi­en für die gemeinsame/parallele Ver­öf­fent­li­chung des Kom­pro­mats vor­über­ge­hend ihre Kon­kur­renz auf­ge­ben – sozu­sa­gen für die “gute” Sache ?

Zur grenz­wer­ti­gen Rol­le der Medi­en betont die Zei­tung :

Bei die­ser Akti­on wur­de nicht nur recher­chiert, hier wur­de vor allem insze­niert : Wer auch immer dahin­ter­steckt, kann sich nicht auf die Rol­le eines Jour­na­lis­ten zurück­zie­hen, der zufäl­lig (oder absicht­lich) dabei war, als Stra­che sei­ne demo­kra­tie­feind­li­chen Plä­ne abson­der­te. Die Situa­ti­on wur­de viel­mehr bewusst geschaf­fen, um Stra­che bloß­zu­stel­len.”

Inhalt des Vide­os soll dubio­se Erstel­lung recht­fer­ti­gen

Sol­che Fra­gen nach der eige­nen Berufs­ethik wür­de die FAZ dage­gen gern umge­hen. In die­sem Bemü­hen ver­mischt die Zei­tung unse­ri­ös die Fra­gen nach dem Gesprächs­in­halt einer­seits und der Ent­ste­hung des Vide­os ande­rer­seits. So soll indi­rekt durch den skan­da­lö­sen und pein­li­chen Gesprächs­in­halt die dubio­se Ent­ste­hungs­ge­schich­te gerecht­fer­tigt wer­den : 

Alles, was Öster­reichs ehe­ma­li­ger Vize­kanz­ler in dem Ibi­za-Video gesagt hat, dis­qua­li­fi­ziert ihn für jedes öffent­li­che Amt. Das gilt unab­hän­gig davon, wer ihm die Fal­le gestellt hat.”

Zum bes­se­ren Ver­ständ­nis und zur rea­lis­ti­schen poli­tisch-mora­li­schen Ein­ord­nung (Ach­tung : “Whata­bou­tism”) soll­te die Epi­so­de zusätz­lich aus einem ande­ren Blick­win­kel betrach­tet wer­den : Ange­nom­men es käme her­aus, dass sich der rus­si­sche Geheim­dienst mühe­voll an Nor­bert Rött­gen her­an­ge­pirscht hat. In einem fin­gier­ten Tref­fen hät­te dann ein angeblicher/gespielter Goog­le-Mit­ar­bei­ter poli­ti­sche Schüt­zen­hil­fe für (fort­ge­setz­te) Steu­er­be­frei­un­gen ange­bo­ten. Das davon erstell­te Video wäre jah­re­lang archi­viert wor­den, um es zu einem stra­te­gi­schen Zeit­punkt zu ver­öf­fent­li­chen. Wür­de die­ser Vor­gang nicht alle Kri­te­ri­en jener ver­such­ten Ein­fluss­nah­me erfül­len, die man Russ­land so inten­siv vor­wirft ? Und wür­de die­se Facet­te des Vor­gangs in west­li­chen Medi­en nicht so mas­siv über­be­tont wer­den, dass even­tu­el­le Poli­ti­ker-Zusa­gen an US-Inter­es­sen dahin­ter mög­lichst ver­steckt wür­den ?

Noch mehr “rus­si­sche Ein­mi­schung”: Russ­land und die deut­sche Anti­fa

Der Fall Stra­che war in die­ser Woche nicht der ein­zi­ge Ver­such, kurz vor der EU-Wahl “rus­si­sche Ein­fluss­nah­me” zu instru­men­ta­li­sie­ren. Basie­rend auf einem Arti­kel der New York Times ver­mel­de­ten auch gro­ße deut­sche Medi­en rus­si­sche Angrif­fe auf die EU-Demo­kra­tie. Laut Spie­gel etwa “setzt Russ­land vor der Euro­pa­wahl auf Mani­pu­la­ti­on im Inter­net. Dem Bericht zufol­ge unter­stützt der Kreml nicht nur die AfD – son­dern auch loka­le Anti­fa-Grup­pen”. Und der Deutsch­land­funk mel­det brav : “Die Hin­wei­se dar­auf, dass Mos­kau hin­ter einem Groß­teil der ‘Fake News’ und Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen steht, meh­ren sich.” Die Nach­Denk­Sei­ten monie­ren bei die­ser Kam­pa­gne nicht nur die feh­len­de logi­sche Basis :

Noch selt­sa­mer ist, dass die­se Ver­schwö­rungs­theo­rie offen­bar auch voll­kom­men los­ge­löst von jeg­li­chen Evi­den­zen daher­kommt. Selbst nach mehr­ma­li­gem Lesen ist mir immer noch nicht wirk­lich klar, wor­in die Quer­ver­bin­dung zwi­schen den bei­den Anti­fa-Grup­pen und Russ­land nun eigent­lich bestehen soll.”

Kriegs­vor­be­rei­tung gegen den Iran ?

In die­ser Woche ereil­te vie­le Medi­en­kon­su­men­ten ein böses Déjà-vu. Anschei­nend zur Kriegs­vor­be­rei­tung gegen den Iran wur­den diver­se dubio­se und unbe­leg­te “Kri­sen”- und “Sabotage”-Vorfälle in zahl­rei­chen Medi­en ver­brei­tet. Das allein wäre nicht über­ra­schend. Über­ra­schend hin­ge­gen ist die kri­ti­sche Distanz eini­ger Zei­tun­gen aus der zwei­ten Rei­he zu die­sen Mel­dun­gen – hier schei­nen eini­ge Medi­en eine Lek­ti­on aus den Lügen­kam­pa­gnen vor den Golf­krie­gen gelernt zu haben. Dar­auf spielt etwa die Rhein­pfalz an :

Es häu­fen sich nebu­lö­se Andeu­tun­gen der Ame­ri­ka­ner über ‘Hin­wei­se’ auf ira­ni­sche Angriffs­plä­ne. Die Auf­re­gung über Sabo­ta­ge gegen Öltan­ker zeigt, wie ange­spannt die Lage ist. Es fehlt eigent­lich nur noch, dass Pom­peo wie Colin Powell 2003 im UN-Sicher­heits­rat Kriegs­grün­de dar­legt, die es nicht gibt.”

Und auch der Mann­hei­mer Mor­gen zieht die rich­ti­gen Par­al­le­len, setzt aber eine mög­li­cher­wei­se ver­früh­te Hoff­nung in die Ver­nunft der Euro­pä­er :

Die Lage erin­nert fatal an die vor 16 Jah­ren. Damals führ­te US-Prä­si­dent Geor­ge W. Bush erst einen ver­ba­len und dann einen rea­len Feld­zug gegen den Irak. (…) Einen Unter­schied gibt es dies­mal aller­dings : Soll­te der US-Prä­si­dent tat­säch­lich einen Krieg im Nahen Osten anzet­teln, müss­te er – anders als damals Bush – ohne mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung der Euro­pä­er aus­kom­men.”

Stoppt den Mas­sen­mord!”

Eine der bes­se­ren Ein­ord­nun­gen zum Vor­kriegs­ge­sche­hen lie­fert der Info­sper­ber. Und einen etwas grö­ße­ren Bogen vom Iran bis nach Vene­zue­la spannt Oskar Lafon­tai­ne, der das Ende der deut­schen Unter­stüt­zung für “Mas­sen­mör­der” for­dert. Lafon­tai­ne betont, eine Stu­die habe erge­ben, dass die von den USA über Vene­zue­la ver­häng­ten Sank­tio­nen zum Tod von 40.000 Men­schen führ­ten. “Die Sank­tio­nen wer­den von der EU und auch von Maas unter­stützt. Ab wann ist man eigent­lich ein Mas­sen­mör­der ? Ab 100 Toten ? Ab 1.000 Toten ? Ab 10.000 Toten ? Ab 40.000 Toten?”, so der LIN­KE-Poli­ti­ker. Lafon­tai­ne fol­gert auch für ande­re Kon­flik­te :

Die deut­sche Poli­tik wäre nur glaub­wür­dig, wenn sie den USA die Nut­zung ihrer Mili­tär­ba­sen auf deut­schem Boden und die Über­flug­rech­te, die für das Mor­den in vie­len Län­dern not­wen­dig sind, end­lich ver­wei­gern und die grund­ge­setz­wid­ri­ge Betei­li­gung der Bun­des­wehr an US-geführ­ten Krie­gen been­den wür­de.”

Sol­chen “Zersetzungs”-Versuchen gegen die NATO sol­len mut­maß­lich “Stu­di­en” und Arti­kel wie der fol­gen­de ent­ge­gen­wir­ken : “Der NATO-Aus­tritt Ame­ri­kas wür­de Euro­pa mehr als 350 Mil­li­ar­den Dol­lar kos­ten”, ver­mel­de­te die FAZ und zahl­rei­che wei­te­re Medi­en. Sie neh­men bei der gewag­ten Aus­sa­ge eine “Stu­die des Lon­do­ner Inter­na­tio­nal Insti­tu­te for Stra­te­gic Stu­dies (IISS)” als Grund­la­ge. Dabei wird die mut­maß­lich ideo­lo­gisch gefärb­te “Stu­die” distanz­los als seri­ös dar­ge­stellt. Übri­gens : “Das Aus­wär­ti­ge Amt in Ber­lin hat­te zu der Stu­die ange­regt und die­se mit­fi­nan­ziert”, so der Spie­gel.

Die (vor­sätz­li­che) Nai­vi­tät der “Bayer”-Berichterstattung

Schein­bar kalt erwischt wur­den vie­le deut­sche Medi­en in die­ser Woche von den exis­ten­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten, in die der Bay­er-Kon­zern durch die Fusi­on mit Mon­s­an­to gestürzt wur­de. Die Beto­nung liegt auf “schein­bar”, denn die Über­ra­schung über die dro­hen­de Kri­se des Unter­neh­mens erscheint geheu­chelt : Bereits 2016, also vor der Fusi­on, wur­de etwa in die­sem Arti­kel vor den gro­ßen Gefah­ren für Bay­er durch die Fusi­on gewarnt. Die Fra­gen danach, “wie das nur pas­sie­ren” konn­te, wer­den zudem nun offen­sicht­lich vor­sätz­lich naiv gestellt.

Bay­er AG : In der Hand der US-Inves­to­ren

Die Grün­de für die Bay­er nun mög­li­cher­wei­se ver­schlin­gen­de Mon­s­an­to-Fusi­on lie­gen in der Eigen­tü­mer­struk­tur : Bay­er ist domi­niert von US-ame­ri­ka­ni­schen Hedge-Fonds. Es waren teils die glei­chen Fonds, die die Mehr­hei­ten sowohl bei Bay­er als auch bei Mon­s­an­to hiel­ten, und die die Fusi­on vor­an­ge­trie­ben haben. Die­se Struk­tur und die Unstim­mig­keit der Aus­sa­gen vom “stu­pid Ger­man Money” bringt Jens Ber­ger auf den Punkt :

Die Bay­er AG war und ist zumin­dest gemes­sen an den Besitz­ver­hält­nis­sen gar kein deut­sches Unter­neh­men. Vor der Fusi­on mit Mon­s­an­to waren die größ­ten Bay­er-Aktio­nä­re die US-Ver­mö­gens­ver­wal­tun­gen Black­Rock, Van­guard und die Capi­tal Group. Genau die­se drei Unter­neh­men waren übri­gens auch – wenn auch in ande­rer Rei­hen­fol­ge – die größ­ten Aktio­nä­re von Mon­s­an­to. Heu­te stam­men nur noch 20 Pro­zent des Akti­en­ka­pi­tals aus Deutsch­land, die Bay­er AG gehört also zu vier Fünf­tel inter­na­tio­na­len Inves­to­ren wie Black­Rock, Van­guard, Fide­li­ty, Dodge & Cox oder den Staats­fonds von Sin­ga­pur und Nor­we­gen. Die­se Akteu­re waren es auch, die für die Fusi­on mit Mon­s­an­to direkt ver­ant­wort­lich zeich­ne­ten.”

Hat man die­se Infor­ma­tio­nen im Hin­ter­kopf, wird die (wie gesagt : vor­sätz­li­che) Nai­vi­tät der aktu­el­len Bay­er-Bericht­erstat­tung offen­sicht­lich. So fragt die Osna­brü­cker Zei­tung : “Ist es wirk­lich denk­bar, dass das Bay­er-Manage­ment trotz sei­ner gro­ßen Erfah­rung im Phar­ma­be­reich die Über­nah­me von Mon­s­an­to kom­plett falsch ein­ge­schätzt hat?” Und auch die Süd­deut­sche Zei­tung behaup­tet mut­maß­lich wider bes­se­ren Wis­sens : “Bay­er wuss­te wohl nicht so recht, wie gif­tig die US-Pil­le ist, die der Kon­zern schluck­te.”

RT Deutsch bemüht sich um ein brei­tes Mei­nungs­spek­trum. Gast­bei­trä­ge und Mei­nungs­ar­ti­kel müs­sen nicht die Sicht­wei­se der Redak­ti­on wider­spie­geln. 

RT Deutsch


Venezuela-Putsch, Kühnert-“Sozialismus”, CO2-Steuer : Ein Wochenrückblick auf den medialen Abgrund


von Tho­mas Schwarz

Die völ­ker­rechts­wid­ri­gen und anti­de­mo­kra­ti­schen Vor­gän­ge in Vene­zue­la, die mit dem Putsch­ver­such vom Diens­tag einen vor­läu­fi­gen Höhe­punkt erreicht haben, kön­nen auch eine rei­ni­gen­de Wir­kung ent­fal­ten. Denn so quä­lend es ist, das latein­ame­ri­ka­ni­sche Land im schein­bar fes­ten Griff von Ein­mi­schun­gen durch das Aus­land zu beob­ach­ten : Das Ver­hal­ten des “Inte­rims­prä­si­den­ten” Juan Guai­dó und sei­ner US-ame­ri­ka­ni­schen (und deut­schen) Steig­bü­gel­hal­ter ist so offen­sicht­lich unmo­ra­lisch und ille­gal, dass es jene Poli­ti­ker und Jour­na­lis­ten, die sich am Umsturz­ver­such und sei­ner pro­pa­gan­dis­ti­schen Absi­che­rung betei­li­gen, mit einem weit sicht­ba­ren Makel belegt.

Die media­len und poli­ti­schen Heu­che­lei­en, die aktu­ell im Zusam­men­hang mit den Angrif­fen gegen die recht­mä­ßi­ge Regie­rung Vene­zue­las zuta­ge tre­ten, könn­ten also vie­le Medi­en­kon­su­men­ten von ihrem irri­gen “Ver­trau­en” in die­se bei­den Grup­pen kurie­ren. Zusätz­lich zu die­ser Skep­sis gegen­über zukünf­ti­gen Medi­en­kam­pa­gnen zu “west­li­chen Wer­ten” etc. kann der Fall Vene­zue­la auch in die Ver­gan­gen­heit wir­ken.

Medi­en zu Vene­zue­la : Echos vom Mai­dan und aus Syri­en

So schrump­fen in Rela­ti­on zur ganz offe­nen Ver­schwö­rung der USA und ihrer Ver­bün­de­ter gegen Vene­zue­las Regie­rung die Vor­wür­fe der angeb­li­chen “rus­si­schen Ein­mi­schun­gen” in west­li­che Wahl­kämp­fe noch­mals erheb­lich zusam­men. Der kri­tik­lo­se Umgang mit mili­tan­ten vene­zo­la­ni­schen Demons­tran­ten erin­nert wie­der­um stark an die Ver­klä­rung der Para­mi­li­tärs in Syri­en und auf dem Mai­dan-Platz zu einer fried­lie­ben­den “Zivil­ge­sell­schaft”. Die aus­schließ­lich nega­ti­ve Dar­stel­lung der Regie­rungs­sei­te in Form von Sol­da­ten und dif­fa­mier­ten Poli­ti­kern, wäh­rend die “Oppo­si­ti­on” als bun­te, schö­ne und mun­te­re Grup­pe gezeigt wird, kennt man eben­falls aus der Ukrai­ne und aus Syri­en. Die kri­tik­lo­se Dar­stel­lung von belas­te­ten vene­zo­la­ni­schen Poli­ti­kern wie Juan Guai­dó oder Leo­poldo López als “demo­kra­ti­sche Hoff­nungs­trä­ger” gemahnt an die Legen­den­bil­dung um den rus­si­schen Pro­vo­ka­teur Ale­xei Nawal­ny und eben­falls an die Kam­pa­gnen zu Syri­en und zur Ukrai­ne.

Durch die Offen­sicht­lich­keit des Unrechts, in das sich die vene­zo­la­ni­schen Put­schis­ten set­zen, gerät das mit den Put­schis­ten ver­bun­de­ne Sys­tem der Pro­pa­gan­da zu den “west­li­chen Wer­ten” unter Druck und wird – hof­fent­lich nach­hal­tig – ent­zau­bert.

Deut­sche Medi­en lie­ben die Mili­tanz – Wenn sie im Aus­land tobt

Man kann sich die emo­tio­na­le und höchst kri­ti­sche Bericht­erstat­tung aus­ma­len, hät­ten hin­ter dem Putsch­ver­such Russ­land oder Chi­na gestan­den. Da Guai­dó aber der Mann des Wes­tens ist, beschwo­ren etwa die Tages­the­men in der ARD am 30. April nur “schick­sal­haf­te Stun­den” und gewähr­ten dem Put­schis­ten Guai­dó viel Raum, um sei­ne “Ope­ra­ti­on Frei­heit” zu ver­tei­di­gen. Auf die Dis­kre­panz der media­len Hal­tun­gen zur Mili­tanz je nach­dem, ob sie in Deutsch­land oder im kon­kur­rie­ren­den Aus­land auf­tritt, wei­sen die Nach­Denk­Sei­ten hin :

Ein Ver­gleich mit hie­si­gen Zustän­den ver­deut­licht die unter­schied­li­chen Maß­stä­be : Wenn die ARD etwa ’neu­tral’ berich­tet, ‘Oppo­si­tio­nel­le’ hät­ten eine Mili­tär­ba­sis in Cara­cas ange­grif­fen, so wäre inter­es­sant, ob sol­che mili­tan­ten Akti­vis­ten auch in Deutsch­land als ‘oppo­si­tio­nell’ bezeich­net wür­den. Wie wür­den wohl die deut­sche Poli­zei und die deut­schen Medi­en reagie­ren, wenn Demons­tran­ten unter Füh­rung der deut­schen ‘Oppo­si­ti­on’ Bun­des­wehr­ka­ser­nen angrei­fen wür­den ?

Ein Putsch ist ein Putsch – Aber nicht für ARD und ZDF

Die Ver­let­zung der jour­na­lis­ti­schen Stan­dards äußert sich bei der ARD auch dar­in, dass die Kor­re­spon­den­tin Xenia Bött­cher sich wei­gert, den Putsch auch als Putsch zu bezeich­nen : “Für die Regie­rung ist der Auf­stand ein Putsch­ver­such”, lau­tet ihre Sprach­re­ge­lung. Die nutzt auch das Heu­te Jour­nal am 30. April im ZDF, wenn ver­kün­det wird : “Vene­zue­las Regie­rung spricht von einem Putsch­ver­such”.

In der ARD tut der­weil US-Kor­re­spon­dent Jan Phil­lip Burgard so, als sei er beson­ders naiv, wenn er sagt, die USA hät­ten “huma­ni­tä­re Inter­es­sen” in Vene­zue­la, neben wirt­schaft­li­chen und geo­po­li­ti­schen. Die US-Ver­ant­wort­li­chen woll­ten angeb­lich “kei­ne Dik­ta­tur in der eige­nen Hemi­sphä­re dul­den, in der das Volk lei­det”. Das ZDF ord­net die angeb­li­chen inter­na­tio­na­len Moti­va­tio­nen für das Schü­ren des Kon­flikts wie­der­um so ein : “Man weiß, dass das Haupt­in­ter­es­se ganz klar aus Russ­land und aus Chi­na kommt. Sie haben viel Geld inves­tiert. Die Rus­sen sind auch ver­tre­ten mit Mili­tär­be­ob­ach­tern. Je nach Quel­le ist von tau­sen­den Trup­pen die Rede”. Die­se Quel­len wer­den jedoch nicht genannt. Statt­des­sen wird den USA die abso­lut unrea­lis­ti­sche Posi­ti­on eines Zaun­gas­tes zuge­wie­sen und sie wer­den dadurch in Schutz genom­men : “Die USA hal­ten sich auf­fal­lend zurück. Für sie ist auch nicht ganz so ent­schei­dend, was in Vene­zue­la pas­siert.”

Deutsch­lands Ver­stri­ckung wird tief gehängt

Dass die USA und ihr enger Ver­bün­de­ter Deutsch­land jedoch alles ande­re als Zaun­gäs­te sind, zeigt der Ver­weis auf einen in den gro­ßen Medi­en nun weit­ge­hend ver­schwie­ge­nen Aspekt : Auch Deutsch­land hat Guai­dó “aner­kannt”. Dass die­se Hal­tung im Wider­spruch zum Urteil des Wis­sen­schaft­li­chen Diens­tes des Bun­des­ta­ges steht, wird eben­falls nicht ange­mes­sen the­ma­ti­siert. Ange­sichts die­ser media­len Ver­wei­ge­rungs­hal­tung hat­te Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) in die­ser Woche sogar den Spiel­raum, sein skan­da­lö­ses Bekennt­nis zu einem Put­schis­ten auch noch zu erneu­ern, wie etwa Tele­po­lis beschreibt :

Maas, der sich der­zeit auf einer Süd­ame­ri­ka­rei­se befin­det und wäh­rend des Putsch­ver­suchs in Vene­zue­la den ultra­rech­ten Prä­si­den­ten von Bra­si­li­en, Jair Bol­so­na­ro, traf, ver­si­cher­te dem selbst­er­nann­ten Über­gangs­prä­si­den­ten Juan Guai­dó sei­ne Unter­stüt­zung : ‘Wir wol­len eine Per­spek­ti­ve für Neu­wah­len und unter­stüt­zen daher Juan Guai­dó nach wie vor’, schrieb er auf Twit­ter. ‘Was wir nicht wol­len ist, dass die Waf­fen spre­chen. Wir brau­chen eine poli­ti­sche, kei­ne mili­tä­ri­sche Lösung’, so Maas wei­ter.

Ohne das Mili­tär wäre Madu­ro längst vom Volk aus dem Amt gefegt wor­den”

Eine ver­brei­te­te media­le Stra­te­gie gegen den vene­zo­la­ni­schen Prä­si­den­ten Nicolás Madu­ro besteht dar­in, die gro­ße Unter­stüt­zung für sei­ne Regie­rung in der Bevöl­ke­rung abzu­strei­ten und zu behaup­ten, all sei­ne Macht beru­he auf “dem Mili­tär”. Exem­pla­risch sei dazu die Nord­west-Zei­tung zitiert :

Auch der jüngs­te Umsturz­ver­such im vene­zo­la­ni­schen Macht­kampf zeigt, wer wirk­lich die Macht hält in dem süd­ame­ri­ka­ni­schen Kri­sen­land : nicht Prä­si­dent Nicolás Madu­ro, nicht Inte­rims­prä­si­dent Juan Guai­dó, son­dern das Mili­tär. Ohne das Mili­tär wäre der auto­ri­tär regie­ren­de Madu­ro längst von dem unter sei­ner Miss­wirt­schaft lei­den­den, hun­gern­den Volk aus dem Amt gefegt wor­den.

Bei die­ser in zahl­rei­chen Berich­ten prak­ti­zier­ten Über­be­to­nung einer “ent­schei­den­den Rol­le des Mili­tärs” wird oft fol­gen­de Sprach­re­ge­lung ver­wen­det : die Gene­rä­le wür­den vom Régime pro­fi­tie­ren und sei­en nur aus die­sem Grund noch loy­al. Doch war­um zögern die ein­fa­chen Sol­da­ten mit dem Über­lau­fen ? Xenia Bött­cher von der ARD erklärt die­ses Zau­dern der nie­de­ren Rän­ge mit einer gewag­ten Ver­schwö­rungs­theo­rie, für die sie kei­ne Quel­le nennt : “Die ein­fa­chen Sol­da­ten wer­den, so sagt man, vom kuba­ni­schen Geheim­dienst kon­trol­liert.”

Der “Nawal­ny von Cara­cas” – Leo­poldo López als “nor­ma­ler” Oppo­si­tio­nel­ler

In den Berich­ten des ZDF wie­der­um wird Leo­poldo López als ganz “nor­ma­ler”, aus der Haft befrei­ter “Oppo­si­ti­ons­füh­rer” ohne belas­ten­de Ver­gan­gen­heit dar­ge­stellt. Des­sen Hin­ter­grün­de wer­den nicht erwähnt – etwa, dass er schon im Jahr 2002 einen Putsch unter­stützt hat oder dass er nicht nur 2014 zu gewalt­tä­ti­gen Demons­tra­tio­nen auf­ge­ru­fen hat. Dass hier ein rechts­kräf­tig ver­ur­teil­ter Mili­tan­ter in einer mut­maß­lich para­mi­li­tä­ri­schen Akti­on “von ehe­ma­li­gen Sol­da­ten befreit” wor­den sei, schei­ne das Rechts­emp­fin­den des ZDF nicht zu stö­ren, mer­ken die Nach­Denk­Sei­ten an : Man stel­le sich eine ver­gleich­ba­re Gefan­ge­nen­be­frei­ung durch Ex-Sol­da­ten der Bun­des­wehr in Deutsch­land vor – und die ent­spre­chen­den offi­zi­el­len und media­len Reak­tio­nen. Die Nach­Denk­Sei­ten betrach­ten die­se Medi­en­tak­tik näher :

Nun könn­te man das Urteil gegen López jour­na­lis­tisch über­prü­fen und – bei Bewei­sen – als unge­recht ent­lar­ven. Doch das pas­siert nicht. Denn es ist durch die ver­zer­ren­de Bericht­erstat­tung zu Vene­zue­la ein Sta­tus erreicht, in dem pau­schal jede Äuße­rung der vene­zo­la­ni­schen Regie­rung als Lüge und jedes Gerichts­ur­teil (etwa gegen López) als Jus­tiz-Ver­bre­chen abge­tan wer­den kann, ohne das dann noch kon­kret begrün­den zu müs­sen. Ähn­lich ver­hält es sich mit den längst nicht mehr unter­mau­er­ten Anschul­di­gun­gen von ‘Miss­wirt­schaft’ und ‘Kor­rup­ti­on’. Aus die­sem selbst erzeug­ten Sta­tus der Dif­fa­mie­rung lei­ten man­che Medi­en das ‘Recht’ ab, die Regie­rungs­sei­te gar nicht mehr zu Wort kom­men zu las­sen. Die Äuße­run­gen beinhal­te­ten ja ohne­hin nur ‘Pro­pa­gan­da’.

Was mut­maß­lich ech­te Pro­pa­gan­da ist, zeigt stell­ver­tre­tend für wei­te Tei­le der gro­ßen Pri­vat­me­di­en ande­rer­seits die Welt beim The­ma Vene­zue­la :

Es ist wich­tig, dass der Wes­ten sich wei­ter kraft­voll hin­ter Guai­dó stellt und all jenen glaub­wür­dig Stra­fen androht, die an Men­schen­rechts­ver­bre­chen des Regimes betei­ligt sind. Auch um den Ein­fluss Russ­lands, Chi­nas und Kubas ein­zu­he­gen, die alles dran­set­zen, die kor­rup­te Gewalt­herr­schaft Madu­ros zu ret­ten.

Wie können die Men­schen in Vene­zue­la das Régime los­wer­den?”

Die weni­gen ver­nehm­ba­ren kri­ti­schen Stim­men zum Putsch­ver­such sind ange­sichts des media­len Ver­sa­gens umso wich­ti­ger. Ein­mal mehr ist da ein Flü­gel der Links­par­tei zu erwäh­nen, zum Bei­spiel Sevim Dağ­de­len von der Links­frak­ti­on im Bun­des­tag, die ihre Kri­tik etwa hier twit­ter­te. Beson­ders her­vor­ge­tan hat sich auch der LIN­KEN-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Andrej Hun­ko, der laut Spie­gel mit einem Besuch bei Madu­ro “für Empö­rung” gesorgt habe : “Par­la­men­ta­ri­er kri­ti­sie­ren, der Kol­le­ge mache sich zum Hand­lan­ger eines Herr­schers, der Land und Volk rui­nie­re.”

In einem Inter­view mit dem Deutsch­land­funk muss­te sich Hun­ko für die­sen Ver­such der Ver­stän­di­gung “ver­tei­di­gen”. Hier sind eini­ge der inqui­si­to­ri­schen Fra­gen, die das aktu­el­le Niveau des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks ganz gut illus­trie­ren :

Wie kön­nen die Men­schen in Vene­zue­la das Régime los­wer­den?” “Herr Hun­ko, Ent­schul­di­gung ! War­um sind Mil­lio­nen Vene­zo­la­ne­rin­nen und Vene­zo­la­ner geflo­hen, aus ihrem Land abge­hau­en, über die Gren­ze?” “Wie­so haben Sie es in Kauf genom­men, dass Sie mit Ihrem Besuch bei Madu­ro einen Dik­ta­tor auf­ge­wer­tet haben?” “Haupt­sa­che sozia­lis­tisch ! – Bewegt sich da die Außen­po­li­tik der Links­frak­ti­on 30 Jah­re nach der Wen­de immer noch auf DDR-Niveau?”

Kevin Küh­nert – Und sein Gespenst vom (angeb­li­chen) Sozia­lis­mus

Ein Gespenst hat der Juso-Vor­sit­zen­de Kevin Küh­nert in die­ser Woche mit einem Inter­view in der Zeit frei­ge­setzt : Das der (schein­ba­ren) Rück­kehr der SPD zu ihren sozia­lis­ti­schen Wur­zeln. Der Pos­til­lon drückt es so aus : “Juso-Chef in der Kri­tik, weil er lin­ke Ide­en hat.”

Die übri­ge media­le Reak­ti­on auf den mut­maß­lich nicht ernst gemein­ten Küh­nert-Vor­stoß kann man nur als erwar­tungs­ge­mäß pro­to­kol­lie­ren. So meint die Rhein-Neckar-Zei­tung : “Küh­nert trägt zur Ver­un­si­che­rung der Men­schen bei. Denn radi­ka­le und ver­meint­lich ein­fa­che Lösun­gen gibt es von den Popu­lis­ten am rech­ten und lin­ken Rand bereits mehr als genug.” Die Nürn­ber­ger Nach­rich­ten schrei­ben : “Küh­nert ist kein Vor-, son­dern ein Rück­wärts-Den­ker : BMW ver­staat­li­chen ? Ein Irr­weg.” Und die Schwä­bi­sche Zei­tung weiß : “Der Kapi­ta­lis­mus mag Unge­rech­tig­kei­ten pro­du­zie­ren, aber dass der Sozia­lis­mus als Gesell­schafts­form nicht funk­tio­niert, soll­te auch zum Juso-Chef vor­ge­drun­gen sein.”

Auf den Boden der Tat­sa­chen holt die Debat­te im Gegen­satz dazu die taz mit die­sen rich­ti­gen Ein­schät­zun­gen zurück :

Der Juso redet radi­ka­ler als die katho­li­sche Sozi­al­leh­re, aber nicht fun­da­men­tal anders. Küh­nerts Ide­en sind wol­kig, eine Art Kom­bi­na­ti­on aus Markt­wirt­schaft und Genos­sen­schaf­ten. Beun­ru­hi­gend ist nicht eine stei­le For­mu­lie­rung, beun­ru­hi­gend ist eine Lin­ke, die vor lau­ter Angst, anzu­ecken, gar kei­ne Zukunfts­ide­en mehr hat.

Ent­eig­nungs­de­bat­ten : Über­fäl­li­ger Vor­stoß oder ablen­ken­des Thea­ter ? 

Der Vor­gang ist zwei­schnei­dig : Zum einen ist zu begrü­ßen, wenn durch die Ent­eig­nungs­de­bat­ten zu Woh­nun­gen und Kon­zer­nen der Spiel­raum der Dis­kus­sio­nen end­lich wie­der um real-sozia­lis­ti­sche Ele­men­te erwei­tert wird. Gleich­zei­tig erre­gen die­se Debat­ten den star­ken Ver­dacht, rei­ne Ablen­kungs­ma­nö­ver und fol­gen­lo­se Hys­te­ri­en zu sein. Die­se mut­maß­lich zutref­fen­de Hal­tung ver­tritt auch Jens Ber­ger, der zur “Küh­nert-Debat­te” schreibt : 

Ein abge­kar­te­tes Polit­thea­ter, bei dem auch Küh­nert und die ZEIT ihre Rol­le ein­ge­nom­men haben und alle Betei­lig­ten ihren Schnitt machen – außer die Öffent­lich­keit natür­lich ; die wird mal wie­der für dumm ver­kauft.

Medi­en, Poli­tik, Indus­trie, Akti­vis­ten : Ganz gro­ße Koali­ti­on für eine CO2-Steu­er

Mut­maß­lich in die Irre geführt wird die Öffent­lich­keit mut­maß­lich auch bei eini­gen Teil­as­pek­ten des Kli­ma­schut­zes. Der Ver­such, die Kli­ma­de­bat­te in eine die Bür­ger zusätz­lich belas­ten­de Steu­er umzu­wan­deln, läuft auf Hoch­tou­ren : Für die soge­nann­te CO2-Steu­er hat sich eine ganz gro­ße Koali­ti­on aus Medi­en, Poli­tik, Indus­trie und Akti­vis­ten gebil­det. Die­se Koali­ti­on beschreibt die Frank­fur­ter Rund­schau und glie­dert sich auch gleich dar­in ein :

Die Neu­ord­nung der Ener­gie­be­steue­rung, die sich am CO2-Gehalt der Ener­gie­trä­ger ori­en­tiert, ist längst über­fäl­lig. Nicht nur Kli­ma­for­scher, Öko­no­men und Umwelt­schüt­zer for­dern sie seit lan­gem. Inzwi­schen tut das selbst der mäch­ti­ge Indus­trie­ver­band BDI.

Den sozia­len Spreng­stoff, der hin­ter den schön klin­gen­den Plä­nen ver­steckt wird, ana­ly­siert mut­maß­lich tref­fend die Mit­tel­deut­sche Zei­tung :

Es ist nahe­zu unver­meid­lich, dass vor allem ein­kom­mens­schwä­che­re Bevöl­ke­rungs­schich­ten unter einer CO2-Steu­er zu lei­den hät­ten. Wer in einem schlecht gedämm­ten Alt­bau mit Ölhei­zung lebt, wer einen in die Jah­re gekom­me­nen Sprit­schlu­cker fah­ren muss, wer kon­ven­tio­nell pro­du­zier­te Lebens­mit­tel kauft, wird über­pro­por­tio­nal belas­tet. Auch droht eine neue Unge­rech­tig­keit zwi­schen Stadt- und Land­be­völ­ke­rung : Üppi­ge Nah­ver­kehrs­an­ge­bo­te und wohn­ort­na­he Jobs mögen es man­chem Groß­städ­ter ermög­li­chen, auf ein Auto zu ver­zich­ten. Men­schen auf dem Land haben die­se Mög­lich­keit in der Regel nicht.

Kli­ma : Die Heu­che­lei der Ver­mö­gen­den

Die bereits erwähn­te “selt­sa­me Ein­heits­front pro CO2-Steu­er” beschreibt zu guter Letzt auch der Jour­na­list Win­fried Wolf. Auch er warnt vor der sozia­len Unge­rech­tig­keit der Steu­er – und weist zusätz­lich auf die Heu­che­lei gut­ver­die­nen­der “Kli­ma­schüt­zer” hin :

Die CO2-Steu­er wird also die Durch­schnitts­ver­die­ner und damit die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung deut­lich belas­ten und die Armen sehr hart tref­fen. Die Gut­ver­die­ner wer­den die­se Steu­er mit einem Grum­meln zur Kennt­nis neh­men. Die Ver­mö­gen­den und Rei­chen wer­den eine CO2-Steu­er erst gar nicht spü­ren. (…) Zwei­tens wird eine CO2-Steu­er nicht der Tat­sa­che gerecht, dass die Kli­ma­fra­ge in star­kem Maß eine sozia­le Fra­ge ist. Je rei­cher die Men­schen, des­to grö­ßer ist die Kli­ma­be­las­tung. Damit ist eine sol­che Steu­er auch deut­lich unwirk­sam. Das unte­re Vier­tel der Bevöl­ke­rung ist nur für einen Bruch­teil der CO2-Belas­tung ver­ant­wort­lich, das obe­re Vier­tel dage­gen für deut­lich mehr.

RT Deutsch bemüht sich um ein brei­tes Mei­nungs­spek­trum. Gast­bei­trä­ge und Mei­nungs­ar­ti­kel müs­sen nicht die Sicht­wei­se der Redak­ti­on wider­spie­geln.

RT Deutsch


AfD-“Spion”, NATO-Jahrestag, Mieter-Protest : Ein Wochenrückblick auf den medialen Abgrund


von Tho­mas Schwarz

Zur von Spie­gel, ZDF und BBC in den ver­gan­ge­nen Tagen “auf­ge­deck­ten” rus­si­schen “Ein­fluss­nah­me” auf die Bun­des­po­li­tik, die “wei­ter als bis­her bekannt” gehe, lässt sich aktu­ell nur eines mit Sicher­heit sagen : Nichts Genau­es weiß man nicht. Der media­le Umgang mit dem unge­klär­ten Vor­gang lässt sich aber bereits poli­tisch-mora­lisch ein­ord­nen, wie das etwa Jens Ber­ger auf den Nach­Denk­Sei­ten tut :

Spie­gel, ZDF, BBC und Co. berich­ten auf Basis von Doku­men­ten, die von einem Think­tank stam­men, das von Cho­dor­kow­ski finan­ziert wird. Inter­es­sant ist dabei vor allem : Die­se Doku­men­te sind mehr als 10.000 Mails von einem rus­si­schen Diplo­ma­ten und mehr als 4.000 Mails aus der rus­si­schen Prä­si­di­al­ver­wal­tung. Spie­gel und Co. bezeich­nen die­se Mails als “gele­akt” … was nichts ande­res heißt, als dass sie gehackt wur­den. Schon “erstaun­lich”, das genau die Medi­en, die Zeter und Mor­dio schrien, als “rus­si­sche Hacker” den Medi­en gehack­te Doku­men­te der US-Demo­kra­ten zuspiel­ten, nun selbst Doku­men­te ver­wer­ten, die wohl von “bri­ti­schen Hackern” stam­men, die ziem­lich sicher nicht all­zu weit ent­fernt vom GCHQ sit­zen. Ein Pracht­bei­spiel für dop­pel­te Stan­dards.

Rus­sia­ga­te : Mög­li­che Irrele­vanz hält Medi­en nicht von Kam­pa­gnen ab

Die­se Ana­ly­se ist einer­seits tref­fend – sie setzt aber ande­rer­seits eine Rele­vanz und Authen­ti­zi­tät der betref­fen­den Doku­men­te vor­aus. Das könn­te vor­schnell sein. Denn die­se Eigen­schaf­ten der Kam­pa­gne und der Doku­men­te sind noch nicht ange­mes­sen gesi­chert. Dass sol­che Unwäg­bar­kei­ten für vie­le Redak­teu­re beim The­ma “rus­si­sche Ein­mi­schung” aber kein Grund sind, Vor­sicht wal­ten zu las­sen, das macht ein ande­rer jün­ge­rer Arti­kel von Jens Ber­ger deut­lich, in dem er die mona­te­lan­ge Kam­pa­gne zum “Muel­ler-Bericht” und zur rus­si­schen “US-Ein­mi­schung” als das bezeich­net, was sie ist : “Muel­ler – der Super-GAU für die Glaub­wür­dig­keit der Main­stream­me­di­en”.

Es ist momen­tan nicht aus­zu­schlie­ßen, dass sich auch die Cau­sa um den AfD-Poli­ti­ker Mar­kus Frohn­mai­er zu einem sol­chen “Super-GAU” für Spie­gel und ZDF ent­wi­ckeln wird. Wohl auch wegen der lau­ern­den Gefahr, durch ein for­sches Auf­sprin­gen auf die noch unkla­re Geschich­te wei­ter an Glaub­wür­dig­keit zu ver­lie­ren, war das Pres­se-Echo auf die­se “Sen­sa­ti­on” zwar infam und unse­ri­ös – ins­ge­samt aber weni­ger hys­te­risch, als man hät­te erwar­ten kön­nen.

Mie­ten und Moral : Es darf (kurz) über Ver­staat­li­chung gere­det wer­den

Es gibt momen­tan kaum ein innen­po­li­ti­sches The­ma, das die Defi­zi­te des “frei­en Mark­tes” bru­ta­ler offen­legt als die Woh­nungs­de­bat­te. Das Ver­sa­gen jenes Mark­tes ist beim Mie­ten-Kom­plex so deut­lich, dass für einen kur­zen Moment sogar die Ver­staat­li­chung von Woh­nungs­kon­zer­nen (schein­bar) ernst­haft dis­ku­tiert wer­den darf.

Inwie­fern die­se auf­se­hen­er­re­gen­de Sozia­li­sie­rungs-Debat­te rea­le Aus­wir­kun­gen haben wird – und nicht etwa rei­ne Ablen­kung vom “lin­ken” Ver­sa­gen in der Ber­li­ner Woh­nungs­po­li­tik blei­ben wird –, das bleibt abzu­war­ten. Um Ent­täu­schun­gen vor­zu­beu­gen, täten die Bür­ger aber gut dar­an, zunächst nicht mit einer bal­di­gen Ver­staat­li­chung gro­ßer Unter­neh­men in Deutsch­land zu rech­nen.

Ver­staat­li­chung : Recht­li­che Ein­deu­tig­keit wird ver­un­klart

Von die­ser Skep­sis gegen­über der rea­len Wir­kung der Sozia­li­sie­rungs-Debat­te abge­se­hen, waren die gro­ßen Mie­ter-Demos am Sams­tag ein wich­ti­ges Zei­chen des Unmuts in einer zumin­dest mora­lisch kla­ren Ange­le­gen­heit. Und sogar auf juris­ti­scher Ebe­ne scheint die Sache mit der Ver­staat­li­chung ziem­lich ein­deu­tig, denn Arti­kel 15 des Grund­ge­set­zes sagt :

Grund und Boden, Natur­schät­ze und Pro­duk­ti­ons­mit­tel kön­nen zum Zwe­cke der Ver­ge­sell­schaf­tung durch ein Gesetz, das Art und Aus­maß der Ent­schä­di­gung regelt, in Gemein­ei­gen­tum oder in ande­re For­men der Gemein­wirt­schaft über­führt wer­den …

Zudem gilt der Grund­satz, dass Bun­des­recht Lan­des­recht bricht – also selbst einer Ver­staat­li­chung ent­ge­gen­ste­hen­de Pas­sa­gen der Ber­li­ner Lan­des-Rechts­spre­chung wür­den dem Arti­kel des Grund­ge­set­zes unter­lie­gen. Wie der Jurist Hel­ge Sodan ver­sucht, die­se Klar­heit doch noch zu ver­ne­beln, das kann man im Deutsch­land­funk nach­voll­zie­hen. Man muss aber auch erwäh­nen, dass Mar­tin Zagat­ta dort die rich­ti­gen Fra­gen stellt und nach­hakt.

Kei­ne Ände­rung – trotz Ver­staat­li­chung ?

Da der Deutsch­land­funk in sei­nen Arti­keln sowohl posi­ti­ve als auch nega­ti­ve Bei­spie­le der Mie­ten-Bericht­erstat­tung lie­fert, soll der Blick auf das The­ma in die­ser Kolum­ne auf die Bei­trä­ge des Sen­ders beschränkt wer­den. In einem ande­ren Bei­trag lenkt etwa Ulrich Ropertz vom Mie­ter­bund den Blick auf finan­zi­el­le Unwäg­bar­kei­ten einer Ver­staat­li­chung : “Zu wel­chem Preis wür­de die Ver­ge­sell­schaf­tung denn dann tat­säch­lich umge­setzt wer­den, das heißt, wie viel muss an die Unter­neh­men bezahlt wer­den, wenn man sie ver­ge­sell­schaf­tet?” Ropertz dämpft auch die Erwar­tun­gen auf rea­le Ver­bes­se­run­gen für die Mie­ten, selbst für den unwahr­schein­li­chen Fall einer tat­säch­li­chen Ver­staat­li­chung : “Das ist noch ein rela­tiv wei­ter Weg, also von jetzt auf gleich ändert sich zunächst ein­mal nichts.”

Eines der wie­der­keh­ren­den “Argu­men­te” gegen eine Ver­staat­li­chung von Woh­nungs­kon­zer­nen ist die Aus­sa­ge, durch die Sozia­li­sa­ti­on wür­de “kei­ne ein­zi­ge neue Woh­nung geschaf­fen.” Es ist dem Deutsch­land­funk wie­der­um anzu­rech­nen, dass er die­sem Man­tra die gut begrün­de­te Posi­ti­on von Micha­el Prütz ent­ge­gen­stellt, der einer der Initia­to­ren des Volks­be­geh­rens zur Ver­staat­li­chung ist :

Wir haben das auch nie behaup­tet, dass neue Woh­nun­gen dadurch ent­ste­hen, aber wir sagen, durch die Ent­eig­nung wer­den 400.000 bis 500.000 Mie­te­rin­nen und Mie­ter in der Stadt geschützt, gewin­nen Pla­nungs- und Lebens­si­cher­heit, und infol­ge die­ser Ent­eig­nung wer­den sich auch klei­ne­re Ver­mie­ter mehr an die ver­nünf­ti­gen Regeln hal­ten, die wir alle wol­len.

Zurück­hal­ten­de Medi­en : Bür­ger­wut zu Mie­ten soll kana­li­siert wer­den

Ins­ge­samt kann man zumin­dest Tei­len des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks eine gewis­se Aus­ge­wo­gen­heit beim Mie­ten-The­ma beschei­ni­gen. So schloss auch Claus Kle­ber im heu­te-jour­nal vom Sams­tag die Bericht­erstat­tung mit den Wor­ten : “Ein gro­ßes, ein wich­ti­ges The­ma.”

Das macht jedoch auch skep­tisch. Denn die­se (zum Teil) über­ra­schend mie­ter- und bür­ger­freund­li­che Bericht­erstat­tung ist mut­maß­lich auch der Ein­gangs beschrie­be­nen mora­li­schen Ein­deu­tig­keit des The­mas geschul­det : Es gibt hier ein­fach momen­tan wenig Spiel­raum für ver­zer­ren­de Pro­pa­gan­da. Zudem soll mut­maß­lich die gerech­te Bür­ger­wut kana­li­siert wer­den, die Men­schen sol­len sich nicht noch zusätz­lich an einer unver­schäm­ten Bericht­erstat­tung rei­ben.

Claus Kle­bers Krieg gegen Russ­land

Noch­mals kurz zurück zu Claus Kle­ber : Sei­nen unfass­ba­ren Auf­tritt, als er am Don­ners­tag mit einem fik­ti­ven Krieg gegen Russ­land NATO-Sym­pa­thi­en wecken woll­te, hat RT hier schon kom­men­tiert :

Guten Abend, zu Was­ser und zu Luft sind heu­te Nacht ame­ri­ka­ni­sche, deut­sche und ande­re euro­päi­sche Ver­bün­de­te unter­wegs nach Est­land, um die rus­si­schen Ver­bän­de zurück­zu­schla­gen, die sich dort wie vor eini­gen Jah­ren auf der Krim fest­ge­setzt haben.

Die­ser Total­aus­fall von Kle­ber und der gesam­ten Redak­ti­on lei­tet über zum letz­ten The­ma die­ser Woche – dem NATO-Jah­res­tag.

NATO-Jah­res­tag : Geschichts­klit­te­rung und schlech­te Stim­mung

An der Bericht­erstat­tung zum 70. Jah­res­tag der NATO sind in die­ser Woche vor allem zwei Aspek­te auf­ge­fal­len. Zum einen die erwar­tungs­ge­mä­ße Geschichts­klit­te­rung im Zusam­men­hang mit den beim “Jubi­lä­um” unver­meid­li­chen his­to­ri­schen Rück­schau­en. Zum ande­ren eine leich­te Ein­trü­bung des sonst auf­rei­zend tri­um­pha­len Tenors in der Mei­nungs­ma­che zur NATO.

Der letz­te­re Punkt speist sich aus einer tie­fen Ver­un­si­che­rung auf trans­at­lan­ti­scher Sei­te, was die Zukunft der NATO angeht. Die Süd­deut­sche Zei­tung etwa schreibt zur Fra­ge, “wofür steht der Klub, und wer trägt wel­che Last?”, stell­ver­tre­tend für vie­le Medi­en :

Der Streit ist so furi­os, dass die Jubi­lä­ums­fei­er ohne die Staats- und Regie­rungs­chefs der Mit­glie­der abge­hal­ten wird. Bes­ser man lässt sie jetzt nicht auf­ein­an­der los, sie müss­ten die Fra­ge sonst beant­wor­ten. Mis­si­on creep nennt man den Zustand beim Mili­tär, die schlei­chen­de Zer­set­zung von Moral und Auf­trag ; sie ist der Anfang vom Ende.

Alte Ver­bre­chen sol­len hin­ter “neu­en Bedro­hun­gen” ver­schwin­den

Zum zwei­ten Aspekt fiel auf, dass detail­lier­te Rück­bli­cke auf die NATO-His­to­rie, die sich höchst kri­tisch hät­ten gestal­ten müs­sen, mög­lichst ver­mie­den wer­den soll­ten. Anstatt also gründ­li­che Ana­ly­sen der zahl­rei­chen NATO-Ver­ge­hen gegen das Völ­ker­recht anzu­stel­len, sol­le der Blick auf die “neu­en Bedro­hun­gen” gerich­tet wer­den, wie das etwa der Spie­gel prak­ti­ziert :

Im Süden wer­den Migra­ti­on und Ter­ro­ris­mus mitt­ler­wei­le als die eigent­li­che Bedro­hung gese­hen. Im Osten blickt man sor­gen­voll auf ein Russ­land, das 2014 die Krim annek­tiert und den INF-Ver­trag über das Ver­bot ato­mar bestück­ter Mit­tel­stre­cken­waf­fen gebro­chen hat. Mit Chi­na ist zudem eine neue ernst zu neh­men­de Mili­tär­macht erwach­sen, die ihren eige­nen sicher­heits­po­li­ti­schen Inter­es­sen etwa im Süd­chi­ne­si­schen Meer bis­lang meist unge­hin­dert nach­geht.

Wenn der Blick den­noch in die Ver­gan­gen­heit gerich­tet wur­de, so in einer höchst ver­kür­zen­den Wei­se, wie es wie­der­um die Süd­deut­sche Zei­tung (SZ) exem­pla­risch umsetz­te :

Die NATO war das aus­füh­ren­de Instru­ment die­ser Sicher­heits­ar­chi­tek­tur, durch die ein Gebäu­de aus gemein­sa­men Wer­ten und Inter­es­sen ent­stand. Wer sich unter dem Schirm der NATO ver­sam­mel­te, bekann­te sich in der Regel zu einer libe­ra­len Wer­te­ord­nung und zur Demo­kra­tie.

Dass sich unter den NATO-Mit­glie­dern einst auch Mili­tär­re­gie­run­gen befan­den, war laut SZ zweit­ran­gig ange­sichts der Not­wen­dig­keit, der Sowjet­uni­on Paro­li zu bie­ten. Die Zei­tung gerät ver­zer­rend ins Schwär­men : So habe “die demo­kra­ti­sie­ren­de Kraft der Alli­anz frü­her oder spä­ter” auch in die­sen Dik­ta­tu­ren “gewirkt”.

Ein­krei­sung Russ­lands oder “Unter­stüt­zung” jun­ger Demo­kra­ti­en ?

Ganz im Sin­ne die­ser mut­maß­li­chen Geschichts­klit­te­rung betä­tigt sich auch der Spie­gel, indem die NATO-Aus­brei­tung nach Osten als “Unter­stüt­zung” jun­ger Demo­kra­ti­en bezeich­net wird :

Die nach Demo­kra­tie stre­ben­den ost­eu­ro­päi­schen Staa­ten wur­den unter­stützt, indem man für sie NATO-Part­ner­pro­gram­me auf­leg­te. Die­se Zusam­men­ar­beit mün­de­te schließ­lich 1999 in der Auf­nah­me von Polen, Tsche­chi­en und Ungarn in das Bünd­nis, 2004 folg­ten Rumä­ni­en, Bul­ga­ri­en, die Slo­wa­kei, Slo­we­ni­en, Lett­land, Est­land und Litau­en, 2009 Kroa­ti­en und Alba­ni­en, 2017 Mon­te­ne­gro.

Der völ­ker­rechts­wid­ri­ge Angriffs­krieg gegen Jugo­sla­wi­en wird vom Maga­zin dage­gen in zwei Sät­zen abge­fer­tigt :

Mili­tä­risch griff die NATO in Kon­flik­te um das zer­fal­le­ne Jugo­sla­wi­en ein. So unter­stütz­te sie in Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na die Ver­ein­ten Natio­nen mit Luft­ein­sät­zen und führ­te 1999 den Koso­vo­krieg gegen die dama­li­ge Bun­des­re­pu­blik Jugo­sla­wi­en.

Medi­en zur NATO : Roman­ti­sie­rung der Geschich­te, Ver­zer­rung der Gegen­wart

Die­se Ver­kür­zung und Roman­ti­sie­rung der NATO-Geschich­te setzt sich indi­rekt in der Beur­tei­lung der Gegen­wart fort. Die Behaup­tung, alle Welt wol­le Deutsch­land end­lich mili­tä­risch “groß sehen”, wird wei­ter ver­brei­tet : “Heu­te ist es zu einem der vor­dring­lichs­ten Anlie­gen der NATO gewor­den, die Deut­schen groß zu machen. Sie sol­len, so sehen es die Alli­ier­ten, end­lich damit auf­hö­ren, sich selbst klein­zu­hal­ten und dafür jene mili­tä­ri­schen Fähig­kei­ten ent­wi­ckeln, die Deutsch­lands poli­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Bedeu­tung ent­spre­chen.”

Da möch­te auch die Bild-Zei­tung nicht nach­ste­hen, die behaup­tet : “Doch neben der zwei­fel­haf­ten Rol­le der Tür­kei ver­dirbt vor allem ein The­ma die gute Stim­mung bei den Fei­er­lich­kei­ten : Deutsch­land.”

Medi­en lie­fern Schüt­zen­hil­fe für Sank­ti­ons­po­li­tik

Es wäre die Auf­ga­be des deut­schen Außen­mi­nis­ters Hei­ko Maas (SPD), die­ser Stim­mungs­ma­che ent­ge­gen­zu­tre­ten. Doch der refe­riert laut Bild brav, dass Deutsch­land etwa eine maß­geb­li­che Rol­le bei der Trup­pen­ver­le­gung der NATO in die öst­li­chen Mit­glied­staa­ten spie­le und in Ulm eine neue NATO-Kom­man­do­zen­tra­le auf­baue. Sol­chen Äuße­run­gen aus der Poli­tik wird in den Medi­en vor­ge­baut – etwa durch einen Kom­men­tar der Tages­schau, der die ange­spro­che­ne “Trup­pen­ver­le­gung in die öst­li­chen Mit­glied­staa­ten” mit den bekann­ten Res­sen­ti­ments gegen Russ­land recht­fer­ti­gen möch­te.

Die­ser Schüt­zen­hil­fe für Sank­ti­ons­po­li­tik haben sich in die­ser Woche auch klei­ne­re Medi­en ange­schlos­sen. So schlägt die Stutt­gar­ter Zei­tung Russ­land wegen der “Anne­xi­on” der Krim die vol­le Ver­ant­wor­tung für das Abküh­len der Diplo­ma­tie zu. Scham­los wer­den diver­se Kon­flik­te ver­zerrt dar­ge­stellt : “In Geor­gi­en wie auch in der Ukrai­ne sorgt der Kreml für eine kon­trol­lier­te Desta­bi­li­sie­rung.” Wenig Hoff­nung muss man sich auch auf distan­zier­te Berich­te zur NATO im Reut­lin­ger Gene­ral­an­zei­ger machen. Denn der ent­deckt in der NATO-His­to­rie “eine außer­ge­wöhn­li­che Erfolgs­ge­schich­te. Das stärks­te Mili­tär­bünd­nis steht allen Unken­ru­fen zum Trotz bes­ser da, als vie­le anneh­men mögen. Es stellt sich den neu­en Her­aus­for­de­run­gen im Osten. (…) Die NATO hat allen Grund, 70 Jah­re Schutz und Frie­den in den Mit­glied­staa­ten zu fei­ern.”

Es war nicht alles schlecht

Hat man sich durch die hier zitier­ten Bei­trä­ge gekämpft, so tut es gut, sich mit einer Dosis Rea­li­tät wie­der zu grun­die­ren. Das macht zum Bei­spiel die­se hier prä­sen­tier­te Gra­fik zu den NATO-Ver­bre­chen gegen das Völ­ker­recht mög­lich. Es reicht die­ser Tage auch ein Blick ins von der NATO zer­rüt­te­te Liby­en, um all die Pro­pa­gan­da-Phra­sen des Angriffs-Bünd­nis­ses augen­blick­lich plat­zen zu las­sen.

Da ange­mes­se­ne Betrach­tun­gen zur NATO in den gro­ßen Medi­en nicht auf­zu­fin­den sind, sei hier auf eini­ge kri­ti­sche Arti­kel zum Bünd­nis ver­wie­sen. So beschreibt Wolf­gang Bitt­ner auf den Nach­Denk­Sei­ten, dass “sich das Nord­at­lan­ti­sche Ver­tei­di­gungs­bünd­nis mehr und mehr zu einem aggres­si­ven Angriffs­bünd­nis ent­wi­ckelt hat, das – unter Miss­ach­tung ihrer Sta­tu­ten – von den USA für ihre Impe­ri­al­po­li­tik benutzt und miss­braucht wird.”

Trotz Pro­pa­gan­da : NATO ver­liert Zuspruch

Und Her­mann Ploppa rückt auf Tele­po­lis den Cha­rak­ter der Fei­er­lich­kei­ten und der beglei­ten­den Bericht­erstat­tung ins rech­te Licht :

Dass den­noch die Geburts­tags­par­ty eher im engs­ten Fami­li­en­kreis der Außen­mi­nis­ter der 29 NATO-Län­der statt­fin­det, liegt am nicht anwe­sen­den Ehren­gast. US-Prä­si­dent Trump hat­te näm­lich der NATO beschei­nigt, sie sei obso­let, also auf Deutsch : ver­al­tet. (…) Trotz­dem wird die Rei­he der Trou­ba­dou­re, die dem ange­jahr­ten Burg­fräu­lein ihre Min­ne­lie­der sin­gen, nicht so schnell abrei­ßen. Der Refrain die­ser NATO-Lob­ge­sän­ge besteht dabei aus immer den­sel­ben Nar­ra­ti­ven, also aus zusam­men­hän­gen­den Erzäh­lun­gen.

Es liegt wohl auch an Bei­trä­gen wie jenen von Bitt­ner und Ploppa, dass sich der Ruf der NATO trotz media­ler Schüt­zen­hil­fe rapi­der ver­schlech­tert. So sagt das Ergeb­nis einer aktu­el­len Umfra­ge zur NATO von You­Gov, dass 2019 nur 54 Pro­zent der Deut­schen eine Mit­glied­schaft der Bun­des­re­pu­blik im Ver­tei­di­gungs­bünd­nis befür­wor­ten wür­den. Zwei Jah­re zuvor sei­en es noch 68 Pro­zent gewe­sen.

RT Deutsch bemüht sich um ein brei­tes Mei­nungs­spek­trum. Gast­bei­trä­ge und Mei­nungs­ar­ti­kel müs­sen nicht die Sicht­wei­se der Redak­ti­on wider­spie­geln. 

RT Deutsch


Ukraine, Urheberrecht, Treuhand : Ein Wochenrückblick auf den medialen Abgrund


von Tho­mas Schwarz


Über die rea­len wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Zustän­de in der Ukrai­ne wur­de nach dem Putsch 2014 ein Man­tel des Schwei­gens aus­ge­brei­tet. Eben jene Medi­en, die in den Mona­ten zuvor exzes­siv über angeb­li­che “Miss­wirt­schaft” und “Kor­rup­ti­on” durch die recht­mä­ßi­ge Regie­rung Janu­ko­witsch zu berich­ten wuss­ten, ver­stumm­ten nach dem Umsturz fast über Nacht. Das ist nach­voll­zieh­bar, denn der boden­lo­se wirt­schaft­li­che und mora­li­sche Absturz des Lan­des war bereits 2014 deut­lich abzu­se­hen, und er war von zahl­rei­chen Per­so­nen pro­gnos­ti­ziert wor­den. Wenn Medi­en heu­te ange­mes­sen über die­se Abgrün­de und deren Vor­be­din­gun­gen berich­ten woll­ten, so müss­ten sie ihre eige­ne Mit­ver­ant­wor­tung an dem Putsch the­ma­ti­sie­ren und min­des­tens schwe­re Irr­tü­mer, wenn nicht gar völ­ker­rechts­wid­ri­ges Han­deln, bei sich selbst ein­räu­men.

Ukrai­ne : Rea­li­tät in absur­dem Kon­trast zu west­li­chen Demo­kra­tie-Phra­sen

Also schwei­gen sie lie­ber – eben weil die heu­ti­ge ukrai­ni­sche Rea­li­tät in absur­dem Kon­trast zu den Demo­kra­tie-Phra­sen und ande­ren Ver­spre­chun­gen steht, die west­li­che Medi­en und Poli­ti­ker den Mai­dan-Demons­tran­ten gemacht hat­ten. Die­ses Schwei­gen lässt sich aber nicht per­ma­nent durch­hal­ten. Es gibt Ereig­nis­se, da rich­tet sich auto­ma­tisch das inter­na­tio­na­le Inter­es­se auf sonst medi­al begra­be­ne Län­der. Eine Prä­si­dent­schafts­wahl ist so ein Ereig­nis, und die stand an die­sem Sonn­tag in der Ukrai­ne an. Das Datum müss­te für deut­sche Medi­en­kon­zer­ne eigent­lich ein Grund zum Fei­ern sein, denn zu dem Anlass könn­ten sie den Kri­ti­kern des Mai­dan-Put­sches aufs Brot schmie­ren, wie vor­bild­lich sich die west­lich inthro­ni­sier­te “Demo­kra­tie” in der Ukrai­ne ent­wi­ckelt. Ange­sichts der ukrai­ni­schen Rea­li­tä­ten wird das Datum aber zu einem Tag der Schan­de für wei­te Tei­le des deut­schen Jour­na­lis­mus. 

Die zum Schei­tern ver­ur­teil­ten Ver­su­che zahl­rei­cher Medi­en, selbst im ukrai­ni­schen Cha­os noch “posi­ti­ve Ten­den­zen” oder “end­lich grei­fen­de Refor­men” zu ent­de­cken, sol­len hier igno­riert wer­den. Her­vor­ge­ho­ben wer­den soll aber ein beson­ders kläg­li­ches Stück Jour­na­lis­mus zum The­ma. So hat der Deutsch­land­funk den aus der Ukrai­ne berich­ten­den Chris­toph Brum­me zum “unglaub­li­chen Wahl­kampf” im Land befragt – und der Sen­der lässt dabei selbst unglaub­li­che Ant­wor­ten kri­tik­los ste­hen. 

Die “his­to­ri­schen Ver­diens­te” des Poro­schen­ko 

DLF : Sie ver­mu­ten, dass es dann auch wie­der zu Gewalt kom­men kann ?

Brum­me : Das ist schwer ein­zu­schät­zen. Vie­le sagen, wenn Selen­sky gewinnt, wäre das das Ende der Ukrai­ne. Er wür­de die Ukrai­ne preis­ge­ben, qua­si an Mos­kau ver­kau­fen. Vie­le sagen : Ich wer­de emi­grie­ren. Vie­le sagen : Ich wer­de kämp­fen, ich wer­de das Ergeb­nis nicht akzep­tie­ren. Es ist für vie­le Ukrai­ner eine sehr schwie­ri­ge Situa­ti­on.

DLF : Kom­men wir zum nächs­ten Kan­di­da­ten. Poro­schen­ko setzt sehr stark auf die Iden­ti­täts­kar­te. Sein Wahl­spruch : Armee, Spra­che, Glau­ben. Er zielt dar­auf ab, einen deut­li­chen Kampf gegen Russ­land zu füh­ren, für die ukrai­ni­sche Spra­che und die ukrai­ni­sche Ortho­do­xie. Trifft er damit den ande­ren Teil der Bevöl­ke­rung, der sich stark von Russ­land abgren­zen will ?

Brum­me : Also, es gibt nicht nur zwei Tei­le in der ukrai­ni­schen Gesell­schaft. Sie ist viel viel­fäl­ti­ger und viel wider­sprüch­li­cher. Poro­schen­ko ist der Kan­di­dat mit dem höchs­ten Anti-Rating. Etwa 50 Pro­zent der Ukrai­ner sagen, sie wür­den ihn auf kei­nen Fall wie­der wäh­len. Das ist ein wich­ti­ger Fakt. Ande­rer­seits ist Poro­schen­ko der ein­zi­ge Kan­di­dat, wo man sagen muss, wenn er gewinnt, steigt wie­der die Kriegs­ge­fahr, weil Russ­land genau weiß, dass mit Poro­schen­ko die Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit der Ukrai­ne erhal­ten blei­ben wird, dass Refor­men statt­fin­den wer­den.

Poro­schen­ko ist sicher­lich der bes­te Prä­si­dent, den die Ukrai­ne je hat­te. Er hat sich zwei­fel­los his­to­ri­sche Ver­diens­te erwor­ben. 

Auch Abstand zum Mai­dan-Rausch schafft kei­ne gedank­li­che Distanz 

Man kann fest­hal­ten : In einem wich­ti­gen deut­schen Medi­um wird unwi­der­spro­chen fest­ge­stellt, Poro­schen­ko habe sich Ver­diens­te erwor­ben und von ihm sei­en “Refor­men” zu erwar­ten. Der Deutsch­land­funk steht mit die­ser Auf­ga­be sei­ner jour­na­lis­ti­schen Ethik bei­lei­be nicht allein da. Die Hoff­nung, dass die gro­ßen deut­schen Medi­en mit zeit­li­cher Distanz zum Mai­dan-Rausch auch eine gedank­li­che Distanz zu den unrühm­li­chen Vor­gän­gen ent­wi­ckeln wür­den, kann also als ver­geb­lich bezeich­net wer­den.

Wie boden­los das Ver­trau­en der Ukrai­ner in ihre Regie­rung gesun­ken ist, liest man dar­um nicht in den deut­schen Main­stream­me­di­en, son­dern das zeigt eine Umfra­ge von Gal­lup . Dem­nach haben nur noch neun Pro­zent der Ukrai­ner Ver­trau­en in ihre Regie­rung. Das ist laut Gal­lup der nied­rigs­te Ver­trau­ens­wert welt­weit : 

91 Pro­zenz in der Ukrai­ne sagen, dass Kor­rup­ti­on in der Regie­rung weit ver­brei­tet ist. Im Vor­feld der Präsident­schafts­wah­len am 31. März gehen die Ukrai­ner mit weni­ger Ver­trau­en in ihre Regie­rung zur Wahl als alle ande­ren Wähler der Welt. Nur neun Pro­zent der Ein­woh­ner haben Ver­trau­en in die natio­na­le Regie­rung, das nied­rigs­te Ver­trau­ens­ni­veau der Welt im zwei­ten Jahr in Fol­ge. 

Ange­sichts die­ser Zah­len kann man die west­li­chen Redak­teu­re, Poli­ti­ker und Kon­zern­len­ker, die den Ukrai­nern 2014 die “ech­te” Demo­kra­tie geschenkt haben, wirk­lich nur beglück­wün­schen. Sie haben ein funk­tio­nie­ren­des Land in ein wirt­schaft­lich, poli­tisch und mora­lisch zer­rüt­te­tes Are­al ver­wan­delt, wo Wah­len inzwi­schen zur Far­ce gewor­den sind. Inso­fern passt auch die weit­ge­hend unter­blie­be­ne (rea­le) Bericht­erstat­tung zum Ereig­nis. Die aktu­el­le Prä­si­dent­schafts­wahl in der Ukrai­ne kann als fast schon irrele­vant für die wei­te­re gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung des Lan­des ange­se­hen wer­den. 

Pro­pa­gan­da­schlacht ums Urhe­ber­recht 

Eine wah­re Pro­pa­gan­da­schlacht lie­fer­ten sich in die­ser Woche die Ver­fech­ter und die Geg­ner der gera­de beschlos­se­nen Urhe­ber­rechts-Richt­li­nie der EU. Aus Pro­test gegen die Reform waren zuletzt zehn­tau­sen­de Men­schen auf die Stra­ße gegan­gen. Die Pole­mik, die den Demons­tran­ten von media­ler und poli­ti­scher Sei­te ent­ge­gen­schlug, war gna­den­los. So erin­ner­ten die Demons­tran­ten die Welt “bei­na­he an den Hurra­pa­trio­tis­mus jun­ger Kriegs­be­geis­ter­ter frü­he­rer Zei­ten.” Das wur­de noch über­trof­fen vom Vor­wurf des CDU-Euro­pa­ab­ge­ord­ne­ten Dani­el Cas­pa­ry, eini­ge Demons­tran­ten sei­en “gekauft”. Auch EU-Par­la­men­ta­ri­er Elmar Brok (CDU) beklag­te in Inter­views eine “mas­si­ve und von Algo­rith­men gesteu­er­te Kam­pa­gne der gro­ßen Inter­net­kon­zer­ne” gegen das Vor­ha­ben. Er habe in den ver­gan­ge­nen Tagen Tau­sen­de gleich­lau­ten­de Brie­fe und E-Mails erhal­ten, die sämt­li­che Post­fä­cher ver­stopf­ten. Das sei “kein nor­ma­ler demo­kra­ti­scher Pro­zess mehr.”

Neben einem Lob­by­is­mus der US-Inter­net-Kon­zer­ne gegen die Reform konn­te auch ein­mas­si­ver Kam­pa­gnen-Jour­na­lis­mus für die Reform ver­zeich­net wer­den, auf den etwa Ste­fan Nig­ge­mei­er im Deutsch­land­funk hin­ge­wie­sen­hat. Nig­ge­mei­er nann­te die Kam­pa­gne einen“intensiven Lob­by­is­mus in eige­ner Sache“durch die gro­ßen Ver­le­ger in Deutsch­land. Zu die­sem Lob­by­is­mus kann auchein Appell gezählt wer­den, mit dem sich Chef­re­dak­teu­re deut­scher Zei­tun­gen an ihre Euro­pa­ab­ge­ord­ne­ten gewandt haben. Und auch die Nach­rich­ten­agen­tur dpaschloss sich ganz offi­zi­ell einer Pro-Urhe­ber­rechts­re­form-Alli­anz zahl­rei­cher Agen­tu­ren an. 

Erpres­sung durch Medi­en­ver­la­ge ? 

Sol­che Din­ge hal­te ich schon für unge­wöhn­lich und letz­ten Endes auch schäd­lich für die Debat­te”, sag­te etwa Pira­tin Julia Reda über den Pro-Reform-Lob­by­is­mus vie­ler Medi­en. Sie erin­ner­te an die “gro­ße Verantwortung“der Medi­en. In ihrem Kampf für das geplan­te Leis­tungs­schutz­recht für Pres­se­ver­la­ge hät­ten Ver­la­ge und Nach­rich­ten­agen­tu­ren “die Tren­nung zwi­schen Lob­by­is­mus und Redak­ti­on auf­ge­ge­ben.” In einem Inter­view spricht sie von offe­ner Erpres­sung : “Ich weiß zum Bei­spiel von Kol­le­gen, dass ihnen teil­wei­se Zei­tun­gen und Ver­la­ge mit schlech­ter Bericht­erstat­tung dro­hen, wenn sie kei­ne bestimm­te Posi­ti­on ein­neh­men.” 

Dass die Fron­ten beim Urhe­ber­recht nicht ganz so ein­deu­tig fest­zu­le­gen sind, wie von bei­den Sei­ten sug­ge­riert wird, stel­len die Nach­Denk­Sei­ten fest : 

Die gera­de erleb­te Macht­de­mons­tra­ti­on der deut­schen Medi­en­kon­zer­ne hat noch­mals ver­deut­licht, wie wich­tig eine alter­na­ti­ve Medi­en­land­schaft im Inter­net ist. Alles, was das Inter­net als möglichst unbe­schränkte Infor­ma­ti­ons­quel­le bedroht, ist höchst skep­tisch zu betrach­ten. Nach die­ser Abwägung der Rechtsgüter muss auch die jetzt lei­der beschlos­se­ne Urhe­ber­rechts­re­form (in der jet­zi­gen Fas­sung) als destruk­tiv bezeich­net wer­den. … Dass die neue Inter­net-Öffent­lich­keit in der Hand von skru­pel­lo­sen Pri­vat­kon­zer­nen liegt, ist aller­dings eben­falls ein drängen­des Pro­blem. Zwar deckt sich im Moment das Geschäfts­in­ter­es­se der Inter­net-Kon­zer­ne teil­wei­se(!) mit denen einer zah­lungs­un­wil­li­gen ‘Netz­ge­mein­de’und eben auch mit den Nut­zern kri­ti­scher neu­er Medi­en. Die­se Sym­pa­thi­en soll­ten über den unhalt­ba­ren Zustand der pri­va­ten Machtfülle und der poten­zi­el­len pri­va­ten Mei­nungs­kon­trol­le durch Face­book, You­Tube und Co. aber nicht hin­wegtäuschen. 

Treu­hand und Schock­the­ra­pie nach 1989 : Die offe­ne Wun­de

Der wirt­schaft­li­che Kahl­schlag durch die Treu­hand­an­stalt nach 1989 in Ost­deutsch­land muss auf­ge­ar­bei­tet wer­den. Die dama­li­ge Schock­the­ra­pie, die mit einer arro­gan­ten und neo­li­be­ra­len Medi­en­kam­pa­gne ver­bun­den war, ist ein wich­ti­ger Grund für heu­ti­ge gesell­schaft­li­che Unru­hen. So lan­ge die­se Wun­de nicht geschlos­sen ist, so lan­ge kei­ne Ent­schul­di­gung an die Ost­deut­schen aus­ge­spro­chen wur­de, so lan­ge die dama­li­ge Wen­de-Poli­tik nicht glas­klar und offi­zi­ell als radi­ka­ler Irr­weg bezeich­net wird – so lan­ge braucht man sich auch über Erfol­ge der AfD nicht zu wun­dern.

In die­ser Woche wur­de jedoch schmerz­lich bewusst gemacht, wie weit die Poli­tik von die­sen über­fäl­li­gen Schrit­ten der Ver­söh­nung ent­fernt ist. Denn eine Ant­wort des (SPD-geführ­ten!) Finanz­mi­nis­te­ri­ums auf eine Anfra­ge der Links­par­tei zur Bewer­tung der Treu­hand und der von ihr aus­ge­lös­ten sozia­len Kata­stro­phen kann nur als kalt und ver­zer­rend bezeich­net wer­den.

Die skan­da­lö­se Weiß­wa­schung der Treu­hand 

So wird ech­te Kri­tik am Unwe­sen der Treu­hand ver­wei­gert. Statt­des­sen wird die dra­ma­ti­sche Umwäl­zung zum “gere­gel­ten Privatisierungsprozess“schöngeredet, mit dem “die Unter­neh­men mög­lichst schnell mit dem erfor­der­li­chen Kapi­tal und markt­wirt­schaft­li­chem Know-how aus­ge­stat­tet werden“sollten, “um ihre Wett­be­werbs­fä­hig­keit und somit ihren Fort­be­stand und den Erhalt bzw. die Schaf­fung neu­er Arbeits­plät­ze zu sichern.” Die Nach­Denk­Sei­ten bezeich­nen das als “fort­ge­setz­tes Ver­schan­zen hin­ter lan­ge als Pro­pa­gan­da über­führ­ten Flos­keln”, was von den Men­schen, denen die damals “gesicherten“Arbeitsplätze weg­ge­nom­men wur­den, “als wei­te­re Ohr­fei­ge emp­fun­den wer­den” muss.Auch der Rest der Ant­wort des Minis­te­ri­ums muss als skan­da­lös bezeich­net wer­den. 

Bei der Treu­hand ver­hält es sich ähn­lich wie beim The­ma Ukrai­ne. Da vie­le Medi­en als Mit­tä­ter bezeich­net wer­den müs­sen, sind die­se Medi­en nun nicht frei, um über die Miss­stän­de zu berich­ten, weil sie sich selbst belas­ten wür­den. Denn die Schock­the­ra­pie gegen Ost­deutsch­land nach 1989 wäre ohne die inten­si­ve Schüt­zen­hil­fe der deut­schen Medi­en­kon­zer­ne nicht mög­lich gewe­sen. Also wer­den die Treu­hand und die mit ihr ver­bun­de­nen mut­maß­li­chen Ver­bre­chen nicht ange­mes­sen the­ma­ti­siert – so auch weit­ge­hend in die­ser Woche. 

Medi­en : Infa­me Flucht nach vorn

Eini­gen Medi­en war jedoch das ver­schäm­te Schwei­gen über selbst mit­ver­ur­sach­te sozia­le Ver­wer­fun­gen nicht genug – sie tra­ten die Flucht nach vorn an. Als Nega­tiv-Bei­spiel soll hier die Thü­rin­gerAll­ge­mei­ne die­nen. Die bezeich­ne­te die aktu­el­le Kri­tik der Links­par­tei an Treu­hand und Finanz­mi­nis­te­ri­um als “Bes­ser­wes­si-Keu­le” und als “arm­se­lig”. Der fol­gen­de Absatz zeigt nicht nur, dass der Redak­teur wie vie­le sei­ner Kol­le­gen das lei­di­ge Kapi­tel “Treu­hand” end­lich schlie­ßen möch­te. Es zeigt auch die Unwil­lig­keit, die heu­ti­gen Span­nun­gen im Land aus der jün­ge­ren Geschich­te her­zu­lei­ten und eine Ver­söh­nung ein­zu­lei­ten – etwa durch eine Ent­schul­di­gung :

Was soll ein gefor­der­tes Ein­geständnis der Bun­des­re­gie­rung brin­gen, dass sie ‘den Auf­trag und die Aus­rich­tung der Arbeit der Treu­hand als einen poli­ti­schen Feh­ler der Nach­wen­de­zeit betrach­te’? Mil­lio­nen von ver­lo­re­nen Jobs keh­ren dadurch nicht zurück. Viel­mehr rei­ßen alte Wun­den auf.

Wie radi­kal sich der Arti­kel gera­de mit dem letz­ten Satz auf dem Holz­weg befin­det, ver­deut­li­chen die Nach­Denk­Sei­ten : 

Das Wir­ken der Treu­hand­an­stalt gegen die ost­deut­sche Volks­wirt­schaft nach 1989 ist eine noch immer offe­ne gesell­schaft­li­che Wun­de. Dass die dama­li­gen Mas­sen­ent­las­sun­gen und ande­re Demütigun­gen bis in die Gegen­wart hin­ein­wir­ken, lässt sich nicht igno­rie­ren. Die poli­tisch-wirt­schaft­li­chen Ver­let­zun­gen wur­den zusätzlich durch eine die Ost­deut­schen her­ab­set­zen­de Medi­en­pro­pa­gan­da ver­schlim­mert, die den Kahl­schlag nach der Wen­de beglei­tet hat­te und die­sen bis in die Gegen­wart in Schutz nimmt.

RT Deutsch bemüht sich um ein brei­tes Mei­nungs­spek­trum. Gast­bei­trä­ge und Mei­nungs­ar­ti­kel müs­sen nicht die Sicht­wei­se der Redak­ti­on wider­spie­geln.

RT Deutsch


Brexit, Gelbwesten, Urheberrecht : Ein Wochenrückblick auf den medialen Abgrund


von Tho­mas Schwarz 

Bei den dif­fa­mie­ren­den Berich­ten über die Pro­tes­te der Gelb­wes­ten in Frank­reich taucht ein Medi­en-Phä­no­men auf, das aus einem ande­ren Zusam­men­hang in Deutsch­land bekannt ist : Die Bezich­ti­gung der Pro­tes­tie­ren­den, “die Gewalt­tä­ter in ihren Rei­hen viel zu lan­ge gedul­det zu haben”. Damit wird zum einen fälsch­lich unter­stellt, dass es eine brei­te Bewe­gung – durch “Unduld­sam­keit” – ver­hin­dern kön­ne, dass sich destruk­ti­ve Per­so­nen dar­un­ter mischen. Zum ande­ren wird die Ver­ant­wor­tung für das an die Wand gemal­te Kip­pen der öffent­li­chen Ord­nung den Demons­tran­ten zuge­scho­ben – weg von den eigent­lich ver­ant­wort­li­chen Sicher­heits­be­hör­den. Ist die­se Sicht durch mas­si­ve Bericht­erstat­tung erst ein­mal eta­bliert, haben es die Behör­den ein­fach : Sie kön­nen dann etwa durch Untä­tig­keit Gewalt zulas­sen und die Ver­ant­wor­tung anschlie­ßend je nach Bedarf “zutei­len”.

Gelb­wes­ten und “Frie­dens­win­ter” – Par­al­le­len in der Stra­te­gie der Spal­tung

In Deutsch­land wur­de eine anders gela­ger­te, aber doch ähn­li­che media­le Tak­tik ange­wen­det, um die Frie­dens­be­we­gung seit 2014 mas­siv dafür anzu­grei­fen, dass sie “die Rech­ten in ihren Rei­hen viel zu lan­ge gedul­det” habe. Dass man bei den Frie­dens-Demos in Deutsch­land wie bei den Gelb­wes­ten in Frank­reich kei­ne Ein­lass- und Ideo­lo­gie-Prü­fung durch­füh­ren kann – das wis­sen auch die Redak­teu­re, sie ver­schwei­gen es aber. Das Neue Deutsch­land stell­te im Zusam­men­hang mit dem “Frie­dens­win­ter” 2014 rich­ti­ge Fra­gen in den Raum : “War­um bläst man durch eine absurd umfang­rei­che Bericht­erstat­tung die drei Hans­würs­te von der ‘Querfront’-Führung zu Schein­rie­sen auf ? War­um stat­tet man die­se Ein­zel­per­so­nen dadurch mit der Macht aus, eine pazi­fis­ti­sche Bewe­gung mit poten­zi­ell Zehn­tau­sen­den Mit­strei­tern aus­zu­brem­sen?”

Die Zei­tung beschreibt zudem, dass in den 1980er Jah­ren in West­deutsch­land Hun­dert­tau­sen­de Men­schen gemein­sam für den Frie­den demons­trie­ren gegan­gen sei­en. Das sei heu­te gar nicht mehr vor­stell­bar – die­se Dia­gno­se ist auch für das Frank­reich der Gegen­wart inter­es­sant, denn mut­maß­lich wird die­ser Zustand der Zer­split­te­rung auch für die Gelb­wes­ten ange­peilt :

Denn heu­te müss­ten sich jene zahl­lo­sen ver­schie­de­nen Initia­ti­ven nicht nur der Anfein­dun­gen des Sprin­ger-Ver­lags erweh­ren. Sie wür­den zudem an der peni­blen Gesin­nungs­prü­fung von sich ‘links’ nen­nen­den Spal­tern schei­tern : Wenn mas­sen­haft Men­schen zusam­men­kom­men – und nur dann macht es einen Sinn, dass sie über­haupt zusam­men­kom­men – dann gibt es die poren­tief rei­ne Bewe­gung nicht mehr.”

Unter­wan­de­rung durch Mili­tanz als Mit­tel der Macht

Die unter “Lin­ken” ver­brei­te­te Marot­te, sich von Mili­tanz nicht aus­rei­chend zu distan­zie­ren und dadurch Pro­vo­ka­teu­ren von inter­es­sier­ter Sei­te Tür und Tor zu öff­nen, hat eben­falls das Neue Deutsch­land als schwe­ren tak­ti­schen Feh­ler beschrie­ben. Hier sei dar­an erin­nert, da die­se Leh­re auch für die heu­ti­gen Gelb­wes­ten gilt :

Es ist alles seit Jahr­zehn­ten bekannt : die Mög­lich­keit, mit einer Hand­voll Mili­tan­ter den Pro­test Tau­sen­der zu dis­kre­di­tie­ren und medi­al unsicht­bar zu machen. Die Wir­kung und der Ein­satz des Agent Pro­vo­ca­teur. Die Tat­sa­che, dass die Mäch­ti­gen Mili­tanz nicht fürch­ten, son­dern her­bei­seh­nen und mut­maß­lich ver­deckt för­dern. So rät­sel­haft es ist : Vie­le Lin­ke haben den­noch ein roman­ti­sches und nai­ves Ver­hält­nis zu einer für die eige­nen Anlie­gen kon­tra­pro­duk­ti­ven und vom Geg­ner begrüß­ten Mili­tanz.”

Der Arti­kel führt wei­ter aus, dass die poli­tisch-media­le Wir­kung der “auto­no­men” Gewalt­tä­ter aus­schließ­lich den Mäch­ti­gen zugu­te kom­me. Für “lin­ke” Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen sei sie zer­stö­re­risch – da könn­ten die Moti­ve für die Gewalt noch so erha­ben erschei­nen. Den fol­gen­den tak­ti­schen Rat soll­ten aus die­sem Grund auch die heu­ti­gen Gelb­wes­ten unbe­dingt beher­zi­gen : “Dar­um muss man die mili­tan­te Sphä­re offen­siv mei­den und sie aus Stra­te­gie immer wie­der öffent­lich kri­ti­sie­ren : reflex­haft, ohne Wenn und Aber und sofort nach einem Ereig­nis, um den Medi­ensturm gar nicht erst auf­kom­men zu las­sen.” Der dubio­se Cha­rak­ter mili­tan­ter Demo-Ein­hei­ten wird so beschrie­ben :

Neben­bei : Gäbe es den Schwar­zen Block nicht, dann wür­de ihn der Ver­fas­sungs­schutz erfin­den. Er ist die per­fek­te Mischung aus mili­tä­ri­scher Harm­lo­sig­keit und irra­tio­na­lem Angst­po­ten­zi­al, das man für juris­ti­sche, poli­ti­sche und poli­zei­li­che Auf­rüs­tung instru­men­ta­li­sie­ren kann.”

Gelb­wes­ten : Spal­ter suchen irra­tio­na­les Angst-Poten­zi­al

Genau die­ses Angst-Poten­zi­al wird aktu­ell in Frank­reich gesucht und gefun­den. Die bekann­te Tak­tik der Ver­leum­dung brei­ter Bewe­gun­gen durch klei­ne gewalt­tä­ti­ge Grup­pen schlägt sich erfolg­reich auch in den deut­schen Medi­en nie­der. So sieht die Neue Osna­brü­cker Zei­tung die Bewe­gung bereits dis­kre­di­tiert :

Mit den neu­er­li­chen Gewalt­or­gi­en in Paris ist klar : Die Bewe­gung der ‘Gelb­wes­ten’ in Frank­reich ist dis­kre­di­tiert. Deren Initia­to­ren und Haupt­ak­teu­re haben nicht ver­hin­dern kön­nen, dass Chao­ten ihr berech­tig­tes Anlie­gen, näm­lich mehr sozia­le Gerech­tig­keit, unter­gra­ben. Lin­ke wie rech­te Extre­mis­ten haben die Glaub­wür­dig­keit der Bewe­gung sin­ken las­sen.”

Schuld sind nicht die Gewalt­tä­ter, son­dern die Demons­tran­ten, die sie “dul­den”

Dra­ma­ti­sche Far­ben­spie­le mischt die Heil­bron­ner Stim­me an : “In das war­nen­de Gelb der fran­zö­si­schen Pro­test­be­we­gung mischt sich immer stär­ker dunk­le Destruk­ti­vi­tät : Gewalt­be­rei­te und orga­ni­sier­te Kra­wall­ma­cher, schwarz ver­mummt, tra­gen die gel­be Wes­te nur noch als bedeu­tungs­lo­ses Acces­soire.” Und dann fügt auch jene Zei­tung den ein­gangs the­ma­ti­sier­ten Satz an :

Zu lan­ge haben die ‘Gelb­wes­ten’, denen die gro­ße gemein­sa­me poli­ti­sche Idee fehl­te, Gewalt in ihren Rei­hen tole­riert.”

In die­se Ker­be haut, wie zahl­rei­che ande­re gro­ße und klei­ne deut­sche Medi­en, auch die FAZ. Aus Sicht der Zei­tung “suchen bei den Kund­ge­bun­gen der ‘Gelb­wes­ten’ inzwi­schen pro­fes­sio­nell agie­ren­de Gewalt­tä­ter die offe­ne Kon­fron­ta­ti­on mit dem ‘Sys­tem’ ”. Das eigent­li­che Pro­blem sind laut FAZ aber die­je­ni­gen, “die dem Trei­ben zuse­hen, die sich nicht ein­deu­tig von den Gewalt­tä­tern distan­zie­ren.”

Bre­x­it – Ermü­dung in der Dau­er­schlei­fe

Die Medi­en­land­schaft befin­det sich beim Bre­x­it in einer ähn­lich erschöp­fen­den Dau­er­schlei­fe wie die Poli­tik. Und so wie bei zahl­rei­chen Medi­en­kon­su­men­ten ist auch bei den mit dem The­ma betreu­ten Redak­teu­ren ein gewis­ser Über­druss zu ver­spü­ren. Bei der Stutt­gar­ter Zei­tung äußert sich das in einer grenz­wer­ti­gen Spra­che aus der Bio­lo­gie : “Die Euro­pä­er müs­sen auf der Hut sein, damit sie sich nicht auch noch die eng­li­sche Seu­che ein­fan­gen. Die poli­ti­sche Klas­se des Ver­ei­nig­ten König­reichs hat das Land in eine schwe­re Ver­fas­sungs­kri­se gestürzt, die mit einer Läh­mung des Gesetz­ge­bungs­ap­pa­rats ein­her­geht. Die­ses Hor­ror­sze­na­rio droht der EU, wenn man jetzt nicht auf­passt.”

Die FAZ wählt eben­falls die Meta­pher von der “Läh­mung” und schreibt unter dem Titel “Dann lie­ber ein Ende mit Schre­cken”: “Noch schlim­mer als ein unge­re­gel­ter Bre­x­it wäre es, wenn der Ver­such, doch noch zu einer ein­ver­nehm­li­chen Tren­nung zu kom­men, in einer Läh­mung der Insti­tu­tio­nen und einer Hand­lungs­un­fä­hig­keit der EU ende­te. Sie hat schon zu lan­ge zu vie­le ande­re Fra­gen von gro­ßer poli­ti­scher Bedeu­tung ver­nach­läs­sigt, Lon­don übri­gens auch.” Ob aus Ver­zweif­lung oder aus Lan­ge­wei­le : In einem ande­ren Arti­kel zum The­ma zitiert die FAZ nun sogar schon alte Schla­ger :

Sag mir quan­do, sag mir wann, seufz­te fra­gend vor vie­len Jah­ren Cate­ri­na Valen­te. Leicht adap­tiert, kann man die Fra­ge auch auf den Bre­x­it anwen­den : Wann wird das Ver­ei­nig­te König­reich aus der EU aus­tre­ten ? Und wie ? Sieht man sich viel­leicht doch eines Tages im Krei­se die­ser Euro­päi­schen Uni­on wie­der?”

Urhe­ber­recht : Zen­sur oder über­fäl­li­ger Angriff auf Inter­net-Kon­zer­ne ?

Im Zusam­men­hang mit dem dro­hen­den neu­en Urhe­ber­recht  kann auf eine älte­re Aus­ga­be die­ser Kolum­ne ver­wie­sen wer­den. Denn noch immer voll­zieht sich die Debat­te vor allem zwi­schen zwei Polen. Den einen besetz­te einst die Süd­deut­sche Zei­tung :

Den Bür­gern in der EU droht eine Richt­li­nie, die das freie Netz gefähr­det. Die zwei Dut­zend Arti­kel ent­hal­ten sinn­vol­le Ände­run­gen, um das Urhe­ber­recht an das digi­ta­le Zeit­al­ter anzu­pas­sen. Doch Arti­kel 13 allein ist der­art ver­korkst, dass der poten­zi­el­le Scha­den weit­aus grö­ßer ist als der Nut­zen. Dort ist nicht expli­zit von ‘Upload-Fil­tern’ die Rede. Aber den meis­ten Platt­for­men blie­be gar nichts ande­res übrig, als alle Inhal­te zu scan­nen, die Nut­zer hoch­la­den wol­len. Bis die Rich­ter die neue Richt­li­nie prü­fen, wird es aber dau­ern. In der Zwi­schen­zeit könn­ten die Grund­la­gen für eine gigan­ti­sche Fil­ter-Infra­struk­tur gelegt wer­den, die für Zen­sur miss­braucht wer­den könn­te.”

Im Gegen­satz dazu ver­tei­dig­ten die Badi­schen Neu­es­ten Nach­rich­ten das Gesetz :

Es wäre ein gro­ßer Durch­bruch, wenn es der EU gelän­ge, dem Inter­net die Züge des Wil­den Wes­ten aus­zu­trei­ben. Es trä­fe nicht gera­de die wirt­schaft­lich Schwa­chen, wenn die digi­ta­len Platt­for­men künf­tig etwas von ihren Rie­sen­ge­win­nen abge­ben müss­ten : Goog­le, Face­book und Co. Mit der Urhe­ber­rechts­re­form stellt Euro­pa unter Beweis, wie viel der alte Kon­ti­nent bewir­ken kann, wenn er zusam­men­hält : Er kann die größ­ten Kon­zer­ne der Welt zur Rechen­schaft zie­hen und Stan­dards set­zen, die es nir­gend­wo sonst gibt. Noch ist der Erfolg aber nicht sicher. Auch, weil eine bei­spiel­lo­se Anti-Kam­pa­gne läuft.”

Die Angst der EU vor dem Inter­net

All­ge­mein zu den sich in dem geplan­ten Gesetz spie­geln­den Ängs­ten haben die Nach­Denk­Sei­ten geschrie­ben :

Wenn sich die EU-Insti­tu­tio­nen mit dem Inter­net befas­sen, erzeu­gen sie oft eine Stim­mung der Bedro­hung : ‘Das Netz’ erscheint dann meist als ein Hort des Extre­mis­mus, des Popu­lis­mus, der Hass-Spra­che, der ‘Fein­de Euro­pas und der Demo­kra­tie’, der Fake News, der Rus­sen-Pro­pa­gan­da und der Urhe­ber­rechts­ver­let­zung. Dass das Inter­net auch Chan­ce, revo­lu­tio­nä­res Ele­ment der Auf­klä­rung und sehn­süch­tig erwar­te­te Alter­na­ti­ve zu domi­nie­ren­den Medi­en­mo­no­po­len ist, das wird in Brüs­sel meist negiert. Dem­entspre­chend behan­deln die EU-Insti­tu­tio­nen den Kom­plex Inter­net und die dort ver­füg­ba­ren ‘gefähr­li­chen’ Infor­ma­tio­nen wie einen Feind. Vor die­sem Feind müs­sen die Bür­ger, die EU-Wer­te oder nun die Enter­tain­ment-Indus­trie ‘geschützt’ wer­den.”

Wie sehr die­se ver­schreck­te Sicht­wei­se in die Redak­tio­nen hin­ein­wirkt, zeigt abschlie­ßend die alte Lei­er vom grund­sätz­lich “gut mei­nen­den Wes­ten”, die der Mann­hei­mer Mor­gen in gro­tes­ker Nai­vi­tät anstimmt : “Von Zen­sur zu spre­chen, dar­auf soll­ten Kri­ti­ker der Reform in der Debat­te ver­zich­ten. Denn bei der Zen­sur han­delt es sich in der Regel um staat­li­che Ein­grif­fe in auto­kra­ti­sche Sys­te­me. Letz­te­res ist die EU sicher­lich nicht.” Na, dann ist ja alles in Ord­nung.

Es war nicht alles schlecht : Der “Rus­sen­fres­ser” Man­fred Weber

Mit Man­fred Weber schickt sich ein Mann an, EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent zu wer­den, der ganz offen den Ver­rat euro­päi­scher Inter­es­sen ankün­digt. So hat Weber in einem Inter­view mit der News­week Pol­s­ka erklärt, er leh­ne den Bau der Pipe­line Nord Stream 2 “kate­go­risch ab” und wer­de als EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent alle denk­ba­ren Mög­lich­kei­ten prü­fen und nut­zen, um ihren Bau zu blo­ckie­ren, auch wenn der bei sei­ner Amts­über­nah­me bereits weit fort­ge­schrit­ten sein wür­de.

Weil die­se skan­da­lö­se Per­so­nal­ent­wick­lung in den gro­ßen Medi­en weit­ge­hend igno­riert oder ver­harm­lost wird, sei hier auf zwei kri­ti­sche Arti­kel zum The­ma ver­wie­sen. Zum einen stellt Jens Ber­ger auf den Nach­Denk­Sei­ten den “baye­ri­schen Rus­sen­fres­ser” vor und zum ande­ren beschreibt Tele­po­lis inter­es­san­te Hin­ter­grün­de zu dem Poli­ti­kum :

Zur Begrün­dung sei­ner Ableh­nung des Pro­jekts führ­te der CSU-Poli­ti­ker kei­ne Inter­es­sen sei­nes Hei­mat­lan­des an, son­dern ‘euro­päi­sche’. Kon­kre­ter mein­te er dazu aller­dings nur, die Pipe­line wer­de ‘ukrai­ni­sche Inter­es­sen erheb­lich tref­fen und lang­fris­tig den Gas­preis für ganz Euro­pa beein­flus­sen’. In wel­che Rich­tung letz­te­res gesche­hen wird, ließ er offen.”

Mehr zum The­ma — Ein Fal­ke als Juncker-Nach­fol­ger ? Medi­en ver­schwei­gen anti­rus­si­sche Hal­tung von Man­fred Weber

RT Deutsch bemüht sich um ein brei­tes Mei­nungs­spek­trum. Gast­bei­trä­ge und Mei­nungs­ar­ti­kel müs­sen nicht die Sicht­wei­se der Redak­ti­on wider­spie­geln.

RT Deutsch


Krim-Beitritt, Sahra Wagenknecht, Venezuela : Ein Wochenrückblick auf den medialen Abgrund


von Tho­mas Schwarz

Einer der lang­le­bi­gen Medi­en­skan­da­le unse­rer Zeit ist der Umgang mit dem Bei­tritt der Krim zur Rus­si­schen Föde­ra­ti­on, der sich in die­ser Woche zum fünf­ten Mal jährt. Die­ser Skan­dal besteht nicht nur in der ver­zerr­ten Dar­stel­lung des Vor­gangs als “Anne­xi­on” oder gar als “Besat­zung”. Zusätz­lich dazu wer­den durch absur­de Gleich­stel­lun­gen monu­men­ta­le Kriegs­ver­bre­chen rela­ti­viert : So ist es für vie­le deut­sche Redak­teu­re nor­mal, die Hun­dert­tau­sen­den Toten der Krie­ge gegen Afgha­ni­stan, Irak, Liby­en und Syri­en mit der unblu­ti­gen rus­si­schen “Anne­xi­on” der Krim mora­lisch auf­zu­wie­gen – min­des­tens : Man­che Medi­en gehen so weit, beim Ver­gleich zwi­schen rus­si­scher und west­li­cher Außen­po­li­tik einen mora­li­schen Vor­sprung auf west­li­cher Sei­te zu sug­ge­rie­ren.

Ris­se in der Krim-Pro­pa­gan­da

Den fünf­ten Jah­res­tag woll­te man da nicht ver­strei­chen las­sen, ohne medi­al nach­zu­le­gen. Das ist aus Sicht der gro­ßen Medi­en wich­tig, da sich ohne Fort­füh­rung der Kam­pa­gne mit der Zeit unauf­halt­sam eine rea­lis­ti­sche Sicht durch­set­zen wür­de. Ris­se in der west­lich-mono­li­thi­schen Dar­stel­lung des Kon­flik­tes haben sich schon län­ger auf­ge­tan – es ist eini­gen weni­gen Ein­zel­per­so­nen hoch anzu­rech­nen, dass sie eine Schmutz-Kam­pa­gne gegen ihre Per­son ris­kie­ren, indem sie sich den mas­si­ven Mani­pu­la­tio­nen rund um die Vor­gän­ge des Ukrai­ne-Put­sches und dem dar­aus fol­gen­den Krim-Bei­tritt ent­ge­gen­stel­len.

Eine jener Per­so­nen ist der ehe­ma­li­ge Kohl-Bera­ter Horst Teltschik. Teltschik äußert sich zwar lang­fris­tig auch wider­sprüch­lich bis destruk­tiv zum deutsch-rus­si­schen Ver­hält­nis, doch in einem kürz­lich erschie­ne­nen Inter­view mit dem Spie­gel hat er im bemer­kens­wer­ten Klar­text die ukrai­ni­schen Poli­ti­ker als “Lum­pen” bezeich­net und die Hys­te­rie um die Krim stark rela­ti­viert. Das kann Paul “Stahl­helm” Ron­zhei­mer von der Bild-Zei­tung nicht durch­ge­hen las­sen, wie er auf Twit­ter ver­brei­tet :

Man kann von Glück reden, dass Horst Teltschik heu­te nicht mehr in der Poli­tik mit­mischt. Annek­ti­on der Krim ? Ja, schon irgend­wie, aber die ukrai­ni­schen Prä­si­den­ten sind “Lum­pen”. Gefähr­li­che Rela­ti­vie­run­gen des ehe­ma­li­gen Kohl-Bera­ters. 

Kri­tik­lo­se Büh­ne für ukrai­ni­schen Bot­schaf­ter

In eine ähn­li­che Ker­be schlägt bekann­ter­ma­ßen auch der Spie­gel, der in einem Arti­kel schreibt : “Wie die Krim Putin ver­schluck­te. Vor fünf Jah­ren begann Wla­di­mir Putin, Krieg und Gewalt in den Osten der Ukrai­ne zu tra­gen. Die Ent­schei­dung hat den Kreml­chef, die Rus­sen und ihren Staat ver­än­dert.” Und der Deutsch­land­funk bie­tet dem Bot­schaf­ter der Ukrai­ne, Andrij Mel­nyk, ein kri­tik­lo­ses Forum, in dem er etwa fol­gen­den Unsinn unwi­der­spro­chen abson­dern darf :

Die Krim ist eine offe­ne Wun­de, eine blu­ten­de Wun­de, denn in die­sen fünf Jah­ren ver­wan­del­te die rus­si­sche Besat­zungs­macht die Halb­in­sel in eine Zone der Gewalt­herr­schaft und Recht­lo­sig­keit. Die Men­schen­rech­te wer­den buch­stäb­lich mit FSB-Füßen bru­tal getre­ten. Die Krim­ta­ta­ren, eine gro­ße Min­der­heit, wer­den ver­folgt, fast wie zu Sta­lin-Zei­ten.”

Dass Mel­nyk sol­che Pro­pa­gan­da ver­brei­tet, ver­wun­dert nicht – das ist sein Job. Wer aller­dings sei­nen Job in dem Gespräch sträf­lich ver­nach­läs­sigt, ist der Inter­view­er Chris­toph Hei­ne­mann. Sein Sen­der Deutsch­land­funk ver­brei­te­te noch wei­te­re Ver­zer­run­gen zum The­ma, etwa zur anste­hen­den Wahl in der Ukrai­ne : “Wenn die Par­la­men­ta­ri­er in Kiew davon spre­chen, dass Prä­si­dent Putin zwang­haft ver­su­che, die Ukrai­ne unter Kon­trol­le zu bekom­men, dann ist das nicht über­trie­ben, meint Kor­re­spon­dent Tho­mas Fran­ke im Deutsch­land­funk Kul­tur.” Fran­ke fährt fort :

Die Ukrai­ne muss­te aus Sicht der rus­si­schen Regie­rung im Cha­os ver­sin­ken. Man muss­te sagen, das han­delt sich um einen faschis­ti­schen Putsch, der US-gesteu­ert ist, auch um die eige­ne Oppo­si­ti­on zu unter­drü­cken und sie vor allen Din­gen im eige­nen Land zu dis­kre­di­tie­ren.

Medi­en, Think-Tanks, Stu­di­en : Die geball­te anti­rus­si­sche Mei­nungs­ma­che

Flan­kie­rend zur Krim-Bericht­erstat­tung konn­te man in jün­ge­rer Ver­gan­gen­heit einen wah­ren Rei­gen an Bei­trä­gen über “rus­si­sche Fehl­in­for­ma­tio­nen” beob­ach­ten. Zum Bei­spiel in den gro­ßen Medi­en : So fragt die Bild-Zei­tung aktu­ell : “War­um tut Goog­le nichts gegen Putins Pro­pa­gan­da?” Der Spie­gel hofier­te kürz­lich die anti­rus­si­schen Info-Akti­vis­ten des Mos­kau­er Por­tals The Insi­der. Und bereits in der ver­gan­ge­nen Woche schei­ter­te ein­mal mehr der ARD-Fak­ten­fin­der beim Fak­ten­fin­den zur Skri­pal-Affä­re :

Als Quel­len nutz­ten RT und Sput­nik auch Autoren von rech­ten Online-Pro­jek­ten, die bei­spiels­wei­se behaup­te­ten, die Ver­gif­tung von Skri­pal habe gar nicht statt­ge­fun­den und sei ein ‘Hoax’, die Vor­la­ge dafür sei ein Fern­seh­dra­ma gewe­sen. Eine wei­te­re beson­ders bizar­re Theo­rie besag­te, dass Ser­gei Skri­pal abhän­gig von Nowit­schok gewe­sen sei und eine Über­do­sis ein­ge­nom­men habe.”

Die alte Lei­er – Putin und die Rech­ten

Zu die­sen “nor­ma­len” Medi­en­bei­trä­gen gesell­ten sich “Stu­di­en” oder ande­re Medi­en­pro­jek­te ein­schlä­gi­ger Think-Tanks. So ver­öf­fent­licht die Web­sei­te EU vs. Dis­in­fo per­ma­nent skan­da­lös gefärb­te “Infor­ma­tio­nen” zu “rus­si­scher Des­in­for­ma­ti­on”. Und das “Kings Col­le­ge” aus Lon­don steu­er­te eine eige­ne “Unter­su­chung” bei, mit dem Titel “Nach­rich­ten als Waf­fe – RT, Sput­nik und ziel­ge­rich­te­te Des­in­for­ma­ti­on”. Als “russ­land-kri­ti­scher” Mini-Think-Tank spielt sich die Zei­tung taz schon lan­ge auf. Nun haben die Redak­teu­re auch das pas­sen­de “Dos­sier” zu die­sem etwas lächer­lich hoch­ge­grif­fe­nen Anspruch ver­fasst : “Putins blaue Hel­fer. Vie­le Rechts­po­pu­lis­ten suchen die Nähe zu Mos­kau. AfD-Poli­ti­kern bringt das Öffent­lich­keit und Auf­wer­tung. Und Russ­land hofft auf die Schwä­chung der EU.” Dass die Sache zwi­schen Putin und den deut­schen Rech­ten nicht gar so ein­fach ist, hät­ten die Redak­teu­re bei den Nach­denk­sei­ten nach­le­sen kön­nen :

Für vie­le gro­ße Medi­en ist aus­ge­macht : Russ­land unter­stützt die Rechts­po­pu­lis­ten, um Euro­pa ‘zu spal­ten’. Doch was den­ken Akteu­re der ‘Putin-Par­tei’ tat­säch­lich über AfD und Front Natio­nal ? Eine pro­mi­nen­te rus­si­sche Poli­ti­ke­rin hat nun ein­dring­lich vor den Kon­tak­ten mit Rech­ten gewarnt, da die­se den rus­si­schen Inter­es­sen zuwi­der­lie­fen. Der auf­schluss­rei­che Bei­trag wider­spricht der Deu­tung von der rus­si­schen Begeis­te­rung für Rechts­po­pu­lis­mus.”

Sah­ra Wagen­knecht – Der Rück­zug und die Pro­pa­gan­da

Sah­ra Wagen­knechts ange­kün­dig­ter Rück­zug aus der ers­ten Rei­he der Links­par­tei und der sozia­len Bewe­gung “Auf­ste­hen” muss als betrüb­li­cher, aber – ange­sichts von Par­tei-Mob­bing und Bur­nout – nach­voll­zieh­ba­rer Schritt bezeich­net wer­den. Im Gegen­satz zur weit­ge­hend unse­riö­sen bis bös­ar­ti­gen Kom­men­tie­rung in den deut­schen Medi­en hat der LIN­KEN-Poli­ti­ker Fabio De Masi in einer Face­book-Nach­richt tref­fend geschrie­ben :

Es lässt sich kei­ne gerech­te­re Gesell­schaft bau­en, wenn man von innen ver­här­tet ist und sich unver­zicht­bar fühlt. Nur wer wie Sah­ra die eige­nen Gren­zen erkennt – und was im Leben wirk­lich zählt – ist wirk­lich frei. Man erkennt an Tagen wie die­sen auch sehr schnell, wer über Cha­rak­ter ver­fügt. Es ist die Iro­nie der Geschich­te, dass der Frak­ti­ons­chef der ‘Ellen­bo­gen FDP’ – Chris­ti­an Lind­ner – Sah­ra gute Bes­se­rung wünscht und zumin­dest hier sozia­ler unter­wegs ist als eini­ge Genos­sin­nen und Genos­sen, bei denen jetzt die Sekt­kor­ken knal­len. Aber dar­über kann man auch mil­de lächeln, wenn man das mit dem Spie­gel beher­zigt.”

Die Nach­denk­sei­ten ana­ly­sie­ren die Bericht­erstat­tung zu Wagen­knecht fol­gen­der­ma­ßen :

Fol­gen­de Punk­te ste­chen her­vor : Das öffent­li­che und unbe­grün­de­te Anzwei­feln der von Wagen­knecht ange­führ­ten gesund­heit­li­chen Grün­de, das früh­zei­ti­ge Jubeln über ein ‘Aus’ der Samm­lungs­be­we­gung ‘Auf­ste­hen’, irri­ge Ansich­ten über nun ‘bes­se­re’ Chan­cen für Rot-Rot-Grün und eine ver­früh­te Freu­de über ein Ende des Gra­ben­kamp­fes in der Links­par­tei. Zudem ist fest­zu­stel­len, dass die beson­ders frag­wür­di­gen Kom­men­ta­re von Poli­ti­kern und nicht von Redak­teu­ren stam­men.”

Die taz beson­ders schä­big

Neben den Partei-“Freunden” und den gro­ßen Medi­en hat sich die taz in meh­re­ren Bei­trä­gen beson­ders schä­big gegen Wagen­knecht posi­tio­niert : So sei “Auf­ste­hen” doch “von Anfang an ein Ego­pro­jekt” gewe­sen : “Sah­ra Wagen­knecht hat ‘Auf­ste­hen’ genutzt, solan­ge es Auf­merk­sam­keit gene­rier­te. Jetzt ent­sorgt sie die Bewe­gung auf schä­bi­ge Wei­se”, so die taz. Die Zei­tung schreckt nicht mal davor zurück, die Krank­heit Wagen­knechts indi­rekt in Zwei­fel zu zie­hen :

Dass ihr Rück­zug von der Frak­ti­ons­spit­ze mit die­sem poli­ti­schen Schei­tern zusam­men­hängt, liegt auf der Hand – auch wenn Wagen­knecht selbst per­sön­li­che Über­las­tung und ihre gera­de über­stan­de­ne Krank­heit ins Feld führt. Ein schlüs­si­ger Grund, aber auch eine will­kom­me­ne Brü­cke.”

Die Zeit hofft – mög­li­cher­wei­se ver­früht – nun auf ein schnel­les Ende von “Auf­ste­hen”: “Sie ist weg, und das ist auch gut so. Mit Sah­ra Wagen­knecht ver­liert die Samm­lungs­be­we­gung Auf­ste­hen ihr bekann­tes­tes Gesicht. Das ist kein Ver­lust : Als lin­ke Inte­gra­ti­ons­fi­gur ist sie voll­kom­men unge­eig­net.” Dass sich die Welt die­ser Hoff­nung anschließt, ist nicht ver­wun­der­lich : Dem­nach sind nun Lafon­tai­ne und Wagen­knecht “bei­de geschei­tert” und die Samm­lungs­be­we­gung ein “Rohr­kre­pie­rer”. Der Tages­spie­gel fürch­tet, die nun wie­der “freie Radi­ka­le” Wagen­knecht habe bald wie­der mehr Ener­gie für ihre “poli­ti­schen Quer­schüs­se”.

Bei sol­chen Partei-“Freunden” braucht Wagen­knecht kei­ne Fein­de mehr

Noch gif­ti­ger als die gro­ßen Medi­en haben sich aber diver­se Poli­ti­ker geäu­ßert. So schrieb Johan­nes Kahrs (SPD) auf Twit­ter : “Wagen­knecht bleibt lie­gen. Will nicht mehr auf­ste­hen. Die Arbeit sol­len jetzt ande­re machen.” Simon Vaut (SPD) sprach von einer “guten Nach­richt” und füg­te an, Wagen­knechts “natio­na­ler Sozia­lis­mus” sei schäd­lich und Rot-Rot-Grün sei nun ein biss­chen wahr­schein­li­cher gewor­den.

Dem stan­den eini­ge Töne aus der Links­par­tei in nichts nach. Der lin­ke Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te und ehe­ma­li­ge Schatz­meis­ter der Par­tei, Tho­mas Nord, sag­te dem Redak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land (RND): “Die Art und Wei­se, wie sich Wagen­knecht von Auf­ste­hen ver­ab­schie­det, zeigt, wie wenig Respekt sie vor Leu­ten hat, die ihr nicht mehr nütz­lich erschei­nen. Wenn sie wei­ter ihr eige­nes Süpp­chen kocht, dann wer­de ich sie auch wei­ter kri­ti­sie­ren. Das hat nichts mit Nach­kar­ten zu tun. Die Par­tei muss sich selbst ernst neh­men.” Und die Ber­li­ner Lan­des­vor­sit­zen­de der Links­par­tei, Kati­na Schu­bert sag­te : “Ich neh­me das ver­wun­dert zur Kennt­nis und hof­fe, dass sich jetzt nicht die Men­schen, die tat­säch­lich Hoff­nung in das Pro­jekt gesetzt haben, von der Poli­tik abwen­den. Man darf nicht mit Men­schen und ihren Erwar­tun­gen spie­len.”

Schlamm­schlacht gegen Wagen­knecht

Doch nicht alle Stim­men las­sen die Empa­thie ver­mis­sen. So erin­nert Tim Her­den beim MDR an die Atta­cken gegen Wagen­knecht beim letz­ten Par­tei­tag :

Noch heu­te erschüt­tert mich im Rück­blick das Tri­bu­nal gegen Sah­ra Wagen­knecht auf dem Leip­zi­ger Par­tei­tag im ver­gan­ge­nen Jahr. Wagen­knecht wur­de von Funk­tio­nä­ren der Par­tei für ihre Kri­tik an der Flücht­lings­po­li­tik öffent­lich an den Pran­ger gestellt. Neben der Pflicht des Jour­na­lis­ten zu berich­ten war auch das Gefühl des Fremd­schä­mens, wie eine Par­tei mit ihrer Spit­zen­ge­nos­sin umgeht und eine Par­tei­spit­ze dies zulässt.”

Rief der Links­par­tei-Chef zum Mob­bing auf ?

Die­se Berich­te über inter­nes Mob­bing und den ange­kün­dig­ten Rück­zug las­sen wie­der­um an ein Zitat des LIN­KEN-Chefs Bernd Riex­in­ger von 2017 den­ken, an das Jens Ber­ger auf den Nach­denk­sei­ten erin­nert hat :

Sah­ra ist lei­der nicht auf­zu­hal­ten als Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de. Man kann sie nicht ein­fach abschie­ßen. Sah­ra muss gegan­gen wer­den und dar­an arbei­ten wir. Wenn wir sie immer wie­der abwat­schen und sie merkt, sie kommt mit ihren Posi­tio­nen nicht durch, wird sie sicher von allei­ne gehen.”

Wel­che Per­so­nen in der Links­par­tei die­ser Mob­bing-Auf­for­de­rung angeb­lich Fol­ge geleis­tet haben, das lis­tet ein Insi­der in der Bild-Zei­tung auf :

Die Stim­mung in der Frak­ti­on ist uner­träg­lich. Der Mob­bing-Ter­ror gegen Wagen­knecht und Dagde­len geht auf kei­ne Kuh­haut. In der Frak­ti­on zie­hen Bernd Riex­in­ger, Kat­ja Kip­ping, Caren Lay, Anke Dom­scheit-Berg, Sabi­ne Lei­dig, Cor­ne­lia Möh­ring und Mar­ti­na Ren­ner per­ma­nent über sie her.”

Vene­zue­la : Scha­den­freu­de und Sabo­ta­ge

Beim seit Wochen domi­nie­ren­den The­ma Vene­zue­la gibt es drei Ent­wick­lun­gen. Zum einen die Fort­füh­rung der skan­da­lö­sen Pro­pa­gan­da für einen Sturz des Prä­si­den­ten Nicolás Madu­ro. Die­se Linie reprä­sen­tiert unter zahl­rei­chen ande­ren gro­ßen Medi­en etwa der Spie­gel, wenn er mit kaum ver­hoh­le­ner Scha­den­freu­de ver­mel­det, Vene­zue­la sei nach dem dubio­sen Strom­aus­fall “zurück in der Stein­zeit”. Madu­ros “im Volk belieb­ter Wider­sa­cher Guai­dó” wür­de “Miss­wirt­schaft, man­geln­de War­tung und Kor­rup­ti­on” für den Strom­aus­fall ver­ant­wort­lich machen, so der Spie­gel. Und das Maga­zin behaup­tet ein­fach mal : “Die meis­ten Exper­ten stim­men ihm zu.” Dass der Strom­aus­fall mut­maß­lich auf Sabo­ta­ge zurück­zu­füh­ren ist, erscheint in den meis­ten Arti­keln nur als absur­de Ver­schwö­rungs­theo­rie der Regie­rung.

Eine ande­re Ent­wick­lung ist eine bemer­kens­wer­te Absatz­be­we­gung der New York Times von der US-Pro­pa­gan­da zu Vene­zue­la. Die Zei­tung greift etwa die offi­zi­el­le Ver­si­on der “durch die Regie­rung in Brand geschos­se­nen” Hilfs­lie­fe­run­gen an. Bei dem The­ma sind die Redak­teu­re offen­sicht­lich hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen ihren Anti­pa­thi­en gegen Trump einer­seits und jenen gegen Madu­ro ande­rer­seits.

Chi­na reicht Vene­zue­la die Hand

Eine drit­te Ent­wick­lung beleuch­tet die sonst eher ver­steck­te, aber wohl durch­aus essen­zi­el­le Rol­le Chi­nas im Kampf um Vene­zue­la. So ver­mel­det das Medi­um Nik­kei Asi­an Review, dass Chi­na Hil­fe bei der Bewäl­ti­gung des Zusam­men­bruchs der vene­zo­la­ni­schen Strom­ver­sor­gung leis­ten wol­le und Sabo­ta­ge am Werk sieht :

Chi­na hat ange­bo­ten, Vene­zue­la bei der Wie­der­her­stel­lung sei­nes zusam­men­ge­bro­che­nen Strom­net­zes zu hel­fen, und unter­stützt gleich­zei­tig die Behaup­tung von Prä­si­dent Nicolás Madu­ro, dass die Strom­aus­fäl­le durch Sabo­ta­ge ver­ur­sacht wur­den. ‘Chi­na ist bereit, Hil­fe und tech­ni­sche Unter­stüt­zung für die Wie­der­her­stel­lung des Strom­sys­tems zu leis­ten’, sag­te der Spre­cher des Außen­mi­nis­te­ri­ums, Lu Kang, am Mitt­woch vor Jour­na­lis­ten in Peking. ‘Wir sind besorgt, dass der Unfall durch einen Cyber­an­griff auf das vene­zo­la­ni­sche Strom­netz ver­ur­sacht wur­de’, sag­te Lu. ‘Wir hof­fen, dass die vene­zo­la­ni­sche Sei­te die Ursa­che des Unfalls so schnell wie mög­lich her­aus­fin­den und die nor­ma­le Strom­ver­sor­gung und sozia­le Ord­nung wie­der­her­stel­len wird.’ ”

Jens Ber­ger hat zu die­sem Vor­gang ange­merkt :

Tech­ni­sche Hil­fe für ‘Ame­ri­kas Hin­ter­hof’. Die geo­stra­te­gi­schen Kar­ten wer­den zur Zeit neu gemischt und der Wes­ten ver­liert von Tag zu Tag sei­nen selbst auf­ge­stell­ten mora­li­schen Anspruch. Wäh­rend die USA und eine von Deutsch­land ange­führ­te EU die Faust bal­len und mit Gewalt dro­hen, reicht Chi­na die hel­fen­de Hand.”

Jah­res­tag des Koso­vo­kriegs : Mani­pu­la­ti­on durch Ver­schwei­gen

Das letz­te The­ma soll einen Aspekt behan­deln, der weit in der Ver­gan­gen­heit liegt, des­sen bal­di­ger 20. Jah­res­tag aber aktu­ell mit star­ken media­len Mani­pu­la­tio­nen ver­bun­den ist : der Krieg der NATO gegen Jugo­sla­wi­en um das Koso­vo. Die media­le Ver­zer­rung äußert sich hier vor allem durch Ver­schwei­gen – so wird die Ent­ste­hung, der Ver­lauf und die vor­be­rei­ten­de Medi­en­kam­pa­gne nicht the­ma­ti­siert. Wer den Koso­vo­krieg also ver­ste­hen möch­te, ist auf die sehr infor­ma­ti­ve Rei­he von RT dazu ange­wie­sen (hier, hier oder hier), oder etwa auf einen kürz­li­chen Bericht der Nach­denk­sei­ten :

Als am 24. März 1999 die Bom­ben der NATO-Flug­zeu­ge auf Ser­bi­en/­Rest-Jugo­sla­wi­en nie­der­gin­gen, war eine ande­re Schlacht bereits geschla­gen wor­den : die gegen die rea­lis­ti­sche Dar­stel­lung des Kon­flikts um das Koso­vo. Die Pro­pa­gan­da, die von zahl­rei­chen deut­schen Redak­teu­ren und Poli­ti­kern zur Ver­zer­rung der Sicht auf Ser­bi­en, auf die ‘Befrei­ungs­ar­mee des Koso­vo’ (UÇK) und den ser­bi­schen Prä­si­den­ten Slo­bo­dan Miloše­vić auf­ge­wen­det wur­de, kann als ein Höhe­punkt der Mani­pu­la­ti­on durch Mas­sen­me­di­en bezeich­net wer­den (…) Die Mei­nungs­ma­che vor den Bom­bar­die­run­gen war erfolg­reich : Trotz des ille­ga­len Angriffs­cha­rak­ters des Koso­vo­krie­ges stimm­te der Bun­des­tag einer Betei­li­gung am 16. Okto­ber 1998 zu. Ihre Zustim­mung ver­wei­gert haben unter ande­rem Oskar Lafon­tai­ne, Gre­gor Gysi, Sabi­ne Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger und Wil­ly Wim­mer.”

Mehr zum The­ma — 20 Jah­re seit NATO-Angriffs­krieg gegen Jugo­sla­wi­en : Ter­ror-Paten und die letz­te Chan­ce

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