NATO Talk in Berlin : “Herzlich willkommen auf der Intensivstation”


von Zlat­ko Per­ci­nic

Frank­reichs Prä­si­dent Emma­nu­el Macron attes­tier­te der NATO in einem Inter­view den “Hirn­tod” und lös­te damit Schock­wel­len inner­halb und außer­halb des Bünd­nis­ses aus. Die Irri­ta­ti­on war sogar so groß, dass Frank­reichs Bot­schaf­te­rin in Ber­lin, Anne-Marie Descôtes, kurz­fris­tig zur dies­jäh­ri­gen Kon­fe­renz “NATO Talk around the Bran­den­bur­ger Tor” ein­ge­la­den wur­de. Immer­hin war das Mot­to der Ver­an­stal­tung “NATO at 70 – No Time To Reti­re”, also frei über­setzt, dass die Zeit für einen Ruhe­stand der Alli­anz noch nicht gekom­men sei. Ein dia­gnos­ti­zier­ter “Hirn­tod” von einem Mit­glied­staat, dazu noch einem nukle­ar bewaff­ne­ten Mit­glied­staat, ist daher ein äußerst schlech­tes Timing für eine Ver­an­stal­tung, bei der Einig­keit und Leben­dig­keit gefei­ert wer­den soll­ten.

Ent­spre­chend sar­kas­tisch fiel die Begrü­ßung des Jour­na­lis­ten Wer­ner Son­ne aus, der die ers­te Gesprächs­run­de mode­rier­te : 

Herz­lich will­kom­men auf der Inten­siv­sta­ti­on.

Sei­ne Gäs­te waren nebst der fran­zö­si­schen Bot­schaf­te­rin der Par­la­men­ta­ri­sche Staats­se­kre­tär von Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er, Tho­mas Sil­ber­horn, sowie Dr. Clau­dia Major der Denk­fa­brik Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik (SWP) und der Vor­sit­zen­de der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz, Prof. Dr. Wolf­gang Ischin­ger. 

Die Bot­schaf­te­rin stell­te klar, dass Macron über den Zustand in Euro­pa besorgt sei. “Frie­den ist nicht Gegen­teil von Krieg”, mein­te sie. Damit der Frie­den erhal­ten bleibt, müs­se man auch dar­an arbei­ten, so Descôtes. Auch Deutsch­land müs­se sei­nen Teil dazu bei­tra­gen. 

Das ist eine For­de­rung, die ganz nach dem Geschmack von Tho­mas Sil­ber­horn und ande­ren poli­ti­schen Ver­tre­tern ist, die die Mei­nung ver­tre­ten, dass Deutsch­land eine “Gestal­tungs­macht” wer­den soll. Es sei doch in unse­rem “urei­ge­nen Inter­es­se”, so der Par­la­men­ta­ri­sche Staats­se­kre­tär der Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin, dass “in unse­rer Nach­bar­schaft Sta­bi­li­tät” herrscht. Die­se deut­sche Nach­bar­schaft befin­det sich frei­lich nicht nur ent­lang der deut­schen Gren­zen, son­dern zieht sich vom Bal­kan über den Nahen Osten bis zur Sahel­zo­ne in Afri­ka. Ein “Gür­tel der Sta­bi­li­tät” soll laut Sil­ber­horn so geschaf­fen wer­den, der die “mari­ti­men Han­dels­we­ge” für die Han­dels­na­ti­on Deutsch­land offen hält. Dass die Durch­set­zung von deut­schen Inter­es­sen auf dem Bal­kan, in der Ukrai­ne, in Nah­ost und selbst in Latein­ame­ri­ka genau das Gegen­teil des­sen aus­ge­löst hat, was man vor­gibt, errei­chen zu wol­len, scheint bes­ten­falls ledig­lich eine Rand­no­tiz der Geschich­te zu sein. 

Was dem Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um vor­schwebt, ist eine ledig­lich umfor­mu­lier­te und abge­schwäch­te Ver­si­on der US-Stra­te­gie der “Ring of Bases” (Rin­ge von Stütz­punk­ten), mit dem­sel­ben Ziel, die mari­ti­men Han­dels­we­ge offen zu hal­ten. Man träumt sogar davon, gegen Chi­na “Prä­senz” im indo­pa­zi­fi­schen Raum zei­gen zu wol­len, weil sich “allen vor­an Aus­tra­li­en, Japan und Süd­ko­rea” von Chi­nas ver­meint­li­chem Macht­an­spruch “zuneh­mend bedrängt” füh­len, wie Kramp-Kar­ren­bau­er bei ihrer Grund­satz­re­de in Mün­chen klar­ge­stellt hat­te.

Deutsch­land will also wie­der jemand sein auf der gro­ßen geo­po­li­ti­schen Büh­ne. Eine Gestal­tungs­macht eben. Aller­dings sei die Bun­des­re­pu­blik nicht in der Lage, beim Spiel der Groß­mäch­te mit­zu­mi­schen, stell­te Sil­ber­horn klar. Man könn­te fast mei­nen, dass bei die­ser Fest­stel­lung auch eine Spur von Weh­mut mit­klang. 

Mehr zum The­ma — Nor­bert Rött­gen : Deutsch­land soll “Gestal­tungs­macht” wer­den 

Um auch nur annä­hernd in die­se Rich­tung zu kom­men, benö­tigt es wei­te­re mil­li­ar­den­schwe­ren Inves­ti­tio­nen in den Aus­bau sämt­li­cher Teil­streit­kräf­te der Bun­des­wehr. Wie das aller­dings den deut­schen Steu­er­zah­lern ver­mit­telt wer­den soll, bleibt für eini­ge ein Rät­sel. Auf der einen Sei­te ist der Wunsch für eine akti­ve­re Rol­le Deutsch­lands in der Welt­po­li­tik vor­han­den, auf der ande­ren aber fehlt es an einer kon­kre­ten Bedro­hungs­la­ge, um die­se Sum­men zu recht­fer­ti­gen.

Siem­tje Möl­ler, stell­ver­tre­ten­de Spre­che­rin der Arbeits­grup­pe Sicher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on, hat bei der zwei­ten Gesprächs­run­de dafür einen Erklä­rungs­an­satz prä­sen­tiert. Die “Frie­dens­di­vi­den­de” nach der Auf­lö­sung der Sowjet­uni­on und der NATO-Ost­erwei­te­rung habe dazu geführt, dass die Deut­schen intel­lek­tu­ell gar nicht mehr in der Lage wären, sicher­heits­po­li­ti­sche Über­le­gun­gen anzu­stel­len. Man ken­ne im Gegen­satz zu den Bal­ten oder Polen das Gefühl einer unmit­tel­ba­ren Bedro­hung, ob real oder auch nur gefühlt, nicht mehr.

Gemeint war natür­lich, dass die­se Bedro­hung aus Russ­land kom­men soll, was Möl­ler wenig spä­ter dann auch ent­spre­chend for­mu­lier­te :

Russ­land will die NATO spal­ten.

Auch Wolf­gang Ischin­ger bemüh­te sich nach Kräf­ten, eine rus­si­sche Gefahr aus­zu­ma­chen. “Wir glaub­ten, dass eine trag­fä­hi­ge – Russ­land ein­ge­schlos­sen – euro­päi­sche Sicher­heits­struk­tur gefun­den wer­den kann”, mein­te der ehe­ma­li­ge deut­sche Bot­schaf­ter in Washing­ton und Lon­don. Doch die­ser Glau­be sei durch Mos­kau ent­täuscht wor­den. Statt­des­sen erle­be man nun “Russ­lands Revi­sio­nis­mus im Osten”, monier­te Chris­ti­an Schmidt, CSU-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter und ehe­ma­li­ger Land­wirt­schafts­mi­nis­ter, bei sei­ner Eröff­nungs­re­de der NATO-Ver­an­stal­tung. 

Dass weder die NATO noch die Euro­päi­sche Uni­on je an einer wirk­li­chen euro­päi­schen Sicher­heits­struk­tur inter­es­siert waren, die Russ­land als eben­bür­ti­gen Part­ner ein­ge­schlos­sen hät­te, lie­ßen sowohl Ischin­ger als auch Schmidt aus. Iro­ni­scher­wei­se erwähn­te der Vor­sit­zen­de der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz die mah­nen­den Wor­te des dama­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten Richard von Weiz­sä­cker bei sei­ner Anspra­che am 3. Okto­ber 1990 zum “Tag der Deut­schen Ein­heit”, dass die über­wun­de­ne Trenn­li­nie nun nicht nach Osten wan­dern dür­fe. “Die West­gren­ze der Sowjet­uni­on darf nicht zur Ost­gren­ze Euro­pas wer­den”, warn­te Weiz­sä­cker vor 29 Jah­ren. 

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Genau dazu ist es aber durch die NATO- und EU-Ost­erwei­te­rung gekom­men, auch wenn es die Sowjet­uni­on schon lan­ge nicht mehr gibt. Die Insta­bi­li­tät in der Ukrai­ne und Geor­gi­en sind die Fol­gen die­ser Ver­schie­bung der Trenn­li­nie nach Osten, die nichts mit einem angeb­li­chen Revi­sio­nis­mus Russ­lands zu tun haben. 

Kei­ner for­mu­lier­te indes­sen den Kern der geo­po­li­ti­schen Umwäl­zun­gen mit solch offe­nen Wor­ten wie der US-Sicher­heits­ex­per­te Frank Rose. Wäh­rend sich die euro­päi­schen Red­ner mit der dif­fu­sen rus­si­schen Bedro­hung abmüh­ten, brach­te es der ehe­ma­li­ge Staats­se­kre­tär für Rüs­tungs­kon­trol­le im US-Außen­mi­nis­te­ri­um auf den Punkt : Wir erle­ben der­zeit eine Her­aus­for­de­rung der Sys­tem­kon­zep­te.

Im Wes­ten sei man davon aus­ge­gan­gen, dass der tech­no­lo­gi­sche Vor­sprung in sämt­li­chen Gebie­ten für immer auf deren Sei­te gesi­chert sei. Man sei davon aus­ge­gan­gen, dass bei Tech­no­lo­gie­dieb­stäh­len die­se in Län­dern wie der Sowjet­uni­on und spä­ter Russ­land, oder auch Chi­na, bes­ten­falls nach­ge­baut wer­den. Doch jetzt wacht der Wes­ten auf und stellt plötz­lich fest, dass in bestimm­ten Gebie­ten die­ser Vor­sprung nicht mehr vor­han­den ist. Russ­lands Ent­wick­lun­gen von Hyper­schall­waf­fen und aus­ge­klü­gel­tes Rake­ten­pro­gramm, Chi­nas zukunfts­wei­sen­des 5G-Netz und For­schung in Berei­chen der künst­li­chen Intel­li­genz und Quan­ten­com­pu­ter : In vie­len Berei­chen wur­de der Wes­ten von einem Tech­no­lo­gie­ge­ber zu einem Bitt­stel­ler degra­diert.

Die­se Erkennt­nis hat nicht nur sicher­heits­po­li­ti­sche Rele­vanz, son­dern hat ganz offen­sicht­lich auch einen wun­den Punkt getrof­fen. Das Selbst­ver­ständ­nis, dass wir Euro­pä­er – oder Ame­ri­ka­ner – die Welt in den moder­nen Fort­schritt füh­ren müs­sen, hat damit einen schwe­ren Dämp­fer erhal­ten. Dabei wird ver­ges­sen, dass es genau die­ses Über­le­gen­heits­ge­fühl war und ist, das über­all für unsäg­li­ches Leid gesorgt hat, wo wir die Bevöl­ke­run­gen ver­meint­lich in die Moder­ne füh­ren woll­ten.

Doch Frank Rose wur­de noch deut­li­cher. Noch ehr­li­cher. Die USA haben kei­ne Angst vor rus­si­schen Nukle­ar­waf­fen. Solan­ge sein Land und die Euro­pä­er ihre Nukle­ar­waf­fen wei­ter moder­ni­sie­ren, sehe er dar­in kein Pro­blem. Was die USA – und damit auch die NATO – wirk­lich wurmt, ist die von Russ­land geschaf­fe­ne A2AD-Bla­se. Hin­ter die­sem Kür­zel ver­steckt sich der Begriff “Anti-Access Area Deni­al”, was man frei mit Zugangs­ver­wei­ge­rung über­set­zen könn­te. Mili­tä­risch bedeu­tet das, dass man dem Geg­ner in die­ser “Bla­se”, also dem Ope­ra­ti­ons­ge­biet, weder zu Was­ser, zu Lan­de, in der Luft noch im Welt- und Cyber­raum den Zugang zum eige­nen Ter­ri­to­ri­um ermög­licht.

Wenn es also hart auf hart käme, wäre die NATO (zumin­dest in der Theo­rie, weil prak­ti­sche Erfah­run­gen feh­len) nicht in der Lage, Russ­land anzu­grei­fen. Des­halb for­dert Rose die Mili­ta­ri­sie­rung des Welt­raums, um die­se A2AD-Bla­sen “zu durch­bre­chen”, weil die Inter­kon­nek­ti­vi­tät der ver­schie­de­nen Abwehr­sys­te­me satel­li­ten­ge­stützt gesteu­ert wird.

Mehr zum The­ma — NATO will in rus­si­schen A2/AD-Zonen ope­rie­ren – Zugang ver­wei­gert

Zudem for­dert der US-Sicher­heits­ex­per­te auch von Deutsch­land, wei­ter­hin an der “nuklea­ren Teil­ha­be” der NATO bzw. der USA teil­zu­neh­men. Ohne Deutsch­land befürch­tet er den “Kol­laps der NATO-Nukle­arab­schre­ckung”, wes­halb die Bun­des­wehr drin­gend die ver­al­te­ten Tor­na­dos am liebs­ten mit US-ame­ri­ka­ni­schen F‑35-Kampf­jets erset­zen soll­te. Dass sich die Regie­rung von Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel gegen die­sen Typ ent­schie­den hat, kann Rose nicht nach­voll­zie­hen. Deutsch­land wäre dann das ein­zi­ge NATO-Land im Pro­gramm der nuklea­ren Teil­ha­be, das ohne einen Kampf­jet der fünf­ten Genera­ti­on teil­näh­me. Indes­sen bestä­tig­te die SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Siem­tje Möl­ler, dass die Ent­schei­dung für den Kauf ent­we­der eines modi­fi­zier­ten, aber bereits in die Jah­re gekom­me­nen F/A‑18 aus US-Pro­duk­ti­on oder für einen Euro­figh­ter “Anfang 2020” fal­len soll.

Wäh­rend am Ende der Ver­an­stal­tung der ein­stim­mi­ge Tenor war, dass die Euro­pä­er mehr für die Ver­tei­di­gung – unter dem Man­tel der NATO – tun müs­sen, damit die USA Res­sour­cen abzie­hen und in den indo­pa­zi­fi­schen Raum ver­le­gen kön­nen, stand eben­falls fest, dass das Feind­bild Russ­land und eben auch Chi­na gepflegt wer­den müs­sen, um die­se mas­si­ven Inves­ti­tio­nen gegen­über den eige­nen Bevöl­ke­run­gen bes­ser ver­kau­fen zu kön­nen. Dabei offen­bar­te sich ein inner­eu­ro­päi­scher Macht­kampf zwi­schen Deutsch­land und Frank­reich. 

Anne-Marie Descôtes stell­te von Anfang an den Stand­punkt ihrer Regie­rung klar, dass Frank­reich nicht der Auf­fas­sung sei, dass Chi­na im Auf­ga­ben­be­reich der NATO lie­ge. Auch Ischin­ger bestä­tig­te, dass Paris eine “voll­kom­men ande­re Sicht” auf die Fra­gen und Ant­wor­ten der geo­po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen als Ber­lin habe. Selbst der Aache­ner Ver­trag kön­ne nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass es die­se ver­schie­de­nen Auf­fas­sun­gen gebe. Gera­de was das The­ma NATO, Russ­land und Chi­na betrifft, scheint es deut­lich unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen zwi­schen den bei­den größ­ten und stärks­ten EU-Staa­ten zu geben, die der von der desi­gnier­ten EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin und Ex-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ursu­la von der Ley­en gefor­der­ten “Spra­che der Macht” im Wege ste­hen, die Euro­pa ihrer Mei­nung nach “ler­nen muss”. 

Mehr zum The­ma - Deutsch­land in der neu­en Welt­ord­nung : Außen­po­li­ti­sche Éli­te debat­tiert zukünf­ti­gen Weg 

RT Deutsch bemüht sich um ein brei­tes Mei­nungs­spek­trum. Gast­bei­trä­ge und Mei­nungs­ar­ti­kel müs­sen nicht die Sicht­wei­se der Redak­ti­on wider­spie­geln. 

RT Deutsch


Tödlicher Stoß vor U‑Bahn : 2019 gab es in Berlin bereits 85 “Personen im Gleis”


Die Auf­nah­men der Video­über­wa­chung vom Kott­bus­ser Tor in Ber­lin-Kreuz­berg, auf denen zu sehen ist, wie bei einem Streit in der Nacht auf Mitt­woch ein Mann auf die Glei­se gesto­ßen und von der U‑Bahn über­rollt wird, will die Ber­li­ner Poli­zei nicht ver­öf­fent­li­chen. Die Auf­nah­men wür­den noch aus­ge­wer­tet.

Der oder die Täter sind noch flüch­tig. Mög­li­cher­wei­se ging es dabei um einen Streit im Dro­gen­mi­lieu. Bei dem Toten han­delt es sich um einen 30 Jah­re alten Ira­ner.

Die­ser soll dazwi­schen­ge­gan­gen sein, als zwei Män­ner ver­sucht hat­ten, einen Roll­stuhl­fah­rer zu berau­ben. Der Todes­fall löst eine Dis­kus­si­on um die Sicher­heit in der Ber­li­ner U‑Bahn aus. 

Laut BVG-Spre­che­rin Petra Nel­ken gegen­über rbb24 gab es in die­sem Jahr bereits 85 “Per­so­nen im Gleis”, 2016 noch waren es nur 40 Fäl­le im gan­zen Jahr. Es sind zumeist Obdach­lo­se, die auf dem Gleis­bett nach Lebens­mit­teln und Ziga­ret­ten­kip­pen suchen, aber auch Men­schen, die ihr Han­dy fal­len las­sen und hin­ter­her­sprin­gen. Eben­so wer­den Sui­zid­ver­su­che erfasst. Die gestie­ge­nen Zah­len führt die BVG auf die stei­gen­de Zahl der Fahr­gäs­te zurück.

Sicher­heits­tü­ren, wie in ande­ren Län­dern üblich, die ein Fal­len auf die Glei­se unmög­lich machen, kön­nen jedoch in Ber­lin nicht so leicht instal­liert wer­den. Dafür bräuch­ten die Ber­li­ner Ver­kehrs­be­trie­be bis zu 30 Jah­re Vor­lauf. Alle Zug­be­stän­de müss­ten aus­ge­tauscht und auf Züge mit glei­chen Tür­ab­stän­den umge­rüs­tet wer­den. Bei der U‑Bahn wer­den bis­lang zu vie­le ver­schie­de­ne Zug­ty­pen ein­ge­setzt. 

RT Deutsch


Gegen die Lehrerflucht aus Berlin : Bildungssenatorin will Verbeamtung der Lehrkräfte


Ber­lin hat einen Leh­rer­man­gel. Die Bil­dungs­se­na­to­rin Ber­lins San­dra Schee­res sieht dies der Tat­sa­che geschul­det, dass die Leh­rer in Ber­lin nicht ver­be­am­tet sind. Jah­re war sie gegen eine Ver­be­am­tung, aber ihre Mei­nung hat sie inzwi­schen geän­dert.

Gab es 2011 in Ber­lin noch 50 Kün­di­gun­gen von Leh­rern, könn­ten es in die­sem Jahr bis zu 800 wer­den. Vie­le gin­gen nach Bran­den­burg oder in ande­re Bun­des­län­der. Denn Ber­lin ist das ein­zi­ge Bun­des­land, in dem Leh­rer nicht ver­be­am­tet wer­den. 

Zu spät sei Schee­res mit ihrer Reak­ti­on nicht. Die Sta­tis­tik habe zuvor einen Leh­rer­über­schuss vor­aus­ge­sagt. Schee­res muss­te auch ein­räu­men, dass man “nach einer ein­ge­hen­den Prü­fung” nun wüss­te, “dass man eine finan­zi­el­le Gleich­stel­lung von Ange­stell­ten und Beam­ten nicht hin­be­kommt”.

Ange­stell­te Leh­rer hät­ten im Ver­gleich zu ver­be­am­te­ten einen Net­to­ver­lust von “bis zu 120.000 Euro” über das gesam­te Berufs­le­ben : 

Ich möch­te, dass die Ver­be­am­tung so vie­len Lehr­kräf­ten wie mög­lich offen­steht. Unser Ziel ist es auch, dass die Zah­len von Quer­ein­stei­gern und den aus­ge­bil­de­ten Fach­leh­rern im rich­ti­gen Ver­hält­nis ste­hen. 

Beson­ders in den Stadt­tei­len Mar­zahn-Hel­lers­dorf, Mit­te, Neu­kölln und Span­dau gibt es vie­le Quer­ein­stei­ger. 

Gegen die Kon­zen­tra­ti­on gut aus­ge­bil­de­ter Lehr­kräf­te auf die Nicht-Pro­blem­vier­tel habe Ber­lin Maß­nah­men zur Umver­tei­lung ergrif­fen. Ende des letz­ten Jah­res wur­de von Senat und Abge­ord­ne­ten­haus beschlos­sen, dass Leh­rern in Pro­blem­ge­bie­ten eine Zula­ge von 300 Euro gezahlt wer­de. 

RT Deutsch


Piñera raus!” – Chilenen demonstrieren in Berlin gegen Polizeigewalt & neoliberale Regierung


von Flo­ri­an War­weg

Ab 19 Uhr war das Bran­den­bur­ger Tor am Mon­tag­abend fest in den Hän­den der in Ber­lin leben­den Chi­le­nen. Auf zahl­rei­chen selbst­ge­bas­tel­ten Pla­ka­ten und Trans­pa­ren­ten in spa­ni­scher, deut­scher und eng­li­scher Spra­che mach­ten sie auf ihre For­de­run­gen und die pre­kä­re sozia­le Lage in ihrem Land auf­merk­sam, das im deut­schen Main­stream oft als “latein­ame­ri­ka­ni­scher Mus­ter­kna­be” idea­li­siert wird. 

Mehr zum The­ma — “Wir sind im Krieg”: Chi­le ver­hängt erst­mals seit Pino­chet-Dik­ta­tur Aus­nah­me­zu­stand

Im Gegen­satz zu vor­he­ri­gen Mobi­li­sie­run­gen zu Chi­le fällt an die­sem Abend die Viel­zahl an jun­gen Chi­le­nen auf. Zuvor waren Pro­tes­te zur Lage im geo­gra­fisch iso­lier­ten Anden­land oft von der “alten Gar­de”, den in den 1970er-Jah­ren in die DDR und BRD geflüch­te­ten Chi­le­nen, geprägt, und die Teil­neh­mer lie­ßen sich an zwei Hän­den abzäh­len. Doch das Bild, das sich an die­sem Mon­tag bie­tet, ist anders. Die meis­ten Teil­neh­mer sind in ihren 20ern. Auch Nan­cy R., ein Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Chi­les, die seit Ende der 70er-Jah­re in Ost­ber­lin lebt, zeigt sich auf Nach­fra­ge von RT Deutsch über­rascht : “Ich wuss­te gar nicht, dass so vie­le jun­ge Chi­le­nen der­zeit in Ber­lin leben. Doch ich habe nach­ge­fragt. Eini­ge sind wegen ihres Stu­di­ums hier, die meis­ten jedoch sind hier mit zeit­lich begrenz­ten Arbeits­vi­sa und arbei­ten für ein Jahr in Deutsch­land.”

Fragt man die anwe­sen­den Chi­le­nen, was sie bewegt hat, sich heu­te hier vor dem Bran­den­bur­ger Tor zu ver­sam­meln, bekommt man fast immer die glei­chen Ant­wor­ten : die mas­si­ve Pri­va­ti­sie­rung in fast allen Lebens­be­rei­chen. Der Bil­dungs- und Gesund­heits­sek­tor, die Alters­ver­sor­gung, selbst der Zugang zu Trink­was­ser sei­en de fac­to völ­lig pri­va­ti­siert wor­den.

"Piñera raus!" – Chilenen demonstrieren in Berlin gegen Polizeigewalt & neoliberale Regierung

Pedro, der über ein Arbeits­vi­sum ver­fügt und sich eher mit pre­kä­ren Putz­ar­bei­ten über Was­ser hält, erklärt mir :

Es geht nicht nur um die Erhö­hung von 30 Cen­ta­vos, son­dern um die Ent­wick­lung in den letz­ten 30 Jah­ren. In Chi­le wird uns ein tota­les Kon­sum­mo­dell ver­kauft, das sich aber kei­ner wirk­lich leis­ten kann. Alle sind total ver­schul­det. Gleich­zei­tig leben vie­le Men­schen trotz har­ter Arbeit am Exis­tenz­mi­ni­mum. Und ja, selbst wenn deut­sche Freun­de das nicht ver­ste­hen, auch eine Fahr­preis­er­hö­hung von umge­rech­net 4 Cent tut weh.

"Piñera raus!" – Chilenen demonstrieren in Berlin gegen Polizeigewalt & neoliberale Regierung
“Es sind nicht die 30 Cen­ta­vos, es sind die mehr als 30 Jah­re”

Vania, eine Aus­tausch­stu­den­tin aus der legen­dä­ren Hafen­stadt Val­pa­raí­so, mischt sich in das Gespräch ein und erklärt mit feu­ri­gen, vor Wut glü­hen­den Augen :

Mei­ne Oma hat ihr Leben lang gear­bei­tet, und weißt du, was sie jetzt als Ren­te bekommt ? 120 Luca ! [chi­le­ni­sche Umgangs­spra­che für 120.000 Pesos]. Weni­ger als 150 Euro ! Und damit ist sie nicht allein. 95 Pro­zent aller chi­le­ni­schen Rent­ne­rin­nen bekom­men sogar weni­ger [Unter­su­chun­gen der Uni­ver­sidad de Chi­le stüt­zen ihre Aus­sa­ge].

Doch dann wen­det sich Vania wie­der der Musik zu und singt laut­hals eine der Hym­nen des chi­le­ni­schen Wider­stands gegen die Pino­chet-Dik­ta­tur mit. Ein Lied der legen­dä­ren chi­le­ni­schen Rock­band “Los Pri­sio­ne­ros”:

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Die Gitar­ren­klän­ge und Gesän­ge wer­den immer wie­der vom soge­nann­ten Cace­ro­la­zo unter­bro­chen. Die­se Form des zivil­ge­sell­schaft­li­chen Pro­tes­tes, die aktu­ell auch in Kata­lo­ni­en Anwen­dung fin­det, ist eine laut­star­ke Form des Pro­tests, bei dem mit Löf­feln auf Töp­fe und Pfan­nen geschla­gen wird :

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Der Name kommt von “Cace­ro­la” (spa­nisch für “Topf”) und wur­de auch bereits in den 1980er-Jah­ren gegen die Pino­chet-Dik­ta­tur ein­ge­setzt. Der bis­her wohl bekann­tes­te und größ­te Cace­ro­la­zo fand Ende Dezem­ber 2001 in Bue­nos Aires statt und führ­te zum Rück­tritt des dama­li­gen Staats­prä­si­den­ten Fer­nan­do de la Rúa. Doch zurück zum Bran­den­bur­ger Tor. Bis in die spä­ten Abend­stun­den san­gen und tanz­ten die jun­gen Chi­le­nen und skan­dier­ten einen der Klas­si­ker des Wider­stands gegen die Pino­chet-Dik­ta­tur : “El pue­blo uni­do jamás será venci­do” (“Das ver­ein­te Volk wird nie­mals besiegt wer­den”) sowie “El que no sal­ta es Piñe­ra!” – eine Abwand­lung eines Akti­ons­spru­ches aus den 1980er-Jah­ren gegen Pino­chet : “Der, der nicht hüpft, ist Pino­chet!”

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Der Ver­fas­ser die­ser Zei­len sitzt der­weil am Rand des Bran­den­bur­ger Tors und lässt (ganz unjour­na­lis­tisch) sei­nen Trä­nen frei­en Lauf : 

RT Deutsch


Versöhnung zwischen Deutschen und Russen – Hommage an den Schriftsteller Daniil Granin in Berlin


von Wla­dis­law San­kin 

40 Minu­ten dau­er­te die Rede des damals 95-jäh­ri­gen Schrift­stel­lers am 27. Janu­ar 2014 vor den Abge­ord­ne­ten des Deut­schen Bun­des­ta­ges. Der Saal war still, vie­le der Anwe­sen­den kämpf­ten mit den Trä­nen, am Ende zoll­ten die Zuhö­rer dem Red­ner ste­hen­den Applaus. Daniil Gra­nin erzähl­te vom Schre­cken der Lenin­gra­der Blo­cka­de, deren Ende am 27. Janu­ar 1944 sich an die­sem Tag zum 70. Mal jähr­te.

Als Ehrer­wei­sung vor einer Mil­li­on Ver­stor­be­nen in Lenin­grad hielt der grei­se Schrift­stel­ler und gebür­ti­ger Lenin­gra­der sei­ne Rede im Ste­hen. Sie ging als Mei­len­stein in die Geschich­te des deut­schen Par­la­ments ein. Auch in der deut­schen und rus­si­schen Öffent­lich­keit fand sie star­ken Wider­hall. Neben dem dama­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten Joa­chim Gauck und Regie­rungs­ver­tre­tern war auch der deut­sche Alt­kanz­ler Hel­mut Schmidt bei der Ver­an­stal­tung anwe­send. Er war nur neun Tagen älter als Gra­nin.

Genau wie Gra­nin kämpf­te er bei Lenin­grad – auf der Sei­te der Angrei­fer, genau wie Gra­nin war Schmidt Pan­zer­of­fi­zier. Nach dem Auf­tritt lern­ten sich die bei­den ken­nen. Ein Jahr spä­ter, als im April Gra­nins letz­tes auto­bio­gra­phi­sches Buch “Mein Leut­nant” auf Deutsch erschien, schrieb Schmidt das Vor­wort. Der in Deutsch­land als Staats­mann und mora­li­sche Auto­ri­tät gefei­er­te Schmidt stell­te fest :

Gra­nin und ich, wir sind bei­de heu­te 96 Jah­re alt und haben die schlim­men Erfah­run­gen des Zwei­ten Welt­krie­ges hin­ter uns. (…) Heu­te tref­fen wir uns als Freun­de, nicht als Fein­de. Das ist ein wun­der­ba­res Geschenk der Geschich­te.

Gra­nin trat in sei­nem Leben sehr oft vor der deut­schen Öffent­lich­keit auf. Der ers­te Auf­tritt war im Jahr 1956, als er in der dama­li­gen DDR sei­ne ers­ten Begeg­nun­gen mit den Deut­schen erlebt hat. Der damals jun­ge Schrift­stel­ler kam nach Deutsch­land, um den Men­schen, die im Krieg auf ihn schos­sen und deren Schüs­se ihn ver­fehl­ten, in die Augen zu schau­en.

Begeg­nun­gen mit Gra­nin, die Bedeu­tung sei­nes Erbes für Deut­sche und Rus­sen und des­sen Zukunft waren am 15. Okto­ber The­ma der ganz­tä­gi­gen Kon­fe­renz “Gra­nin und Deutsch­land : Ein schwie­ri­ger Weg der Ver­söh­nung”. Sie fand zwei Jah­re nach sei­nem Tod und anläss­lich sei­nes 100. Geburts­jah­res in jenem Raum des Deutsch-Rus­si­schen Muse­ums in Ber­lin-Karl­horst statt, in dem am 8. Mai 1945 die Kapi­tu­la­ti­ons­er­klä­rung unter­zeich­net wur­de. Es kamen zahl­rei­che deut­sche und rus­si­sche His­to­ri­ker, Schrift­stel­ler und Über­set­zer zusam­men.

War­um ist aus­ge­rech­net die­ser Schrift­stel­ler für die deutsch-rus­si­schen Bezie­hun­gen so bedeu­tend ? Gra­nin hat­te die Gabe, von den schreck­lichs­ten nazis­ti­schen Ver­bre­chen direkt und schnör­kel­los zu erzäh­len und die Gefüh­le der Opfer und Hin­ter­blie­be­nen ehr­lich anzu­spre­chen. Er ver­mied es dabei aber, Vor­wür­fe zu erhe­ben, und konn­te damit die ehe­ma­li­gen Fein­de auf sei­ne Sei­te zie­hen.

Eines der ein­drucks­volls­ten Bei­spie­le dafür erzähl­te die Lite­ra­tur­for­sche­rin Fran­zis­ka Thun-Hohen­stein, die den Schrift­stel­ler per­sön­lich gut kann­te. So soll­te er auf einer Gedenk­ver­an­stal­tung zum 40. Jah­res­tag des Kriegs­en­des am 8. Mai 1985 in Nürn­berg über das Bom­bar­de­ment Kölns durch die Alli­ier­ten spre­chen. Die Rede fand in Rah­men der “Nürn­ber­ger Frie­dens­ge­sprä­che” der SPD mit Reprä­sen­tan­ten beson­ders zer­stör­ter Städ­te in Ost und West statt, und es waren Tau­sen­de Men­schen anwe­send.

Es war schwer, Gra­nin von der Teil­nah­me zu über­zeu­gen, denn er muss­te nicht von der sys­te­ma­ti­schen Bom­bar­die­rung Lenin­grads erzäh­len, son­dern vom Lei­den der Bevöl­ke­rung in Köln. Am Ende der Rede erzähl­te er auch von sei­ner Wahr­neh­mung als Leut­nant, der bei Lenin­grad in Schüt­zen­grä­ben saß und die Jun­kers Rich­tung Lenin­grad vor­bei­flie­gen sah. Die deut­schen Bom­ber lie­ßen jedes Mal Rauch­wol­ken über sei­ner Stadt auf­stei­gen – und zwar tag­täg­lich, mona­te­lang.

Als ich nach Ende des Kriegs von den Bom­bar­de­ments deut­scher Städ­te erfuhr, emp­fand ich gro­ße Freu­de”, sag­te Gra­nin. Nach anfäng­li­chem Zögern folg­te die­sen Wor­ten dann Applaus, erzähl­te er spä­ter in einer rus­si­schen Zei­tung.

In Deutsch­land ist Gra­nin vor allem als Co-Autor des “Blo­cka­den­bu­ches” bekannt – einer auf Tage­bü­chern und Inter­views mit Zeit­zeu­gen basie­ren­den ergrei­fen­den Erzäh­lung über das Leid und den Über­le­bens­kampf der ein­ge­schlos­se­nen Ein­woh­ner Lenin­grads.

Das Buch erschien im Jahr 1977 in der UdSSR zum ers­ten Mal – nicht ohne Wider­stand der Behör­den, die das Blo­cka­de­bild des Buches für dama­li­ge Ver­hält­nis­se zu ver­stö­rend fan­den. Die ers­te deut­sche DDR-Aus­ga­be ist aus dem Jahr 1981. Die neue, unzen­sier­te Fas­sung brach­te Ende 2018 der Auf­bau-Ver­lag her­aus. In der Deut­schen Aka­de­mie der Küns­te, deren Mit­glied Gra­nin war, wur­de die­ses Ereig­nis mit der Lesung des Buches durch sechs deut­sche Aka­de­mie­mit­glie­der am Pari­ser Platz gefei­ert. 

Jörg Feß­mann von der Aka­de­mie der Küns­te sag­te auf der Kon­fe­renz, es sei “schwer begreif­lich”, dass ein der­ar­ti­ges Ver­bre­chen bibli­schen Aus­ma­ßes wie die Hun­ger­blo­cka­de Lenin­grads, die zwei­ein­halb Jah­re andau­er­te, im Kriegs­ge­den­ken hier­zu­lan­de eine Neben­rol­le spielt. Im Gespräch mit RT sag­te er, dass der unmit­tel­ba­re Bezug zum Krieg in der Gesell­schaft mit dem Genera­ti­ons­wech­sel ver­lo­ren geht. Dies lie­ge aber in der Natur der Sache.

Aber in sei­ner Lite­ra­tur­sek­ti­on kön­ne er reges Inter­es­se an der Kriegs­the­ma­tik auch bei der jün­ge­ren Genera­ti­on fest­stel­len. Es sei wich­tig, dafür einen “Hal­len­raum” in der Gesell­schaft zu schaf­fen, der bei­spiels­wei­se durch Dia­log zwi­schen den Län­dern funk­tio­nie­ren kön­ne.

Die Kon­fe­renz zeig­te : Die The­ma­ti­sie­rung des Krie­ges und des Lei­dens im Krieg ist auch in Russ­land kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Schul­pro­jek­te spe­zi­ell zum “Blo­cka­den­buch” fin­den aber statt, und es sei ange­dacht, sol­che auch in Deutsch­land zu orga­ni­sie­ren.

Man stellt sich die Fra­ge : Hät­te die­ses Geden­ken so auch ohne Gra­nin funk­tio­nie­ren kön­nen ? Sei­ne Per­sön­lich­keit kann man als Glücks­fall betrach­ten – nicht nur, weil er als einer der Weni­gen von der frei­wil­li­gen Volks­wehr der ers­ten Stun­de den Krieg unver­sehrt über­lebt hat. Gra­nin gilt in Deutsch­land als unab­hän­gi­ger Geist, der der Macht in jeder Peri­ode sei­nes Lebens kri­tisch gegen­über­ste­hen konn­te.

Er ver­glich Deutsch­land und Russ­land ger­ne als Län­der, in denen die schlimms­ten tota­li­tä­ren Régime sich eta­blie­ren konn­ten. “Ich schaue auf Deutsch­land wie in einen Spie­gel”, schrieb er ein­mal. Eine sol­che Sicht­wei­se, kri­tisch gegen­über dem Kom­mu­nis­mus, aber auch distan­ziert genug gegen­über der heu­ti­gen rus­si­schen Regie­rung, mach­te Gra­nin nach der Wen­de auch im ver­ei­nig­ten Deutsch­land zur ideo­lo­gisch ver­tret­ba­ren Kom­pro­miss­fi­gur. “Die Figur Gra­nin ist über alle Zwei­fel erha­ben. (…) Allen war offen­sicht­lich, dass man kei­ne bes­se­re Figur fin­den könn­te”, erklär­te der Pres­se­dienst des Bun­des­ta­ges die Wahl Gra­nins als Red­ner für die Rede am 27. Janu­ar 2014.

In Russ­land ist sei­ne Per­son jedoch nicht unum­strit­ten. Er dämo­ni­sie­re die Sowjet­uni­on und stel­le Kom­mu­nis­mus mit Nazis­mus gleich, so der Vor­wurf. Aber sein Ein­satz für die Sache der Auf­klä­rung über Ver­bre­chen des Nazis­mus und die Rol­le der Roten Armee bei der Befrei­ung Euro­pas vom Faschis­mus war unent­behr­lich. Dies ver­deut­licht eine sei­ner Aus­sa­gen in einem Inter­view :

Man klau­te uns den Sieg. (…) Und jetzt ist das im Wes­ten alles damit durch­zo­gen, dass die Ame­ri­ka­ner den Krieg gewon­nen haben, bis auf die Schul­bü­cher. Aber das ist unge­recht und unan­stän­dig. Uns ver­dankt die Mensch­heit die­sen Sieg, die Zer­schla­gung des Faschis­mus. Natür­lich wird die Geschich­te es wie­der­gut­ma­chen, aber viel spä­ter. Aber meh­re­re Genera­tio­nen leben bereits mit die­ser Geschich­te und wer­den noch damit leben.

RT Deutsch


Armut ist auch in Berlin nicht sexy — Drei Fragen an die Landesarmutskonferenz


Der 17. Okto­ber wur­de von der UNO zum Inter­na­tio­na­len Tag für die Besei­ti­gung der Armut erklärt. Vie­le den­ken an die Drit­te Welt – denn in Deutsch­land, auch in Ber­lin, muss doch nie­mand wirk­lich hun­gern ? 

Ja, in Ber­lin hun­gert fast nie­mand, aber aus­ge­grenzt sind sehr vie­le. Im Jahr 2018 leb­ten 167.478 Kin­der unter 18 Jah­ren von Trans­fer­leis­tun­gen (Hartz IV). Vie­le von ihnen müs­sen auf vie­les ver­zich­ten, was sich ihre Schul­ka­me­ra­den selbst­ver­ständ­lich leis­ten kön­nen. Teil­nah­me am Kin­der­ge­burts­tag, regel­mä­ßi­ge Besu­che kul­tu­rel­ler Ver­an­stal­tun­gen, Hob­bys, Aus­flü­ge und sogar Bil­dungs­mög­lich­kei­ten sind ein­ge­schränkt. Über 50.000 Men­schen in Ber­lin haben kei­ne eige­ne Woh­nung, sie leben in Not­un­ter­künf­ten und Behelfs­un­ter­künf­ten.

Meh­re­re Tau­send Men­schen haben noch nicht ein­mal eine Not­un­ter­kunft, sie leben auf der Stra­ße. Immer mehr Men­schen holen sich Lebens­mit­tel bei der Tafel, damit sie nicht hun­gern müs­sen.

Mehr zum The­ma — Res­te-Essen : Immer mehr Men­schen müs­sen in Deutsch­land Armen­spei­sung nut­zen

Vie­le arme Rent­ner ver­su­chen, über klei­ne Neben­ver­diens­te (Zei­tung aus­tra­gen, Fla­schen sam­meln) ihr Bud­get auf­zu­bes­sern. Immer häu­fi­ger reicht das Geld nicht mehr für die Miet­zah­lung, da spart man eben am Essens­geld und geht zur Tafel. 

Was kommt Ihnen zum Spruch “arm, aber sexy” in den Sinn ? Schließ­lich ist der Anteil der Ein­kom­mens­mil­lio­nä­re, also jener, die mehr als 500.000 Euro Jahr ver­die­nen, in der Haupt­stadt in den ver­gan­ge­nen Jah­ren rasant ange­stie­gen.

Am Reich­tum in Deutsch­land ist nur ein Drit­tel der Bevöl­ke­rung betei­ligt, ein wei­te­res Drit­tel muss einen wei­te­ren Abstieg befürch­ten, und das unte­re Drit­tel arbei­tet im Nied­rig­lohn­sek­tor, hat meh­re­re Jobs oder lebt frei­be­ruf­lich am Exis­tenz­mi­ni­mum. Sexy ist das nicht, sozi­al auch nicht. Gerech­te­re Ver­tei­lung muss sein !

Ein Armuts­be­auf­trag­ter der UNO, Phil­ip Als­ton, sieht Armut in rei­chen Län­dern als eine poli­ti­sche Ent­schei­dung an, da sie ver­meid­bar wäre. Stim­men Sie dem zu, und wenn ja, wür­de die Oppo­si­ti­on eine ande­re Ent­schei­dung tref­fen und die­se effek­tiv umset­zen ?

Alle poli­ti­schen Par­tei­en brau­chen die brei­te gesell­schaft­li­che For­de­rung und mehr Druck, damit sie mehr Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit umset­zen. Alle Par­tei­en muss man an ihren Taten und nicht allein an ihren Wor­ten mes­sen. Hin­se­hen und hin­hö­ren müs­sen wir alle, ob arm oder reich.

Mehr zum The­ma — Lohn­ar­beit in Deutsch­land : Pri­vi­le­gi­en nach Sta­tus statt Leis­tung

RT Deutsch


Macrons Demütigung : Ablehnung von Goulard als EU-Kommissarin könnte Verhältnis zu Berlin trüben


von Pierre Lévy, Paris

Die von den EU-Par­la­men­ta­ri­ern gegen die ehe­ma­li­ge Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Frank­reichs erho­be­nen Vor­wür­fe betref­fen zum einen Schein­be­schäf­ti­gun­gen zuguns­ten ihrer frü­he­ren Par­tei, die sich Syl­vie Gou­lard vom EU-Par­la­ment bezah­len ließ, zum ande­ren “Berater”-Honorare von mehr als 10.000 Euro monat­lich, die sie vom pri­va­ten US-Think Tank Berg­gru­en bezog.

Las­sen wir die unglaub­wür­di­ge Erklä­rung der Abge­ord­ne­ten aus fast allen Lagern bei­sei­te, das EU-Par­la­ment habe mit sei­ner Abstim­mung der “Ethik” und Moral zum Sieg ver­hol­fen. Wäre dies der Fall, dann hät­ten die EU-Abge­ord­ne­ten kaum ande­re, schwe­rer vor­be­las­te­te Kan­di­da­ten mit Begeis­te­rung bestä­tigt. Zum Bei­spiel Josep Bor­rell, den der­zei­ti­gen spa­ni­schen Außen­mi­nis­ter, der am 1. Novem­ber das Amt des Hohen Ver­tre­ters der EU für Außen­po­li­tik über­neh­men soll.

Gou­lards über­ra­schen­de Ableh­nung könn­te Aus­wir­kun­gen haben, die über die­sen schein­bar unbe­deu­ten­den Vor­fall hin­aus­ge­hen, der fast nur in der klei­nen Brüs­se­ler Bla­se für Auf­re­gung sorgt. Zwei Punk­te sind in die­sem Zusam­men­hang von Bedeu­tung.

Ers­tens, die Reak­ti­on des fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten : Fas­sungs­los über den Tief­schlag gegen sei­nen Schütz­ling (und die damit für ihn ver­bun­de­ne Demü­ti­gung), ent­hüll­te Emma­nu­el Macron im Zorn unbe­ab­sich­tigt Details, die eigent­lich ver­trau­lich hät­ten blei­ben sol­len.

Macron zufol­ge hat­te die künf­ti­ge EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en unter drei von ihm vor­ge­schla­ge­nen Kan­di­da­ten Gou­lard mit Begeis­te­rung aus­ge­wählt. Sie ver­si­cher­te den fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten zudem, die drei wich­tigs­ten Frak­tio­nen des EU-Par­la­ments wür­den Syl­vie Gou­lard zustim­men : die EVP (Euro­päi­sche Volks­par­tei, christ­de­mo­kra­tisch-kon­ser­va­tiv) (Christ­de­mo­kra­ten) Rech­te, ein­schließ­lich LR aus Frank­reich und CDU aus Deutsch­land), die S&D (Sozia­lis­ten und Sozi­al­de­mo­kra­ten) und die “Renew” (Libe­ra­le, dar­un­ter die mit Macron ver­bun­de­ne “En Mar­che!”). Für den Haus­her­ren im Ély­sée-Palast war die Abstim­mung daher gleich­be­deu­tend mit einem Ver­rat.

Zwei­tens, Macrons Ein­druck wur­de durch einen Tweet inner­halb der EVP-Frak­ti­on bestä­tigt, der aus Ver­se­hen an die Öffent­lich­keit kam, bevor er has­tig gelöscht wur­de. Der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­of­fi­zier der Frak­ti­on sprach sei­ne Trup­pen wie folgt an :

Leu­te, wir wer­den sie [Gou­lard] in die­ser Abstim­mung abschie­ßen, aber sagt es nicht, bis es erle­digt ist.

Um die­se Kost­pro­be hoher ethi­scher Poli­tik zu ver­ste­hen, müs­sen wir uns an den Kon­text erin­nern. Auf der Tagung des Euro­päi­schen Rates Ende Juni fetz­ten sich die Staats- und Regie­rungs­chefs über den Namen des Nach­fol­gers von Jean-Clau­de Juncker. Eini­ge waren dem Grund­satz ver­pflich­tet, dass der Spit­zen­kan­di­dat der Par­tei, die in den EU-Wah­len die meis­ten Stim­men erhält, die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on lei­ten soll­te – ein Grund­satz, der von einer gro­ßen Mehr­heit der Abge­ord­ne­ten mit Zäh­nen und Klau­en ver­tei­digt wird. Trotz star­ker Ver­lus­te blieb bei den Wah­len im Mai die EVP die größ­te Frak­ti­on und bestand des­halb dar­auf, ihren Kan­di­da­ten zu nomi­nie­ren, den Deut­schen Man­fred Weber.

Aber Macron tat sein Bes­tes, die­sen zu ver­hin­dern. Dar­um schlug er den Namen einer Ver­trau­ten der deut­schen Kanz­le­rin vor : Ursu­la von der Ley­en. Da Letz­te­re selbst aus der CDU (also der EVP) stammt, akzep­tier­te Ange­la Mer­kel Macrons Vor­schlag, der dann auch vom Euro­päi­schen Rat bestä­tigt wur­de. Im Juli bil­lig­te das EU-Par­la­ment die­se Ent­schei­dung, aller­dings mit sehr knap­per Mehr­heit. Weber hat­te näm­lich noch nicht ver­daut, bei­sei­te gescho­ben zu wer­den, und vie­le sei­ner poli­ti­schen Freun­de zöger­ten, für von der Ley­en zu stim­men.

Vor allem aber : Vie­le EU-Abge­ord­ne­te – immer bestrebt, ihre Vor­rech­te gel­tend zu machen und höchst über­zeugt von ihrer eige­nen Wich­tig­keit, – heg­ten Rache­ge­lüs­te gegen den fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten, der sich nicht an das von ihnen bevor­zug­te Ernen­nungs­ver­fah­ren gehal­ten hat­te. Die­se Res­sen­ti­ments wur­den logi­scher­wei­se gegen den Schütz­ling des Ely­sée geäu­ßert.

Umso mehr, als eini­ge Tage zuvor zwei wei­te­re Kan­di­da­ten abge­lehnt wor­den waren : der Ungar Laszlo Troc­sanyi, der das Res­sort für die EU-Erwei­te­rungs­po­li­tik hät­te über­neh­men sol­len, und die Rumä­nin Rova­na Plumb, die für das Ver­kehrs­res­sort vor­ge­se­hen war. Troc­sanyi gehört zur EVP, Plumb zu den Sozi­al­de­mo­kra­ten. Die­se bei­den Frak­tio­nen hiel­ten es daher für gerecht­fer­tigt, dass auch der Libe­ra­len Frak­ti­on – der dritt­größ­ten Frak­ti­on im Straß­bur­ger Ple­nar­saal – eine Demü­ti­gung nicht erspart bleibt.

Es geht daher weder um “Ethik”, noch um grund­le­gen­de poli­ti­sche Dif­fe­ren­zen, die in den herr­schen­den Krei­sen der EU zu Tief­schlä­gen, Rache und Ver­gel­tung füh­ren, son­dern um rei­ne Macht­spie­le zwi­schen Par­la­ment und Rat einer­seits sowie um Wider­sprü­che zwi­schen den Mit­glied­staa­ten ande­rer­seits.

Es bleibt vor allem die Fra­ge : Hat­ten Man­fred Weber und sei­ne EVP-Frak­ti­on, ins­be­son­de­re die dar­in ver­tre­te­nen Deut­schen, ihren Angriff gegen Gou­lard vor­be­rei­tet, ohne die Kanz­le­rin zu infor­mie­ren ?

Soll­te sich her­aus­stel­len, dass Mer­kel infor­miert war und den Coup zuge­las­sen hat, dann wür­de das Psy­cho­dra­ma in der Brüs­se­ler Bla­se eine ande­re Dimen­si­on anneh­men, näm­lich die einer ernst­haf­ten deutsch-fran­zö­si­schen Kon­fron­ta­ti­on. Und dies im Kon­text der immer zahl­rei­che­ren Strei­tig­kei­ten zwi­schen Paris und Ber­lin. Es wür­de die Euro­päi­sche Uni­on wei­ter desta­bi­li­sie­ren in einer Zeit, in der sie stän­dig mit sich selbst zu kämp­fen hat.

RT Deutsch bemüht sich um ein brei­tes Mei­nungs­spek­trum. Gast­bei­trä­ge und Mei­nungs­ar­ti­kel müs­sen nicht die Sicht­wei­se der Redak­ti­on wider­spie­geln.

Mehr zum The­ma — Euro­päi­sche Uni­on : Mit neu­er Kom­mis­si­ons­chefin vor alten Zer­reiß­pro­ben

RT Deutsch