Höhen und Tiefen des DDR-Kulturlebens : Interview mit Hartmut König


Im Wes­ten wird von der DDR oft das Bild einer grau­en, trost­lo­sen Gesell­schaft gemalt, in der Kunst stän­dig gegän­gelt wur­de. Wie haben Sie die Kul­tur­sze­ne der DDR erlebt ?

Gleich mal zur Gän­ge­lei. Ein Groß­teil der DDR-Künst­ler leg­te Wert auf die Hin­ter­fra­gung des gesell­schaft­lich Erreich­ten. Es gab Ein­ver­ständ­nis wie Streit. Dabei konn­te selbst ein ver­bes­se­rungs­be­ses­se­ner künst­le­ri­scher Ges­tus mit hem­men­den kul­tur­po­li­ti­schen Dog­men kol­li­die­ren, was als Gän­ge­lei emp­fun­den wur­de. Wobei wahr­lich nicht jede Her­vor­brin­gung, die in der DDR-Gesell­schaft ihre Beach­tung ver­fehl­te, ein Opfer sinis­te­rer Dog­ma­tik war. Min­der­be­ga­bun­gen wol­len das gele­gent­lich glau­ben machen.
Wer von einem grau­en, trost­lo­sen, kul­tur- und kunst­feind­li­chen All­tag der DDR-Gesell­schaft redet, malt ein Zerr­bild der Wirk­lich­keit. Das tun unbe­lehr­ba­re Hard-Core-Dele­gi­ti­mie­rer, die die zuneh­men­de Wut so vie­ler Ex-DDR-Bür­ger über die Dif­fa­mie­rung ihrer eins­ti­gen Lebens­leis­tun­gen und Milieus als öst­li­chen Undank abtun.

Kal­ku­lier­te Rück­sicht auf ver­är­ger­te Ost­wäh­ler, mehr noch : ver­sach­lich­ter, unvor­ein­ge­nom­me­ner Kunst­ver­stand kor­ri­gie­ren nun immer öfter sol­che Ansich­ten und bewir­ken, dass Kul­tur­leis­tun­gen aus der DDR nach fai­ren his­to­ri­schen und ästhe­ti­schen Maß­stä­ben bewer­tet wer­den. Da ist, seri­ös unleug­bar, ein Reich­tum parat für jeden, der ihn sehen und hören will. Der Osten hat ihn in die deut­sche Natio­nal­kul­tur ein­ge­bracht. Nun mag er da mit sei­ner Zeit­zeu­gen­schaft rei­ben und gele­gent­lich auch an den Fut­ter­trö­gen des alt­bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Kunst­be­trie­bes stö­ren. Des­halb ja die gele­gent­li­chen Bezich­ti­gun­gen des DDR-Kunst­schaf­fens als pein­lich ange­rö­te­te, wert­lo­se Staats­kunst.

Aber das Umden­ken ist unter­wegs. Neh­men wir den Bereich der bil­den­den Kunst. Bald nach der Wen­de haben denun­zia­to­ri­sche Bil­der­schau­en empör­te Ost­künst­ler ver­an­lasst, ihre Wer­ke selbst wie­der abzu­hän­gen. Spä­ter waren in Pots­dam, Dres­den oder Hal­le viel besuch­te Aus­stel­lun­gen zu sehen, die DDR-Kunst einen ach­tungs­vol­len Raum boten und kaum noch gegen Zeit und Qua­li­tät bürs­te­ten. Für Ken­ner waren sie gedank­li­che und sinn­li­che Wie­der­be­geg­nun­gen. Für neu­gie­rig Gewor­de­ne ein Start zu künf­ti­gen Ent­de­ckun­gen. Ähn­li­ches wünsch­te ich allen Gen­res.

Das 11. Ple­num des ZK der SED (1965) gilt für west­li­che DDR-His­to­ri­ker als Wen­de der DDR-Kul­tur­po­li­tik, in der die vor­her zumin­dest teil­wei­se noch “libe­ra­len” Ten­den­zen end­gül­tig zu einer kon­ser­va­ti­ven Erstar­rung umschwenk­ten – so zumin­dest will es die offi­zi­el­le Geschichts­schrei­bung. Wie haben Sie das 11. Ple­num und die Jah­re danach erlebt ?

Zur Zeit des 11. Ple­nums war ich ein Teen­ager, der sich mit frü­hen Lie­dern und Gedich­ten äußer­te. Ich krieg­te die Anwür­fe und Ver­bo­te zwar mit, aber mir fehl­te die Vor­stel­lungs­kraft, wel­che aktu­el­le Spreng­kraft und schäd­li­che Lang­zeit­wir­kung von ihnen aus­ge­hen wür­den. Auch man­che Zusam­men­hän­ge ent­hüll­ten sich mir erst spä­ter. Etwa, dass Wal­ter Ulb­richt mit sei­nem frap­pant moder­nen Jugend­kom­mu­ni­qué, den wirt­schaft­li­chen Ver­suchs­an­ord­nun­gen im NÖS (Neu­es Öko­no­mi­sches Sys­tem der Pla­nung und Lei­tung) und ande­ren “tauwetter“artigen Gesell­schafts­vi­sio­nen nach dem Ende der Chruscht­schow-Ära von sei­nen Oppo­nen­ten inner­halb der SED-Füh­rung gestoppt wer­den soll­te.

Rich­tungs­kämp­fe in der Par­tei lenk­ten das 11. Ple­num, das ursprüng­lich zu öko­no­mi­schen Fra­gen geplant war, auf das ideo­lo­gisch und jugend­po­li­tisch stark tan­gier­te Feld von Kul­tur und Kunst. Erich Hon­ecker star­te­te einen Gene­ral­an­griff auf “schäd­li­che Ten­den­zen” in ein­zel­nen Kunst­gen­res, und Wal­ter Ulb­richt emp­fand nun auch, dass die unter sei­ner Füh­rung gewähr­te künst­le­ri­sche Frei­heit von Tei­len der Kunst­schaf­fen­den als Auf­ruf zu “Nihi­lis­mus, Halbanar­chis­mus, Por­no­gra­fie oder ande­ren Metho­den der ame­ri­ka­ni­schen Lebens­wei­se” miss­ver­stan­den wor­den sei. Dem Jugend­kom­mu­ni­qué zuwi­der bekam jetzt die “Mono­to­nie des Yeah, Yeah, Yeah”, immer­hin Signum der welter­stür­men­den Beat-Musik, ihr Fett weg. Eine Jah­res­pro­duk­ti­on von DEFA-Fil­men wur­de unver­öf­fent­licht ins Archiv geschickt.

Das Ver­dikt des Ple­nums traf u. a. Arbei­ten von Kurt Maet­zig, Frank Bey­er, Hei­ner Mül­ler und Ste­fan Heym. Auch gab es Aus­ein­an­der­set­zun­gen um Wolf Bier­mann, des­sen spä­te­re Aus­bür­ge­rung das intel­lek­tu­el­le Kli­ma in der DDR zusätz­lich belas­te­te. Kul­tur­för­dern­de Orga­ni­sa­tio­nen wie die FDJ wur­den wegen ihrer ver­meint­lich ideo­lo­gi­schen Sorg­lo­sig­keit gerügt. Ein­sam wag­te Chris­ta Wolf im Ple­num eine Wider­re­de : Sie woll­te das in der Ver­gan­gen­heit erwor­be­ne “freie Ver­hält­nis zum Stoff” nicht auf­ge­ben und befürch­te­te, dass kri­ti­sche Äuße­run­gen fort­an als par­tei­schä­di­gend gel­ten wür­den.

Dass der­lei schwer­wie­gen­de Ein­grif­fe der SED in die Kunst­pro­zes­se vor allem im intel­lek­tu­el­len Milieu als Ent­zug von Ver­trau­en und Frei­räu­men emp­fun­den wur­den und sich auch auf Stof­fe und Stil künf­ti­ger Arbeit aus­wirk­ten, ist ver­ständ­lich. Trotz­dem war, was künst­le­risch folg­te, kein Dis­tel­feld auf kul­tu­rel­lem Ödland. Kunst fin­det auch, manch­mal gera­de, in Kri­sen ihre Wege. Und auch die Ver­hält­nis­se öff­ne­ten sich wie­der. Mit dem VIII. Par­tei­tag, der sich maß­geb­lich an der Bedürf­nis­be­frie­di­gung der Bevöl­ke­rung ori­en­tier­te, erhiel­ten Kul­tur und Kunst wie­der ihren gebüh­ren­den Platz. Das erfor­der­te ein Umden­ken in Rich­tung Wei­te und Viel­falt.

Wel­che Rol­le spiel­ten fort­schritt­li­che Per­so­nen in der Kul­tur­sze­ne, etwa Ber­tolt Brecht, Hanns Eis­ler, Peter Hacks, Chris­ta Wolf und ande­re im öffent­li­chen Leben der DDR ?

So unter­schied­lich ihre Bio­gra­fi­en und künst­le­ri­schen Eigen­ar­ten waren, eines ein­te sie : Die DDR war für sie mehr als ein Auf­ent­halts­ort. Sie ban­den sich ide­ell an die­ses sozia­lis­ti­sche Wag­nis im Osten und nah­men dabei eben auch Kon­flik­te in Kauf. Sie woll­ten wir­ken und bau­ten auf ein sen­si­bles Publi­kum, das Kunst ver­ste­hen lern­te. Bri­ga­den hat­ten Thea­ter­abon­ne­ments. Auf­trags­wer­ke waren von Kunst­ge­sprä­chen beglei­tet. Thea­ter gas­tier­ten in Kul­tur­sä­len von Betrie­ben und gro­ßen LPGen. Das Papier reich­te nie für die Lese­lust. Woher wir kamen, wie wir leb­ten, wel­che Hoff­nun­gen und Sor­gen sich auf die Gegen­wart und Zukunft rich­te­ten – das waren The­men, die Künst­ler vom Anbe­ginn bis in die End­zeit der DDR dia­log­be­reit in die Gesell­schaft, in ihr Publi­kum trans­por­tier­ten.

Und so, wie sie drän­gen­de Zeit-Fra­gen in ihre Kunst hol­ten, grif­fen sie zuwei­len mit aktu­el­len State­ments in die Tages­po­li­tik ein. Ber­tolt Brecht um den 17. Juni 1953, Chris­ta Wolf, Ste­fan Heym, Vol­ker Braun und ande­re 1989 mit dem Auf­ruf “Für unser Land”. Weil Kunst auf ein gene­rell geho­be­nes Bil­dungs­ni­veau traf und eben auch ein all­seits erschwing­li­ches Ver­gnü­gen war, konn­te sie jedem eine ganz indi­vi­du­el­le Lebens­hil­fe sein. Prüft jemand heu­te sei­ne Erin­ne­run­gen an die DDR und gerät an die Abwä­gung von Feh­lern und Gewinn, kann er in der wie­der befrag­ten DDR-Kunst beden­kens­wer­te Maß­ga­ben fin­den. Das macht sie nütz­lich für die Erin­ne­rungs­kul­tur, aber auch span­nend für die Spu­ren­su­che Nach­ge­bo­re­ner, die in der DDR mehr als eine Fuß­no­te deut­scher Geschich­te sehen.

Wie umfang­reich war die För­de­rung der Kul­tur sei­tens des Staa­tes in der DDR, und wie wur­de Kunst an der gesell­schaft­li­chen Basis wahr­ge­nom­men und prak­ti­ziert ? Gibt es da signi­fi­kan­te Unter­schie­de zur Gesell­schaft, in der wir heu­te leben ?

Über die ide­el­le För­de­rung gibt es zuwei­len Streit, wenn Pro­ble­me bei der Durch­set­zung von Kunst­wer­ken zur Spra­che kom­men. Was aber die mate­ri­el­le Sei­te, die kul­tu­rel­le Infra­struk­tur, die Mög­lich­kei­ten der kul­tu­rel­len Teil­ha­be, die lan­des­wei­ten Bedin­gun­gen für die Ent­wick­lung der Berufs­kunst und des Lai­en­schaf­fens, dabei auch die Her­an­bil­dung des künst­le­ri­schen Nach­wuch­ses betrifft, einigt man sich wohl schnell auf ein güns­ti­ges Bild.

Schau­en wir in die 1970er und 1980er Jah­re. Eine deut­li­che Mehr­heit der Arbei­ter ver­füg­te nun über eine abge­schlos­se­ne Fach­aus­bil­dung, auch 63,5 Pro­zent aller in der Land­wirt­schaft Täti­gen hat­ten eine sol­chen Bil­dungs­grad. 1970 besa­ßen 71 Pro­zent der Lehr­lin­ge einen 10-Klas­sen-Abschluss der Poly­tech­ni­schen Ober­schu­le, jenes inter­na­tio­nal beach­te­ten Schul­typs, der wegen sei­ner päd­ago­gi­schen Fun­die­rung und Pra­xis­nä­he kei­ne PISA-Schel­te zu befürch­ten gehabt hät­te. Eine Deka­de spä­ter waren es bereits 86,3 Pro­zent. Auch die Wei­ter­bil­dung in den Betrie­ben, Genos­sen­schaf­ten und Volks­hoch­schu­len nahm zu.

Mit dem all­ge­mei­nen Bil­dungs­ni­veau wuchs das kul­tu­rel­le Inter­es­se. Die gro­ße Mehr­heit der Arbeits­kol­lek­ti­ve hat­te einen Kul­tur- und Bil­dungs­plan beschlos­sen, und der griff von der Kul­tur am Arbeits­platz bis in die Frei­zeit. Das wirkt auf den heu­ti­gen Betrach­ter viel­leicht diri­gis­tisch. Aber wie oft brau­chen kul­tu­rel­le Erleb­nis­se einen kol­lek­ti­ven Ruck !

1971 war die Zahl der Muse­ums­be­su­cher auf 20 Mil­lio­nen und die der Klubs und Kul­tur­häu­ser auf 35 Mil­lio­nen gestie­gen. Mehr als 655.000 Bür­ger hat­ten die VII. Kunst­aus­stel­lung der DDR im Dres­de­ner Alber­ti­num gese­hen. Die Bezirks­schau­en der bil­den­den Kunst erreich­ten die zwei- bis drei­fa­chen Besu­cher­zah­len frü­he­rer Jah­re. Im Haus­halt einer DDR-Fami­lie waren durch­schnitt­lich 74 Bücher vor­han­den. Immer­hin ver­füg­ten 15 Pro­zent der Arbei­ter­haus­hal­te über mehr als 100 Bücher. Der Papier­fonds für die Ver­la­ge stieg inner­halb von drei Jah­ren (1972 zu 1975) auf 130 Pro­zent, für schön­geis­ti­ge Lite­ra­tur sogar auf über 140 Pro­zent. Und trotz­dem lag bei 70 Pro­zent der Bel­le­tris­tik-Bestel­lun­gen im Volks­buch­han­del der Bedarf weit höher als die Auf­la­gen wegen der begrenz­ten Papier­im­por­te geplant wer­den konn­ten.

Gegen Ende der 1980er Jah­re gab es in der DDR 68 Thea­ter­be­trie­be mit etwa 200 Spiel­stät­ten, die 700 jähr­li­che Neu­in­sze­nie­run­gen und fast 1.400 Über­nah­men aus dem lau­fen­den Reper­toire auf die Büh­ne brach­ten. Jeder Thea­ter­platz war erkleck­lich sub­ven­tio­niert. Nur um den hal­ben Gro­schen, der jeder Ein­tritts­kar­te auf­ge­schla­gen wur­de und in den Kul­tur­fonds der DDR floss, kam man nicht her­um. Mit dem Geld wur­den das kul­tu­rel­le Leben in den Städ­ten und Gemein­den sowie zeit­ge­nös­si­sche Kunst und Künst­ler geför­dert.

Die Unter­schie­de zur Jetzt­zeit dürf­ten sicht­bar sein. Die eins­ti­ge Infra­struk­tur ist weit­ge­hend rui­niert. Kunst­er­leb­nis­se sind größ­ten­teils auf einen Markt zurück­ge­wor­fen, der sich um eine für jeder­mann erschwing­li­che Teil­ha­be nicht sche­ren kann. Und so schrieb der Publi­zist Erich Kuby bereits Mit­te der 1970er Jah­re in der west­deut­schen Illus­trier­ten Stern : In der BRD “bezahlt über Steu­ern die über­wie­gen­de Mehr­heit, die nie ins Thea­ter kommt, weil sie die Kar­ten nicht bezah­len kann oder ihr kei­ne ent­spre­chen­den Bil­dungs­vor­aus­set­zun­gen ver­mit­telt wur­den, das Ver­gnü­gen einer dün­nen Ober­schicht. In der DDR sind 30 Pro­zent des Publi­kums Arbei­ter …” Kunst­frei­heit ver­langt offen­sicht­lich nicht nur die (inner­halb huma­nis­ti­scher Gren­zen) unbe­schränk­te Wahl von Inhalt und Form, son­dern auch die Mög­lich­keit für jeden in der Gesell­schaft, sie sich geis­tig anzu­eig­nen.

Inwie­fern konn­te die Kul­tur­po­li­tik der SED ab den 1970er Jah­ren Jugend­li­che errei­chen ? Wo lagen die Schwie­rig­kei­ten ?

Das Deutsch­land­tref­fen der Jugend 1964, das den belieb­ten Sen­der DT64 her­vor­brach­te und in des­sen Fol­ge ers­te deutsch­spra­chi­ge Beat­mu­sik und Vor­läu­fer der Sin­ge­be­we­gung in der DDR ent­stan­den, zeig­te schon in der ers­ten Hälf­te der 1960er Jah­re Auf­lo­cke­run­gen im Frei­zeit­an­ge­bot. Begrün­det waren sie im 1963 ver­ab­schie­de­ten Jugend­kom­mu­ni­qué. Dass sie mit dem 11. Ple­num weit­ge­hend gecan­celt, nach dem VIII. Par­tei­tag aber wie­der zuge­stan­den wur­den, lag an der gewan­del­ten Poli­tik­kon­zep­ti­on Erich Hon­eckers – hin zu einem stei­gen­den Lebens­ni­veau, das die kul­tu­rel­len Inter­es­sen Jugend­li­cher ein­schloss. 1982 war die Zahl der Jugend­klubs rasant auf annä­hernd 7.000 gewach­sen, im kom­ple­xen Woh­nungs­bau waren sie eine geplan­te Grö­ße. Es gab sie aber auch an Schu­len, Unis und kul­tu­rel­len Ein­rich­tun­gen, wobei die Klub­rä­te ihre Ver­an­stal­tun­gen weit­ge­hend selb­stän­dig kon­zi­pier­ten. Jugend­tanz spiel­te eine gro­ße Rol­le.

Dis­kos hat­ten in der DDR jähr­lich 50 Mil­lio­nen Besu­cher, über 6.000 Ama­teur­dis­ko­the­ken leg­ten auf. Die Gas­tro­no­mie zog mit, und der Staat stütz­te allein 1981 die Ein­tritts­prei­se mit 23 Mil­lio­nen Mark. Mit­te der 1980er Jah­re waren 70 Pro­zent der Kino­be­su­cher Jugend­li­che, und zwei Drit­tel aller Kin­der und Jugend­li­chen hat­ten sich in den Biblio­the­ken als Leser ein­ge­schrie­ben.

Ich war zu jener Zeit Kul­tur­se­kre­tär des Zen­tral­ra­tes der FDJ und erin­ne­re mich, wie wir die neu­en Mög­lich­kei­ten den diver­sen Inter­es­sen in den Alters­grup­pen und sozia­len Milieus, in den urba­nen und länd­li­chen Wohn­um­fel­dern nutz­bar machen woll­ten. Neben den Klub- und Tanz­ver­an­stal­tun­gen gab es ja Werk­statt­wo­chen fast aller künst­le­ri­schen Gen­res, hoch­ka­rä­tig besetz­te musi­ka­li­sche Events, Aus­stel­lun­gen jun­ger Künst­ler, Poet­en­se­mi­na­re im Schwe­ri­ner Schloss, die Fes­ti­vals des poli­ti­schen Lie­des, Leis­tungs­schau­en jun­ger Thea­ter­leu­te und über­all im Land Begeg­nun­gen jun­ger Leu­te mit DDR-Künst­lern und deren Arbei­ten.

Eine sol­che Agen­da mach­te auch die Künst­ler­ver­bän­de und Aus­bil­dungs­stät­ten, die Künst­ler­agen­tur mit ihren schö­nen Valutamit­teln und ande­re Kul­tur­ver­an­stal­ter in der DDR zu auf­ge­schlos­se­nen Part­nern.

Viel jugend­li­ches Inter­es­se rank­te sich um die von der FDJ ver­an­stal­te­ten inter­na­tio­na­len Kon­zer­te. Mit Bob Dyl­an, Joe Cocker, Bruce Springste­en, Bryan Adams oder Udo Lin­den­berg aus dem Rock­be­reich ; mit Pete See­ger, Har­ry Bela­fon­te, Mikis Theo­dora­kis, Miri­am Make­ba, Mer­ce­des Sosa oder León Gie­co aus der poli­ti­schen Lie­der­sze­ne. Weil man die Künst­ler nicht drau­ßen erle­ben konn­te, hol­ten wir sie in die DDR. So öff­ne­te sich ein Tor zur Welt­kul­tur, aber man träum­te längst von dem grö­ße­ren Tor zur Welt und hat­te innen­po­li­tisch eine Hoff­nung, die gera­de rus­sisch zu uns sprach. Die FDJ hat­te kei­ne Schwie­rig­keit, Jugend­li­che in ihre kul­tu­rel­len Ange­bo­te zu holen, nur war das am Ende immer sel­te­ner eine poli­ti­sche Zustim­mung. Damit teil­te sie das Schick­sal ihres Lan­des.

Wenn Sie noch mal die Gele­gen­heit hät­ten, an der Kul­tur­po­li­tik einer sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft mit­zu­wir­ken, was wür­den Sie anders machen ?

Ich wür­de von der Kunst kei­ne geglät­te­te, har­mo­ni­sier­te Wider­spie­ge­lung des gesell­schaft­li­chen Sta­tus quo erwar­ten, son­dern mir ein kräf­ti­ges Gespann von lin­ker Poli­tik und einer Kunst wün­schen, die durch Vor­schlä­ge samt unbe­küm­mer­tem Wider­spruch und Streit den Gesell­schafts­bau opti­miert.

Vie­len Dank für das Gespräch !

Die Fra­gen stell­te Hasan Posd­nja­kow.

RT Deutsch


Interview mit Oliver Stone : Putin nennt Vorwürfe der Einmischung in US-Wahlen „purer Quatsch“


In einem Inter­view mit dem US-Regis­seur Oli­ver Stone hat der rus­si­sche Prä­si­dent Wla­di­mir Putin erneut eine schar­fe Ant­wort auf die Vor­wür­fe einer mut­maß­li­chen Ein­mi­schung Russ­lands in die US-Prä­si­den­ten­wah­len 2016 erteilt.
Sput­nik Deutsch­land – Aktu­el­le Top-News und Ana­ly­sen : Fotos, Vide­os, Info­gra­fi­ken


Dokumentarfilm “Remember Odessa”: Interview mit Regisseur Wilhelm Domke-Schulz (Video)


Im Gespräch mit dem Jour­na­lis­ten Ulrich Heyden schil­dert der Regis­seur, wel­che Pro­ble­me es bei den Dreh­ar­bei­ten für den Film “Remem­ber Odes­sa” gab und wie der Ver­trieb des Strei­fens funk­tio­nie­ren soll. “Remem­ber Odes­sa” beschreibt die Stim­mung in der süd­ukrai­ni­schen Hafen­stadt fünf Jah­re nach dem Brand im Gewerk­schafts­haus, bei dem 42 Men­schen star­ben und über 200 Men­schen ver­letzt wur­den.

Der Film zeigt, dass es in der Bevöl­ke­rung trotz tie­fer Trau­er über das Ereig­nis nach wie vor einen Wider­stands­geist gegen Zwangs-Ukrai­ni­sie­rung und das wei­ter­hin mas­si­ve Auf­tre­ten von Rechts­ra­di­ka­len gibt. Die Pre­miè­re des Films fand am 29. April 2019 in Mos­kau statt. 

Mehr zum The­ma — Wut und Trau­er beim Geden­ken an Odes­sa-Mas­sa­ker in Ber­lin

RT Deutsch


Interview mit Gesellschafterrats-Vorsitzendem von Chemie- und Pharmaunternehmen Merck


Vom 6. bis 8. Juni fin­det das Inter­na­tio­na­le Wirt­schafts­fo­rum in St. Peters­burg statt. Es wird seit 1997 durch­ge­führt und steht unter der Paten­schaft des rus­si­schen Prä­si­den­ten. Tau­sen­de Besu­cher aus Russ­land und der gan­zen Welt ver­sam­meln sich und bespre­chen die wich­tigs­ten Fra­gen im Bereich von Wirt­schaft und Poli­tik.
Sput­nik Deutsch­land – Aktu­el­le Top-News und Ana­ly­sen : Fotos, Vide­os, Info­gra­fi­ken


Andrej Hunko im Interview nach Venezuela-Reise : “Bundesregierung setzt auf Eskalation”


Elf Tage lang hat­te der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te und Euro­pa­po­li­ti­sche Spre­cher der Frak­ti­on DIE LINKE im Bun­des­tag, Andrej Hun­ko, Vene­zue­la besucht, um sich nach eige­ner Dar­stel­lung selbst ein Bild von der aktu­el­len poli­ti­schen und sozia­len Lage im Land zu machen. Obwohl er sich mit einer gro­ßen Band­brei­te an Ver­tre­tern der Zivil­ge­sell­schaft, der poli­ti­schen Oppo­si­ti­on – inklu­si­ve Juan Guai­dós – und Ver­tre­tern huma­ni­tä­rer Orga­ni­sa­tio­nen getrof­fen hat­te, führ­te sein Besuch zu einem Sturm der Ent­rüs­tung im media­len und poli­ti­schen Estab­lish­ment der Bun­des­re­pu­blik. Denn er hat­te es gewagt, auch den amtie­ren­den Prä­si­den­ten Vene­zue­las, Nicolás Madu­ro, zu tref­fen und für eine dia­log­ba­sier­te Lösung des anhal­ten­den Kon­flikts zu wer­ben. 

Mehr zum The­ma — Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter Andrej Hun­ko trifft vene­zo­la­ni­schen Prä­si­den­ten Nicolás Madu­ro

Im Gespräch mit RT-Deutsch-Redak­teur Flo­ri­an War­weg legt Hun­ko erst­mals aus­führ­lich dar, wie sein Gespräch mit dem selbst­er­nann­ten “Inte­rims­prä­si­den­ten” Juan Guai­dó ver­lief, wel­che “kras­se und ver­hee­ren­de Rol­le” Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas in der aktu­el­len Lage in Vene­zue­la ein­nimmt, indem er den radi­kals­ten Teil der Oppo­si­ti­on unter­stützt, und wie füh­ren­de Ver­tre­ter der Pan­ame­ri­ka­ni­schen Gesund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (PAHO) sowie des Inter­na­tio­na­len Komi­tees vom Roten Kreuz (IKRK) die offi­zi­el­le Dar­stel­lung der Bun­des­re­gie­rung über die Lage im Land zurück­wei­sen. Abschlie­ßend erläu­tert der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te im Inter­view zudem sei­ne Ein­schät­zung zur Rol­le Russ­lands in dem süd­ame­ri­ka­ni­schen Land, gibt eine Zusam­men­fas­sung der in der Bericht­erstat­tung fast nicht prä­sen­ten Kri­tik von lin­ken Cha­vis­ten und Oppo­si­tio­nel­len an der amtie­ren­den Regie­rung und erklärt, wie­so aus sei­ner Sicht der Main­stream sich so über sei­nen Vene­zue­la-Besuch echauf­fier­te. 

RT Deutsch


Frauenrechte und die DDR – Interview mit Prof. Helga Hörz (Teil 1)


Prof. Hel­ga Hörz war Ethik-Pro­fes­so­rin an der Ber­li­ner Hum­boldt-Uni­ver­si­tät. Sie arbei­te­te vie­le Jah­re als Ver­tre­te­rin der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne zu Frau­en-Fra­gen, sowohl in der Inter­na­tio­na­len Demo­kra­ti­schen Frau­en­fö­de­ra­ti­on als auch bei ver­schie­de­nen UN-Gre­mi­en. Das Inter­view führ­te Hasan Posd­nja­kow.

Was hat Sie dazu moti­viert, sich mit der The­ma­tik der Frau­en­rech­te zu beschäf­ti­gen ?

Mein Gerech­tig­keits­sinn wehr­te sich dage­gen, die Arbeit von Frau­en gerin­ger ein­zu­schät­zen als die der Män­ner. Ursa­chen für die­se Hal­tung fand ich in unwis­sen­schaft­li­chen Wesens­be­stim­mun­gen des Men­schen, die oft ihre Sank­tio­nie­rung in patri­ar­cha­li­schen Tra­di­tio­nen, Nor­men, Wer­ten und Idea­len fan­den. Die Ent­wick­lung von Frau­en zur Per­sön­lich­keit, die selbst­be­stimmt ihr Leben gestal­ten, wur­de das The­ma mei­ner Dok­tor­ar­beit. Sie erschien mit dem Titel : “Die Frau als Per­sön­lich­keit” im Deut­schen Ver­lag der Wis­sen­schaf­ten zu Ber­lin 1968. In Japan erschien eine Über­set­zung. Inzwi­schen ist sie digi­ta­li­siert im Inter­net mit einem aktu­el­len Vor­wort ein­ge­stellt. Spä­ter habe ich mich wis­sen­schaft­lich inten­si­ver mit dem lan­gen Weg zur Gleich­be­rech­ti­gung befasst. Das Buch erschien 2010 im tra­fo Ver­lag Ber­lin.

Wie war die Situa­ti­on der Frau­en zu Beginn der DDR ? Wie war sie im Jahr 1989 ?

Das Erbe nach dem Zwei­ten Welt­krieg waren zer­stör­te Städ­te und Dör­fer, poli­ti­sche Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit, Hun­ger, her­um­streu­nen­de Hei­mat­lo­se und ver­wais­te Kin­der. Da Frau­en 60 Pro­zent der Bevöl­ke­rung bil­de­ten, über­nah­men Frau­en­grup­pen in ganz Deutsch­land Ver­ant­wor­tung gegen den sozia­len und poli­ti­schen Not­stand.

Nach der Grün­dung der BRD ent­stand 1949 die DDR. Sie hat­te Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen für die Sowjet­uni­on zu erbrin­gen, war durch Embar­go der BRD und ande­rer Staa­ten für not­wen­di­ge Indus­trie­er­zeug­nis­se oft schwer betrof­fen. Sabo­ta­ge­ak­te gegen Ein­rich­tun­gen wie Indus­trie­an­la­gen, auch Bedro­hung und Ermor­dung von Funk­ti­ons­trä­gern, erschwer­ten die Umset­zung der bereits beschlos­se­nen Geset­ze, die den Frau­en zu ihren Men­schen­rech­ten ver­hel­fen soll­ten, zusätz­lich. Es war ein Bil­dungs­de­fi­zit unter Frau­en zu über­win­den. Dafür gab es staat­li­che Bil­dungs­pro­gram­me und wich­ti­ge Initia­ti­ven des Demo­kra­ti­schen Frau­en­bun­des (DFD). Die­ser setz­te sich eben­falls für die umfas­sen­de Teil­nah­me von Frau­en an Ent­schei­dungs­pro­zes­sen auf allen Ebe­nen des neu gegrün­de­ten Staa­tes ein.

Ins­ge­samt herrsch­te in der DDR eine unge­heu­re Auf­bruch-Stim­mung unter den Frau­en. 1949 hat­ten nur fünf Pro­zent der Frau­en in der DDR eine Berufs­aus­bil­dung, 1957 waren noch 35 Pro­zent der weib­li­chen Bevöl­ke­rung Haus­frau­en. Es war also unter einer gro­ßen Grup­pe von Frau­en, die das Patri­ar­chat nicht in Fra­ge stell­ten, Über­zeu­gungs­ar­beit durch alle poli­ti­schen Par­tei­en und Orga­ni­sa­tio­nen sowie staat­li­chen Insti­tu­tio­nen im Land, in den Län­dern und den Kom­mu­nen zu leis­ten. Frau­en soll­ten begrei­fen, dass sie nicht nur ein not­wen­di­ges Anhäng­sel von Män­nern sind, son­dern eigen­stän­di­ge Per­sön­lich­kei­ten, die auch außer­halb der Fami­lie einen wich­ti­gen Platz im gesell­schaft­li­chen Leben ein­zu­neh­men hat­ten. Ver­ord­nun­gen und Geset­ze waren öffent­lich­keits­wirk­sam zu erklä­ren, um Eigen­in­itia­ti­ve für ihre Umset­zung aus­zu­lö­sen.

Am Ende der DDR ver­füg­ten 84 Pro­zent aller weib­li­chen Beschäf­tig­ten über eine abge­schlos­se­ne Berufs­aus­bil­dung. 1989 waren 91,1 Pro­zent der arbeits­fä­hi­gen Frau­en berufs­tä­tig, lern­ten oder stu­dier­ten. In Wirt­schaft, Bil­dungs­we­sen, Wis­sen­schaft und Poli­tik nah­men Frau­en bereits wich­ti­ge Ent­schei­dungs­po­si­tio­nen ein. Das wäre wei­ter aus­zu­bau­en gewe­sen. Zu beden­ken ist jedoch, dass jahr­hun­der­te­lan­ges Unrecht gegen Frau­en nicht in weni­gen Jahr­zehn­ten zu über­win­den ist. Es dau­ert lan­ge, tra­di­tio­nel­le und ver­fes­tig­te Rol­len­kli­schees auch in den Köp­fen von Män­nern und Frau­en zu über­win­den. Doch der Pro­zess der Über­win­dung des Unrechts war in Gang gesetzt.

Wel­che Maß­nah­men wur­den ein­ge­lei­tet, um die recht­li­che Stel­lung der Frau­en in der DDR zu ver­bes­sern ?

Zu wich­ti­gen Ver­ord­nun­gen und Geset­zen, die die Gleich­be­rech­ti­gung recht­lich fixier­ten gehör­ten : der schon am 17.08.1946 erlas­se­ne SMAD-Befehl 253, der glei­chen Lohn für glei­che Arbeit for­der­te, das Kon­troll­rats­ge­setz Nr. 16, das das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ehe­ge­setz vom 8. Juli 1938 auf­hob sowie Ehe­schlie­ßung und Ehe­auf­lö­sung neu regel­te. Anfang der 50er-Jah­re wur­den dann, unter star­ker Betei­li­gung von Frau­en ein­schließ­lich der im DFD orga­ni­sier­ten poli­ti­schen Frau­en­be­we­gung, drei grund­le­gen­de Geset­zes­wer­ke erar­bei­tet : 1. die DDR-Ver­fas­sung von 1949 ; 2. das Gesetz über den Mut­ter- und Kin­der­schutz sowie die Rech­te der Frau von 1950 und 3. der Ent­wurf eines Fami­li­en­ge­setz­bu­ches, das 1965 Geset­zes­kraft erlang­te. Män­ner hat­ten danach die glei­che Ver­ant­wor­tung wie Frau­en für die Fami­lie, ein­schließ­lich der Kin­der­er­zie­hung, zu über­neh­men. Das Gesetz ver­lang­te, dass Betrie­be Kin­der­ta­ges­stät­ten, Wasch­an­stal­ten, Näh­stu­ben u.a. ein­zu­rich­ten hat­ten.

Das bis­he­ri­ge Allein­be­stim­mungs­recht des Man­nes in allen Ange­le­gen­hei­ten des ehe­li­chen Lebens war auf­ge­ho­ben und es galt das gemein­sa­me Ent­schei­dungs­recht bei­der Eltern­tei­le für das Wohl der Kin­der. Die Rea­li­sie­rung der Geset­ze wur­de durch zusätz­li­che Maß­nah­men und ide­en­rei­che Akti­vi­tä­ten unter­stützt, denn aus vie­len Köp­fen lie­ßen sich, wie betont, die alten Rol­len­bil­der bei Frau­en und Män­ner nur schwer ver­drän­gen. Lei­der wur­de das inter­na­tio­nal aner­kann­te und von Ken­nern der Pro­ble­ma­tik hoch­ge­lob­te Fami­li­en­ge­setz am 31. August 1990 durch den Eini­gungs­ver­trag dann auf­ge­ho­ben. 

Wie sah es mit der gesell­schaft­li­chen Akzep­tanz die­ser Maß­nah­men aus ? Gab es auch Kam­pa­gnen, um männ­li­che Vor­ur­tei­le gegen­über Frau­en, aber auch man­geln­des Selbst­be­wusst­sein bei den Frau­en selbst, zu über­win­den ?

Die Akzep­tanz der Maß­nah­men für die Gleich­be­rech­ti­gung der Frau war sehr hoch, vor allem bei Frau­en und Män­nern, die das jahr­hun­der­te­al­te patri­ar­cha­lisch gepräg­te Unrecht an Frau­en end­lich besei­ti­gen woll­ten. Doch der Pro­zess ver­lief nie grad­li­nig. Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­schie­de­ner Art fan­den statt. Pres­se und Medi­en setz­ten sich mit sol­chen Auf­fas­sun­gen aus­ein­an­der, die de fac­to auf eine Ver­tei­di­gung des Patri­ar­chats hin­aus­lie­fen, weil der Wert eines selbst­be­stimm­ten Lebens von Frau­en durch eini­ge Frau­en noch nicht begrif­fen wur­de und von man­chen Män­nern in Fra­ge gestellt wur­de. Eine brei­te gesell­schaft­li­che Dis­kus­si­on fand statt. So ging es in einer Zei­tung um die Fra­ge : “Ist der Beruf ein Not­be­helf?” Es gab sowohl Frau­en, die den Wert ihrer Arbeit noch nicht als per­sön­lich­keits­för­dernd und ihre öko­no­mi­sche Unab­hän­gig­keit garan­tie­rend begrif­fen, als auch Män­ner, die sich in ihrer selbst­be­stimm­ten höhe­ren Wert­schät­zung von Talen­ten und Fähig­kei­ten nicht bestä­tigt fühl­ten.

Hemm­nis­se in den Köp­fen wur­den u.a. 1961 im Kom­mu­ni­qué des Zen­tral­ko­mi­tees der SED “Die Frau, der Frie­den und der Sozia­lis­mus” einer kri­ti­schen Bilanz unter­zo­gen. Män­ner, die die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­rech­ti­gung der Frau noch nicht als ihre eige­ne Auf­ga­be begrif­fen hat­ten, soll­ten für die­se Auf­ga­be wei­ter akti­viert wer­den. Der gerin­ge Anteil von Frau­en in Lei­tungs­funk­tio­nen wur­de gerügt. Das setz­te einen Pro­zess in Gang, in dem fähi­ge Frau­en in Wirt­schaft, Wis­sen­schaft, Kul­tur und Poli­tik in höhe­re Posi­tio­nen beru­fen wur­den. Das führ­te dazu, dass in den letz­ten Jah­ren der DDR ein Drit­tel aller Lei­tungs­funk­tio­nen von Frau­en besetzt war.

Von wel­cher Sei­te kamen die Initia­ti­ven für die Refor­men – eher von der Basis oder von der Füh­rung ? In den west­deut­schen Dar­stel­lun­gen heißt es oft, die Mas­se der Frau­en sei gar nicht betei­ligt gewe­sen an den Ent­schei­dun­gen und Debat­ten, wie die Lage der Frau­en ver­bes­sert wer­den könn­te.

Es war ein Pro­zess, der von oben und unten vor­an­ge­trie­ben wur­de. Geset­ze und Ver­ord­nun­gen sind wich­tig, aber sie bedür­fen immer der Mas­sen­in­itia­ti­ven, um sie durch­zu­set­zen. Die­se gab es, auch wenn sie heu­te manch­mal igno­riert und ver­schwie­gen wer­den. Mei­ne Erfah­run­gen an der Basis stam­men aus der Jugend­ar­beit in einem Betrieb, in dem vor allem Frau­en beschäf­tigt waren. Als Vor­sit­zen­de der Frau­en­kom­mis­si­on der Gewerk­schaft an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät Ber­lin ver­han­del­te ich zum Bei­spiel mit dem Rek­tor über Frau­en­för­de­rung. Es gab Frau­en­för­de­rungs­plä­ne, an die sich Leiter/innen zu hal­ten hat­ten.

Inter­na­tio­na­le Erfah­run­gen sam­mel­te ich in der IDFF (Inter­na­tio­na­le Demo­kra­ti­sche Frau­en­fö­de­ra­ti­on). Des­halb kann ich als Zeit­zeu­gin über Akti­vi­tä­ten von unten und oben berich­ten. Da waren vor allem die an der Basis wir­ken­den Frau­en­kom­mis­sio­nen der Gewerk­schaft und der SED. Sie exis­tier­ten in allen Betrie­ben, Ein­rich­tun­gen und Insti­tu­tio­nen. Man darf nicht die schon erwähn­ten Initia­ti­ven des DFD als einer poli­tisch orga­ni­sier­ten und aner­kann­ten Frau­en­be­we­gung ver­ges­sen. An der Basis in Stadt und Land orga­ni­sier­te sie, unter Mit­wir­kung vie­ler Frau­en, Bil­dungs­ar­beit, Soli­da­ri­täts­kam­pa­gnen, um Frau­en in ande­ren Län­dern zu hel­fen. Es gab inter­es­san­te Frei­zeit­an­ge­bo­te, dar­un­ter auch Hand­ar­beit, wenn es gewünscht wur­de.

Wie nah­men Frau­en in der DDR die Situa­ti­on der BRD-Frau­en wahr ? Bis in die 1970er konn­ten Frau­en im Wes­ten ja nicht allein ent­schei­den, eine Arbeit auf­zu­neh­men, in eine eige­ne Woh­nung zu zie­hen oder einen Füh­rer­schein zu machen. Bis 1977 konn­ten BRD-Män­ner sogar den Arbeits­ver­trag ihrer Frau­en kün­di­gen, wenn sie mein­ten, dass die­se sich nicht genug um sie küm­mer­ten.

Durch mei­ne inter­na­tio­na­le Arbeit kam ich in Kon­takt mit vie­len akti­ven Kämp­fe­rin­nen für die Rech­te der Frau­en aus der BRD. Es ent­stan­den Freund­schaf­ten, die auch heu­te noch bestehen. Sie inter­es­sier­ten sich stets inten­siv für den Kampf um Gleich­be­rech­ti­gung in der DDR, die erreich­ten Erfol­ge und selbst­ver­ständ­lich auch die Pro­ble­me, um Feh­ler zu ver­mei­den. Auch wenn Frau­en aus der DDR sich nicht unbe­dingt mit den Ver­hält­nis­sen in der BRD befass­ten, son­dern auf die pro­pa­gier­te Schein­welt des Kon­sums und der Rei­sen her­ein­fie­len, nah­men sie die För­de­rung der Frau­en in der DDR als selbst­ver­ständ­lich hin. Doch in mei­nem Kreis von Kol­le­gin­nen, Kol­le­gen, Freun­den, poli­tisch und ehren­amt­lich Täti­gen stell­te man ent­spre­chen­de Ver­glei­che zur Lage der Frau­en in der DDR und der BRD an. 

In den West­me­di­en wird ger­ne behaup­tet, die Frau­en wur­den in die Arbeits­welt nur des­we­gen auf­ge­nom­men, weil es in der DDR einen Man­gel an Arbeits­kräf­ten gab. Was ist dran an die­sem Mythos ?

Frau­en als Arbeits­kräf­te waren will­kom­men und wich­tig. Im Vor­der­grund stan­den jedoch die Ent­wick­lung der Per­sön­lich­keit der Frau und ihre mög­li­che Selbst­be­stim­mung durch öko­no­mi­sche Unab­hän­gig­keit vom Mann. In vie­len der jet­zi­gen Medi­en­kam­pa­gnen zum angeb­li­chen Zwang der Frau arbei­ten zu müs­sen, wer­den mei­nes Erach­tens nur alte Rol­len­kli­schees neu auf­ge­motzt pro­pa­giert. Ver­ges­sen ist das jahr­hun­der­tal­te Unrecht an Frau­en mit Zwangs­hei­ra­ten, Ver­bot von beruf­li­cher Ent­wick­lung, gerin­gen Chan­cen für ange­mes­se­ne Bil­dung und ande­ren Unge­rech­tig­kei­ten. Damit wird, trotz schö­ner Reden, am Patri­ar­chat fest­ge­hal­ten. Es zu über­win­den ist kein Pro­zess von weni­gen Jahr­zehn­ten. Doch wich­ti­ge Schrit­te wur­den in der DDR gegan­gen.

RT Deutsch