Interview : Hisbollah wird immer stärker — Israel fürchtet Mehrfrontenkrieg mit Gaza und Libanon


von Ali Özkök

RT Deutsch hat mit Joe Truz­man gespro­chen. Er ist Sicher­heits­ana­lyst mit Fokus auf bewaff­ne­te Kon­flik­te zwi­schen Isra­el und nicht-staat­li­chen Akteu­ren wie der His­bol­lah und der Hamas. Er betreibt unter ande­rem den Nah­ost-Ana­ly­se-News­let­ter Ground­Brief.

Am Mon­tag begann das israe­li­sche Mili­tär eine Ope­ra­ti­on gegen His­bol­lah-Tun­nel im israe­lisch-liba­ne­si­schen Grenz­ge­biet. Wie umfang­reich ist die­se Ope­ra­ti­on, und könn­te sie zu mili­tä­ri­schen Akti­vi­tä­ten auf liba­ne­si­schem Boden füh­ren ?

Die Ope­ra­ti­on “Nort­hern Shield” ist nur ein Teil der von der IDF ent­wi­ckel­ten Gesamt­stra­te­gie zur Bekämp­fung der His­bol­lah. Es ist wahr­schein­lich, dass die IDF vie­le Wochen lang ent­lang der liba­ne­si­schen Gren­ze ope­rie­ren wer­den, um Tun­nel zu loka­li­sie­ren und die­se zu neu­tra­li­sie­ren. Die Anti-Tun­nel-Ope­ra­tio­nen Isra­els ent­lang der liba­ne­si­schen Gren­ze wer­den sehr ähn­lich sein zu die Ope­ra­tio­nen an der Gren­ze zu Gaza. Was wir nicht sehen wer­den, sind eini­ge der Metho­den, mit denen die IDF bereits Tun­nel im Gaza zer­stört haben — ins­be­son­de­re Luft­an­grif­fe gegen den Anfangs­ort der Tun­nel. Im Gegen­satz zu den Luft­an­grif­fen, die wir in der Ver­gan­gen­heit gegen paläs­ti­nen­si­sche Tun­nel gese­hen haben, wür­de jede Art von Bom­bar­die­rung durch die IDF auf liba­ne­si­schem Boden wahr­schein­lich eine Reak­ti­on der His­bol­lah aus­lö­sen.

Die IDF stre­ben nicht danach, aus die­ser Ope­ra­ti­on einen Kon­flikt ent­ste­hen zu las­sen, und es ist des­halb offen­sicht­lich, dass die IDF die Ope­ra­ti­on nur auf israe­li­schem Boden durch­füh­ren. Die His­bol­lah ver­öf­fent­lich­te Bil­der und Vide­os von den Tun­nel-Ope­ra­tio­nen der IDF ent­lang der Gren­ze in den letz­ten Tagen als Bot­schaft an die israe­li­sche Armee, dass sie die­se Akti­vi­tä­ten sehr genau im Auge behält. Ich glau­be, solan­ge die IDF auf israe­li­schem Boden blei­ben, wird sich aus die­ser Ope­ra­ti­on kein Kon­flikt erge­ben.

Es gibt Hin­wei­se dar­auf, dass Isra­el seit 2013 nach Akti­vi­tä­ten der His­bol­lah sucht. Zu die­ser Zeit wur­den kei­ne Tun­nel gefun­den. Was hat sich geän­dert und wel­che mili­tä­ri­schen Fol­gen für Isra­el könn­te die Nut­zung sol­cher Tun­nel in einem Krieg haben ?

Neue Tech­no­lo­gi­en, die aus den Erkennt­nis­sen der IDF bei der Zer­stö­rung von Tun­nel­sys­te­men der Al-Kas­sam-Bri­ga­den und des Paläs­ti­nen­si­schen Isla­mi­schen Dschi­hads in Gaza ent­wi­ckelt wur­den, sind der Haupt­grund für den Wan­del. Die IDF erfuh­ren aus ers­ter Hand, wie effek­tiv Tun­nel­sys­te­me wäh­rend des Krie­ges 2014 waren. Bei einem Vor­fall konn­ten al-Kas­sam-Kämp­fer durch einen Tun­nel aus dem Gaza einen IDF-Mili­tär­pos­ten in Isra­el angrei­fen. Sie töte­ten fünf IDF-Sol­da­ten.

Die His­bol­lah kann Tun­nel nut­zen, um ähn­li­che Ope­ra­tio­nen gegen IDF-Pos­ten ent­lang der liba­ne­si­schen Gren­ze durch­zu­füh­ren. Tun­nel kön­nen auch ver­wen­det wer­den, um gefan­ge­ne IDF-Sol­da­ten unbe­merkt in den Liba­non zu brin­gen, um sie dann als Ver­hand­lungs­mas­se zu nut­zen. Die israe­li­sche Armee hat auch behaup­tet, dass die His­bol­lah die Tun­nel benut­zen könn­te, um einen zukünf­ti­gen Krieg gegen Isra­el aus­zu­lö­sen, indem sie eines der israe­li­schen Dör­fer ent­lang der liba­ne­si­schen Gren­ze ein­nimmt.

Es gibt Gerüch­te, dass die Ope­ra­ti­on von der israe­li­schen Regie­rung als Vor­wand genom­men wur­de, um sich in der Innen­po­li­tik als fähig und stark dar­zu­stel­len. Wie beur­tei­len Sie sol­che Aus­sa­gen ?

Es ist kein Geheim­nis, dass der israe­li­sche Pre­mier­mi­nis­ter viel Kri­tik von der israe­li­schen Gesell­schaft ein­ste­cken muss­te, näm­lich über die Art und Wei­se, wie er mit der Situa­ti­on im Süden des Lan­des umge­gan­gen ist. Der paläs­ti­nen­si­sche Rück­kehr­marsch, das Auf­stei­gen­las­sen von Brand- und Spreng­bal­lons gegen israe­li­sche Gemein­den und die Rake­ten­an­grif­fe paläs­ti­nen­si­scher Grup­pen aus dem Gaza wur­den zum zer­mür­ben­den All­tag für israe­li­sche Bür­ger an der Süd­gren­ze.

Schließ­lich wur­de es sogar für Netan­ja­hu selbst gefähr­lich, als sein Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Avigdor Lie­ber­man wegen der Dif­fe­ren­zen mit dem Pre­mier­mi­nis­ter über die Art und Wei­se der Beherr­schung der Sicher­heits­la­ge im Süden zurück­trat. Die Tun­nel-Ope­ra­ti­on hilft Netan­ja­hu nun sicher­lich, aber es ist noch zu früh beur­tei­len zu wol­len, ob die Ope­ra­ti­on eine nach­hal­ti­ge Wir­kung zur Beru­hi­gung der Bür­ger haben wird. Vie­le haben ihn auf­grund sei­ner Leis­tung gegen die ver­schie­de­nen paläs­ti­nen­si­schen Grup­pen im Gaza in den letz­ten neun Mona­ten als schwach ange­se­hen.

Noch vor weni­gen Wochen gab es mili­tä­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Gaza­strei­fen. Man­che glau­ben, dass Isra­el kei­nen Zwei­fron­ten­krieg füh­ren will und des­halb letzt­end­lich in Gaza vor­sich­tig reagiert hat. Wie bewer­ten Sie sol­che Schluss­fol­ge­run­gen ?

Die Israe­lis han­del­ten vor­sich­tig, weil sie kei­ne wei­te­re Boden­ope­ra­ti­on in Gaza durch­füh­ren woll­ten. Sie betrach­ten die Bedro­hung durch die His­bol­lah im Liba­non und durch die schii­ti­schen Mili­zen im Süden Syri­ens als eine viel grö­ße­re Bedro­hung.

Vor ein oder zwei Jah­ren hät­te Isra­el wahr­schein­lich eine begrenz­te Boden­ope­ra­ti­on in Gaza durch­ge­führt, ohne die Angst, an zwei Fron­ten kämp­fen zu müs­sen. Isra­el war auch nicht mit der Gefahr einer pro-ira­ni­schen Miliz in der Nähe der Golan­hö­hen kon­fron­tiert, wie sie es heu­te sind. Die israe­li­sche Regie­rung zieht es des­halb vor, Gaza sta­bil zu hal­ten, indem sie kata­ri­sches Geld und Treib­stoff legal in die Enkla­ve hin­ein­lässt, auch wenn sie Gefahr läuft, die Hamas dadurch sieg­reich erschei­nen zu las­sen. Alles, was Isra­el getan hat, um einen Krieg in Gaza in den letz­ten neun Mona­ten zu ver­hin­dern, ist das Ergeb­nis ihrer Sor­ge um den Kon­flikt gegen die His­bol­lah und deren Ver­bün­de­te. Die paläs­ti­nen­si­schen Grup­pen in Gaza haben zeit­gleich Ver­bin­dun­gen zur His­bol­lah und zum Iran auf­ge­baut.

Die His­bol­lah grün­det ihre Unter­stüt­zung als nicht­staat­li­cher Akteur auf die schii­ti­sche Min­der­heit im Liba­non. Könn­te die His­bol­lah in einem direk­ten Kon­flikt mit dem israe­li­schen Mili­tär auch auf die vol­le Unter­stüt­zung aller Ele­men­te im Liba­non zäh­len, ein­schließ­lich des Staa­tes ?

Die His­bol­lah ist 2018 eine ande­re Enti­tät im Ver­gleich zu dem, was sie wäh­rend des Liba­non­kriegs 2006 war. Sie hält mehr Sit­ze in der liba­ne­si­schen Regie­rung und pro­fi­tiert von einer zuneh­men­den Popu­la­ri­tät nach dem Sieg im syri­schen Bür­ger­krieg. Sie genießt zwar nicht die vol­le Unter­stüt­zung der Bevöl­ke­rung, wie wir sie in Gaza bei den paläs­ti­nen­si­schen Frak­tio­nen sehen. Die liba­ne­si­sche Armee wür­de sich nur ungern einem Kon­flikt gegen Isra­el anschlie­ßen. Ein Grund dafür ist die finan­zi­el­le Hil­fe, die sie von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten erhält. Rund 1,5 Mil­li­ar­den US-Dol­lar seit 2006, so laut einem Bericht von Reu­ters vor eini­gen Wochen. Jeder Angriff der liba­ne­si­schen Armee auf israe­li­sche Posi­tio­nen wür­de die Hil­fe, die sie von den USA erhält, gefähr­den.

Es gibt zahl­rei­che Ana­ly­sen, die besa­gen, dass die His­bol­lah im Lau­fe des syri­schen Kon­flikts ent­ge­gen den Erwar­tun­gen an mili­tä­ri­schen Fähig­kei­ten und Stär­ke gewon­nen hat. Teilt das israe­li­sche Mili­tär-Estab­lish­ment die­se Ansicht ?

Die IDF haben die mili­tä­ri­schen Fähig­kei­ten der His­bol­lah im Lau­fe der Zeit der Kämp­fe in Syri­en genau beob­ach­tet. Die His­bol­lah hat unschätz­ba­res Wis­sen und prak­ti­sche Erfah­rung gesam­melt. Sie haben in Syri­en mehr Kampf­erfah­rung gesam­melt als in allen Kon­flik­ten mit Isra­el zusam­men. Sie haben neue Fähig­kei­ten erwor­ben und genau stu­diert, wie man in feind­li­chem Gebiet ope­riert. Auch der Iran nutz­te den syri­schen Krieg, um die mili­tä­ri­schen Fähig­kei­ten der His­bol­lah zu ver­bes­sern. Tehe­ran rüs­te­te die His­bol­lah mit Droh­nen und Prä­zi­si­ons­ra­ke­ten aus, um nur eini­ge Neue­run­gen zu nen­nen.

Isra­el bom­bar­diert Syri­en regel­mä­ßig, um die Ver­bin­dung zwi­schen Iran und His­bol­lah zu schwä­chen. Wie ent­wi­ckeln sich die Akti­vi­tä­ten der His­bol­lah in Syri­en der­zeit, und wel­che Bedeu­tung hat die Angst Isra­els vor einer Aus­wei­tung der Prä­senz der His­bol­lah auf den Golan­hö­hen ?

Die His­bol­lah und ihre Ver­bün­de­ten expan­die­ren in Syri­en enorm. Aus den zahl­rei­chen Berich­ten über israe­li­sche Luft­an­grif­fe gegen His­bol­lah-Waf­fen­la­ger und schii­ti­sche Miliz­ba­sen geht her­vor, dass Isra­el über die wach­sen­de Ansamm­lung pro-ira­ni­scher Grup­pen in der Nähe sei­ner Gren­ze sicht­lich besorgt ist.

Es gab erst ver­gan­ge­nen Monat Berich­te über die Grün­dung einer neu­en schii­ti­schen Miliz in Bus­ra al-Scham in der Nähe der syri­schen Golan­hö­hen. Auch gab es unbe­stä­tig­te Berich­te, dass die His­bol­lah soge­nann­te tak­ti­sche bal­lis­ti­sche SS-21-Ska­rab-Rake­ten in der Nähe des syri­schen Golan einen Tag nach der Auf­de­ckung der Tun­nel sta­tio­nier­te. Dies ist nur ein Bei­spiel für die Fähig­kei­ten der His­bol­lah in Syri­en, die eine ernst­haf­te Bedro­hung für die IDF-Posi­tio­nen im Golan dar­stel­len.

Inwie­weit glau­ben Sie, soll­te ein gro­ßer Kon­flikt zwi­schen Isra­el und der His­bol­lah aus­bre­chen, dass die­ser Grenz­kon­flikt zu einem regio­na­len Krieg mit dem Iran aus­ar­ten könn­te ?

Das ist mög­lich, aber eher unwahr­schein­lich. Es wür­de kata­stro­pha­le Ereig­nis­se auf bei­den Sei­ten erfor­dern, damit sich der Iran ein­mi­schen wür­de. Der Iran hat nur begrenz­te Mög­lich­kei­ten, Isra­el anzu­grei­fen. Tehe­ran könn­te Isra­el nur auf zwei Arten angrei­fen : mit ihren bal­lis­ti­schen Rake­ten aus dem Iran und dem west­li­chen Irak oder durch die His­bol­lah mit ihren loka­len Ver­bün­de­ten. Außer­dem bedeu­tet das nicht unbe­dingt, dass sich die Iran-Ach­se nur auf israe­li­sches Ter­ri­to­ri­um fokus­sie­ren wür­de. Auch israe­li­sche Bot­schaf­ten und Insti­tu­tio­nen im Aus­land wären gefähr­det. Wir haben so etwas schon 2012 gese­hen, als ein Mit­glied der His­bol­lah eine Bom­be in einem Bus deto­nie­ren ließ, der israe­li­sche Tou­ris­ten in der bul­ga­ri­schen Stadt Bur­gas beför­der­te. Schon damals hat Isra­el des­we­gen kei­ne direk­ten Ver­gel­tungs­maß­nah­men gegen ira­ni­sche Posi­tio­nen ergrif­fen.

Wenn ich mir das Gesamt­bild anse­he, sehe ich kei­ne Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten aus Isra­els aktu­el­ler Ope­ra­ti­on gegen die His­bol­lah, die zu einem grö­ße­ren Krieg zwi­schen Isra­el und Iran füh­ren wür­de.

Vie­len Dank für das Gespräch !

RT Deutsch


Interview zu Astana-Verhandlungen : Neue Konstitutionen wird alle Teile Syriens wieder vereinen


von Ali Özkök

Kirill Seme­nov ist Direk­tor des Zen­trums für Isla­mi­sche For­schung am Insti­tut für inno­va­ti­ve Ent­wick­lung in Mos­kau. Er ist auch als Nah­ost-Exper­te beim Rus­si­schen Rat für inter­na­tio­na­le Ange­le­gen­hei­ten (RIAC) tätig.

Die Syri­en-Kon­fe­renz in Asta­na hat die Sou­ve­rä­ni­tät und ter­ri­to­ria­le Inte­gri­tät Syri­ens bestä­tigt. Inwie­fern ist dies bei­spiels­wei­se in Bezug auf jene syri­schen Gebie­te wich­tig, in denen US-Trup­pen sta­tio­niert sind ?

Wenn eine For­mel für einen poli­ti­schen Über­gang gefun­den wird, die die Inter­es­sen aller Sei­ten berück­sich­tigt, wird das Pro­blem der ter­ri­to­ria­len Inte­gri­tät von selbst gelöst. Dar­an kön­nen auch die USA nichts ändern.

Natür­lich gibt es ein kur­di­sches Pro­blem in Syri­en, aber es gibt auch eine Assad-Fra­ge. Fakt ist, vie­le Syrer, ob kur­di­scher oder ara­bi­scher Her­kunft, wol­len in einem ver­ein­ten Syri­en leben und set­zen sich eben­so für den Erhalt der ter­ri­to­ria­len Inte­gri­tät ein, aber sie wol­len nicht unter der gegen­wär­ti­gen Ver­fas­sung leben. Die­se muss neu aus­ge­ar­bei­tet wer­den. Die gegen­wär­ti­gen poli­ti­schen Ver­hält­nis­se wer­den auf lan­ge Zeit nicht akzep­tiert wer­den. Dar­aus lei­ten sich das Idlib-Pro­blem und das Vaku­um in Nord­ost­sy­ri­en ab.

Oft wird die Fra­ge gestellt, ob die Tür­kei in Nord­sy­ri­en eine Kolo­nie eta­blie­ren möch­te. Wie beur­tei­len Sie die lang­fris­ti­gen Ambi­tio­nen Anka­ras ?

Ja, höchst­wahr­schein­lich kann man über Plä­ne zur Bil­dung einer tür­ki­schen Schirm­herr­schaft in Nord­sy­ri­en spre­chen. Die­se Plä­ne haben jedoch klar defi­nier­te Gren­zen. Nach dem poli­ti­schen Über­gang wird die Tür­kei Syri­en auf jeden Fall ver­las­sen müs­sen.

Wie möch­te die Tür­kei die auf ihrem Ter­ri­to­ri­um behei­ma­te­ten syri­schen Flücht­lin­ge im Rah­men eines Frie­dens­pro­zes­ses poli­tisch ein­set­zen ?

Anka­ra wird ver­su­chen, in sei­nen Regio­nen Bedin­gun­gen zu schaf­fen, um einen Teil der Flücht­lin­ge in genau die­se Regio­nen zu brin­gen. Für sie wer­den dort bereits neue Ort­schaf­ten gebaut. Die Tür­kei möch­te Flücht­lin­ge nicht in jene Gebie­te zurück­schi­cken, die von Assad kon­trol­liert wer­den, wie es der Liba­non oder Jor­da­ni­en tun. Die Tür­kei bemüht sich, die Gebie­te Syri­ens unter Assads Herr­schaft so schwach wie mög­lich zu hal­ten.

Eine der rus­si­schen Initia­ti­ven in Asta­na war die Bil­dung einer inter­na­tio­na­len Kon­fe­renz zur Rück­füh­rung von Flücht­lin­gen. Ist dies ein Schritt, um Euro­pa für den Frie­den in Syri­en zu gewin­nen ?

Das Pro­blem der Rück­kehr der Flücht­lin­ge ist nicht die Wie­der­her­stel­lung der Infra­struk­tur in Syri­en, wobei die Euro­pä­er hel­fen kön­nen. Das Pro­blem der Flücht­lin­ge in Syri­en ist die man­geln­de Sicher­heit. Es gibt kei­ne Garan­ti­en dafür, dass Flücht­lin­ge, die nach Syri­en zurück­keh­ren, nicht ver­folgt wer­den, denn vie­le von ihnen wur­den gera­de aus poli­ti­schen Grün­den zu Flücht­lin­gen.

Die Flücht­lin­ge aus der Tür­kei oder Euro­pa wol­len und wer­den größ­ten­teils ohne­hin nicht nach Syri­en zurück­keh­ren. Bis jetzt keh­ren nur Flücht­lings­grup­pen aus dem Liba­non und Jor­da­ni­en zurück.

Es gab kei­nen Durch­bruch bei der Gestal­tung eines Ver­fas­sungs­aus­schus­ses. Was sind hier die Her­aus­for­de­run­gen ?

Ich den­ke, das Pro­blem ist, dass es beim Ver­fas­sungs­aus­schuss nicht vor­wärts geht. Assad möch­te die­sen ger­ne maxi­mal bestim­men. Dies betrifft vor allem die Lis­te der Zivil­ge­sell­schaft, die Assad als Fort­set­zung der Regie­rungs­lis­te sehen möch­te. Die­se Lis­te soll aus­schließ­lich aus Unter­stüt­zern der Regie­rung bestehen.

Der rus­si­sche Syri­en-Gesand­te Alex­an­der Law­ren­tiew sag­te, dass Kur­den in dem Aus­schuss ver­tre­ten sein müss­ten, wäh­rend die YPG aus­ge­schlos­sen ist. Wie inter­pre­tie­ren Sie Russ­lands Hal­tung ?

Das war eine wich­ti­ge Ent­schei­dung von Russ­land. Man darf die kur­di­sche Min­der­heit nicht mit der YPG/PYD gleich­set­zen. Sie ver­tre­ten nicht das gesam­te kur­di­sche Volk, son­dern nur ihre eige­nen Par­tei­in­ter­es­sen. Daher soll­ten kur­di­sche Ver­tre­ter durch­aus in den Ver­fas­sungs­aus­schuss ein­tre­ten, wenn es Ver­tre­ter jener Kräf­te sein wer­den, die nicht als bedenk­lich oder ter­ro­ris­tisch gel­ten. Zu den akzep­ta­blen kur­di­schen Kräf­ten wird zum Bei­spiel auch in Mos­kau der soge­nann­te Kur­di­sche Natio­nal­rat gezählt.

Russ­land möch­te, dass die Tür­kei den Ter­ro­ris­mus in Idlib aus­merzt und die­ser Pro­zess beschleu­nigt wird. Wie sieht die aktu­el­le Lage vor Ort aus ?

Die­ses Pro­blem kann nicht schnell gelöst wer­den. Daher wird die Tür­kei wahr­schein­lich dar­auf bestehen, die Lösung die­ses Pro­blems zeit­lich aus­zu­wei­ten. Dafür sind vie­le Mona­te erfor­der­lich. Man muss beden­ken, dass eine gemä­ßig­te Oppo­si­ti­on nicht gegen die Radi­ka­len vor­ge­hen wird, solan­ge es die Bedro­hung einer mili­tä­ri­schen Ope­ra­ti­on in Idlib gibt. Die­se Bedro­hung gibt es von­sei­ten der Regie­rungs­kräf­te nach wie vor. Jeder Zwi­schen­fall kann zu einer Wie­der­auf­nah­me der Kriegs­hand­lun­gen füh­ren.

Die Besei­ti­gung der Radi­ka­len durch die Oppo­si­ti­on allein ist aller­dings kei­ne Garan­tie dafür, dass kei­ne Offen­si­ve auf Idlib erfol­gen wird. In Ost-Ghu­ta oder im Süden Syri­ens gab es ver­gleichs­wei­se weni­ger Radi­ka­le, aber es gab den­noch mili­tä­ri­sche Ope­ra­tio­nen gegen die­se Enkla­ven. Die Tür­kei, die Oppo­si­ti­on und zuneh­mend Russ­land gehen davon aus, dass die Radi­ka­len von al-Nus­ra durch die Rebel­len selbst zer­schla­gen wer­den soll­ten.

Es wird eini­ge Zeit dau­ern, bis die Oppo­si­ti­on begrif­fen hat, dass ihr kein Stoß in den Rücken droht, solan­ge sie gegen die Ter­ro­ris­ten kämpft.

Inwie­fern ist es über­haupt mög­lich, al-Nus­ra oder HTS, wie sich die Grup­pe heu­te nennt, in einen koope­ra­ti­ven und einen radi­ka­len Teil auf­zuspal­ten und damit zu schwä­chen ?

Ja, al-Nus­ra wird tat­säch­lich in zwei Frak­tio­nen geteilt. Eine davon ist für den Dia­log bereit und wird sich even­tu­ell eini­gen, der gemä­ßig­te­ren Oppo­si­ti­on bei­zu­tre­ten. Das Pro­blem des radi­ka­len Teils kann gelöst wer­den, wenn die­ser bereit ist, die Waf­fen nie­der­zu­le­gen.

Was wird mit den Radi­ka­len gesche­hen, die an al-Qai­da fest­hal­ten ?

Für sie könn­ten die­sel­ben Pro­gram­me wie für ehe­ma­li­ge Guan­tá­na­mo-Häft­lin­ge ange­wen­det wer­den. Ansons­ten wer­den sie zer­schla­gen wer­den.

Gibt es in Russ­land Beden­ken, dass die Idlib-Koope­ra­ti­on mit Anka­ra schei­tern könn­te ? Wenn ja, was wäre Plan B ?

Ja, es gibt sol­che Beden­ken. Mos­kau ist gezwun­gen, den Stand­punkt von Damas­kus zu berück­sich­ti­gen, das alles “bis auf den letz­ten Zen­ti­me­ter” zurück­er­obern möch­te. Natür­lich wird eine mög­li­che mili­tä­ri­sche Ope­ra­ti­on gegen Idlib in Betracht gezo­gen. Man muss aber ver­ste­hen, dass ein sol­ches Sze­na­rio ange­sichts der Prä­senz tür­ki­scher Trup­pen in Idlib sehr ris­kant wäre und zu einem groß­an­ge­leg­ten mili­tä­ri­schen Kon­flikt mit der Tür­kei füh­ren könn­te. Des­halb wird Mos­kau ver­su­chen, dies in jeder Hin­sicht zu ver­mei­den.

Wel­che Rol­le spielt der Iran in Asta­na, und wie ent­wi­ckelt sich sei­ne Ein­fluss­po­li­tik in Syri­en ?

Der Iran spielt im Asta­na-Pro­zess ten­den­zi­ell eine Neben­rol­le. In die­sem Pro­zess haben – wie auch all­ge­mein bei der Bei­le­gung des syri­schen Kon­flikts – Russ­land und der Tür­kei die Initia­ti­ve inne. Das Pro­blem ist, dass sich die Assad-Regie­rung all­mäh­lich zum deckungs­glei­chen Ele­ment des “ira­ni­schen” bezie­hungs­wei­se “schii­ti­schen Gür­tels” ent­wi­ckelt wie bei­spiels­wei­se die His­bol­lah.

Der Iran ist tief in Syri­en ver­wur­zelt, und die ira­ni­schen Struk­tu­ren sind prak­tisch mit der Assad-Regie­rung eins gewor­den. Daher ist es schwer zu sagen, wo die Inter­es­sen Assads begin­nen und die ira­ni­schen Inter­es­sen in Syri­en enden. Die ira­ni­sche Prä­senz in Syri­en kann nur mit dem Ende der der­zei­ti­gen Regie­rung in Damas­kus been­det wer­den. Vor­erst ist das nicht abzu­se­hen. Daher wird die ira­ni­sche Prä­senz in Syri­en noch lan­ge ein Fak­tor blei­ben.

Vie­len Dank für das Gespräch !

RT Deutsch


Interview : Saudi-Führung fürchtete Khashoggis Einfluss in den USA


von Ali Özkök

RT Deutsch hat mit Ragıp Soylu gespro­chen. Er ist jah­re­lan­ger Jour­na­list und Washing­ton-Kor­re­spon­dent der tür­ki­schen Tages­zei­tung Sabah gewe­sen. Soylu gilt als Exper­te für tür­kisch-US-ame­ri­ka­ni­sche Bezie­hun­gen.

Es gibt Gerüch­te, dass eini­ge US-Beam­te Prinz Ahmad nach der Ermor­dung von Khash­og­gi als neu­en König von Sau­di-Ara­bi­en unter­stüt­zen wür­den. Das bedeu­tet, dass Kron­prinz Moham­med bin Sal­man zuneh­mend in Ver­ruf gerät. Wie sehen Sie die­se Ent­wick­lung ?

Alles ist mög­lich, aber Trumps jüngs­te Aus­sa­ge mach­te es offen­sicht­lich, dass der US-Prä­si­dent eine sol­che Ände­rung nicht unter­stützt. Ganz klar, Moham­med bin Sal­man hat sei­ne Glaub­wür­dig­keit ver­lo­ren, die er einst beim Washing­to­ner Estab­lish­ments inne­hat­te. Man wird um ihn besorgt sein. Aber am Ende des Tages gibt es schließ­lich einen Prä­si­den­ten in den USA, der zu ihm steht.

Trump hat die Aus­sa­ge des CIA zurück­ge­wie­sen, dass Kron­prinz Moham­med bin Sal­man das Atten­tat auf Khash­og­gi als zu has­tig anführ­te. War­um steht der US-Prä­si­dent so fest hin­ter dem Kron­prin­zen ? 

Es gibt meh­re­re Fak­to­ren, die eine Rol­le spie­len. In ers­ter Linie steht da die Anti-Iran-Alli­anz von Moham­med bin Sal­man mit der Trump-Admi­nis­tra­ti­on im Fokus, sowie die durch Trumps Schwie­ger­sohn, Jared Kush­ner, geführ­te sau­di­sche Unter­stüt­zung des paläs­ti­nen­sisch-israe­li­schen Frie­dens­pro­zes­ses. Im Rah­men der anti-Iran-Stim­mung kann Moham­med bin Sal­man die sau­di­sche Ölför­de­rung aus­bau­en, um den durch die Sank­tio­nen gegen den Iran ver­ur­sach­ten Man­gel aus­zu­glei­chen. Außer­dem hilft er Washing­ton, gegen den ira­ni­schen Ein­fluss in Syri­en, Irak und dem Jemen vor­zu­ge­hen. Natür­lich hat Trump das gute Geschäft wei­te­rer Käu­fe US-ame­ri­ka­ni­scher Waf­fen durch die Sau­dis im Kopf, die er sei­nen Unter­stüt­zern als Erfolg prä­sen­tie­ren kann.

Khash­og­gi wird meist als Jour­na­list bezeich­net, doch er war auch in ande­ren Rol­len tätig. Wie ent­schei­dend waren sei­ne guten Bezie­hun­gen zu eini­gen der sau­di­schen Macht­eli­ten bei sei­ner Ermor­dung ?

Defi­ni­tiv war er frü­her ein Mit­glied des sau­di­schen Königs­krei­ses, jemand, den man als Insi­der betrach­ten kann. Doch wir soll­ten nicht ver­ges­sen, dass er vor vie­len Jah­ren Medi­en­be­ra­ter für den ehe­ma­li­gen Geheim­dienst­chef war. Das ist gewis­ser­ma­ßen auch eine bizar­re Posi­ti­on für einen lang­jäh­ri­gen Jour­na­lis­ten. Ich den­ke, dass er nicht nur wegen sei­ner kri­ti­schen Schrif­ten ins Visier genom­men wur­de, son­dern auch wegen sei­nes Ein­flus­ses inner­halb der Washing­to­ner Éli­te, wenn es dar­um ging, ihre Mei­nung über Moham­med bin Sal­man zu bil­den.

Der sau­di­sche Außen­mi­nis­ter al-Dschub­air hat in einem Inter­view erklärt, dass die Infra­ge­stel­lung der sau­di­schen Macht­eli­te nach der Ermor­dung von Khash­og­gi eine rote Linie wäre. Wel­che Mit­tel hat die sau­di­sche Éli­te, um ihre Inter­es­sen durch­zu­set­zen ?

Was er mein­te, war wohl das Haus von Saud. Offen­sicht­lich gibt es eine Nach­fol­ge­li­nie, und es ist schwer, das zu ändern. Ver­liert Moham­med bin Sal­man sei­ne Posi­ti­on als Kron­prinz, wird das der gan­zen Fami­lie ein Signal geben, dass — mit inter­na­tio­na­ler Unter­stüt­zung — die star­ke Kri­tik oder Ableh­nung des sau­di­schen Kron­prin­zen zu innen­po­li­ti­schen Ergeb­nis­sen füh­ren könn­te. Das ist etwas, was sie mei­ner Mei­nung nach nicht sehen wol­len. Weil es einen Prä­ze­denz­fall schaf­fen kann.

Sie sind seit Jah­ren Kor­re­spon­dent für tür­ki­sche Medi­en in den USA. Inwie­weit den­ken Sie, dass die USA oder der Wes­ten, bei Ereig­nis­sen in Sau­di-Ara­bi­en im Ver­gleich zur Tür­kei, gene­rell selek­tiv und mit zwei­er­lei Maß mes­sen ? Was ist der Grund dafür ?

Der Haupt­un­ter­schied die­ser Dop­pel­mo­ral ist eigent­lich ein posi­ti­ver. Die Tür­kei ist im Wesent­li­chen ein west­li­ches Land, mit Mit­glied­schaft in der NATO und im Euro­päi­schen Rat. Die Tür­kei ver­han­delt noch immer über einen EU-Bei­tritt. Sol­che Din­ge sind wirk­lich wich­tig, wenn es um die Behand­lung von Men­schen­rechts­fra­gen oder grund­le­gen­den Frei­hei­ten geht. Natür­lich hat die sau­di­sche Finan­zie­rung vie­ler Think Tanks in Washing­ton und ver­schie­de­ner Orga­ni­sa­tio­nen auf der gan­zen Welt sie vor einem Groß­teil der Kri­tik geschützt. Fakt ist, dass auf eine lan­ge Zeit akzep­tiert wur­de, dass Sau­di-Ara­bi­en ein isla­mi­sches und auto­ri­tä­res König­reich ist.

Es gibt Gerüch­te, dass die Trump-Regie­rung die Frei­las­sung von Fethul­lah Gülen in Betracht zieht, um die Tür­kei wegen Khash­og­gi zu beru­hi­gen. Wie bewer­ten Sie sol­che Berich­te, und wie reagiert die tür­ki­sche Regie­rung auf die­sen Schritt ? 

Ja, es ist mög­lich, dass die Trump-Admi­nis­tra­ti­on über die Aus­lie­fe­rung von Gülen nach­ge­dacht hat, um den tür­ki­schen Druck auf die Sau­dis im Zusam­men­hang mit dem Mord an Khash­og­gi zu ver­rin­gern. Aber sowohl tür­ki­sche als auch US-ame­ri­ka­ni­sche Quel­len leug­ne­ten, dass es jemals zu direk­ten Ver­hand­lun­gen gekom­men sei. Mei­nes Wis­sens nach haben die Sau­dis auch meh­re­re Ide­en für eine Bei­le­gung des Kon­flikts ent­wi­ckelt. Die Tür­kei hat sie schlicht­weg abge­lehnt.

Neben Sau­di-Ara­bi­en ist die Tür­kei die füh­ren­de sun­ni­ti­sche Regio­nal­macht im Mitt­le­ren Osten. Besteht die Befürch­tung, dass der Fall Khash­og­gi zu neu­en Span­nun­gen füh­ren könn­te, zum Bei­spiel in Katar, Ost­afri­ka oder Syri­en ?

Die Tür­kei hat ein ange­spann­tes Ver­hält­nis zu Sau­di-Ara­bi­en, seit Riad den Staats­streich in Ägyp­ten unter­stützt hat. Aber die Bezie­hun­gen sind nach der Katar-Kri­se noch ange­spann­ter gewor­den. Der Mord an Khash­og­gi hat die Bezie­hun­gen end­gül­tig belas­tet. Die­se Ent­wick­lung könn­te Sau­di-Ara­bi­en in letz­ter Instanz schließ­lich doch dazu zwin­gen, sei­ne Bezie­hun­gen zu sei­nem Nach­barn wie Katar zu über­den­ken. Die rück­sichts­lo­se Poli­tik von Moham­med bin Sal­man führt eher zu neu­em Cha­os in der Regi­on, als zu Ord­nung. Khash­og­gi könn­te das aktu­el­le Opfer sein. Aber wer weiß ?

Vie­len Dank für das Gespräch !

RT Deutsch


Interview : Gaza-Konflikt ist innenpolitische Katastrophe für Israels Premier Netanjahu


von Ali Özkök

RT Deutsch hat mit Mar­wa Osman gespro­chen. Sie ist Dozen­tin an der Liba­ne­si­schen Inter­na­tio­na­len Uni­ver­si­tät und der Maaref Uni­ver­si­tät in Bei­rut. Osman tritt als poli­ti­sche Autorin und Kom­men­ta­to­rin zu Nah­ost-The­men bei zahl­rei­chen inter­na­tio­na­len und regio­na­len Medi­en auf.

Lie­ber­man ist als Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter zurück­ge­tre­ten. Was sind die innen­po­li­ti­schen Kon­se­quen­zen für die Regie­rung Netan­ja­hu ?

Für Lie­ber­man hät­te das Timing nicht bes­ser sein kön­nen. Einen Tag nach Errei­chen des Waf­fen­still­stands mit dem paläs­ti­nen­si­schen Wider­stand im Gaza­strei­fen traf die Ankün­di­gung des Kriegs­mi­nis­ters Pre­mier­mi­nis­ter Ben­ja­min Netan­ja­hu von rechts, indem sich Lie­ber­man als “Poli­ti­ker mit Prin­zi­pi­en” prä­sen­tiert. Lie­ber­man schei­det als Poli­ti­ker aus, der eine wich­ti­ge poli­ti­sche Leis­tung in sei­ner Sache voll­bracht hat. Zuvor gelang es ihm, einen poli­ti­schen Deal mit den ultra­or­tho­do­xen Par­tei­en abzu­schlie­ßen. Lie­ber­man hin­ter­lässt eine Men­ge Schutt, der besei­tigt wer­den muss. Netan­ja­hu wird mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit Neu­wah­len ein­be­ru­fen, wäh­rend er sei­ne Koali­ti­on mit einer hauch­dün­nen Mehr­heit am Leben hält. Das Ver­tei­di­gungs­port­fo­lio wird er wahr­schein­lich für sich behal­ten.

Das poli­ti­sche Estab­lish­ment hat mona­te­lang dar­auf gewar­tet, dass Wah­len statt­fin­den ; nie­mand glaubt, dass die Regie­rung bis zum offi­zi­el­len Wahl­tag im Novem­ber 2019 war­ten wird. Wie wir es jedoch in der Geo­po­li­tik sehen : Der Rück­tritt Lie­ber­mans aus Pro­test gegen den Waf­fen­still­stands­plan der Regie­rung mit Gaza ist nur ein wei­te­res Zei­chen für die Nie­der­la­ge des zio­nis­ti­schen Regimes.

Wie lau­tet Ihre Pro­gno­se für das zukünf­ti­ge poli­ti­sche Macht­gleich­ge­wicht in Isra­el zwi­schen dem Netan­ja­hu-Block und här­te­ren Frak­tio­nen ?

Netan­ja­hu ist abso­lut dage­gen, dass Lie­ber­man den Zeit­punkt der Wah­len für sich selbst fest­le­gen kann, wäh­rend er selbst als schwach dar­ge­stellt wer­den kann. Schließ­lich kapi­tu­lier­te er vor der Hamas. Die Mög­lich­keit vor­ge­zo­ge­ner Wah­len raubt Isra­els Haus­halts- und Finanz­ex­per­ten den Schlaf, da dies bedeu­ten wür­de, dass die Regie­rung jeg­li­che Zurück­hal­tung bei ihren finan­zi­el­len Ent­schei­dun­gen ver­lie­ren müss­te. Der Scha­den für die israe­li­sche Wirt­schaft könn­te enorm sein. Von dem Moment an, als Lie­ber­man zurück­trat, haben Finanz­pro­fis mit Sor­ge die Alarm­glo­cken geläu­tet. Ein Pre­mier­mi­nis­ter unter Druck und ein Finanz­mi­nis­ter, der noch grö­ße­re Pro­ble­me hat, sind kein guter Start ins Jahr. Die Ent­schei­dung von Lie­ber­man, zurück­zu­tre­ten und sei­ne radi­ka­le Jisra’el-Beiteinu-Partei aus der Koali­ti­on mit Netan­ja­hu zurück­zu­zie­hen, wird die Zahl der von der Regie­rung gehal­te­nen Sit­ze von 66 auf pre­kä­re 61 in einem Par­la­ment mit 120 Sit­zen ver­rin­gern. Der Kampf um den Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter­pos­ten könn­te den Beginn des Endes der Regie­rung Netan­ja­hu ein­lei­ten, denn der Pre­mier­mi­nis­ter, des­sen Visi­ten­kar­te die natio­na­le Sicher­heit ist, sieht sich zuneh­mend der Kri­tik sei­ner rech­ten Riva­len aus­ge­setzt, die sagen, er habe dem Waf­fen­still­stand zu schnell zuge­stimmt.

Inwie­weit wird die wach­sen­de mili­tä­ri­sche Stär­ke der paläs­ti­nen­si­schen Hamas zu einer ernst­haf­ten Her­aus­for­de­rung für Isra­el ?

Der jüngs­te Ein­satz einer laser­ge­steu­er­ten Kor­net-Pan­zer­ab­wehr­ra­ke­te durch die Hamas mar­kiert eine deut­li­che Ver­än­de­rung des stra­te­gi­schen Gleich­ge­wichts an der Gren­ze zum besetz­ten Paläs­ti­na.

Es wird gesagt, dass Gaza in der Ver­gan­gen­heit immer mili­tä­risch gespal­ten gewe­sen sei, aber was jetzt nach den attes­tier­ten Ver­gel­tungs­maß­nah­men klar ist, ist ein effek­ti­ves Kampf­ergeb­nis des orga­ni­sier­ten Ope­ra­ti­ons­rau­mes mit ande­ren Wider­stands­grup­pen. Die­ser gemein­sa­me Ope­ra­ti­ons­raum ist für die Hamas von ent­schei­den­der Bedeu­tung, um zukünf­ti­ge Schrit­te wie die Grün­dung einer neu­en PLO zu unter­neh­men, die die Rol­le der alten Orga­ni­sa­ti­on über­neh­men wird, die der­zeit unter der Füh­rung der Fatah steht. Im Moment boy­kot­tie­ren Orga­ni­sa­tio­nen wie die Volks­front (PFLP) und die Demo­kra­ti­sche Front (DFLP) bereits die PLO in Ramal­lah. Es ist not­wen­dig, dass die Hamas die­se Orga­ni­sa­tio­nen auf ihre Sei­te bringt, indem sie ihren Stand­punkt akzep­tiert.

Hin­zu kommt der Paläs­ti­nen­si­sche Isla­mi­sche Dschi­had (PIJ), der nie Teil der PLO war. Wäh­rend Ara­fats Zeit respek­tier­ten sich bei­de Sei­ten und koope­rier­ten. Dies gab dem Isla­mi­schen Dschi­had ein star­kes Mit­spra­che­recht bei der Bewäl­ti­gung der aktu­el­len Situa­ti­on und war eine Schlüs­sel­kom­po­nen­te bei der jüngs­ten mili­tä­ri­schen Ver­schlech­te­rung in Gaza. Die­se gemein­sa­me Ope­ra­ti­on wich ange­sichts der stän­di­gen israe­li­schen Aggres­si­on gegen den Gaza­strei­fen einer neu­en Abschre­ckungs­glei­chung.

Katar über­wies mit israe­li­scher Erlaub­nis kurz vor dem israe­li­schen Angriff auf die Hamas-Füh­rung Gel­der nach Gaza. Wie lässt sich die­se Ent­schei­dung ein­ord­nen ?

Die kata­ri­sche Zah­lung hat­te wenig mit den Zusam­men­stö­ßen zu tun. Es war zu wenig, um zunächst gra­vie­ren­de mili­tä­ri­sche Ver­än­de­run­gen aus­zu­lö­sen. Eine kata­ri­sche Geld­sprit­ze in Höhe von 15 Mil­lio­nen Dol­lar wur­de an die ver­arm­ten paläs­ti­nen­si­schen Beam­ten im Gaza­strei­fen aus­ge­zahlt. Den­ken Sie dar­an, dass der im West­jor­dan­land ansäs­si­ge poli­ti­sche Riva­le der Hamas, der paläs­ti­nen­si­sche Prä­si­dent Mah­mud Abbas, den Haus­halt im Gaza­strei­fen gekürzt und Zehn­tau­sen­de Regie­rungs­mit­ar­bei­ter in eine Kri­se gestürzt hat.

Ägyp­ten hat die Hamas davon über­zeugt, sich auf einen Waf­fen­still­stand zu eini­gen. Wel­che Rol­le spielt Ägyp­ten im anhal­ten­den Kon­flikt zwi­schen den ver­schie­de­nen Paläs­ti­nen­ser­or­ga­ni­sa­tio­nen und Isra­el ?

Ägyp­ten hat Gesprä­che zwi­schen riva­li­sie­ren­den paläs­ti­nen­si­schen Frak­tio­nen und zwi­schen Gaza und Isra­el ver­mit­telt. Fakt ist aber, dass Kai­ro die­se Situa­ti­on nutzt, um sich wie­der als regio­na­le Macht zu eta­blie­ren. Die Ver­söh­nungs­ge­sprä­che zwi­schen Fatah und Hamas aller­dings sind seit Mona­ten blo­ckiert. Die von der Fatah geführ­te Paläs­ti­nen­si­sche Behör­de (PA) will die voll­stän­di­ge Kon­trol­le über den Gaza­strei­fen, ein­schließ­lich sei­ner Sicher­heit, an sich rei­ßen, was die Ent­waff­nung des bewaff­ne­ten Flü­gels der Hamas, der al-Qas­sam-Bri­ga­den, bedeu­ten wür­de, ein Punkt, den die Hamas ablehnt. Der ägyp­ti­sche Geheim­dienst fun­giert auch als Ver­mitt­ler zwi­schen Gaza und Isra­el in indi­rek­ten Gesprä­chen, um einen all­mäh­li­chen lang­fris­ti­gen Waf­fen­still­stand zu errei­chen, aber nach den jüngs­ten Ereig­nis­sen scheint die­se Ver­mitt­lung auf Eis gelegt zu sein.

Gibt es aus­län­di­sche Akteu­re, die ein Inter­es­se an der Ent­wick­lung des Gaza­strei­fens haben ? Wäh­rend der Iran regel­mä­ßig erwähnt wird, sind die Tür­kei und Katar auch Unter­stüt­zer der Hamas.

Für die Tür­kei, den Iran und Katar ist die­se neue Gaza-Kri­se eine Gele­gen­heit, ihre Rol­le als Freun­de der Paläs­ti­nen­ser und Füh­rer in der mus­li­mi­schen Welt zu stär­ken. Für Isra­el selbst ist eine Gaza-Kri­se zum gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt eine gro­ße Her­aus­for­de­rung, und der ira­ni­sche Ein­fluss in Gaza macht ihm am meis­ten Angst. Die größ­te Sor­ge für Isra­el ist der Iran und was er tun könn­te, wenn er sei­nen Ein­fluss in Syri­en und an der Nord­gren­ze des israe­li­schen Staa­tes aus­baut. Die paläs­ti­nen­si­schen Wider­stands­grup­pen im Gaza­strei­fen haben sich zeit­gleich wei­ter­ent­wi­ckelt, mit fort­schritt­li­chem Rake­ten­bau, Cyber-Hacking und neu­en mili­tä­ri­schen Tak­ti­ken. Natür­lich ist dies nicht ohne inter­na­tio­na­le Unter­stüt­zung mög­lich. Der paläs­ti­nen­si­sche Wider­stand im Gaza­strei­fen erhält jedes Jahr schät­zungs­wei­se 100 bis 200 Mil­lio­nen US-Dol­lar von aus­län­di­schen Ver­bün­de­ten, wobei der Groß­teil der Mit­tel aus der Tür­kei, Katar und dem Iran kommt. Ohne die­se Finan­zen und ange­sichts der ersti­cken­den israe­li­schen Blo­cka­de wäre Gaza nicht zu hal­ten. Gaza wäre ohne die­se Finan­zen im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes zu einem zwei­ten Jemen ver­kom­men.

Vie­len Dank für das Gespräch !

RT Deutsch


Interview mit russischem Chef-Analysten zu Syrien : “Russisches Militär drängt auf härtere Maßnahmen”


von Ali Özkök

Rus­lan Mame­dow ist Lei­ter der Nah­ost-Abtei­lung des Rus­si­schen Rats für inter­na­tio­na­le Ange­le­gen­hei­ten (RIAC). Das aka­de­mi­sche For­schungs­zen­trum berät unter ande­rem das rus­si­sche Außen­mi­nis­te­ri­um.

Nach israe­li­schen Luft­an­grif­fen auf Lata­kia hat die syri­sche Luft­ab­wehr ein rus­si­sches Il-20-Flug­zeug abge­schos­sen. Wie wird sich das Ver­hält­nis Russ­lands zu Isra­el künf­tig gestal­ten ?

Eine der Optio­nen, die Russ­land vor­lie­gen, ist eine voll­stän­di­ge Sper­rung des syri­schen Luft­raums für israe­li­sche Flug­zeu­ge – ohne jeg­li­che Mög­lich­keit für Isra­el, syri­sches Ter­ri­to­ri­um künf­tig zu bom­bar­die­ren. Ver­nünf­ti­ger­wei­se soll­te Mos­kau auch unter­su­chen, war­um die­se 15 rus­si­schen Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen in eine solch unsi­che­re Lage gera­ten konn­ten. Dies ist eine Sache, die unter­sucht wer­den muss. In Russ­land ist übri­gens ein Ermitt­lungs­ver­fah­ren eröff­net wor­den, und ich den­ke, letzt­end­lich wer­den dar­aus Kon­se­quen­zen gezo­gen. Russ­land muss defi­ni­tiv die Sicher­heit sei­nes Mili­tär­per­so­nals in Syri­en ver­bes­sern.

Eine Rei­he rus­si­scher Mili­tärs ist sich sicher, dass här­te­re Maß­nah­men ergrif­fen wer­den soll­ten – also siche­re Gren­zen um die rus­si­schen Stütz­punk­te Hmeimim und Tar­tus her­um zu zie­hen, viel­leicht noch Lata­kia, die durch mili­tä­ri­sche Ein­hei­ten irgend­wel­cher Dritt­staa­ten – also nicht-syri­sche und nicht-rus­si­sche – auf kei­nen Fall über­tre­ten wer­den dür­fen.

Das soll­te übri­gens auch die Ira­ner betref­fen, mei­ner Mei­nung nach wegen Isra­els Bemer­kung, dass die Ira­ner ihre mili­tä­ri­schen Objek­te in der Nähe rus­si­scher Stütz­punk­te errich­ten, um sich vor israe­li­schen Luft­an­grif­fen zu schüt­zen. Die Fra­ge hier ist, inwie­fern das stimmt, denn wir kön­nen nicht bestä­ti­gen, dass es ira­ni­sche Mili­tär­ein­rich­tun­gen in Lata­kia gibt, obwohl Isra­el sol­che Beweis­ma­te­ria­li­en vor­ge­legt haben will. Vie­les hängt davon ab, wie die Gesprä­che zwi­schen den rus­si­schen und den israe­li­schen Mili­tärs ver­lau­fen wer­den.

Ich hof­fe, in Tel Aviv begreift man, dass das Ver­trau­en zwi­schen Russ­land und Isra­el in die­ser Regi­on von den Ergeb­nis­sen die­ser Gesprä­che abhängt.

Kom­men wir zu Idlib. Laut dem Sot­schi-Abkom­men zwi­schen Erdoğan und Putin, muss die Tür­kei die Auto­bahn­stre­cken der Regi­on frei­ge­ben. Was ist der tie­fer­lie­gen­de Sinn die­ser Initia­ti­ve, wel­che öko­no­mi­schen Aus­wir­kun­gen wird die­ser Schritt haben, und wo sehen Sie die Her­aus­for­de­rung bei der Umset­zung ?

Die Öff­nung der Auto­bahn­stre­cken M4 und M5 wür­de die wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit zwi­schen den Regio­nen auf ein neu­es Niveau heben, aber auch das Ver­trau­en Russ­lands in die Tür­kei stär­ken und eine poli­ti­sche Lösung der Span­nun­gen her­bei­füh­ren.

Zudem könn­te es auch der Tür­kei hel­fen, sich aus­ge­präg­ter an der poli­ti­schen Lösung des syri­schen Kon­flik­tes zu betei­li­gen. Vie­les hängt davon ab, wie sich die Tür­kei in Idlib schlägt und wie gut sie die Vor­gän­ge dort kon­trol­lie­ren kann. Und letzt­end­lich, ja, die Tür­kei könn­te sich beim Wie­der­auf­bau Syri­ens nütz­lich machen – dazu ruft die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on auf : sich Gedan­ken zu machen über den Wie­der­auf­bau, die Rück­kehr der Flücht­lin­ge, dar­über, die Lage in Syri­en end­lich zu sta­bi­li­sie­ren.

Die Tür­kei hat sich ver­pflich­tet, Ter­ro­ris­ten von der Oppo­si­ti­on zu tren­nen. Bei­de Sei­ten dis­ku­tier­ten auch viel dar­über, wel­che bewaff­ne­ten Kräf­te über­haupt als Oppo­si­ti­on gewer­tet wer­den dür­fen. Wie haben sich Mos­kau und Anka­ra geei­nigt ?

Russ­land hat der Tür­kei als Ergeb­nis der Ver­hand­lun­gen ein Zuge­ständ­nis gemacht, und die­ses Zuge­ständ­nis ist die zeit­li­che Frist. Russ­land gibt der Tür­kei Zeit, die Mili­zen in Idlib an die Lei­ne zu neh­men.

Die­se Zeit ist für die Tür­kei sehr gefähr­lich, denn obwohl die Tür­kei die al-Qai­da nahe al-Nus­ra-Front bezie­hungs­wei­se Haiʾat Tahr­ir asch-Scham als Ter­ro­ris­ten aner­kannt hat — die­se Ein­heit domi­niert die Idlib-Regi­on und kon­trol­liert die Pro­vinz­haupt­stadt — han­delt es sich um eine schlag­kräf­ti­ge Grup­pie­rung mit Zehn­tau­sen­den von gut aus­ge­bil­de­ten Kämp­fern. Ein Groß­teil die­ser Kämp­fer ist nicht zu Kom­pro­mis­sen bereit.

Anka­ra kann auf Idlib ein­wir­ken, denn der Zugang zur Außen­welt der Regi­on beschränkt sich auf die Tür­kei. Rüs­tungs­gü­ter kön­nen nur über tür­ki­sches Ter­ri­to­ri­um nach Idlib gelan­gen, genau­so wie Lebens­mit­tel und Medi­ka­men­te. Dies war sei­ner­zeit das Haupt­pro­blem der syri­schen Kri­se über­haupt – offe­ne Gren­zen, die weder Jor­da­ni­en noch die Tür­kei geschlos­sen und gesi­chert haben und über die sie bewaff­ne­te Mili­zen in Syri­en unter­stütz­ten. Des­we­gen waren auch die Regio­nen mit den meis­ten Pro­ble­men der Nor­den und der Süden des Lan­des. Jetzt hält die Tür­kei den Schlüs­sel zu einer Lösung für Idlib in der Hand.

Was sind Ihrer Mei­nung nach die Haupt­grün­de dafür, dass Russ­land sich auf den tür­ki­schen Vor­schlag ein­ließ, kei­ne Mili­tär­of­fen­si­ve auf Idlib zu star­ten ?

Die Idlib-Regi­on steht der Regie­rung in Damas­kus seit lan­ger Zeit in kom­pro­miss­lo­ser Oppo­si­ti­on gegen­über. Zudem ist hier ab einem gewis­sen Moment auch der Fak­tor der Kon­fes­sio­nen hin­zu­ge­kom­men. Es gab eine Pha­se im Syri­en­krieg, als die Radi­ka­li­sie­rung dazu führ­te, dass die Tren­nung nach Kon­fes­sio­nen auf ein­mal sehr wich­tig wur­de. Idlib wird größ­ten­teils von Sun­ni­ten bewohnt.

Die Posi­ti­on Russ­lands lässt sich so aus­drü­cken : Wenn man Krieg, Opfer und so wei­ter ver­mei­den kann, dann soll die Tür­kei das doch ein­mal pro­bie­ren. Die zeit­li­che Dau­er ist für Russ­land im Moment nicht prin­zi­pi­ell wich­tig.

In einem Tweet argu­men­tie­ren Sie, dass Erdoğan gro­ße Zuge­ständ­nis­se von Russ­land erhal­ten habe, die einen Preis hät­ten. Wird die Tür­kei nun auch außer­halb Idlibs mit Russ­land koope­rie­ren ?

Für die Tür­kei wäre die Ent­ste­hung einer auto­no­men oder halb­au­to­no­men Regi­on in Syri­en, die sich der Kon­trol­le von Damas­kus ent­zieht, über­haupt nicht güns­tig. Die Tür­kei hat ein eige­nes aku­tes Pro­blem mit den Kur­den im Inland und wird des­halb immer reagie­ren. Anka­ra fürch­tet den Sepa­ra­tis­mus und Ter­ror in Ana­to­li­en.

Die­ser Fak­tor der Kur­den in Syri­en ist auch ein Lang­zeit­fak­tor in den Bezie­hun­gen zwi­schen der Tür­kei und den USA und erlaubt eine Koope­ra­ti­on zwi­schen Mos­kau und Anka­ra. Wenn das so wei­ter­geht, wird es sicher­lich mehr Gele­gen­hei­ten geben, dem Ent­ste­hen einer auto­no­men Regi­on im Nord­os­ten Syri­ens unter einem US-Pro­tek­to­rat ent­ge­gen­zu­wir­ken – denn an der Bil­dung einer sol­chen auto­no­men Regi­on arbei­ten die USA ja im Moment mit Hoch­druck und lie­fern mas­sen­wei­se Rüs­tungs­gü­ter an die Orga­ni­sa­ti­on, die sie die “Demo­kra­ti­schen Kräf­te Syri­ens” nen­nen.

Im Osten Syri­ens hat Russ­land eine etwas ande­re Hal­tung als in Idlib, spe­zi­ell in Deir ez-Zor mit sei­nen gro­ßen Erd­öl- und Erd­gas­vor­kom­men. Die­se sind für den Wie­der­auf­bau des Lan­des sehr wich­tig. Russ­land dürf­te damit ein­ver­stan­den sein, wenn sich die Tür­kei eben­so bei der Rück­kehr des syri­schen Nord­os­tens, wo gegen­wär­tig die “Demo­kra­ti­schen Kräf­te Syri­ens” agie­ren, unter die Kon­trol­le von Damas­kus mit ein­bringt.

Die kur­di­sche YPG koope­riert immer enger mit den USA. Wie bewer­ten Sie Mos­kaus Ver­hält­nis zu den Kur­den Syri­ens ?

Das wich­tigs­te Prin­zip der rus­si­schen Außen­po­li­tik im Nahen Osten und ins­be­son­de­re in Bezug auf Syri­en ist die ter­ri­to­ria­le Unver­sehrt­heit. Alle wei­te­ren Ver­ein­ba­run­gen mit den kur­di­schen Kräf­ten wer­den eben­falls auf die­sen von Russ­land befolg­ten Prin­zi­pi­en auf­bau­en. Für Mos­kau ist die Wah­rung eines ein­heit­li­chen syri­schen Staa­tes die Grund­vor­aus­set­zung für Ver­hand­lun­gen mit der YPG – und nicht irgend­wel­che Tei­lun­gen, auf die die US-Ame­ri­ka­ner bis­her gesetzt haben.

Sie haben ihre Tak­tik neu­er­dings geän­dert und die Kur­den gestärkt. Auch die Kur­den kön­nen voll auf die US-Ame­ri­ka­ner set­zen, aber damit könn­ten sie auch ver­lie­ren und den Kür­ze­ren zie­hen. Des­halb ver­ste­hen die Kur­den mei­nes Wis­sens nach auch, dass es wei­se ist, den Kon­takt zu Mos­kau und Damas­kus zu hal­ten. Auch in Mos­kau wird sich wegen der gegen­wär­ti­gen Bezie­hun­gen der YPG nicht auf ein­mal eine nega­ti­ve Hal­tung gegen­über den Kur­den ein­stel­len, denn da gibt es auch ande­re Fra­gen : zum Bei­spiel Geheim­dienst-Aus­tausch von Men­schen, die frü­her für den „Isla­mi­schen Staat“ oder für ande­re Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen gekämpft haben. Für Russ­land sind das durch­aus nütz­li­che Infor­ma­tio­nen, und die Kur­den haben sie.

Wo sehen Sie nach der Lösung des Idlib-Pro­blems die nächs­ten Her­aus­for­de­run­gen für Russ­land bei der Befrie­dung Syri­ens ?

Poli­ti­sche Lösun­gen zu fin­den, ist immer das Wich­tigs­te, und Russ­land soll­te sich hier mei­ner Ansicht nach noch mehr ein­set­zen. Das betrifft vor allem die Schaf­fung einer Ver­fas­sungs­kom­mis­si­on, die ein­ver­nehm­lich die wich­tigs­ten Prin­zi­pi­en der Ver­fas­sung fest­legt und ein­zel­ne Punk­te for­mu­liert. Auf die­ser Basis könn­ten Neu­wah­len durch­ge­führt wer­den.

Zu kri­ti­sie­ren ist, dass Staf­fan de Mis­tu­ra, der UN-Son­der­ge­sand­te für Syri­en, es mit dem Auf­stel­len ent­spre­chen­der Mit­glie­der­lis­ten und damit, das Sys­tem zum Lau­fen zu brin­gen, nicht sehr eilig zu haben scheint.

Die USA wol­len jetzt solan­ge blei­ben, bis der Iran aus Syri­en abzieht. Glau­ben Sie, dass der Iran in abseh­ba­rer Zeit abzie­hen könn­te und die­ses Argu­ment der ein­zi­ge Grund für den Ver­bleib der US Trup­pen in Syri­en ist ?

Der Iran wird nicht aus Syri­en abzie­hen. Tehe­ran hat gro­ße Res­sour­cen, auch mensch­li­che, in Syri­en inves­tiert, und er hat unse­rer Ansicht nach legi­ti­me Inter­es­sen in die­sem Land. Das muss man ein­fach ver­ste­hen : Der Iran hat Syri­en wäh­rend des gan­zen Krie­ges unter­stützt, und der Iran war auch vor dem Krieg Syri­ens Ver­bün­de­ter, was vie­le ver­ges­sen.

Iran ist ein legi­ti­mer und wich­ti­ger Fak­tor im Nahen Osten. Das Wich­tigs­te ist aber, dass der Iran auch Russ­lands dau­er­haf­ter Part­ner blei­ben wird, denn die rus­sisch-ira­ni­schen Bezie­hun­gen bestehen aus mehr als nur der Koope­ra­ti­on in Syri­en. Wir arbei­ten in Fra­gen zu Zen­tral­asi­en zusam­men und koope­rie­ren in Afgha­ni­stan und im Kau­ka­sus.

Eine ande­re Sache ist Russ­lands Auf­for­de­rung an Tehe­ran, sei­ne pro-ira­ni­schen Kräf­te in Syri­en auf einen Abstand von 85 Kilo­me­tern zur syrisch-israe­li­schen Gren­ze zu brin­gen, damit es zu kei­nem Kon­flikt zwi­schen die­sen bei­den Län­dern kommt.

Vie­len Dank für das Gespräch !

RT Deutsch


Interview : Zwei serbische Blogger über ihr Land und EU : “Niemand will nur billige Arbeitskraft sein”


Von Moj­ra Bozic

Aus­län­di­sche Inves­ti­tio­nen stei­gen, Arbeits­lo­sen­zahl sinkt : Ser­bi­en geht es in den letz­ten Jah­ren rela­tiv gut. RT Deutsch sprach dar­über mit Mil­jan Tanić, Jour­na­list und Dol­met­scher, und Neman­ja Palek­sić, Poli­to­lo­ge.

Ihr beschäf­tigt euch im Pod­cast “Berich­te aus Dis­ney­land” mit dem All­tags­le­ben in Ser­bi­en, Pro­ble­men, dem Ein­fluss der Poli­tik auf den “klei­nen Mann”. War­um “Dis­ney­land”?

Mil­jan : Ich habe für das ehe­ma­li­ge Radio Jugo­sla­wi­en gear­bei­tet, in der deutsch­spra­chi­gen Redak­ti­on. Ich bemerk­te, wie hier Poli­ti­ker oder aus­län­di­sche Offi­zi­el­le – wie die ehe­ma­li­ge Chef­an­klä­ge­rin des Haa­ger Tri­bu­nals, Car­la del Pon­te – die unmög­lichs­ten Din­ge ohne jeg­li­che Fol­gen sagen oder tun kön­nen. Also wie in Dis­ney­land. Ich begann mit mei­nem Blog 2006 – “Dopi­si iz Diz­ni­len­da”, “Berich­te aus Dis­ney­land” –, um ein­fach Frust abzu­las­sen. Spä­ter kam Neman­ja dazu, und dar­aus ent­stand der Pod­cast. Wir sind sozu­sa­gen “Kor­re­spon­den­ten aus Dis­ney­land”, wie uns Freun­de nun spa­ßes­hal­ber nen­nen.

Ihr lebt in Bel­grad, das in letz­ter Zeit in west­li­chen Medi­en als ange­sag­te Metro­po­le des West­bal­kans dar­ge­stellt wird. Wie wür­det ihr die Stadt beschrei­ben ?

Neman­ja : Bel­grad ist immer noch das Zen­trum aller Ereig­nis­se auf dem Gebiet Ex-Jugo­sla­wi­ens. Es zieht vie­le Men­schen an, teils als exo­ti­sches Rei­se­ziel, teils als Metro­po­le. Es scheint jedoch, als begrei­fe Bel­grad immer noch nicht, dass es auch Besu­cher gibt, die kein Ser­bisch spre­chen. Freun­de aus dem Aus­land bekla­gen sich immer, dass sie sich hier schwer ver­stän­di­gen könn­ten. Aber auch das wird bes­ser. Wo es aber auch mit den größ­ten Metro­po­len der Welt mit­hal­ten kann, ist, dass man hier immer was zu tun, sehen und erle­ben hat.

Mil­jan : Bel­grad ist der ers­te Ort, an dem ich mich seit Anfang des Bos­ni­en­kriegs wirk­lich zu Hau­se füh­le. Ich lie­be die Natur­schön­hei­ten – zwei gro­ße inter­na­tio­na­le Flüs­se, ein rie­si­ger See, Wäl­der, Parks –, aber ich hät­te schon ger­ne mehr Ord­nung. Die Men­ta­li­tät der Men­schen ist aber ein­fach so, wie sie ist. Wir mögen nicht wie Deut­sche brav in der Schlan­ge ste­hen, und für jeman­den wie mich, der teil­wei­se in Deutsch­land auf­ge­wach­sen ist, ist das sehr ner­vig. Aber die Stadt ist tat­säch­lich irgend­wie offe­ner gewor­den.

Wie wür­det ihr Ser­bi­en aktu­ell beschrei­ben ? Das Land strebt in die EU, aber die Koso­vo-Fra­ge beherrscht der­zeit die öffent­li­che Debat­te. Vie­le Ana­ly­ti­ker mei­nen, ohne Aner­ken­nung des Koso­vo kön­ne es kei­ne EU-Mit­glied­schaft für Ser­bi­en geben.

Neman­ja : Schrit­te vor­wärts sieht man etwa in der Wirt­schaft oder bei der Arbeits­lo­sen­zahl. Aber auch da kann man die Fra­ge stel­len, zu wel­chem Preis dies erzielt wird. Was aber Rechts­staat­lich­keit, demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen, Pres­se­frei­heit angeht – da ist die Situa­ti­on wirk­lich alar­mie­rend. Die Ver­fas­sung wird tag­täg­lich ver­letzt, Ver­tre­ter der Regie­rung über­schrei­ten ihre Befug­nis­se, das Par­la­ment ist nur eine “Abstimm-Maschi­ne”.

Die Koso­vo-Fra­ge ist aber älter als die EU-Fra­ge – auch älter, als es die Regie­rung dar­stel­len möch­te. Was die Regie­rung bzw. Prä­si­dent Alek­san­dar Vučić zu sagen mei­det, ist aber, wie­so jetzt die Fra­ge der end­gül­ti­gen Lösung so inten­si­viert wur­de. Vie­le ande­re Fäl­le unge­lös­ter Bezie­hun­gen dau­ern viel län­ger, und nie­mand hat es eilig, sie zu lösen – Zypern zum Bei­spiel. Unse­re Regie­rung möch­te aber neu­es­ten Erklä­run­gen zufol­ge eine eth­ni­sche “Abgren­zung”. Das ist immer Glatt­eis.

Mil­jan : Ich fin­de, die EU wür­de als heuch­le­risch daste­hen, wenn sie von Ser­bi­en ver­langt, das Koso­vo anzu­er­ken­nen, da fünf EU-Län­der das auch nicht getan haben. Was ich aber beson­ders trau­rig fin­de, ist Fol­gen­des : Die meis­ten Ser­ben wol­len das Koso­vo zurück­ha­ben, aber ohne Alba­ner. Denn zwei Mil­lio­nen Alba­ner könn­ten bedeu­tend die Poli­tik beein­flus­sen und gar einen Prä­si­den­ten wäh­len. Und man will doch kei­nen alba­ni­schen Prä­si­den­ten Ser­bi­ens haben, oder ?

Die Men­schen den­ken, dass es noch wie im Mit­tel­al­ter ist und im Koso­vo nur Ser­ben leben oder zumin­dest in der Mehr­heit sind, aber gleich­zei­tig wis­sen sie, dass es nicht so ist. Was aber auf jeden Fall wich­tig ist, ist, die Kon­trol­le über die ser­bi­schen Kul­tur- und Reli­gi­ons­denk­mä­ler zu behal­ten.

Wie wür­det ihr die Stim­mung im Land bezüg­lich des EU-Bei­tritts ein­schät­zen ? Mit­te der 2000er-Jah­re waren fast 90 Pro­zent mei­ner Freun­de in Ser­bi­en für die EU. Heu­te habe ich das Gefühl, vie­le sind müde gewor­den von die­sem Hin und Her.

Neman­ja : Es ist offen­sicht­lich, dass die Unter­stüt­zung für den EU-Bei­tritt abnimmt, und das seit Jah­ren. Dafür gibt es ver­schie­de­ne Grün­de. Aus der ser­bi­schen Per­spek­ti­ve gibt es immer weni­ger Inter­es­se, weil nach 18 Jah­ren die­ses Ziel immer wei­ter erscheint. Vie­le den­ken, dass Ser­bi­en ewig vor den Toren der EU ste­hen wird, wie die Tür­kei. Vie­le Unter­stüt­zer des Bei­tritts sind letzt­lich in die EU aus­ge­wan­dert. Dazu kommt die Tat­sa­che, dass die­je­ni­gen Poli­ti­ker, die für den EU-Bei­tritt waren, arro­gant und ver­ant­wor­tungs­los waren, was bei den Wah­len 2012 bestraft wur­de, was wie­der­um zusätz­lich die Idee der Euro­in­te­gra­ti­on schwächt.

Mil­jan : Man­che von uns sind von der EU ent­täuscht – es herrscht das Gefühl vor, dass Brüs­sel immer neue Auf­ga­ben für Bel­grad kre­iert, um uns ein­fach hin­zu­hal­ten. Dabei kom­men vie­le Fir­men aus der EU nach Ser­bi­en, bekom­men Sub­ven­tio­nen vom Staat und bezah­len Arbei­ter gar drei- bis vier­mal weni­ger, als sie es in den eige­nen Län­dern tun müss­ten. Wir wol­len nur glei­che Rech­te wie EU-Bür­ger, und uns wird immer kla­rer, dass es dazu nicht kom­men wird. Nie­mand will nur bil­li­ge Arbeits­kraft sein.

Der ser­bi­sche Prä­si­dent Alek­san­dar Vučić, ein ehe­ma­li­ger Ultra­na­tio­na­list, der nun als Pro­eu­ro­pä­er auf­tritt, möch­te der gro­ße Moder­ni­sie­rer Ser­bi­ens sein. Die Unter­stüt­zung in der Bevöl­ke­rung hat er. War­um ?

Neman­ja : Weil er alle gro­ßen Medi­en kon­trol­liert, weil die Oppo­si­ti­on schwach und zer­split­tert und stän­di­gen Angrif­fen der regie­rungs­treu­en Medi­en aus­ge­setzt ist. Die Wäh­ler sind es gewöhnt, immer für die amtie­ren­den Par­tei­en zu stim­men, weil für vie­le ihre Jobs vom Staat selbst abhän­gen. Die Unter­stüt­zung liegt aber in abso­lu­ten Zah­len bei 25 bis 30 Pro­zent. Die Regie­rung tut zudem alles, um unent­schlos­se­ne Wäh­ler von den Urnen fern­zu­hal­ten, hat aber eine eige­ne treue Wäh­ler­ar­mee.

Mil­jan : Ich bin ent­täuscht davon, dass vie­le Men­schen in mei­ner Umge­bung ihn unter­stüt­zen und stän­dig das Man­tra wie­der­ho­len : ‘Aber er tut wenigs­tens was, macht doch nichts, dass er nicht der Bes­te ist!’ Vučić redet nur dar­über, wie er etwas macht. Aber er hat das so per­fekt gemeis­tert, dass er die Men­schen ein­fach in sei­nen Bann zieht. Mir macht das ein wenig Angst. Wenn jemand, der all das gesagt und gemacht hat, was er in den Neun­zi­gern gesagt und gemacht hat, nach so kur­zer Zeit so viel Macht haben kann, da ist es doch kein Wun­der, dass wir Ser­bi­en “Dis­ney­land” nen­nen.

Ist sei­ne Popu­la­ri­tät Fol­ge des Han­delns pro­west­li­cher Par­tei­en wie der Demo­kra­ti­schen Par­tei ? Die Kor­rup­ti­on wur­de lei­der auch von ihnen nicht bekämpft. Ganz im Gegen­teil.

Neman­ja : Der Kampf gegen Kor­rup­ti­on ist ein Mythos, alle wer­den immer an der Front sein, aber nie­mand wird jemals den Kampf anfan­gen, weil Kor­rup­ti­on wahr­schein­lich die am schwie­rigs­ten heil­ba­re Krank­heit einer Gesell­schaft ist. Auch jetzt scheint es, als wür­de man lie­ber des Koso­vo ent­sa­gen, als die Macht auf­zu­ge­ben.

Mil­jan : Das Wir­ken die­ser Par­tei­en ist sicher einer der Grün­de. Aber ich wür­de auch Ein­flüs­se von außen nicht aus­schlie­ßen, die sich hin­ter den Kulis­sen abspie­len. Ich wer­de nie ver­ste­hen kön­nen, war­um Län­der wie Deutsch­land ihn und sei­ne Art der Regie­rungs­füh­rung unter­stüt­zen.

Ser­bi­en, aber auch der gan­ze West­bal­kan ist mit einer erneu­ten Aus­wan­de­rungs­wel­le kon­fron­tiert. Wer geht und war­um ?

Neman­ja : Men­schen sind müde von allem, von schlecht bezahl­ten Jobs, schlech­ter Stim­mung, vom Gefühl der Hoff­nungs­lo­sig­keit. In den Neun­zi­gern wan­der­ten Hoch­ge­bil­de­te in den Wes­ten aus, die aber dort dann schlecht bezahl­te kör­per­li­che Arbeit beka­men. Jetzt wan­dern alle aus – Fah­rer, Hand­wer­ker, medi­zi­ni­sches Per­so­nal. Die Mit­tel­schicht ver­lässt uns, die ohne­hin am meis­ten gefähr­det war.

Mil­jan : Die Leu­te haben ein­fach die Nase voll und wol­len für sich und ihre Kin­der eine bes­se­re Zukunft. Völ­lig legi­tim, was mich angeht.

Wür­det ihr Ser­bi­en ver­las­sen ?

Neman­ja : Es wäre schön, eine Zeit­lang in einem Land zu leben, wo der Job nicht von der Mit­glied­schaft in einer Par­tei abhängt, wo man mit der Hälf­te des Gehalts den gan­zen Urlaub bezah­len kann, wo Medi­en nicht stän­dig mit Krieg dro­hen usw. Ich hät­te das aber gern hier, wo mei­ne Freun­de und Fami­lie leben und wo ich mich am wohls­ten füh­le.

Mil­jan : Ich muss sagen, defi­ni­tiv jein. Ger­ne wür­de ich in einem “nor­ma­len” Land leben, aber ich bin jetzt schon in einem Alter, wo man sich ver­an­kert fühlt, man hat Rou­ti­ne, Freun­des­krei­se, die man nicht ein­fach auf­ge­ben will und kann.

Ist der Gra­ben zwi­schen den Natio­nen Ex-Jugo­sla­wi­ens auch mehr als 20 Jah­re nach den Bür­ger­krie­gen in Kroa­ti­en und Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na immer noch groß, oder spie­len die Poli­ti­ker immer wie­der die natio­na­lis­ti­sche Kar­te, weil sie kei­ne ande­re Poli­tik machen kön­nen und wol­len ?

Neman­ja : Unglaub­lich, aber die­ser Gra­ben ist in den letz­ten Mona­ten grö­ßer denn je – ange­fan­gen beim Erfolg Kroa­ti­ens bei der Fuß­ball-WM und der Sie­ges­fei­er mit einem ultra­na­tio­na­lis­ti­schen Sän­ger bis zu den natio­na­lis­ti­schen Tönen, was die Lösung des Koso­vo-Pro­blems angeht. Die Situa­ti­on nach den Krie­gen der Neun­zi­ger wirkt viel gelas­se­ner, und das ist gera­de das, was depri­mie­rend ist. Man fragt sich : Wie und wo haben wir 20 Jah­re ver­lo­ren ? Wenn man aber sieht, wer auf allen Sei­ten regiert, dass das alles die glei­chen Poli­ti­ker aus den schon erwähn­ten Neun­zi­gern sind, stellt sich dann die Fra­ge, ob sie über­haupt in der Lage sind, eine ande­re Sto­ry zu erzäh­len.

Mil­jan : Ich fin­de es abso­lut erschre­ckend, dass es heu­te ange­spann­ter wirkt als vor zehn bis 15 Jah­ren. Und auch die Tat­sa­che, dass auf der Polit­büh­ne immer noch die glei­chen Poli­ti­ker sind, die teils für den Hor­ror des Krie­ges unse­rer Kind­heit ver­ant­wort­lich sind – da ist man natür­lich sprach­los.

Mehr zum The­ma -Neue Span­nun­gen zwi­schen Koso­vo-Alba­nern und Ser­bi­en

RT Deutsch


Interview zu Erdoğan-Besuch : “Anti-Türkei-Lobby außer Kontrolle – Normalisierung bleibt schwierig”


von Ali Özkök

Zeliha Eli­a­çık ist Ana­lys­tin für Euro­pa-Poli­tik in der SETA-Stif­tung in Istan­bul und ehe­ma­li­ge Dozen­tin an der Deutsch-Jor­da­ni­schen Uni­ver­si­tät in Amman.

Der tür­ki­sche Prä­si­dent Erdoğan besucht auf Ein­la­dung der Bun­des­re­gie­rung Deutsch­land. Trotz­dem kri­ti­siert die deut­sche Pres­se und Oppo­si­ti­on die­sen Schritt. Wie lässt sich die­se Imba­lan­ce zwi­schen staat­li­chem Prag­ma­tis­mus und öffent­li­cher Ableh­nung im deutsch-tür­ki­schen Ver­hält­nis erklä­ren ?

Gera­de die­ser wider­sprüch­li­che Zustand macht – im Ver­gleich zur Tür­kei – die schwä­che­re Posi­ti­on Deutsch­lands beim Aus­söh­nungs­ver­such in den bila­te­ra­len Bezie­hun­gen mit der Tür­kei sehr deut­lich. Seit lan­gem wird in Deutsch­land ein erheb­li­che anti­tür­ki­sche Pro­pa­gan­da betrie­ben. Die tür­kei­feind­li­che Lob­by lie­fert der Öffent­lich­keit ein fal­sches Bild von der Tür­kei. Ich den­ke, dass die Main­stream­me­di­en Poli­ti­kern, die eher mar­gi­na­le Grup­pen­in­ter­es­sen ver­tre­ten, viel zu gro­ßen Hand­lungs­spiel­raum gege­ben haben. Das führ­te dazu, dass die­se Poli­ti­ker zuneh­mend anneh­men, dass sie mit ihren Kom­men­ta­ren Deutsch­lands Tür­kei­po­li­tik steu­ern könn­ten.

Die deut­sche Poli­tik ist an die­ser Situa­ti­on nicht ganz unschul­dig. Deutsch­land hat von Zeit zu Zeit ver­sucht, die­se Grup­pen zu instru­men­ta­li­sie­ren und durch die­se einen gewis­sen Druck auf Anka­ra aus­zu­üben. Nun aber ste­hen die­se Krei­se, die sich eher auf ihre mar­gi­na­len Grup­pen­in­ter­es­sen kon­zen­trie­ren, im Wege, wenn Deutsch­land aus die­sem oder jenem Grund ver­sucht, sich auf die ratio­na­len und rea­len Bedürf­nis­se und Inter­es­sen zu fokus­sie­ren und damit die Bezie­hun­gen mit der Tür­kei zu ver­bes­sern. Da ergibt sich die Fra­ge, war­um gibt es in der Tür­kei kei­ne Pro­tes­te, wenn der tür­ki­sche Prä­si­dent Deutsch­land besucht oder Mer­kel nach Anka­ra kommt ?

Bei der Nor­ma­li­sie­rung bezie­hungs­wei­se Ver­bes­se­rung der Bezie­hun­gen hat es Deutsch­land schwe­rer, da es zunächst mal sei­ner Öffent­lich­keit erklä­ren muss, war­um man auf ein­mal mit einem Prä­si­den­ten am Tisch sitzt, der seit lan­gem als “Dik­ta­tor” dar­ge­stellt wird. Außer­dem sind die Infor­ma­ti­ons­quel­len, die die deut­sche Öffent­lich­keit über die Tür­kei bera­ten und infor­mie­ren, ideo­lo­gisch ori­en­tiert und durch­aus rea­li­täts­fremd. Für die deut­sche Öffent­lich­keit ist es sehr scha­de, dass sie haupt­säch­lich gefil­ter­te Infor­ma­tio­nen über die Tür­kei vor­ge­legt bekommt.

Eini­ge Ana­lys­ten sehen den Beginn der Span­nun­gen bei den Gezi-Pro­tes­ten in Istan­bul 2011. War­um gibt es wie­der eine gewis­se staat­li­che Annä­he­rung ?

Die Pro­ble­me erga­ben sich eher dar­aus, dass Ber­lin sich schwer­tut und sehr lang­sam dar­in ist, ers­tens die neu­en innen- und außen­po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen in der Tür­kei zu durch­schau­en und die­se zwei­tens zu akzep­tie­ren. Ber­lin hat sehr lang­sam und nicht immer rich­tig auf Ent­wick­lun­gen die­ser Art reagiert.

Die Tür­kei und Deutsch­land sind his­to­risch, öko­no­misch und durch die in Deutsch­land leben­den Tür­ken auch mensch­lich eng mit­ein­an­der ver­bun­den. Die­se Bezie­hun­gen kann man nicht abschaf­fen. Aus der tür­ki­schen Per­spek­ti­ve gese­hen, ste­hen momen­tan die öko­no­mi­schen Inter­es­sen im Vor­der­grund. Hin­zu kommt, dass bei­de Län­der von Trumps “Han­dels­krie­gen” getrof­fen wur­den. Das lässt bei­de Län­der noch­mals näher zusam­men­rü­cken.

Die Tür­kei kann für die deut­sche Geo­po­li­tik eine aus­ba­lan­cie­ren­de Rol­le spie­len. Anka­ra kann als drit­tes Macht­zen­trum in Deutsch­lands Bezie­hun­gen zu Staa­ten wie Frank­reich, zu ara­bi­schen Staa­ten und auch zu Russ­land ope­rie­ren. Ein gutes Bei­spiel ist das anste­hen­de Tref­fen Deutsch­lands, Frank­reichs, der Tür­kei und Russ­lands über die Lage in Syri­en.

Kön­nen Sie ein kon­kre­tes Bei­spiel nen­nen, wo die Tür­kei Euro­pa und Deutsch­land gehol­fen haben soll ?

Mit einem posi­ti­ven Bei­trag und der Schlüs­sel­rol­le beim syri­schen Idlib-Kon­flikt hat die Tür­kei mit Russ­land nicht nur eine huma­ni­tä­re Kata­stro­phe ver­hin­dert, son­dern sei­nen euro­päi­schen Part­nern auch die Migra­ti­ons­fra­ge deut­lich erleich­tert. Ich glau­be nicht, dass Euro­pa, vor allem Deutsch­land und Frau Mer­kel, eine neue Flücht­lings­kri­se poli­tisch über­le­ben wür­de.

Dazu gesellt sich die Befürch­tung des Wes­tens, dass die Tür­kei unter rus­si­schen Ein­fluss gera­ten und dass Anka­ra sich lang­sam vom Wes­ten abkop­peln könn­te, was natür­lich eine Fehl­ein­schät­zung ist. Das ist nicht das ers­te Mal, dass die Tür­kei mit Russ­land koope­riert. Ande­rer­seits zeig­ten sich die NATO-Part­ner beim Kampf gegen den Ter­ror nicht sehr hilfs­be­reit. Da aber die Sicher­heit und der Kampf gegen den Ter­ror das erst­ran­gi­ge Staats­in­ter­es­se ist, ist die Tür­kei bereit, jedem Staats­ober­haupt die Hän­de zu schüt­teln, das ihr dabei hilft. Außer­dem hat Russ­land nach dem geschei­ter­ten Putsch­ver­such anders als Deutsch­land nicht lan­ge gezö­gert, sich auf die Sei­te der tür­ki­schen Regie­rung zu stel­len.

Es ist defi­ni­tiv nicht mög­lich, so zu tun, als käme die Annä­he­rung zwi­schen Russ­land und der Tür­kei aus hei­te­rem Him­mel. Es gibt gute Grün­de dafür. Außer­dem : Ich den­ke gene­rell, dass die Zei­ten vor­bei sind, wo man sich nur zu einem Block bekennt und dann alle ande­re Akteu­re außen vor lässt.

Deut­sche Medi­en kri­ti­sie­ren, dass Erdoğan nach Deutsch­land kom­me, um die “am Boden lie­gen­de Wirt­schaft der Tür­kei zu ret­ten”. Wie bewer­ten Sie aus tür­ki­scher Sicht sol­che Dar­stel­lun­gen ? Wel­che Rol­le spie­len US-Sank­tio­nen und Syri­en dabei ?

Deutsch­land ist nach wie vor der wich­tigs­te Han­dels­part­ner der Tür­kei. Auch bei der Trans­for­ma­ti­on der Ener­gie­quel­len im öst­li­chen Mit­tel­meer­raum kann die Tür­kei eine wich­ti­ge Rol­le spie­len. Ich glau­be nicht, dass Prä­si­dent Erdoğan Ber­lin um Geld bit­ten wird. Ich den­ke eher, dass Anka­ra von Deutsch­land mehr Ver­trau­en in die tür­ki­sche Wirt­schaft for­dert und ent­spre­chen­de Ermu­ti­gun­gen und Aus­sa­gen von Deutsch­land erwar­tet. Deutsch­land könn­te zum Bei­spiel das Volu­men der direk­ten aus­län­di­schen Inves­ti­tio­nen erwei­tern ; es wür­de sogar genü­gen, wenn die deut­sche Pres­se und Poli­tik auf­hö­ren, die Tür­kei als unsi­che­res und schlech­tes Land dar­zu­stel­len.

Erdoğan weiht die größ­te Moschee Deutsch­lands ein. Geg­ner spre­chen von einer Isla­mi­sie­rung Euro­pas. Inwie­weit könn­te der Moschee­bau im Aus­land Teil einer tür­ki­schen Soft­power-Poli­tik sein ?

Das sind wirk­lich kei­ne rea­lis­ti­schen Befürch­tun­gen, son­dern eher pro­ji­zier­te Ängs­te. Man könn­te sich die­se zwar anhö­ren und ver­su­chen, die dahin­ter­ste­hen­den Grün­de zu ver­ste­hen. Aber dass Euro­pa isla­mi­siert wird, das ist eine unbe­grün­de­te The­se. Man kann die demo­gra­fi­schen Beden­ken der Deut­schen ernst neh­men und auch ver­ste­hen. Und auch die Ängs­te vor einer Radi­ka­li­sie­rung könn­te man nach­voll­zie­hen. Aber auch in die­sem Punkt zeigt sich die deut­sche Poli­tik gera­de nicht sehr glaub­wür­dig. Man hat einer­seits Angst davor, dass sich Jugend­li­che radi­ka­li­sie­ren ; ande­rer­seits tut man nicht genug, um den Ter­ror zu bekämp­fen. Stich­wort PKK.

Die Köl­ner Moschee soll­te als Aus­druck der Tat­sa­che ver­stan­den wer­den, dass der Islam auch zu Deutsch­land gehört. Es gibt zwar viel Kri­tik an DITIB, aber eines betrach­tet man nicht : Isla­mis­ti­sche Radi­ka­le oder soge­nann­te Extre­mis­ten sind unter den kon­ser­va­ti­ven Tür­ken sel­ten. Die tür­ki­sche Jugend in Deutsch­land bleibt von sol­chen Radi­ka­li­sie­run­gen ver­schont. Das ver­dankt man unter ande­rem auch DITIB, das radi­ka­le oder extre­me Inter­pre­ta­tio­nen des Islam ablehnt.

Zu sagen bleibt, dass Euro­pa genau­so isla­mi­siert wird, wie der Islam euro­päi­siert wird. Eine gegen­sei­ti­ge Ein­fluss­nah­me ist nicht zu ver­hin­dern. Viel­mehr kann das Wech­sel­ver­hält­nis als Berei­che­rung ange­se­hen wer­den. 

Erdoğan warnt in einem Gast­bei­trag in der FAZ vor dem Ein­fluss von der Güle­nis­ten und PKK in Deutsch­land. Bedeu­tet, dass Deutsch­land von der Tür­kei als Staat wahr­ge­nom­men wird, der aus tür­ki­scher Sicht den Ter­ror tole­riert ?

Die­se Aus­sa­ge hört sich hart an, aber wenn man sich den Umgang mit PKK oder FETÖ (Güle­nis­ten) anschaut, kann man lei­der nicht sagen, dass Ber­lin eine kon­stan­te und ent­schie­de­ne Hal­tung in Sachen Kampf gegen den Ter­ror zeigt. Die Aus­sa­gen von BND-Chef Bru­no Kahl über FETÖ sei­ner­zeit, dass es kei­ne Indi­zi­en für eine ter­ro­ris­ti­sche Tätig­keit gebe, waren sehr unglück­li­che Kom­men­ta­re.

Wir wis­sen, dass es für die Bezie­hun­gen der angeb­li­chen Zivil­or­ga­ni­sa­ti­on NAV-DEM zur PKK sehr kla­re Indi­zi­en gibt. Selbst der Ver­fas­sungs­schutz leug­net das nicht. In Bezug auf FETÖ unter­stützt bei­spiels­wei­se Groß­bri­tan­ni­en die Posi­tio­nen der Tür­kei, Deutsch­land nicht.

Was in Ber­lin nicht rich­tig ver­stan­den wird, ist, dass in Sachen Kampf gegen PKK und FETÖ – abge­se­hen von eini­gen mar­gi­na­len Grup­pen – fast alle gesell­schaft­li­che Krei­se von rechts bis links hin­ter der Poli­tik des Prä­si­den­ten Erdoğan ste­hen.

Sieht die Tür­kei ange­sichts der anhal­ten­den Span­nun­gen mit Brüs­sel wei­ter­hin eine Zukunft in der EU, oder spielt sich die Zukunft für Anka­ra ten­den­zi­ell im eura­si­schen Raum ab, basie­rend auf einer Mul­ti-Vek­to­ren-Außen­po­li­tik ?

Die Tür­kei hält am Ziel der EU-Mit­glied­schaft fest. Aber weil die EU dar­aus eine Art Ein-Schritt-nach-vor­ne-zwei-Schrit­te-zurück-Spiel gemacht hat, den­ken vie­le Tür­ken und viel­leicht auch Euro­pä­er, dass die­ser Weg ein lan­ger ist. Daher ist die Erwei­te­rung der Zoll­uni­on der Tür­kei sehr wich­tig. Ich den­ke, dass bila­te­ra­le Bezie­hun­gen mit den ein­zel­nen EU-Mit­glie­dern immer inten­si­ver und ent­schei­den­der wer­den.

Um sei­ne geo­po­li­ti­schen Pro­ble­me zu lösen, sucht Anka­ra nach Alter­na­ti­ven, was ver­nünf­tig ist. Ich erwar­te auch in Zukunft, dass die tür­ki­sche Außen­po­li­tik mehr und mehr einen mul­ti­la­te­ra­len Cha­rak­ter annimmt. Aber eine radi­ka­le stra­te­gi­sche Wen­de bezie­hungs­wei­se ein Wan­del ihrer Außen­po­li­tik ist nicht zu erwar­ten. Wie stark die Zusam­men­ar­beit mit Euro­pa in der Zukunft sein wird, hängt eher davon ab, wie viel Rück­sicht Euro­pa auf die Prio­ri­tä­ten und die neue Außen­po­li­tik neh­men wird, die ein Bezie­hungs­mo­dell auf glei­cher Augen­hö­he for­dert.

RT Deutsch


Wir sind keine Agenten”: Angebliche Skripal-Attentäter im Interview (Video)


Die bei­den im Skri­pal-Fall von Lon­don als Atten­tä­ter ver­däch­tig­ten Rus­sen sind nach eige­ner Dar­stel­lung als Tou­ris­ten nach Groß­bri­tan­ni­en gereist. Das sag­ten Alex­an­der Petrow und Rus­lan Boschi­row in einem Inter­view mit RT-Chef­re­dak­teu­rin Mar­ga­ri­ta Simon­jan. 

Zuvor hat­te Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Putin die bei­den Män­ner dazu auf­ge­ru­fen, an die Öffent­lich­keit zu gehen. In dem RT-Inter­view bestrei­ten bei­de Män­ner vehe­ment, Mit­ar­bei­ter des rus­si­schen Geheim­diens­tes zu sein und etwas mit der Ver­gif­tung von Ser­gej und Julia Skri­pal zu tun zu haben. 

Lon­don bekräf­tig­te aber nach Bekannt­wer­den des Inter­views die Vor­wür­fe. “Die Regie­rung ist sich sicher, das die­se Män­ner Mit­ar­bei­ter des rus­si­schen Mili­tär­ge­heim­diensts GRU sind, die eine ver­hee­rend gif­ti­ge, ille­ga­le che­mi­sche Waf­fe auf den Stra­ßen unse­res Lan­des ein­ge­setzt haben”, teil­te das bri­ti­sche Außen­mi­nis­te­ri­um mit.

Petrow und Boschi­row zufol­ge han­delt es sich dabei aber um einen Irr­tum. Bei ihrem ers­ten Aus­flug nach Salis­bu­ry hät­ten sie sich das nahe­ge­le­ge­ne Stein­zeit­mo­nu­ment Stone­henge anschau­en wol­len, gaben sie gegen­über RT an. Wegen schlech­ten Wet­ters hät­ten sie die Stadt aber nach etwa einer Stun­de wie­der ver­las­sen und sei­en nach Lon­don zurück­ge­kehrt.

Mög­li­cher­wei­se sei­en sie am Skri­pal-Haus vor­bei­ge­kom­men, erklär­ten sie. Sie hät­ten aber nicht gewusst, wo sich die­ses befin­det. “Wir hof­fen, dass die wah­ren Täter gefun­den wer­den und wir eine Ent­schul­di­gung bekom­men”, sag­te Petrow. Ihr Leben habe sich inzwi­schen stark ver­än­dert. Sie könn­ten sich nicht mehr uner­kannt in der Öffent­lich­keit auf­hal­ten.

Simon­jan : Ob man ihnen glaubt, muss man selbst ent­schei­den

RT-Chef­re­dak­teu­rin Simon­jan erklär­te zu dem Inter­view auf ihrem Tele­gram-Account :

Wir haben uns lan­ge über­legt, wie man das Inter­view mit Petrow und Boschi­row schnei­den soll­te, damit es nicht so aus­sieht, als wäre es absicht­lich mon­tiert wor­den. Schließ­lich haben wir ent­schie­den, auf das Schnei­den kom­plett zu ver­zich­ten. Wir wer­den es ‘roh’ ver­öf­fent­li­chen — also ohne Schnitt, ohne tech­ni­sche Kor­rek­tu­ren — und ohne mich.

Spä­ter ergänz­te sie, man habe es jedoch recht­zei­tig geschafft, das Video auch mit ihr zu schnei­den. Die­se Ver­si­on soll zuerst ver­öf­fent­licht wer­den, aber die Roh-Fas­sung wird spä­ter eben­falls auf die Web­sei­te gestellt wer­den, damit man sich ver­ge­wis­sern könn­te, dass nichts weg­ge­schnit­ten wur­de. Simon­jan führt wei­ter aus :

Die bei­den Män­ner haben sich gewei­gert, in ein Stu­dio zu gehen oder irgend­wo­hin, wo es vie­le Leu­te gibt. Sie sag­ten, sie wer­den nur in mein Arbeits­zim­mer kom­men, und bestan­den dar­auf, dass nur eine Kame­ra ein­ge­setzt wird. Im End­ef­fekt wur­de das Inter­view in mei­nem Arbeits­zim­mer gedreht, aber unter Nut­zung von zwei Kame­ras [mit der zwei­ten wur­de Mar­ga­ri­ta selbst gefilmt — Anmer­kung RT].

Sie wei­ger­ten sich, auf irgend­wel­che Fra­gen zu ant­wor­ten, die Infor­ma­tio­nen über ihre Umge­bung, ihren Hin­ter­grund, ihre Geschäf­te oder Freun­de offen­ba­ren wür­den, oder sonst etwas, was Jour­na­lis­ten eine Mög­lich­keit geben wür­de, wei­ter zum The­ma zu recher­chie­ren.

Außer­dem haben sie sich gewei­gert, ihre Päs­se in die Kame­ras zu hal­ten. Aller­dings haben sie ‘die­se Jacke’ gezeigt.

Vom Aus­se­hen her sind sie zwei ziem­lich sport­li­che Män­ner mit recht modi­schen Haar­schnit­ten und Bär­ten. Der eine, Petrow, sieht übri­gens fast wie ein Body­buil­der aus. Das sieht man im Inter­view.

Der eine raucht, der ande­re raucht nicht.

Wer sie sind, was sie in Groß­bri­tan­ni­en gemacht haben, ob sie die­je­ni­gen sind, für die sie sich aus­ge­ben, weiß ich nicht und kann es nicht wis­sen. Ich habe ver­sucht, ihnen die Fra­gen zu stel­len, die die Öffent­lich­keit inter­es­sie­ren.

Für ihre Ant­wor­ten sind sie allein ver­ant­wort­lich. Es liegt im Ermes­sen jedes Zuschau­ers, für sich selbst zu ent­schei­den, ob man ihnen glaubt oder nicht. Ich gebe absicht­lich kei­ner­lei Kom­men­tar dazu ab, außer zu sagen, dass sie sehr ner­vös waren und sehr stark geschwitzt haben.

Mehr zum The­ma — “Cyber­krieg wird Mays Rache an den Rus­sen” — Anony­me Regie­rungs­quel­len instru­ie­ren bri­ti­sche Pres­se

RT Deutsch