20 Jahre seit NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien : Medienlügen (1) – zum Tod von Mira Marković


von Klaus Hart­mann

In die­sen Archi­ven fan­den sie ihre eige­nen Fein­bild­pro­duk­te, mit denen sie von 20, 30 Jah­ren das Publi­kum auf die NATO-Aggres­si­on gegen Jugo­sla­wi­en vor­be­rei­tet hat­ten.

Die Stoß­rich­tung der psy­cho­lo­gi­schen Kriegs­vor­be­rei­tung ging damals gegen die Ser­ben, wobei umstands­los an die bekann­te ras­sis­ti­sche Losung vom “sla­wi­schen Unter­men­schen” ange­knüpft wer­den konn­te. Ein Land ohne Regie­rung, aber mit einem “Régime”, und statt eines gewähl­ten Prä­si­den­ten mit einem “Dik­ta­tor” an der Spit­ze. Über die Metho­den und die Grün­de, Slo­bo­dan Miloše­vić zur Hass­fi­gur, zum Inbe­griff des Bösen auf­zu­bau­en, wur­de hier schon berich­tet. Aber es geht noch eine Dre­hung gehäs­si­ger : Dahin­ter steht meist – und in die­sem Fall tat­säch­lich – eine star­ke Frau.

Im Kriegs­vor­be­rei­tungs­kon­text legt “star­ke Frau” natür­lich nahe, dass sie als Ein­flüs­te­rin ihres Man­nes sei­ne Ent­schei­dun­gen beein­fluss­te. “Sie zog als kom­mu­nis­ti­sche Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­rin in kri­ti­schen Momen­ten sei­ner Kar­rie­re die Fäden im Hin­ter­grund”, erfährt man in der Neu­en Zür­cher Zei­tung. So erin­nert man sich von der Nach­rich­ten­agen­tur AFP bis zur New York Times wie­der des Ehren­ti­tels “Lady Mac­beth des Bal­kans”, sie sei “die trei­ben­de Kraft hin­ter dem Auf­stieg Miloše­vićs” gewe­sen, und “die ehr­gei­zi­ge Frau ging mit Här­te auch gegen poli­ti­sche Geg­ner vor”.

Die Spre­che­rin von euro­news kann zwar weder den Vor­na­men Mir­ja­na noch den Nach­na­men Miloše­vić unfall­frei aus­spre­chen, ver­kün­det aber gelas­sen, “er gilt als Haupt­ver­ant­wort­li­cher der Bal­kan­krie­ge.” Die New York Times spricht von einem “Paar an der Macht”, das “in Ser­bi­en Cha­os ange­rich­tet habe”. Slo­bo­dan Miloše­vić, Prä­si­dent Jugo­sla­wi­ens, woll­te das Land vor der Zer­stö­rung durch west­ge­spon­ser­te Sepa­ra­tis­ten bewah­ren, die US-Zei­tung macht dar­aus, er habe das Land “in kata­stro­pha­le Krie­ge in Kroa­ti­en, Bos­ni­en und im Koso­vo geführt” – was man dem US-Publi­kum mit sei­nen bekann­ten Geo­gra­fie-Kennt­nis­sen viel­leicht glaub­haft machen kann.

Noch bun­ter treibt es der Spie­gel mit dem Urteil : “Sie galt als gro­ße Stüt­ze des eins­ti­gen ser­bi­schen Macht­ha­bers und Kriegs­ver­bre­chers Slo­bo­dan Miloše­vić.” Da hat sich wohl klamm­heim­lich der Claas Relo­ti­us wie­der in der Redak­ti­on ein­ge­schli­chen. Wäh­rend “der Macht­ha­ber” bei Kriegs­pro­pa­gan­dis­ten ja zum nor­ma­len Hetz-Wort­schatz gehört, wird es beim “Kriegs­ver­bre­cher” kri­tisch : Miloše­vić gehört zwar inter­na­tio­nal zu den viel­ge­schol­tens­ten Män­nern, aber juris­tisch ist er unbe­schol­ten. Der Spie­gel ver­däch­tigt ihn öffent­lich einer rechts­wid­ri­gen Tat, was de fac­to einen Ver­stoß gegen § 164 Straf­ge­setz­buch dar­stellt, und – leb­ten wir in einem Rechts­staat – “mit Frei­heits­stra­fe bis zu fünf Jah­ren oder mit Geld­stra­fe bestraft” wer­den müss­te.

Für den deut­schen Regie­rungs­pro­pa­gan­da­sen­der Deut­sche Wel­le war Mira Mar­ko­vić eine “umstrit­te­ne Ideo­lo­gin”, doch nicht nur das : ” Miloše­vić und Mar­ko­vić wer­den vie­le unauf­ge­klär­te poli­ti­sche Mor­de eben­so ange­las­tet”. Das war’s aber schon, jedoch – mit der Namens­ge­bung einer “Lady Mac­beth” als Inkar­na­ti­on des Per­ver­sen und Bösen wird ja schon die Ver­wick­lung in poli­ti­sche Mor­de in nicht jus­ti­zia­bler Form sug­ge­riert. Dazu machen Räu­ber­pis­to­len über Auf­trags­mor­de an einem oppo­si­tio­nel­len Jour­na­lis­ten und Miloše­vićs Amts­vor­gän­ger Ivan Stam­bo­lić die Run­de. Wer Genaue­res wis­sen will, stößt auf den Hin­weis, dass “sie seit 2003 in Russ­land leb­te”, eben­so auf einen Inter­pol-Haft­be­fehl, den die neue NATO-from­me ser­bi­sche Regie­rung in just jenem Jahr bean­tragt hat­te.

Doch bevor jetzt die Fan­ta­sie mit der geneig­ten Leser­schaft durch­geht, sei zur Auf­klä­rung gesagt : Die­ser Inter­na­tio­na­le Haft­be­fehl stützt sich aus­schließ­lich auf eine ein­zi­ge Ankla­ge, die ger­ne “Mani­pu­la­ti­on mit staat­li­chen Immo­bi­li­en” genannt wird, kon­kret aber ledig­lich die Ver­ga­be einer staat­li­chen Woh­nung an das Kin­der­mäd­chen ihres Enkels zum Gegen­stand hat­te – wenn auch an der “War­te­lis­te” vor­bei. Die Fak­ten­la­ge war offen­bar höchst kom­pli­ziert, wes­halb das zustän­di­ge Bel­gra­der Gericht über 15 Jah­re für ein Urteil brauch­te. 2018 lau­te­te der Schuld­spruch auf ein Jahr Gefäng­nis, lei­der war die “Tat” da schon ver­jährt ; wes­halb das Beru­fungs­ge­richt im März 2019 das Urteil auf­ge­ho­ben hat. Zu der ange­ord­ne­ten Neu­ver­hand­lung wird es wohl nicht mehr kom­men. Zu den Vor­wür­fen der Invol­vie­rung in Mord­an­schlä­ge auf ihre poli­ti­schen Geg­ner stellt der Wie­ner Stan­dard klar : “Eine Kla­ge gegen Mar­ko­vić war in die­sem Zusam­men­hang aller­dings nie erho­ben wor­den.” Bleibt eine Woh­nung für das Kin­der­mäd­chen des Enkels – ein veri­ta­bles Kapi­tal­ver­bre­chen.

Im Stan­dard konn­te man 2003 lesen, Miloše­vić sei “der skru­pel­lo­se Dem­ago­ge”, wäh­rend Mar­ko­vić “der ‘chi­ne­si­sche Weg’ poli­tisch fas­zi­nier­te” und sie “ihre eige­ne radi­kal­kom­mu­nis­ti­sche Par­tei grün­de­te”. Als Titel wur­den ihr bei die­ser Gele­gen­heit noch “Die schwar­ze Frau hin­ter Miloše­vić”, “Rote Hexe” und “Frau Ras­pu­tin” ver­lie­hen. Zumin­dest die “Rote Hexe” betrach­te­te sie eher als Aus­zeich­nung, was auch in den Gesprä­chen zum Aus­druck kommt, die sie 2002 bis Anfang 2003 mit dem Kor­re­spon­den­ten Giu­sep­pe Zac­ca­ria der ita­lie­ni­schen La Stam­pa führ­te, und die er in dem Buch “Erin­ne­run­gen einer ‚Roten Hexe‘” (Vero­na und Frank­furt am Main 2005, Zam­bon-Ver­lag) ver­öf­fent­licht hat. Peter Hand­ke kom­men­tier­te : “Ein Buch mit sol­cher Sach­kennt­nis, sol­chem Wir­ken­las­sen der Pro­ble­me ohne viel per­sön­li­che Bes­ser­wis­se­rei, ist in Deutsch­land, vor allem was die ’seriö­sen Medi­en’ (die sich sel­ber so bezeich­nen) betrifft, undenk­bar gewor­den.”

Zu ihrem in der Öffent­lich­keit kol­por­tier­ten Bild gab sie zu Pro­to­koll : “Wenn mich jemand pro­vo­ziert, wer­de ich zur wüten­den Kämp­fe­rin. Ein den­ken­der Mensch muss zu jeder Zeit klar und deut­lich sagen kön­nen, was er für rich­tig und wich­tig hält. Wahr­schein­lich haben vie­le Jour­na­lis­ten, indem sie sich mit dem Lebens­stil und der Fri­sur der inter­view­ten poli­ti­schen Per­sön­lich­keit oder mit der Art, in der die­ser oder jener Rock getra­gen wur­de, auf­hiel­ten, nichts ande­res getan, als auf neue Wei­se die alte bal­ka­ni­sche Into­le­ranz gegen­über den Frau­en aus­zu­drü­cken ; das Vor­ur­teil, dem­zu­fol­ge einer Per­son weib­li­chen Geschlechts nur in zwei Fäl­len zusteht, am poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Leben teil­zu­neh­men. Sie muss ent­we­der voll­kom­men unbe­deu­tend in Erschei­nung tre­ten, oder so mit männ­li­chen Hor­mo­nen aus­ge­stat­tet sein, dass sie wirk­lich einem Mann ähnelt.

Mira unter­strich, dass sie als erklär­te Kom­mu­nis­tin auf­trat und das kei­nes­falls bereu­te : “Ich ver­trat in der Öffent­lich­keit die Ansicht, dass ange­sichts der Aggres­si­vi­tät der radi­ka­len rech­ten Par­tei­en die Tole­ranz der Kom­mu­nis­ten und ihr fort­wäh­ren­des Üben von Selbst­kri­tik als Zei­chen für Min­der­wer­tig­keit und Schwä­che ange­se­hen wür­den und dass sie auf die­se Wei­se in der Poli­tik nicht lan­ge über­le­ben könn­ten. Weni­gen war bewusst, dass im Osten nach dem Zer­fall der Sowjet­uni­on kein Volk auto­ma­tisch reich und glück­lich gewor­den war, nur weil es die Regeln des pri­mi­ti­ven Kapi­ta­lis­mus ange­wandt hat­te.

Der Autor die­ses Bei­trags erin­nert sich ger­ne und dank­bar an sei­ne eige­nen Begeg­nun­gen mit Mira und den Gedan­ken­aus­tausch. Es bestand nie ein Zwei­fel, dass sie eine star­ke Per­sön­lich­keit war, die allen Wid­rig­kei­ten zum Trotz ihren kom­mu­nis­ti­schen Idea­len und Über­zeu­gun­gen treu war, und die ins­be­son­de­re jeden Ras­sis­mus und natio­na­len Chau­vi­nis­mus zutiefst ver­ab­scheu­te und bekämpf­te. Im Grun­de genom­men spie­gelt sich, unbe­ab­sich­tigt von den Autoren, genau die­se Tat­sa­che in der als Dif­fa­mie­rung gedach­ten Bezeich­nung der “Roten Hexe”. Doch eine allein auf ihre poli­ti­schen Anschau­un­gen abstel­len­de Aus­ein­an­der­set­zung wäre für die Irre­füh­rung der Öffent­lich­keit nicht dien­lich gewe­sen, wes­we­gen ein anschau­li­che­res Gespenst erschaf­fen wer­den muss­te, als Teil der anti­ser­bi­schen Mobil­ma­chung.

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Wegen Spionage an Atom-U-Booten in Russland : Norweger erhält 14 Jahre Lagerhaft


Fro­de Berg ist 63 Jah­re alt, nor­we­gi­scher Staats­bür­ger und wur­de Ende 2017 in einem Hotel in Mos­kau fest­ge­nom­men. Heu­te fiel das Urteil gegen ihn. Die 14 Jah­re Lager­haft ent­spre­chen dem Ersu­chen der Staats­an­walt­schaft. Der Rich­ter Andrej Suwo­row sah es als erwie­sen an, dass der Spi­on Infor­ma­tio­nen über rus­si­sche Atom-U-Boo­te sam­mel­te und sich die­se von nor­we­gi­schen Geheim­dienst­lern bezah­len ließ. Berg hofft auf eine Begna­di­gung durch den rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Putin. Hier­für müss­te er aber zunächst ein Geständ­nis able­gen.

Berg hat bis­lang gestan­den, als “Kurier” für den nor­we­gi­schen Geheim­dienst tätig gewe­sen zu sein. Er wuss­te aber nach eige­nen Anga­ben nichts über die Inhal­te der Doku­men­te. Er arbei­te­te als Grenz­schüt­zer an der nor­we­gisch-rus­si­schen Gren­ze. Mit ihm wur­de auch ein ehe­ma­li­ger rus­si­scher Poli­zist ver­haf­tet, der ihm die Akten über die Mari­ne über­ge­ben haben soll. Laut den schwe­di­schen Nach­rich­ten trug Berg bei sei­ner Ver­haf­tung 3.000 Euro bei sich, mit denen er mög­li­cher­wei­se Infor­ma­tio­nen kau­fen soll­te.

Der rus­si­sche Anwalt von Berg, Ilja Nowi­kow, setzt auf die diplo­ma­ti­schen Anstren­gun­gen der nor­we­gi­schen Regie­rung. Auch sein nor­we­gi­scher Anwalt Bryn­julf Ris­nes ist die­ser Ansicht. Aber eine Begna­di­gung wäre der schnells­te Weg. Ein gutes Zei­chen sei gewe­sen, dass Wla­di­mir Putin vor dem Urteils­spruch auf einer Pres­se­kon­fe­renz mit der nor­we­gi­schen Pre­mier­mi­nis­te­rin Erna Sol­berg sag­te, eine Begna­di­gung sei erst rele­vant, nach­dem ein Urteil gespro­chen wur­de.

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70 Jahre NATO – Die Allianz auf der Suche nach Feinden (Video)


Abge­se­hen von völ­ker­recht­lich frag­wür­di­gen und fol­gen­schwe­ren Angriffs­krie­gen ist die NATO vor­ran­gig mit eif­ri­gem Selbst­er­halt beschäf­tigt. Zu die­sem Zweck wer­den alte Feind­bil­der umeti­ket­tiert. Aus der nuklea­ren Bedro­hung wird der Cyber­an­griff. Das Zen­tral­ko­mi­tee heißt heu­te Wla­di­mir Putin.

Mehr zum The­ma — Lin­ke : 70 Jah­re NATO – “Was gibt es da zu fei­ern ? Kriegs­bünd­nis gehört abge­schafft”

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70 Jahre NATO – Die Allianz auf der Suche nach Feinden (Video)


Abge­se­hen von völ­ker­recht­lich frag­wür­di­gen und fol­gen­schwe­ren Angriffs­krie­gen ist die NATO vor­ran­gig mit eif­ri­gem Selbst­er­halt beschäf­tigt. Zu die­sem Zweck wer­den alte Feind­bil­der umeti­ket­tiert. Aus der nuklea­ren Bedro­hung wird der Cyber­an­griff. Das Zen­tral­ko­mi­tee heißt heu­te Wla­di­mir Putin.

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70 Jahre NATO – Die Allianz auf der Suche nach Feinden (Video)


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70 Jahre NATO — Die Allianz auf der Suche nach Feinden (Video)


Abge­se­hen von völ­ker­recht­lich frag­wür­di­gen und fol­gen­schwe­ren Angriffs­krie­gen ist die NATO vor­ran­gig mit eif­ri­gem Selbst­er­halt beschäf­tigt. Zu die­sem Zweck wer­den alte Feind­bil­der umeti­ket­tiert. Aus der nuklea­ren Bedro­hung wird der Cyber­an­griff. Das Zen­tral­ko­mi­tee heißt heu­te Wla­di­mir Putin.

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70 Jahre NATO : Kein Grund zum Feiern


von Zlat­ko Per­ci­nic

Die NATO wur­de am 4. April 1949 offi­zi­ell durch die Unter­schrif­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka, Kana­da, Bel­gi­en, Däne­mark, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en, Island, Ita­li­en, Luxem­burg, Nie­der­lan­de, Nor­we­gen und Por­tu­gal gegrün­det. Bereits im Jahr davor wur­de das ers­te mili­tä­ri­sche Bünd­nis Euro­pas nach dem Zwei­ten Welt­krieg mit dem Brüs­se­ler Pakt geschlos­sen, wel­cher aus Bel­gi­en, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en, Luxem­burg und den Nie­der­lan­den bestand. Doch die­se Län­der such­ten nach einem star­ken Part­ner, und die USA such­ten nach Mög­lich­kei­ten, ihren Ein­fluss in Euro­pa zu insti­tu­tio­na­li­sie­ren. So beschreibt sogar die offi­zi­el­le US-Geschichts­schrei­bung den Grün­dungs­akt der NATO.

Grund­la­ge des Nord­at­lan­tik­ver­tra­ges bil­det Arti­kel 52 der Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen, die selbst nur vier Jah­re vor dem Mili­tär­bünd­nis gegrün­det wur­de. Die­ser Arti­kel erlaubt expli­zit die Schaf­fung von “regio­na­len Abma­chun­gen oder Ein­rich­tun­gen zur Behand­lung der­je­ni­gen die Wah­rung des Welt­frie­dens und der inter­na­tio­na­len Sicher­heit betref­fen­den Ange­le­gen­hei­ten”. Vor­aus­set­zung sei aller­dings, “dass die­se Abma­chun­gen oder Ein­rich­tun­gen und ihr Wir­ken mit den Zie­len und Grund­sät­zen der Ver­ein­ten Natio­nen ver­ein­bar sind”.

Zudem müs­sen sich jene Mit­glie­der der Ver­ein­ten Natio­nen, die “sol­che Abma­chun­gen tref­fen oder sol­che Ein­rich­tun­gen schaf­fen”, nach “bes­ten Kräf­ten” bemü­hen, durch “Inan­spruch­nah­me die­ser Abma­chun­gen oder Ein­rich­tun­gen ört­lich begrenz­te Strei­tig­kei­ten fried­lich bei­zu­le­gen”.

Die NATO soll­te sich also bemü­hen, begrenz­te Strei­tig­kei­ten nach bes­ten Kräf­ten fried­lich bei­zu­le­gen und ihr Wir­ken mit den Zie­len und Grund­sät­zen der Ver­ein­ten Natio­nen ver­ein­bar sein.

Soweit also die Theo­rie. Wie so oft, weicht die Pra­xis von der Theo­rie deut­lich ab. Indem man die NATO als “trans­at­lan­ti­sches Bünd­nis” beschreibt, lässt sich leicht die Tat­sa­che über­se­hen, dass es am Ende ein Mili­tär­bünd­nis ist. Und eine Armee, egal ob es sich um eine natio­na­le oder um eine Bünd­nis­ar­mee han­delt, ist nicht dazu geeig­net, Strei­tig­kei­ten fried­lich bei­zu­le­gen. Inter­es­sant ist in die­sem Zusam­men­hang die Fest­stel­lung eines UN-Mit­ar­bei­ters in “her­aus­ge­ho­be­ner Posi­ti­on”, der die Unter­schie­de zwi­schen UN und NATO mit den Wor­ten beschrieb :

Die NATO steht für Krieg, und die Ver­ein­ten Natio­nen ste­hen für Frie­den.

Das mag pathe­tisch klin­gen, hat aber durch­aus einen wah­ren Kern. Solan­ge die ursprüng­li­che, von Lord Has­tings Ismay (ers­ter NATO-Gene­ral­se­kre­tär) for­mu­lier­te, Losung galt, hat­te die Alli­anz kei­ner­lei Exis­tenz­pro­ble­me. Dem­nach soll­te “die Sowjet­uni­on drau­ßen blei­ben, die Ame­ri­ka­ner drin­nen und die Deut­schen unten”. 

Mehr zum The­ma — Heu­te vor 65 Jah­ren : Sowjet­uni­on woll­te der NATO bei­tre­ten 

Auf­grund die­ser Selbst­wahr­neh­mung war die NATO auch nie an einer gemein­sa­men Sicher­heits­lö­sung in Euro­pa mit der Sowjet­uni­on inter­es­siert, geschwei­ge denn an einer Auf­nah­me Mos­kaus in das west­li­che Mili­tär­bünd­nis. Jede Armee braucht allein schon zu Übungs­zwe­cken einen Geg­ner und nicht weni­ge kul­ti­vie­ren ein rich­ti­ges Feind­bild. Für die NATO war die UdSSR der per­fek­te Feind.

Mit der Auf­lö­sung der Sowjet­uni­on und des War­schau­er Pakts, der als Gegen­ge­wicht der NATO erst 1954 gegrün­det wur­de, ver­lor der Wes­ten einen Feind, den man vier Jahr­zehn­te lang bekämpft hat­te. Obwohl als gro­ßer Sieg gefei­ert, war es ein Ver­lust, der an die exis­ten­zi­el­le Sub­stanz der Alli­anz ging. Bis zum Zeit­punkt der Auf­lö­sung der Sowjet­uni­on bzw. des War­schau­er Pakts wuss­ten alle, wofür die NATO stand und was man zu tun hat­te. Der Ver­lust die­ser kla­ren Linie sorg­te dafür, dass sich das Mili­tär­bünd­nis einen neu­en Zweck und einen neu­en Feind suchen muss­te.

In der Koso­vo-Kri­se von 1999 zeig­te sich dann zum ers­ten Mal, was für Kon­se­quen­zen die­se uni­po­la­re Welt­ord­nung auch für die NATO hat­te. Zur Erin­ne­rung : Gemäß UN-Char­ta soll­ten ört­lich begrenz­te Strei­tig­kei­ten nach bes­ten Kräf­ten fried­lich bei­gelegt wer­den. Statt­des­sen ent­schloss man sich, zum ers­ten Mal in der eige­nen Geschich­te tat­säch­lich zu den Waf­fen zu grei­fen und durch Eige­ner­mäch­ti­gung einen Krieg gegen Ser­bi­en zu füh­ren. Dort wur­de nach bes­ten Kräf­ten ver­sucht, den Kon­flikt nicht fried­lich bei­zu­le­gen, son­dern genau das Gegen­teil mit allen Mit­teln zu errei­chen.

Zuvor igno­rier­ten vor allem die USA die zahl­rei­chen War­nun­gen, dass die Ost­erwei­te­rung und Auf­nah­me von Län­dern des ehe­ma­li­gen War­schau­er Pakts die NATO nicht stär­ken, son­dern lang­fris­tig schwä­chen wür­de. Abge­se­hen davon, dass die Regie­rung von Geor­ge Bush Seni­or genau das gegen­über der sich in den letz­ten Atem­zü­gen befind­li­chen Sowjet­uni­on ver­spro­chen hat­te, war offen­sicht­lich die Ver­su­chung unwi­der­steh­lich, sämt­li­che War­nun­gen in den Wind zu schla­gen.

Spä­tes­tens nach dem Geor­gi­en-Krieg 2008 war den Fal­ken in den USA klar, dass sie end­lich wie­der jeman­den als Feind auf­bau­en konn­ten, den sie fast zwan­zig Jah­re lang schmerz­lich ver­misst hat­ten : Russ­land. Ähn­lich wie der NATO erging es auch dem Geheim­dienst CIA, der nach 1991 mit einer Neu­ori­en­tie­rung zu kämp­fen hat­te. Wie im Außen­mi­nis­te­ri­um auch, wur­den beim CIA hun­der­te Exper­ten für die Sowjet­uni­on gefeu­ert und mit der Zeit der Fokus auf Ara­bisch spre­chen­des Per­so­nal gelegt.

Der Kampf um ein neu­es Selbst­ver­ständ­nis des Mili­tär­bünd­nis­ses führ­te 2011 erneut zu einem Angriffs­krieg, der im Gegen­satz zu Ser­bi­en 1999 mit einer, aller­dings schwa­chen, UN-Reso­lu­ti­on man­da­tiert wur­de. Der UN-Sicher­heits­rat bil­lig­te die Errich­tung einer Flug­ver­bots­zo­ne “mit allen not­wen­di­gen Mit­teln” in Liby­en, um die Zivil­be­völ­ke­rung zu beschüt­zen, die “unter der Bedro­hung eines Angriffs” durch die liby­sche Armee stand. Das wur­de als Frei­brief für die Bom­bar­die­rung des afri­ka­ni­schen Lan­des und die anschlie­ßen­de men­schen­ver­ach­ten­de Jagd und Ermor­dung des lang­jäh­ri­gen Dik­ta­tors Gad­da­fi gewer­tet. Seit­dem hat sich Liby­en nicht wie­der von der Zer­stö­rung und Desta­bi­li­sie­rung durch die NATO erho­len kön­nen.

Mehr zum The­ma — 20 Jah­re nach NATO-Angriffs­krieg gegen Jugo­sla­wi­en : Schar­ping & Co. als Münch­hau­sen 2.0 

Es soll­te drei wei­te­re Jah­re dau­ern, bis die end­gül­ti­ge Rück­trans­for­ma­ti­on in das alte West-Ost-Sche­ma abge­schlos­sen sein soll­te. Bis 2014 hat­te sich nie­mand gewagt, Russ­land öffent­lich als Feind zu bezeich­nen. Doch der dama­li­ge NATO-Vize­ge­ne­ral­se­kre­tär Alex­an­der Versh­bow setz­te am 1. Mai 2014 ein kla­res Zei­chen, als er sag­te, dass man Russ­land von nun an “nicht mehr als Part­ner, son­dern als Geg­ner” betrach­te. 

Obwohl sich die­ses Bild in den ver­gan­gen fünf Jah­ren wei­ter ver­fes­tigt hat, sorgt aus­ge­rech­net das mit Abstand wich­tigs­te Mit­glieds­land für Furo­re. US-Prä­si­dent Donald Trump bezeich­ne­te wäh­rend sei­nes Wahl­kampfs die NATO als “obso­let” und ließ im ver­gan­ge­nen Jahr Mög­lich­kei­ten aus­lo­ten, wie sich die USA aus dem Mili­tär­bünd­nis zurück­zie­hen könn­ten. Als Haupt­grün­de wer­den die finan­zi­el­le Belas­tung sowie die Wei­ge­rung Deutsch­lands genannt, den For­de­run­gen nach einer mas­si­ven Erhö­hung der Rüs­tungs­aus­ga­ben nach­zu­kom­men. NATO-Gene­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg bleibt nichts ande­res übrig, als gute Mie­ne zum bösen Spiel zu machen. Er will kei­ner­lei exis­ten­zi­el­le Pro­ble­me beim Mili­tär­bünd­nis erken­nen.

Obwohl es nun so gekom­men ist, wie es vie­le Kri­ti­ker in den 1990er Jah­ren befürch­tet hat­ten, als sie vor einer Ost­erwei­te­rung bzw. gene­rel­len Erwei­te­rung der Alli­anz warn­ten, weil es sie irgend­wann zer­rei­ßen wür­de, wird nun die For­de­rung immer lau­ter, dass sich die NATO auch um die “Her­aus­for­de­rung” Chi­na küm­mern müs­se. Schon im Fall Russ­land hat sich gezeigt, dass längst nicht alle Mit­glieds­län­der den schon fast mili­tan­ten anti-rus­si­schen Kurs der Bri­ten, Polen und der bal­ti­schen Staa­ten fah­ren möch­ten.

Bei Chi­na wird es noch unge­mein schwe­rer wer­den, eine kon­fron­ta­ti­ve­re Hal­tung ein­zu­neh­men, da die meis­ten Län­der außer­or­dent­lich tief­grei­fen­de wirt­schaft­li­che Bezie­hun­gen mit Peking ein­ge­gan­gen sind. Solch ein Vor­stoß könn­te zu noch grö­ße­ren Span­nun­gen inner­halb der NATO füh­ren, die viel­leicht sogar irrever­si­ble Ris­se hin­ter­las­sen könn­ten.

In den ers­ten 40 Jah­ren ihres Bestehens hat­te die trans­at­lan­ti­sche Alli­anz viel mehr Grund zu fei­ern, als wei­te­re 30 Jah­re spä­ter. Und nie­mand kann sagen, wie die Fei­ern in zehn oder zwan­zig Jah­ren aus­se­hen wer­den, soll­te das Mili­tär­bünd­nis wei­ter­ma­chen, wie in den ver­gan­gen drei Jahr­zehn­ten. 

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20 Jahre nach NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien : Scharping & Co. als Münchhausen 2.0


von Klaus Hart­mann

Unter­halb der Lat­te von einem “Faschis­mus”, den es dort zu bekämp­fen gäl­te, ging da gar nichts. Am bes­ten also – den Spieß umdre­hen und die Geschich­te auf den Kopf stel­len : unse­re dunk­le (deut­sche) Ver­gan­gen­heit ver­pflich­te uns gera­de­zu – wie­der Krieg zu füh­ren. Klingt absurd, lief aber genau­so ab.

Die NATO-Aggres­si­on war auch ein Mus­ter­bei­spiel dafür, wie die Bevöl­ke­rung in einen Krieg hin­ein­ge­lo­gen wird. Das deut­sche Regie­rungs­per­so­nal gab für den NATO-Krieg das Letz­te. Außen­mi­nis­ter Joseph Fischer ver­kauf­te den Krieg unter der Losung “Nie wie­der Ausch­witz!”. Deut­sche Wider­stands­kämp­fer, unter ihnen Esther Beja­ra­no, Kurt Gold­stein und Peter Gin­gold, wehr­ten sich in Zei­tungs­an­zei­gen gegen Fischers “neue Ausch­witz­lü­ge”:

Wir Über­le­ben­den von Ausch­witz und ande­ren Mas­sen­ver­nich­tungs­la­gern ver­ur­tei­len den Miss­brauch, den Sie und ande­re Poli­ti­ker mit den Toten von Ausch­witz, mit dem von Hit­ler­fa­schis­ten im Namen der deut­schen Her­ren­men­schen vor­be­rei­te­ten und began­ge­nen Völ­ker­mord an Juden, Sin­ti und Roma und Sla­wen betrei­ben. Was Sie tun, ist eine aus Argu­men­ta­ti­ons­not für Ihre ver­häng­nis­vol­le Poli­tik gebo­re­ne Ver­harm­lo­sung des in der bis­he­ri­gen Mensch­heits­ge­schich­te ein­ma­li­gen Ver­bre­chens. Welt­frie­den und inter­na­tio­na­le Sicher­heit wer­den jetzt gefähr­det, indem gegen ein Grün­dungs­mit­glied der UNO Krieg geführt wird, Krieg von deut­schem Boden aus. […] Sich als Begrün­dung für einen sol­chen Krieg auf Ausch­witz zu beru­fen, ist infam.

Der frü­he­re CIA-Agent Robert Baer kom­men­tiert :Als deut­scher Poli­ti­ker hät­te er eigent­lich über ein gewis­ses his­to­ri­sches Gespür ver­fü­gen sol­len bezüg­lich sol­cher unsach­li­chen Ver­glei­che.” Fischer aber mach­te wei­ter auf “Anti­fa­schist” und nann­te die Kriegs­geg­ner “Weiß­wä­scher eines neu­en Faschis­mus”.

Bun­des­wehr­ge­ne­ral Heinz Loquai, für die OSZE in Jugo­sla­wi­en unter­wegs, ana­ly­sier­te : “Die deut­sche Poli­tik hat den Krieg gegen Jugo­sla­wi­en damit gerecht­fer­tigt, die NATO habe gegen einen an den Koso­vo-Alba­nern sich voll­zie­hen­den Völ­ker­mord bzw. eine huma­ni­tä­re Kata­stro­phe ein­grei­fen müs­sen. Die meis­ten Medi­en trans­por­tier­ten bzw. ver­stärk­ten die­se Bot­schaft. Sie hat sich heu­te ver­fes­tigt.” Er ver­weist auf “Die Zeit”‘: “ange­sichts eines dro­hen­den Geno­zids im Koso­vo” habe es sich‚ “bei Lich­te bese­hen” um “einen mora­lisch legi­ti­mier­ten Krieg” gehan­delt, an glei­cher Stel­le ist von “völ­ker­mör­de­ri­schem Gemet­zel” und “aku­tem Geno­zid” die Rede. Olaf Scholz, damals Gene­ral­se­kre­tär der SPD behaup­tet, mit dem Mili­tär­ein­satz der Bun­des­wehr habe Deutsch­land bei der “Bekämp­fung von Völ­ker­mord” gehol­fen.

Lud­ger Vol­mer, Staats­se­kre­tär im Aus­wär­ti­gen Amt : “Alle Ana­ly­sen deck­ten sich in dem Befund, daß ohne Reak­ti­on die Ser­ben glau­ben wür­den, sie hät­ten nun freie Bahn für ihre Ver­trei­bungs- und Ver­nich­tungs­po­li­tik.” Alle Ana­ly­sen ? Kei­nes­wegs – Heinz Loquai lobt in sei­nem Buch “Der Koso­vo-Kon­flikt – Wege in einen ver­meid­ba­ren Krieg” die “exzel­len­ten Berich­te der deut­schen Bot­schaft in Bel­grad”, doch Vol­mer hielt sie lie­ber unter Ver­schluss : “Die Bit­te, eini­ge Berich­te aus­zugs­wei­se für die­se Stu­die zitie­ren zu dür­fen, wur­de vom Aus­wär­ti­gen Amt abschlä­gig beschie­den. Der Staats­mi­nis­ter im Aus­wär­ti­gen Amt, Dr. Lud­ger Vol­mer, begrün­de­te dies wie folgt : ‘Die Bericht­erstat­tung der Bot­schaft Bel­grad zum The­ma Koso­vo stellt immer noch eine poli­tisch sen­si­ti­ve Mate­rie dar, deren Ver­öf­fent­li­chung uner­wünsch­te poli­ti­sche Aus­wir­kun­gen haben könn­te’.”

Uner­wünsch­te Aus­wir­kun­gen ? Die nann­te man frü­her “Wehr­kraft­zer­set­zung” und “Defä­tis­mus”. Die arbei­ten dem Feind in die Hän­de und kön­nen daher nicht gedul­det wer­den, frü­her nicht, und 1999 auch nicht : Loquai wur­de wegen sei­ner Kri­tik an der deut­schen Kriegs­be­tei­li­gung von Schar­ping abbe­ru­fen, obwohl sich die OSZE für sein Ver­blei­ben ein­ge­setzt hat­te.

Eine zen­tra­le Rol­le auf dem mit Lügen gepflas­ter­ten Weg in den Krieg spiel­te Kriegs­mi­nis­ter Schar­pings Behaup­tung, “dass schon im Dezem­ber 1998 eine sys­te­ma­ti­sche Säu­be­rung des Koso­vo und die Ver­trei­bung der Koso­vo-Alba­ner geplant waren…”. Als “Beweis” prä­sen­tier­te er Anfang April 1999 auf einer Pres­se­kon­fe­renz den soge­nann­ten “Huf­ei­sen­plan”: Auf einer Land­kar­te wur­den Stel­lun­gen ser­bi­scher Sicher­heits­kräf­te so mit­ein­an­der ver­bun­den, dass die Linie die Form eines Huf­ei­sens beschrieb, womit die “Stoß­rich­tung” gegen die Bevöl­ke­rung “bewie­sen” sein soll­te. Aller­dings bewies das “Doku­ment” zunächst etwas ande­res, näm­lich die schlech­ten Sprach­kennt­nis­se der Ver­fas­ser.

Der Bun­des­wehr-Gene­ral­inspek­teur von Kirch­bach behaup­te­te, dass der Plan “Pot­ko­va” hei­ße, was ser­bisch “Huf­ei­sen” bedeu­ten wür­de. Lei­der falsch : So bezeich­net man ein Huf­ei­sen auf Kroa­tisch, in Bul­ga­ri­en wür­de es “Pod­ko­va” hei­ßen, auf Ser­bisch hin­ge­gen “Pod­ko­vi­ca”. Aber das merk­ten die Plan-Erfin­der däm­li­cher­wei­se nicht. Denn nach der dank Deutsch­land erfolg­rei­chen Sezes­si­on Kroa­ti­ens wur­de auch die bis­her gel­ten­de gemein­sa­me Spra­che “ser­bo­kroa­tisch” getilgt und die regio­na­len Dia­lek­te zu eigen­stän­di­gen “Spra­chen” auf­ge­bla­sen. In Deutsch­land galt fort­an “kroa­tisch” als “die Bal­kan­spra­che”, und so sind die deut­schen “Gene­ral­pla­ner” eben mal Opfer ihres eige­nen anti­ser­bi­schen Chau­vi­nis­mus gewor­den.

Der “Huf­ei­sen­plan” soll­te angeb­lich vom ser­bi­schen Gene­ral­stab stam­men, tat­säch­lich hat ihn Schar­ping aus Fischers Außen­mi­nis­te­ri­um, und dem wur­de er in Sofia vom bul­ga­ri­schen Geheim­dienst zuge­spielt, wie der “Spie­gel” Anfang 2000 offen­bar­te. Die bul­ga­ri­sche Regie­rung dräng­te auf NATO-Mit­glied­schaft – und war offen­bar daher um Gefäl­lig­kei­ten bemüht. Der Öffent­lich­keit vor­ge­zeigt wur­de der “Plan” nahe­lie­gen­der­wei­se nie – man muss­te eben fest an ihn glau­ben. Man­che Rich­ter urteil­ten eher “ungläu­big” – so das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter am 24. Febru­ar 1999 : “Für ein gehei­mes Pro­gramm oder einen auf ser­bi­scher Sei­te vor­han­de­nen still­schwei­gen­den Kon­sens, das alba­ni­sche Volk zu ver­nich­ten, zu ver­trei­ben oder sonst in der vor­ste­hend beschrie­be­nen extre­men Wei­se zu ver­fol­gen, lie­gen kei­ne hin­rei­chend siche­ren Anhalts­punk­te vor”.

Heinz Loquai : “Ich kann nur sagen, dass der Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter bei dem, was er über den Huf­ei­sen­plan sagt, nicht die Wahr­heit sagt.” Schar­ping besteht aber dar­auf : “Die mili­tä­ri­schen Akti­vi­tä­ten der NATO die­nen einem poli­ti­schen Ziel, näm­lich die Abwen­dung einer huma­ni­tä­ren Kata­stro­phe bezie­hungs­wei­se die Ver­hin­de­rung ihres wei­te­ren Anwach­sens.” Ganz anders der Lage­be­richt der OSZE-Mis­si­on vom 17. März 1999, also eine Woche vor Kriegs­be­ginn, in dem es hieß : “Es gibt zur Zeit kei­ne so genann­te huma­ni­tä­re Kata­stro­phe, und eine sol­che ist auch nicht zu erwar­ten, wenn die Hilfs­maß­nah­men fort­ge­setzt wer­den.”

Und die Erwi­de­rung Loquais : “Zur Recht­fer­ti­gung des Krie­ges gegen Jugo­sla­wi­en behaup­te­ten deut­sche Poli­ti­ker, schon Mit­te März 1999 hät­ten jugo­sla­wi­sche Trup­pen eine Groß­of­fen­si­ve im Koso­vo begon­nen. Auch die Medi­en berich­te­ten eini­ge Tage vor Beginn des Krie­ges dar­über. Wel­che Lage herrsch­te nun tat­säch­lich weni­ge Tage vor Kriegs­be­ginn im Koso­vo ? Die OSZE, die mit ca. 1.400 inter­na­tio­na­len Beob­ach­tern vor Ort in der Pro­vinz war, fass­te ihre Erkennt­nis­se für den 17. und 18. März 1999 wie folgt zusam­men­ge­fasst : ‘Die Lage ist über die gan­ze Pro­vinz hin­weg ange­spannt, aber ruhig.’ Von einer jugo­sla­wi­schen Groß­of­fen­si­ve hat­ten offen­bar auch die Nach­rich­ten­ex­per­ten des deut­schen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums nichts bemerkt. Am 22. März, also zwei Tage vor Beginn des Luft­krie­ges gegen Jugo­sla­wi­en, stel­len die Nach­rich­ten­ex­per­ten u.a. fest : ‘Ent­ge­gen Medi­en­be­rich­ten sei der­zeit wei­ter­hin kei­ne Groß­of­fen­si­ve jugo­sla­wi­scher Sicher­heits­kräf­te in Koso­vo erkenn­bar’.”

Der Film von Jo Ange­rer und Mathi­as Werth “Es begann mit einer Lüge”, aus­ge­strahlt am 8. Febru­ar 2001 in der ARD, trägt den Unter­ti­tel “Wie die Nato im Krieg um Koso­vo Tat­sa­chen ver­fälsch­te und Fak­ten erfand”. Dar­in wird Schar­ping (vom 27. März 1999) zitiert : “Wir wären ja auch nie­mals zu mili­tä­ri­schen Maß­nah­men geschrit­ten, wenn es nicht die­se huma­ni­tä­re Kata­stro­phe im Koso­vo gäbe mit 250.000 Flücht­lin­gen inner­halb des Koso­vo, weit über 400.000 Flücht­lin­gen ins­ge­samt, und einer zur­zeit nicht zähl­ba­ren Zahl von Toten.”

Loquai setzt den Legen­den ent­ge­gen : “Fak­tum ist, dass in kei­nem der Berich­te der OSZE oder der Exper­ten des mili­tä­ri­schen Nach­rich­ten­we­sens von einer der­ar­ti­gen Situa­ti­on die Rede ist. Noch am 22. März 1999, d. h. zwei Tage vor Kriegs­be­ginn, heißt es in einer Lage­ana­ly­se des Amtes für Nach­rich­ten­we­sen der Bun­des­wehr : “Ten­den­zen zu eth­ni­schen Säu­be­run­gen sind wei­ter­hin nicht zu erken­nen.” Drei Tage vor­her hat­te das Aus­wär­ti­ge Amt fest­ge­stellt : “Von Flucht, Ver­trei­bung und Zer­stö­rung im Koso­vo sind alle dort leben­den Bevöl­ke­rungs­grup­pen glei­cher­ma­ßen betrof­fen.”

Die Frie­dens­for­scher Prof. Dr. Die­ter Lutz und Dr. Rein­hard Mutz vom Insti­tut für Frie­dens­for­schung und Sicher­heits­po­li­tik an der Uni­ver­si­tät Ham­burg stel­len zur NATO-Unter­stüt­zung für die alba­ni­sche UÇK fest : “Die NATO aber hat sich… im Koso­vo-Kon­flikt sehen­den Auges zum Instru­ment einer auch mit den Mit­teln von Ter­ror und Mord nach Unab­hän­gig­keit und Macht stre­ben­den UÇK gemacht, zumin­dest aber machen las­sen.” Und sie nen­nen die Stich­wor­te “Mas­sa­ker von Rogo­va”, “Mas­sa­ker von Račak”, “KZ von Pris­ti­na” oder auch den “Huf­ei­sen­plan” als Bei­spie­le für die geziel­te Täu­schung der Bevöl­ke­rung in Deutsch­land.

In “Es begann mit einer Lüge” heißt es : “Bil­der von Mas­sen­grä­bern zum Bei­spiel stan­den der NATO nicht zur Ver­fü­gung.” Was tun ? Die “Panorama”-Sendung vom 18. Mai 2000 zitiert aus Schar­pings “Kriegs­ta­ge­buch”: “Es ist abscheu­lich. Die­se Lum­pen und Ver­bre­cher brin­gen wahl­los Men­schen um, rau­ben ihre Opfer aus, ver­trei­ben sie oder ver­ge­wal­ti­gen die Frau­en. Umso unver­ant­wort­li­cher, dass eini­ge öffent­lich immer wie­der einen Stopp oder eine Pau­se der Luft­an­grif­fe for­dern.” Zum “Beweis” zeigt er Bil­der von einem “Mas­sa­ker” von Rugo­vo (ser­bisch : Rogo­va), Ende Janu­ar 1999 : 23 Tote Alba­ner, neben­ein­an­der : “Auf dem Flug zum NATO-Gip­fel in Washing­ton hat­ten mir Mit­ar­bei­ter die Bil­der von getö­te­ten Koso­vo-Alba­nern gezeigt. Beim Anschau­en der Fotos Übel­keit. Ist Ent­set­zen stei­ger­bar ? Spä­ter bit­te ich mei­ne Mit­ar­bei­ter, die Bil­der für eine der Pres­se­kon­fe­ren­zen vor­zu­be­rei­ten. (…) Wir haben sehr gut recher­chiert und uns Bild­ma­te­ri­al besorgt, das OSZE-Mit­ar­bei­ter am Mor­gen gemacht haben zwi­schen sie­ben und acht Uhr.”

Pan­ora­ma” wei­ter : “Fern­seh­bil­der von genau die­sem Mor­gen. Tat­säch­lich : ein OSZE-Mann, mit grü­ner Jacke, Hen­ning Hensch, ein deut­scher Poli­zei­be­am­ter, ers­ter inter­na­tio­na­ler Ermitt­ler vor Ort.” Doch der Foto­graf wider­spricht dem Kriegs­mi­nis­ter : “Es war nicht so. Die Lei­chen haben da zwar gele­gen, aber sie sind dort hin­ge­bracht wor­den von den ser­bi­schen Sicher­heits­be­hör­den, nach­dem die eigent­li­che Tat­or­tauf­nah­me – und das hängt wie­der zusam­men mit die­sem Ermitt­lungs­rich­ter – abge­schlos­sen war, nach­dem beschlos­sen war : wir brin­gen die Lei­chen jetzt weg.” “Der Beweis durch Fern­seh­bil­der : Zuerst lie­gen die Lei­chen ver­teilt im Ort, wie nach einem Gefecht. Kei­ne Zivi­lis­ten, son­dern UÇK-Kämp­fer. Nach die­sen Auf­nah­men dann wer­den die Lei­chen zusam­men­ge­tra­gen und foto­gra­fiert. Und genau die­se Fotos hält Minis­ter Schar­ping für Bewei­se eines Mas­sa­kers.” Loquai : “Also zu einem Mas­sa­ker hat es eigent­lich der deut­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter dann inter­pre­tiert.”

Im Mai 1999 wuss­te Schar­ping, “dass im Dorf Izbi­ca bis zu 200 Per­so­nen ermor­det und die Lei­chen ver­scharrt wor­den sein soll­ten … Bald dar­auf hat­ten wir Bil­der zur Ver­fü­gung, die ein­deu­tig fri­sche Grab­fel­der in Izbi­ca und auch im Nach­bar­ort Kras­ni­ka zeig­ten.” Nach Kriegs­en­de fan­den UN-Ermitt­ler an den bezeich­ne­ten Orten – kei­ne Lei­chen. Schar­pings kon­ge­nia­ler Part­ner, der NATO-Spre­cher Jamie Shea, wuss­te von “einem der größ­ten Mas­sen­grä­ber im Koso­vo” in Lju­be­nić bei Peć. Dort hät­ten ser­bi­sche Streit­kräf­te in aller Eile 350 Lei­chen ver­gra­ben. UN-Ermitt­ler inspi­zier­ten den Ort und fan­den sie­ben Lei­chen. Die UÇK-Pro­pa­gan­da behaup­te­te, dass in einem rie­si­gen Mas­sen­grab in der Tre­pča-Mine 6.000 Koso­vo-Alba­ner ihr Leben ver­lo­ren hät­ten. Nach dem Krieg fan­den UN-Ermitt­ler nicht die Spur eines ein­zi­gen Opfers. Angeb­lich mas­sa­krier­te koso­vo-alba­ni­sche Intel­lek­tu­el­le tra­ten 14 Tage nach ihrem ver­meint­li­chen Lebens­en­de quick­le­ben­dig in Ber­lin bei einer Pres­se­kon­fe­renz auf.

Zweck­lü­gen für die Recht­fer­ti­gung des Krie­ges, Kriegs­zweck-Lügen ohne Zahl. Schar­ping, der es dar­in zur trau­ri­gen Meis­ter­schaft brach­te, wur­de dafür mit dem Schmäh­ti­tel “der irre Rudi vom ser­bi­schen Föten­grill” ver­spot­tet. Hin­ter­grund ist sei­ne aben­teu­er­li­che Schil­de­rung am 22. April 1999 im deut­schen Fern­se­hen, dass “ermor­de­ten Schwan­ge­ren der Bauch auf­ge­schlitzt wird und der Fötus erst gegrillt und dann in den Bauch zurück­ge­legt wird.” Die Ser­ben hät­ten “mit abge­schla­ge­nen Köp­fen von Kin­dern Fuß­ball gespielt”, und dann fan­ta­sier­te Schar­ping auch von einem “Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger in Pris­ti­na”.

Im erwähn­ten Film “Es begann mit einer Lüge” heißt es : “Pris­ti­na, die Haupt­stadt des Koso­vo, war Schau­platz einer per­fi­den Pro­pa­gan­da­ge­schich­te : Im Mit­tel­punkt stand das Fuß­ball­sta­di­on.” Schar­ping (am 28. März 1999): “Wenn ich höre, dass im Nor­den von Pris­ti­na ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ein­ge­rich­tet wird …” Und damit es nie­mand über­hört : “Ich sage bewusst KZ”. Davon fan­den weder Auf­klä­rungs­droh­nen eine Spur noch der im Film­bei­trag befrag­te koso­vo-alba­ni­sche Poli­ti­ker Shaban Kel­men­di, der von sei­nem Haus direkt auf die­ses Sta­di­on bli­cken konn­te, und “kei­nen ein­zi­gen Gefan­ge­nen oder eine Gei­sel” gese­hen hat.

Gene­ral a. D. Heinz Loquai, OSZE-Beob­ach­ter zu die­ser Schar­ping-Erfin­dung : “Hier muss ich mich wirk­lich beherr­schen, weil der Ver­gleich mit Ausch­witz und der Situa­ti­on im Koso­vo eine unge­heu­er­li­che Behaup­tung ist. Man muss sich als Deut­scher schä­men, dass deut­sche Minis­ter so etwas getan haben, denn ein nor­ma­ler Mensch, ein nor­ma­ler Deut­scher, wird vor Gericht zitiert, wenn er in der­ar­ti­gem Aus­ma­ße Ausch­witz ver­harm­lost. Und dass ein deut­scher Minis­ter von KZs im Koso­vo sprach, ist auf der glei­chen Linie … ich fin­de es im Grun­de genom­men unge­heu­er­lich, dass gera­de Deut­sche die­se Ver­glei­che gewählt haben.”

Abschlie­ßend muss der Autor die­ses Bei­trags ein­räu­men, dass die in der Über­schrift (Münch­hau­sen 2.0) gezo­ge­ne Par­al­le­le zu Hie­ro­ny­mus Carl Fried­rich Frei­herr von Münch­hau­sen nicht ganz pas­send ist. Ers­tens war der his­to­ri­sche “Lügen­ba­ron” ein ech­ter Adli­ger, wäh­rend Schar­ping ledig­lich mit Kris­ti­na Grä­fin Pila­ti von Thas­sul zu Dax­berg in einem Pool plantsch­te, was “schö­ne” Bil­der für die Klatsch­pres­se her­gab ; die­se Bil­der des “Tur­tel­paa­res” waren dann alle­mal ein grö­ße­rer “Auf­re­ger” als Schar­pings Lügen und der ver­fas­sungs­wid­ri­ge Krieg. Als ver­bin­dend könn­te man sehen, dass auch Münch­hau­sen im Krieg war, doch wäh­rend Schar­ping kämp­fen ließ, kämpf­te der Baron selbst, wur­de Leut­nant und Ritt­meis­ter. Schar­pings Krieg ging gegen einen Ver­bün­de­ten Russ­lands, Münch­hau­sen kämpf­te im Rus­sisch-Öster­rei­chi­schen Tür­ken­krieg und im Rus­sisch-Schwe­di­schen Krieg auf der rus­si­schen Sei­te. Aber die Haupt­sa­che : Baron Münch­hau­sen hat­te bei sei­nen Lügen kei­ne Men­schen auf dem Gewis­sen, “unse­re” heu­ti­gen Lüg­ner hin­ge­gen Tau­sen­de.

RT Deutsch bemüht sich um ein brei­tes Mei­nungs­spek­trum. Gast­bei­trä­ge und Mei­nungs­ar­ti­kel müs­sen nicht die Sicht­wei­se der Redak­ti­on wider­spie­geln.

Der Autor war von 1982 bis 1988 Bot­schaf­ter der DDR in Jugo­sla­wi­en, zuletzt Doy­en des diplo­ma­ti­schen Korps.

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74 Jahre nach Shoa : Ex-Berater Netanjahus fordert deutsche Reparationszahlungen des DDR-Anteils


Isra­el for­der­te kurz nach der Staats­grün­dung von bei­den deut­schen Staa­ten 1,5 Mil­li­ar­den US-Dol­lar an Wie­der­gut­ma­chungs­zah­lun­gen für die began­ge­nen Ver­bre­chen wäh­rend der NS-Zeit, was heu­te unge­fähr 57 Mil­li­ar­den US-Dol­lar ent­sprä­che. Die­se For­de­rung stell­te Isra­el aber an die west­li­chen Sie­ger­mäch­te des Zwei­ten Welt­krie­ges, in der Hoff­nung, dass sie die Deut­schen dazu brin­gen, die For­de­run­gen durch­zu­set­zen. Ein ande­rer Aspekt die­ser Vor­ge­hens­wei­se war der Umstand, dass die israe­li­schen Regie­rungs­ver­tre­ter nicht direkt mit den Deut­schen an einem Tisch sit­zen woll­ten. Der Hass und der Schmerz saßen noch zu tief.

Wie Prof. Dr. Con­stan­tin Gosch­ler, Pro­fes­sor für Zeit­ge­schich­te an der Ruhr-Uni­ver­si­tät in Bochum, in sei­nem Bei­trag zum Zustan­de­kom­men des Luxem­bur­ger Abkom­mens (Wie­der­gut­ma­chungs­ab­kom­men zwi­schen Deutsch­land und Isra­el) schreibt, blieb den Israe­lis aber kei­ne ande­re Wahl. Die Sie­ger­mäch­te lehn­ten es 1951 ab, die israe­li­schen For­de­run­gen durch­zu­set­zen. Isra­el soll­te “not­ge­drun­gen in direk­te Gesprä­che mit Bonn ein­tre­ten”, wie Prof. Dr. Gosch­ler schreibt.

Die DDR zeig­te sich nicht bereit, auf sol­che Gesprä­che über­haupt ein­zu­ge­hen. West­deutsch­land hin­ge­gen war enor­mem Druck der USA aus­ge­setzt, und so erklär­te sich Bun­des­kanz­ler Kon­rad Ade­nau­er im Sep­tem­ber 1951 bereit, mit Isra­el in Ver­hand­lung zu tre­ten. Aller­dings wür­de Bonn “nur” zwei Drit­tel, also eine Mil­li­ar­de US-Dol­lar, als Ver­hand­lungs­grund­la­ge akzep­tie­ren, was einem dama­li­gen Gegen­wert von etwa 4,2 Mil­li­ar­den DM ent­sprach.

Die Argu­men­ta­ti­on für die­se Aus­gangs­la­ge basier­te dar­auf, dass West­deutsch­land etwa zwei Drit­tel des gesamt­deut­schen Ter­ri­to­ri­ums aus­mach­te und etwa das glei­che Ver­hält­nis bei der deut­schen Bevöl­ke­rung vor­lag, wäh­rend Ost­deutsch­land – die dama­li­ge DDR – ein Drit­tel aus­mach­te.

Auf neu­tra­lem Boden in Luxem­burg wur­den schließ­lich über sechs Mona­te Ver­hand­lun­gen geführt, bis am 10. Sep­tem­ber das Luxem­bur­ger Abkom­men (oder auch Wie­der­gut­ma­chungs­ab­kom­men) von Ade­nau­er und dem israe­li­schen Außen­mi­nis­ter Mosche Scha­ret sowie Nahum Gold­mann, dem Prä­si­den­ten der Jewish Claims Con­fe­rence, unter­zeich­net wur­de. Die DDR war nicht Ver­trags­par­tei die­ses Abkom­mens.

Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­pflich­te­te sich gemäß dem Luxem­bur­ger Abkom­men zu einer Zah­lung von ins­ge­samt 3,45 Mil­li­ar­den DM, die über einen Zeit­raum von 14 Jah­ren geleis­tet wer­den soll­te.

Nun for­dert aber Aha­ron Mor, ehe­ma­li­ger Bera­ter des israe­li­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Ben­ja­min Netan­ja­hu im natio­na­len Bera­tungs­gre­mi­um für die Resti­tu­ti­on der Rech­te und jüdi­schen Eigen­tums, von der deut­schen Regie­rung, dass sie für das “feh­len­de Drit­tel” auf­kommt. Gemeint ist damit das eine Drit­tel der ursprüng­li­chen Gesamt­for­de­rung von 1,5 Mil­li­ar­den US-Dol­lar, die von der Ade­nau­er-Regie­rung 1951 “nur” zu zwei Drit­teln als Ver­hand­lungs­grund­la­ge akzep­tiert wur­de. Obwohl die ehe­ma­li­ge Deut­sche Demo­kra­ti­sche Repu­blik (DDR) weder Ver­hand­lungs­part­ner war noch das Luxem­bur­ger Abkom­men von 1952 unter­zeich­net hat­te, spricht Mor von einer “Schuld des ehe­ma­li­gen Ost­deutsch­lands”. Die­se “Schuld” wer­de gegen­wär­tig auf etwa 19 Mil­li­ar­den US-Dol­lar geschätzt.

Für den in Polen gebo­re­nen Aha­ron Mor, der nebst sei­ner Tätig­keit Vor­stands­mit­glied des European Sho­ah Lega­cy Insti­tu­te (ESLI) auch noch als Major (res.) in der Ein­heit des Armee­spre­chers dient, steht fest :

Es ist eine völ­ker­recht­li­che Ver­pflich­tung, der die Bun­des­re­gie­rung gegen­über Isra­el nach­kom­men muss. Durch die Rück­zah­lung der Schul­den könn­te Isra­el die Kos­ten für die U-Boo­te und Schif­fe aus Deutsch­land finan­zie­ren (und) dadurch zwei Mil­li­ar­den US-Dol­lar für die israe­li­schen Steu­er­zah­ler ein­spa­ren. Zusätz­lich könn­te die­ses Geld hel­fen, um die geplan­ten Stei­ge­run­gen des Ver­tei­di­gungs­bud­gets zu finan­zie­ren, und Holo­caust-Über­le­ben­den für den Rest ihres Lebens hel­fen.

In sei­nem Bei­trag schreibt Mor, es sei “unvor­stell­bar”, dass “Isra­el die­se rie­si­ge deut­sche Schuld auf­ge­ben wür­de”. Dabei “kor­re­spon­diert” die­se israe­li­sche For­de­rung doch mit “Deutsch­lands Ver­pflich­tung für Isra­els Sicher­heit und Über­le­ben”. Bereits im ver­gan­ge­nen Jahr wur­de bei einer Son­der­sit­zung des Kabi­netts für Poli­tik und Sicher­heit der Vor­schlag unter­brei­tet, dass die Finan­zie­rung der geplan­ten Erhö­hung des Ver­tei­di­gungs­bud­gets für die nächs­ten zehn Jah­re durch einen deut­schen Zuschuss sicher­ge­stellt wer­den könn­te.

Wei­ter­hin schreibt er, dass im Janu­ar 1990, kurz nach der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung, der israe­li­sche Außen­mi­nis­ter Mosche Arens sei­nen Amts­kol­le­gen Hans-Diet­rich Gen­scher auf die­ses “feh­len­de Drit­tel” ange­spro­chen hat­te. Gen­scher soll ihm geant­wor­tet haben, dass man die Ange­le­gen­heit inner­halb der Regie­rung und im Bun­des­tag bespre­chen wer­de, wenn die israe­li­sche Regie­rung offi­zi­ell bei der deut­schen Regie­rung des­we­gen anfragt. Doch bis zum heu­ti­gen Tage habe sich die israe­li­sche Regie­rung nie dazu geäu­ßert, kri­ti­siert Mor.

Wie­der­holt hält der ehe­ma­li­ge Bera­ter Netan­ja­hus fest :

Das ver­ei­nig­te Deutsch­land hat selbst alle Ver­pflich­tun­gen von Ost­deutsch­land über­nom­men, ein­schließ­lich des feh­len­den Drit­tels. Des­halb ist Deutsch­land nach inter­na­tio­na­lem Recht dazu ver­pflich­tet, Isra­el jetzt die­ses feh­len­de Drit­tel zu bezah­len. Es gibt einen Prä­ze­denz­fall, als Deutsch­land Isra­el mit kos­ten­lo­sen Gütern belie­fert hat­te, wie als es die ers­ten zwei U-Boo­te nach dem ers­ten Golf­krieg lie­fer­te. Der Jour­na­list Eldad Beck behaup­tet in ‘Der Kanz­ler’, dass Deutsch­land bis jetzt sämt­li­chen israe­li­schen Anfra­gen nach­ge­kom­men ist. Es wäre in die­ser Situa­ti­on selt­sam, dass das Kabi­nett den Vor­schlag, das feh­len­de Drit­tel zu ver­lan­gen, igno­rie­ren wür­de, ohne es zuerst mit der deut­schen Regie­rung bespro­chen zu haben.

Ob Isra­el über­haupt einen Anspruch aus einer For­de­rung ablei­ten könn­te, die vor knapp 70 Jah­ren gestellt wur­de und als Ver­hand­lungs­grund­la­ge der dama­li­gen west­deut­schen Regie­rung zu zwei Drit­teln aner­kannt wur­de, ist indes­sen unge­wiss. Soll­te die israe­li­sche Regie­rung dem Drän­gen von Aha­ron Mor nach­ge­ben und eine offi­zi­el­le Anfra­ge an Ber­lin stel­len, dürf­te der Fall die hie­si­gen Staats­recht­ler vor die­se Fra­ge stel­len : Kann eine For­de­rung, die an die DDR gestellt und von die­ser nie aner­kannt wur­de, nun an das ver­ei­nig­te Deutsch­land gestellt wer­den ? 

RT Deutsch