Russland : Nawalnys “Anti-Korruptions-Stiftung” zum ausländischen Agenten erklärt


Die vom rus­si­schen Blog­ger Ale­xei Nawal­ny gegrün­de­te “Anti-Kor­rup­ti­ons-Stif­tung” wur­de in das Regis­ter der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen auf­ge­nom­men, die als aus­län­di­sche Agen­ten fun­gie­ren. Das teil­te das rus­si­sche Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um am Mitt­woch mit. In der Erklä­rung heißt es :

Am 9. Okto­ber wur­de auf der Grund­la­ge des “Föde­ra­len Geset­zes über nicht­kom­mer­zi­el­le Orga­ni­sa­tio­nen” die Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on “Anti-Kor­rup­ti­ons-Stif­tung” vom rus­si­schen Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um in das Regis­ter der nicht­kom­mer­zi­el­len Orga­ni­sa­tio­nen ein­ge­tra­gen, die als aus­län­di­sche Agen­ten fun­gie­ren.

Die NGO wies Vor­wür­fe sei­ner Aus­lands­fi­nan­zie­rung zurück. Ihr Lei­ter Iwan Schdanow schrieb auf Twit­ter :

Die Anti-Kor­rup­ti­ons-Stif­tung wird aus­schließ­lich von rus­si­schen Bür­gern finan­ziert. Die Stif­tung hat nie eine aus­län­di­sche Finan­zie­rung erhal­ten.

Er füg­te hin­zu, dass der Ver­such, die Orga­ni­sa­ti­on in das Regis­ter aus­län­di­scher Agen­ten auf­zu­neh­men, “ein wei­te­rer Ver­such ist, die Anti-Kor­rup­ti­ons-Stif­tung zu ersti­cken”.

Laut dem Gesetz müs­sen gemein­nüt­zi­ge Orga­ni­sa­tio­nen, die auf der Lis­te der aus­län­di­schen Agen­ten ste­hen, alle sechs Mona­te einen Bericht über ihre Tätig­keit und ihr Manage­ment sowie jedes Jahr einen Bericht über ihre finan­zi­el­le Tätig­keit vor­le­gen. Sie sind außer­dem ver­pflich­tet, sich jedes Jahr einem Audit zu unter­zie­hen und den Medi­en alle sechs Mona­te einen Bericht über ihre Tätig­keit vor­zu­le­gen.

Anfang August lei­te­te der rus­si­sche Unter­su­chungs­aus­schuss ein Straf­ver­fah­ren wegen der Finan­zie­rung der “Anti-Kor­rup­ti­ons-Stif­tung” ein. Den Ermitt­lun­gen zufol­ge erhiel­ten Per­so­nen, die eine direk­te Ver­bin­dung zur NGO haben, im Zeit­raum von Janu­ar 2016 bis Dezem­ber 2018 auf unge­setz­li­che Wei­se erheb­li­che Geld­be­trä­ge in rus­si­scher und aus­län­di­scher Wäh­rung und lega­li­sier­ten sie spä­ter für die Finan­zie­rung der Stif­tung.

Mehr zum The­ma — Rus­si­sche Jus­tiz wirft Nawal­ny-Stif­tung Geld­wä­sche vor

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Ermittler finden Dutzende Stimmzettel in Alexei Nawalnys Büro in Sankt Petersburg


Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den haben am Sams­tag Dut­zen­de Stimm­zet­tel im Sankt Peters­bur­ger Büro des Blog­gers Ale­xei Nawal­ny sicher­ge­stellt. Der Vor­fall hat die Ein­lei­tung einer Unter­su­chung zur Fol­ge. Das teil­te Ser­gej Kapi­to­now, ein Seni­or-Assis­tent der Sankt Peters­bur­ger Abtei­lung des rus­si­schen Unter­su­chungs­aus­schus­ses, mit. Er erklär­te :

Am 7. Sep­tem­ber 2019 wur­de den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den mit­ge­teilt, dass sich Wahl­zet­tel in Ale­xei Nawal­nys Büro in einem Haus in der Wos­ne­sen­ski Allee befan­den. Bei der Durch­su­chung des Büros wur­den meh­re­re Dut­zend Stimm­zet­tel zur Wahl des Sankt Peters­bur­ger Spit­zen­be­am­ten, des Gou­ver­neurs von Sankt Peters­burg, auf einer Toi­let­te gefun­den.

Die zweit­größ­te Stadt Russ­lands stimm­te am 8. Sep­tem­ber über ihren Gou­ver­neur ab. Zu den Kan­di­da­ten gehör­ten der unab­hän­gi­ge Kan­di­dat Alex­an­der Beglow, Nadesch­da Ticho­no­wa von der Par­tei Gerech­tes Russ­land und Michail Amo­sow von der Par­tei Bür­ger­platt­form. Ein wei­te­rer Kan­di­dat, Wla­di­mir Bort­ko, schied aus dem Wahl­kampf aus. Am 1. Sep­tem­ber hob die Stadt­wahl­kom­mis­si­on sei­ne Regis­trie­rung auf und sein Nach­na­me wur­de von den gedruck­ten Stimm­zet­teln gestri­chen. Aktu­el­len Zäh­lun­gen zufol­ge ent­schied Beglow die Wahl für sich.

Über 56 Mil­lio­nen wahl­be­rech­tig­te Rus­sen waren Sonn­tag auf­ge­ru­fen, sich an den Regio­nal­wah­len zu betei­li­gen. Der soge­nann­te ein­heit­li­che Abstim­mungs­tag fand in allen 85 Regio­nen des Lan­des mit sei­nen elf Zeit­zo­nen statt. Dies­mal muss­ten 13 Volks­ver­samm­lun­gen, 16 Gou­ver­neu­re und 22 Stadt­par­la­men­te neu gewählt wer­den. Es waren ins­ge­samt 47.608 Ämter zu beset­zen, um die mehr als 118.000 Kan­di­da­ten wett­ei­fer­ten. Die Wäh­ler konn­ten ihre Stim­me von jeweils 8 Uhr bis 20 Uhr (Orts­zeit) in über 48.000 Wahl­lo­ka­len abge­ben. Der Urnen­gang in dem Auto­no­men Kreis der Tschuk­tschen und in der Regi­on Kamt­schat­ka hat­te somit noch am 7. Sep­tem­ber um 22 Uhr MESZ begon­nen. Aus­sa­ge­kräf­ti­ge Ergeb­nis­se dür­fen erst für Mon­tag erwar­tet wer­den.

Mehr zum The­ma — Regio­nal­wah­len in Russ­land : Rund 56 Mil­lio­nen Bür­ger wäh­len Gou­ver­neu­re und Regio­nal­par­la­men­te

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Russland : Schwache Beteiligung bei den “Wahlstreik”-Aktionen Nawalnys


von Ulrich Heyden, Mos­kau

Der Him­mel über Mos­kau war trü­be grau. Doch das tat der Stim­mung unter den 1.000 Demons­tran­ten kei­nen Abbruch, die sich am Sonn­tag auf dem Pusch­kin-Platz in Mos­kau zu einer nicht geneh­mig­ten Kund­ge­bung für einen “Wahl­streik” ver­sam­melt hat­ten. Es gab zwar kei­nen Red­ner, dafür aber vie­le Sprech­chö­re wie “Die vier­te Amts­zeit ver­bringt Putin im Gefäng­nis”, “Eins, zwei, drei – Putin tritt ab” oder “Russ­land ohne Putin”.

Die Zen­tra­le Wahl­kom­mis­si­on hat­te Ale­xej Nawal­ny nicht zu den Prä­si­dent­schafts­wah­len zuge­las­sen. Als Grund wur­de genannt, dass der Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker vor­be­straft ist. Dabei geht es um eine Bewäh­rungs­stra­fe wegen eines Kor­rup­ti­ons­falls im Umfeld von Unter­neh­men der Kirow­les-Grup­pe.

Nach­dem klar gewor­den war, dass Nawal­ny nicht an den Wah­len teil­neh­men kann, rief der Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker zum so genann­ten Wahl­streik auf. Im Rah­men die­ser Akti­on will er nun lan­des­weit für einen Wahl­boy­kott wer­ben und am Wahl­tag die Abstim­mung in den Wahl­lo­ka­len über­wa­chen. Nawal­ny behaup­tet schon jetzt, dass es dort zu Mani­pu­la­tio­nen kom­men wer­de.

Die meis­ten Beob­ach­ter sind sich jedoch einig, dass Wla­di­mir Putin kei­ne Mani­pu­la­tio­nen nötig hat, um die Wah­len zu gewin­nen. Die Popu­la­ri­täts­ra­te des Kreml-Chefs liegt nach einer Umfra­ge des unab­hän­gi­gen Lewa­da-Insti­tuts vom Okto­ber 2017 sehr hoch. Zwei Drit­tel der Befrag­ten gaben an, sie wür­den Putin wäh­len. Nawal­ny woll­te nur ein Pro­zent der Befrag­ten ihre Stim­me geben.

Die Poli­zei hielt sich zurück

Die Poli­zei hielt sich am Sonn­tag in Mos­kau auf­fal­lend zurück und griff gegen die Kund­ge­bung nicht ein. Nur ein Laut­spre­cher­wa­gen der Poli­zei gab unauf­hör­lich bekannt :

Sehr geehr­te Bür­ger ! Es gibt eine nach­drück­li­che Bit­te. Ver­las­sen Sie den Platz. Ver­sper­ren Sie nicht ande­ren Bür­gern den Weg. Wah­ren Sie Orga­ni­siert­heit und Ord­nung.

Doch nie­mand der etwa 1.000 Ver­sam­mel­ten folg­te der Auf­for­de­rung. Es war nicht das ers­te Mal, dass die Mos­kau­er Poli­zei gegen­über nicht geneh­mig­ten Nawal­ny-Kund­ge­bun­gen eine zurück­hal­ten­de Tak­tik anwen­de­te. Offen­bar will man den west­li­chen Fern­seh­sta­tio­nen nicht die gewünsch­ten Bil­der über das “auto­ri­tä­re Putin-Régime” frei Haus lie­fern.

Die Mos­kau­er Stadt­ver­wal­tung hat­te Ale­xej Nawal­ny — nicht zum ers­ten Mal — drei alter­na­ti­ve Orte für eine Kund­ge­bung ange­bo­ten, den Sokol­ni­ki-Park und die Bezir­ke Mari­no und Ljub­li­no. Alle drei Orte lie­gen außer­halb des Stadt­zen­trums. Nawal­ny lehn­te die ange­bo­te­nen Alter­na­tiv-Plät­ze mit der Bemer­kung ab, er wol­le nicht “im Wald” demons­trie­ren.

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Die Putin-Geg­ner ver­sam­meln sich auf dem Pusch­kin-Platz in Mos­kau

Prä­si­den­ten­spre­cher : Alter­na­ti­ve Kund­ge­bungs­plät­ze “demons­tra­tiv abge­lehnt”

Der Spre­cher des rus­si­schen Prä­si­den­ten, Dmi­tri Pes­kow, erklär­te am Mon­tag bei einem Jour­na­lis­ten-Brie­fing, die Demons­tra­tio­nen vom Sonn­tag fas­se der Kreml nicht als poli­ti­sche Gefahr für Prä­si­dent Wla­di­mir Putin auf. Dort, wo die Aktio­nen geneh­migt wur­den, hät­ten die Kund­ge­bun­gen auf gesetz­li­cher Grund­la­ge statt­ge­fun­den. Dort, wo die Aktio­nen nicht geneh­migt wur­den und man “demons­tra­tiv alter­na­ti­ve Vor­schlä­ge abge­lehnt” hät­te, sei­en die Kund­ge­bun­gen unge­setz­lich gewe­sen. Die Popu­la­ri­tät von Wla­di­mir Putin gehe “weit über Russ­land hin­aus”, erklär­te der Prä­si­den­ten-Spre­cher.

Es ist unwahr­schein­lich, dass jemand in Zwei­fel zieht, dass Putin in der öffent­li­chen Mei­nung der abso­lu­te Lea­der, ein Lea­der des poli­ti­schen Olymps ist, mit dem zur­zeit kaum jemand kon­kur­rie­ren kann.

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Oppo­si­ti­on nennt höhe­re Teil­neh­mer­zah­len

In 84 Städ­ten Russ­lands fan­den am Sonn­tag nach Anga­ben des Wirt­schafts­por­tals RBK so genann­te Wahl­streik-Kund­ge­bun­gen statt. Kom­mer­s­ant ver­öf­fent­lich­te dazu auch eine Foto-Gale­rie. Bis auf jene in den Städ­ten Mos­kau und St. Peters­burg waren alle die­se Kund­ge­bun­gen erlaubt.

Nach Anga­ben der Poli­zei betei­lig­ten sich an den lan­des­wei­ten Aktio­nen für einen Wahl­boy­kott ins­ge­samt 4.700 Men­schen, davon jeweils 1.000 in Mos­kau und St. Peters­burg. Nach Anga­ben aus Oppo­si­ti­ons­krei­sen lag die Teil­neh­mer­zahl in Mos­kau bei 5.000 und in St. Peters­burg bei 3.000 Men­schen.

An einer wei­te­ren Kund­ge­bung in Jeka­te­rin­burg betei­lig­ten sich nach Mit­tei­lung des RBK-Wirt­schafts­por­tals weni­ger als 1.000 Per­so­nen, obwohl sogar der Bür­ger­meis­ter der Stadt, Jew­ge­ni Rois­man, an der Akti­on teil­nahm. In Nowo­si­birsk wur­den 600 Teil­neh­mer gezählt und in Nisch­ni-Now­go­rod 550.

Das Inter­net­por­tal RBK wies dar­auf hin, dass die Teil­neh­mer­zahl bei der Kund­ge­bung am Sonn­tag in Mos­kau deut­lich unter der Teil­neh­mer­zahl der Mos­kau­er Nawal­ny-Kund­ge­bun­gen im Vor­jahr lag. Im März und Juni 2017 hat­ten sich noch 7.000 bezie­hungs­wei­se 5.000 Men­schen an Anti-Kor­rup­ti­ons-Kund­ge­bun­gen Nawal­nys betei­ligt.

Live-Über­tra­gung der Nawal­ny-Pro­tes­te aus Vil­ni­us koor­di­niert

Die Tak­tik der Mos­kau­er Poli­zei sah am Sonn­tag so aus, dass man die nicht geneh­mig­ten Kund­ge­bun­gen in Ruhe ließ, lan­des­weit aber zahl­rei­che Mit­ar­bei­ter der regio­na­len Stä­be von Nawal­ny fest­nahm. Meh­re­re Nawal­ny-Büros wur­den durch­sucht und ver­ein­zelt auch Büro­tech­nik beschlag­nahmt.

Am Sonn­tag­vor­mit­tag, die Pro­test­ak­ti­on in Mos­kau hat­te noch nicht begon­nen, bra­chen Poli­zis­ten in einem Busi­ness-Cen­ter in Mos­kau zwei Türen zu einem Stu­dio auf, in dem die Nach­rich­ten-Spre­cher des Inter­net­ka­nals Nawal­nys live über die Pro­test­ak­tio­nen im gan­zen Land berich­te­ten.

Die Live-Über­tra­gun­gen der Aktio­nen gin­gen jedoch wei­ter. Nach Anga­ben der Nesa­wis­si­ma­ja Gas­eta befand sich der Stab für die Live-Über­tra­gung nicht in Mos­kau, son­dern in der Haupt­stadt von Litau­en, Vil­ni­us.

Die Poli­zei begrün­de­te ihr Vor­ge­hen gegen das Nawal­ny-Stu­dio in Mos­kau damit, dass es eine Bom­ben­war­nung gab. Vier Mit­ar­bei­ter des Nawal­ny-Sta­bes wur­den fest­ge­nom­men.

Nawal­ny selbst wur­de auf dem Weg zur Pro­test­ak­ti­on in Mos­kau fest­ge­nom­men, in einen Gefan­ge­nen­trans­por­ter ver­frach­tet und auf die Mos­kau­er Poli­zei­wa­che Jaki­man­ko gebracht. Dort wur­de er jedoch bereits am Abend – ohne die Anfer­ti­gung eines Poli­zei-Pro­to­kolls – wie­der frei­ge­las­sen. Für die Frei­las­sung hat­te sich auch die Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin Kse­nia Sobt­schak ein­ge­setzt, wel­che vor der Wache auf­tauch­te und ihre Anhän­ger dazu auf­rief, alle bei der Kund­ge­bung ver­haf­te­ten Per­so­nen zu unter­stüt­zen.

In Mos­kau waren nach Anga­ben des oppo­si­tio­nel­len OWD-Infos 16 Per­so­nen fest­ge­nom­men wor­den. Lan­des­weit lag die Zahl der Fest­nah­men nach Anga­ben von OWD-Info bei 350 Men­schen.

Wie das Inter­net­por­tal RBK mit­teilt, lag die Zahl der Fest­ge­nom­me­nen am Sonn­tag deut­lich unter jener des Vor­jah­res. Am 26. März und 12. Juni 2017 waren allein in Mos­kau 900 bezie­hungs­wei­se 800 Per­so­nen in Gewahr­sam genom­men wor­den.

Schril­ler Anti-Putin-Gesang und die Suche nach Pro­vo­ka­teu­ren

Auf dem Pusch­kin-Platz waren am Sonn­tag hun­der­te von Han­dy- und Fern­seh­ka­me­ras im Ein­satz. Stel­len­wei­se gab es laut­star­ke Dis­kus­sio­nen mit Geg­nern von Nawal­ny, von denen eini­ge auf der Kund­ge­bung auf­ge­taucht waren.

Man sah vie­le Intel­lek­tu­el­le und Klein-Unter­neh­mer, aber auch merk­wür­di­ge Per­so­nen. Ein jun­ger Mann in schwar­zem Ano­rak — nicht älter als 23 Jah­re — imi­tier­te einen Anti-Putin-Gesang der Mai­dan-Demons­tran­ten in Kiew, “Lal­al­al­al­al lala”. Die Stim­me des jun­gen Man­nes wur­de immer lau­ter und schril­ler. Die Umste­hen­den grins­ten ver­ständ­nis­voll. “Wowa [Putin, U.H.], dass du Nawal­ny nicht zu den Wah­len zuge­las­sen hast, ist eine Her­aus­for­de­rung. Putin erge­be Dich ! Wowa, Wowot­sch­ka, wir wer­den dich mit den Zäh­nen bei­ßen.” Als einer der Älte­ren mei­nen ent­setz­ten Blick sah, mein­te er : “Das ist ein Pro­vo­ka­teur. Den habe ich bei uns noch nie gese­hen.”

An der Mos­kau­er Kund­ge­bung nahm eine auf­fäl­lig gro­ße Zahl von Jugend­li­chen teil. Ein Vier­tel der Teil­neh­mer — so die Ein­schät­zung des Autors — waren Schü­ler im Alter von 14 bis 17 Jah­ren.

Der Elft­kläss­ler Wan­ja mein­te im Gespräch :

Als ich gebo­ren wur­de, war Putin an der Macht. Jetzt ist er immer noch an der Macht. Und im Land hat sich nichts ver­än­dert. Putin – sagen wir es so – erfüllt sei­ne Auf­ga­ben nicht im bes­ten Sin­ne. Es ist eine Tat­sa­che, dass er stiehlt. Er stiehlt Geld aus dem Haus­halt. Das Lebens­ni­veau in Russ­land sinkt.

Ange­sichts der rei­chen Roh­stoff­vor­kom­men kön­ne das Leben der Men­schen in Russ­land bes­ser sein. “Alles Geld lan­det in den Taschen der Beam­ten.” Was er von den Lin­ken hal­te, von der KPRF ? “Die ver­ste­hen die Leu­te nicht. Die haben eine schlech­te Rekla­me. Nawal­ny hat sehr ein­fa­che, ver­ständ­li­che Infor­ma­tio­nen.”

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Ob es bewie­sen sei, dass Putin sich per­sön­lich aus dem rus­si­schen Haus­halt bedient ? Nawal­ny habe ent­spre­chen­de Doku­men­te ver­öf­fent­licht, so der Schü­ler. Ob er einen kon­kre­ten Fall der Berei­che­rung nen­nen kön­ne ? “Ich erin­ne­re mich gera­de an kei­nen Fall.” Was man in Russ­land vor allem ändern müs­se ? “Das Bil­dungs­sys­tem. Es ist zu for­mal.”

In dem Getüm­mel auf dem Pusch­kin-Platz kam ich auch mit einem jun­gen Paar — bei­de 16 Jah­re alt — ins Gespräch. War­um sie hier sei­en ? “Weil Nawal­ny der Ein­zi­ge ist, der die Wahr­heit sagt über die Kor­rup­ti­on im Land”, sag­te das jun­ge Mäd­chen. Ob es nicht bes­ser wäre, sich in einer der vie­len sozia­len oder öko­lo­gi­schen Initia­ti­ven im Land zu enga­gie­ren ? Dar­auf das jun­ge Mäd­chen : “Nawal­ny ver­steht es am bes­ten, den Pro­test anzu­füh­ren.”

“Wäh­len Sie Eini­ges Russ­lands — Der Preis ist die Zukunft Ihrer Kin­der”, heißt es auf einem Schild im Pro­test gegen die Regie­rungs­par­tei.

Ein Vier­zehn­jäh­ri­ger meint, Russ­land brau­che Refor­men. Putin sei zu die­sen Refor­men nicht bereit. Die Men­schen sei­en arm. Beam­te wür­den sich das Geld ein­ste­cken. Der Jun­ge sagt, er stu­die­re am pri­va­ten Hayek-Insti­tut und han­de­le mit Bit­coins.

Eine jun­ge Frau sagt, sie ver­die­ne ihr Geld mit Über­set­zun­gen. Natür­lich müs­se man etwas für die Armen in Russ­land tun, meint sie, aber “für die Armen arbei­ten” wol­le sie nicht. Ein pro­gres­si­ves Steu­er­sys­tem ein­zu­füh­ren – wie es der KPRF-Kan­di­dat dies for­dert – hält sie aber auch für falsch. Das Unter­neh­mer­tum in Russ­land müs­se sich so frei ent­wi­ckeln wie in Sin­ga­pur.

Zwei Schü­ler aus einer Stadt süd­lich von Mos­kau waren extra mit der Vor­ort­bahn ange­reist, um in Mos­kau dabei zu sein. Einer der bei­den Jun­gen sagt, sei­ne Mut­ter wis­se nicht, dass er hier ist. Sie habe nichts gegen sei­ne Teil­nah­me an der Demons­tra­ti­on, habe aber Angst, dass ihm etwas pas­siert. Nawal­ny sei doch neo­li­be­ral und habe nichts vor, um die Situa­ti­on der Armen zu ver­bes­sern, sage ich. Die bei­den wider­spre­chen. Doch, Nawal­ny habe ein Pro­gramm vor­ge­legt. Wel­ches Ide­al sie haben, wel­cher Schrift­stel­ler oder Phi­lo­soph ihnen gefällt ? “Edward Snow­den”, meint der eine. Es war also rich­tig, dass er die gehei­men Infor­ma­tio­nen ver­öf­fent­lich­te ? “Ja, es war gut, dass er die Abhör-Aktio­nen auf­ge­deckt hat.”

Nawal­ny und Saa­ka­schwi­li — Kämp­fer für einen neo­li­be­ra­len Umsturz

Die Unzu­frie­den­heit über das gerin­ge Wirt­schafts­wachs­tum von einem Pro­zent, die sin­ken­den Löh­ne, der gro­ße Anteil an Men­schen, die an der Armuts­gren­ze leben, all das hat Nawal­ny ver­sucht, in sei­nem Wahl­pro­gramm auf­zu­grei­fen. Der von der Zen­tra­len Wahl­kom­mis­si­on abge­lehn­te Kan­di­dat ver­spricht, man kön­ne die Wirt­schaft mit Steu­er­sen­kun­gen und dem Abbau büro­kra­ti­scher Bar­rie­ren für Unter­neh­mer, ankur­beln. Die Steu­er­sen­kun­gen für Unter­neh­men wür­den “eine Bar­rie­re für Lohn­er­hö­hun­gen neh­men”, ver­spricht der Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker.

Klein­un­ter­neh­men sol­len von Steu­er­zah­lun­gen kom­plett befreit wer­den und statt­des­sen nur für ein Patent bezah­len müs­sen. Mono­po­le — gemeint sind offen­bar gro­ße halb­staat­li­che Fir­men wie Gaz­prom, Ros­neft und die rus­si­sche Eisen­bahn — sol­len zer­schla­gen wer­den. Die Ren­ten­ver­si­che­rung soll kom­plett umor­ga­ni­siert wer­den. Die gro­ßen staat­li­chen Roh­stoff­kon­zer­ne sol­len grö­ße­re Finanz­mit­tel für die Ren­ten­ver­si­che­rung bereit­stel­len, wodurch sich die Ren­ten wesent­lich erhö­hen lie­ßen.

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Ein wei­te­rer Anreiz für die Wirt­schaft wer­de sein, wenn man “mit der zivi­li­sier­ten Welt Frie­den schließt”, behaup­tet der Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker in sei­nem Pro­gramm. “Wir stel­len die Aggres­si­on gegen die Ukrai­ne ein und errei­chen auf die­sem Wege die Auf­he­bung der Sank­tio­nen.” So könn­ten die rus­si­schen Unter­neh­mer wie­der “mit dem Aus­land han­deln und bil­li­ge Kre­di­te auf­neh­men”.

Nawal­ny schreibt in sei­nem Pro­gramm, die Staats­aus­ga­ben müss­ten vor allem in die Berei­che Gesund­heit und Bil­dung flie­ßen. Die Aus­ga­ben für die­se Bereich müss­ten ver­dop­pelt wer­den. Das Geld hier­für kön­ne man durch die Ver­klei­ne­rung des Beam­ten­ap­pa­ra­tes und die Ein­stel­lung “nicht effek­ti­ver Groß­pro­jek­te” bekom­men. Dar­un­ter ver­steht Nawal­ny ver­mut­lich gro­ße Sport­ver­an­stal­tun­gen, die Brü­cke zur Krim und den neu­en rus­si­schen Welt­raum­bahn­hof Wos­tok, der den Welt­raum­bahn­hof Bai­ko­nur in Kasach­stan erset­zen soll. Groß­pro­jek­te soll­ten aus­schließ­lich von Inves­to­ren und “nicht von den Steu­er­zah­lern” finan­ziert wer­den.

Auf­fäl­lig ist, dass sich die poli­ti­schen Kern­aus­sa­gen von Ale­xej Nawal­ny und dem jetzt in der Ukrai­ne akti­ven ehe­ma­li­gen geor­gi­schen Prä­si­den­ten, Michail Saa­ka­schwi­li, glei­chen. Bei­de Poli­ti­ker haben eine Uni­ver­si­täts-Aus­bil­dung in den USA absol­viert. Bei­de kämp­fen am äußers­ten Rand der Gesell­schaft für eine rech­ten, neo­li­be­ra­len Umsturz. In Russ­land ist Nawal­ny noch kei­ne Gefahr für die Macht, er kön­ne es aber wer­den, so mei­nen eini­ge Kom­men­ta­to­ren in Mos­kau, soll­ten sich unvor­her­ge­se­he­ne Ereig­nis­se im poli­ti­schen oder wirt­schaft­li­chen Bereich ereig­nen.

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