Erdgasexplosion in Wohnhaus in Russland – eine Tote, vier Vermisste, Kind aus Trümmern gerettet


Wei­te­re vier Men­schen wer­den ver­misst – der Kata­stro­phen­schutz sucht sie wei­ter­hin in den Trüm­mern ; wei­te­re zwei wer­den gera­de gebor­gen. Sie­ben Per­so­nen wur­den ver­letzt und muss­ten aus den Trüm­mern gebor­gen wer­den, zwei davon wur­den in Kran­ken­häu­ser ein­ge­lie­fert – ein Mann und ein zwei­jäh­ri­ges Kind. Das Haus, in dem 138 Per­so­nen ihren Wohn­sitz gemel­det hat­ten, wur­de geräumt und die Bewoh­ner pro­vi­so­risch in einem Gebäu­de einer nahe gele­ge­nen Schu­le unter­ge­bracht. In den vier betrof­fe­nen Woh­nun­gen waren zwölf Per­so­nen gemel­det. Der Fami­lie der ums Leben gekom­me­nen Frau wur­de schnel­le mate­ri­el­le Hil­fe zuge­si­chert.

Wie es zur Bil­dung und Ent­zün­dung des explo­si­ven Erd­gas-Luft-Gemi­sches kom­men konn­te, wird noch ermit­telt. Laut des Erd­gas­ver­sor­gers des Wohn­hau­ses, Gas­prom, wur­den an den Gas­her­den und den Zulei­tun­gen gera­de erst im Vor­jahr Kon­troll- und War­tungs­ar­bei­ten durch­ge­führt. Der Gas­not­dienst der Stadt Schach­ty mut­maßt die unsach­ge­mä­ße Lage­rung einer Gas­fla­sche mit Erd­gas oder Pro­pan in einer der Woh­nun­gen als die Quel­le der Explo­si­on. Der Gou­ver­neur der Ros­tow-Oblast schließt einen Ter­ror-anschlag aus.

Mehr zum The­ma – Poli­zei kor­ri­giert Innen­mi­nis­ter : Doch nur zwei Tote bei Gas­ex­plo­si­on in Paris

RT Deutsch


Neue Eiszeit und eine Welt in Trümmern – Teil VII : Besuch im Donbass


von Dr. Leo Ensel

Im Mai 2005 flog ich zum ers­ten Mal nach Kiew. Wie so oft war es das Goe­the-Insti­tut, das mich ein­ge­la­den hat­te, ein inter­kul­tu­rel­les Trai­ning, die­ses Mal mit ukrai­ni­schen Deutsch­leh­re­rin­nen, durch­zu­füh­ren. Da ich im Jahr zuvor inten­siv zur Kriegs­rou­te mei­nes Groß­va­ters recher­chiert hat­te, die ihn vom Juni 1941 bis Juli 1943 quer durch die Ukrai­ne über den Don­bass in den Kau­ka­sus und dann auf die Halb­in­sel Taman am Asow­schen Meer führ­te, woll­te ich die Gele­gen­heit unbe­dingt nut­zen, auch in den Don­bass zu fah­ren, wo mein Groß­va­ter von Novem­ber 1941 bis Juli 1942 in den Städ­ten Kon­stan­ti­now­ka und Artemowsk (bei­de 80 Kilo­me­ter nörd­lich von Donezk) ein Armee­la­za­rett gelei­tet hat­te.

Mein sen­ti­men­ta­ler Traum : genau dort, wo mein Groß­va­ter im II. Welt­krieg als Sol­dat sein muss­te, inter­kul­tu­rel­le Trai­nings durch­zu­füh­ren und Men­schen ken­nen­zu­ler­nen, die mir bei den Recher­chen vor Ort und beim Kon­takte­knüp­fen mit Vete­ra­nen behilf­lich sein könn­ten. Mit Semi­na­ren in den genann­ten Städ­ten klapp­te es zwar nicht, weil das Goe­the-Insti­tut dort kei­ne Part­ner­or­ga­ni­sa­tio­nen hat­te, dafür mach­te es das Kie­wer Goe­the-Insti­tut aber mög­lich, dass ich Semi­na­re in Donezk und Gor­low­ka (ukrai­nisch : Hor­liw­ka, 40 Kilo­me­ter süd­lich der bei­den Städ­te) – wo mein Groß­va­ter eben­falls zeit­wei­se gewe­sen war – durch­füh­ren konn­te. Ich ver­trau­te fest auf das Prin­zip “Ich ken­ne jeman­den, der kennt jeman­den”, das im post­so­wje­ti­schen Raum ja so gut funk­tio­niert. Irgend­wie wür­de ich über mei­ne Semi­na­re schon eine Per­son ken­nen­ler­nen, die mich nach Artemowsk (heu­te wie­der, wie bis 1924 : Bach­mut) und Kon­stan­ti­now­ka (ukrai­nisch : Kost­jan­ty­niw­ka) brin­gen, viel­leicht sogar aus einem der Orte stam­men wür­de.

Kiew im Mai. Über­all blüh­ten die Kas­ta­ni­en­bäu­me, an den Stra­ßen­rän­dern ver­kauf­ten die ukrai­ni­schen Babusch­kas Flie­der und Mai­glöck­chen, die Stadt war im European-Song-Con­test-Fie­ber. Im Jahr zuvor hat­te die Ukrai­ne den Wett­be­werb gewon­nen, nun wur­de er in Kiew aus­ge­tra­gen. Auf dem Mai­dan, dem Krescht­scha­tik und dem Andre­as­steig herrsch­te ein bun­tes Durch­ein­an­der von Stän­den mit Devo­tio­na­li­en der Oran­gen Revo­lu­ti­on, Orden, aus­ran­gier­ten Uni­for­men und ande­ren Mili­ta­ria von Wehr­macht und Roter Armee sowie einem Bücher­tisch mit sämt­li­chen Klas­si­kern der anti­se­mi­ti­schen Lite­ra­tur, von den “Wei­sen von Zion” bis zu Hit­lers “Mein Kampf” auf Rus­sisch und Deutsch – gedruckt in Mos­kau. 

Mein ein­wö­chi­ges Semi­nar ver­lief wie im post­so­wje­ti­schen Raum üblich. Die Ger­ma­nis­tin­nen waren hoch­mo­ti­viert, die prä­sen­tier­ten Deutsch­land­bil­der genau wie in Russ­land, Bela­rus und Kasach­stan, die Arbeit mach­te uns allen gro­ßen Spaß. Nahe­zu alle Teil­neh­me­rin­nen sym­pa­thi­sier­ten mit der Oran­gen Revo­lu­ti­on, eini­ge hat­ten sich an den Mai­dan-Demons­tra­tio­nen ein hal­bes Jahr zuvor aktiv betei­ligt, eine gewis­se Ernüch­te­rung war aller­dings bereits spür­bar. 

Am Sonn­tag, den 22. Mai bestieg ich um 19 Uhr den Zug nach Donezk.

End­lich im Don­bass

Als ich am nächs­ten Mor­gen um 7 Uhr 750 Kilo­me­ter wei­ter öst­lich in Donezk ankam, fand ich mich in einer ande­ren Welt wie­der. Schon um die­se Uhr­zeit war es sehr heiß. Bereits auf dem wei­ten Weg ins Zen­trum sah ich die ers­ten Терриконов, die gro­ßen Abraum­hal­den vom Koh­le­ab­bau, die mit­ten in der Stadt an vie­len Orten anzu­tref­fen sind und im Stadt­bild wie in der gan­zen Regi­on cha­rak­te­ris­ti­sche Akzen­te set­zen. Donezk, 1,1 Mil­lio­nen Ein­woh­ner, Haupt­stadt des Don­bass, Zen­trum der Schwer­indus­trie in der Ost­ukrai­ne und 150 Jah­re jung. Keim­zel­le der Stadt war eine Sied­lung um eine metall­ur­gi­sche Fabrik, die 1869 von dem Wal­li­ser John Hug­hes gegrün­det wur­de – daher auch der rus­si­fi­zier­te Name, den die Stadt bis zum Jah­re 1924 trug : Jusow­ka. Zwi­schen 1924 und 1961, also auch zur Zeit der deut­schen Besat­zung, führ­te sie den Namen Sta­li­no. Stadt und Umland, das wuss­te ich, hat­ten wäh­rend des Krie­ges fürch­ter­lich gelit­ten.

Nach der Befrei­ung Anfang Sep­tem­ber 1943 waren im Gebiet Sta­li­no Mas­sen­grä­ber mit ins­ge­samt über 300.000 Men­schen – Zivi­lis­ten und sowje­ti­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen – gefun­den wor­den, die von den deut­schen Besat­zern erschos­sen, erhängt, mit Gas erstickt oder leben­dig die För­der­schäch­te hin­ab­ge­sto­ßen wor­den waren oder in den Lagern (vor allem sowje­ti­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne) an Hun­ger, Käl­te, Ent­kräf­tung und Seu­chen gestor­ben waren. Wie über­all hat­ten die Deut­schen Tau­sen­de Juden erschos­sen oder mit Gas­wa­gen ermor­det. Gro­ße Tei­le der jün­ge­ren Bevöl­ke­rung waren als Zwangs­ar­bei­ter “ins Reich” depor­tiert wor­den, der vor Ort ver­blie­be­ne vor­wie­gend älte­re Teil hun­ger­te fast zwei Jah­re lang, da die 17. Armee, die das Gebiet mit 250.000 Mann und 65.000 Pfer­den besetzt hielt, sich “aus dem Lan­de” ernäh­ren soll­te, um die Lebens­mit­tel­ver­sor­gung “im Reich” nicht zu belas­ten. Nach Ende der Kampf­hand­lun­gen war die Stadt fast voll­stän­dig zer­stört.

Es war mein Geburts­tag. Ich wur­de 51, und es ging mir sehr ans Herz, als ich mir klar­mach­te, dass im Febru­ar 1942 mein Groß­va­ter 80 Kilo­me­ter wei­ter nörd­lich in Kon­stan­ti­now­ka unter gänz­lich ande­ren Umstän­den eben­falls 51 Jah­re alt gewor­den war. Ich war ein­fach nur dank­bar, dass ich nie­mals Krieg erle­ben und nicht als Besat­zer im Don­bass sein muss­te, son­dern mich hier mit mei­nen Fähig­kei­ten nütz­lich machen konn­te und viel­leicht sogar mit den vie­len Fotos mei­nes Groß­va­ters, die er in Kon­sta­ti­now­ka und Artemowsk auf­ge­nom­men hat­te, noch einen spä­ten Bei­trag zur Ver­söh­nung mit den Men­schen vor Ort leis­ten könn­te.

Wir fuh­ren an einer neu­erbau­ten ortho­do­xen Kir­che vor­bei, die brei­ten Stra­ßen und gro­ßen Gebäu­de, vie­le von ihnen im Sta­lin­stil der Fünf­zi­ger­jah­re, waren über­ra­schend gut in Schuss. Ich sah – womit ich gera­de in die­ser Gegend nicht gerech­net hat­te – vie­le groß­zü­gig ange­leg­te Grün­an­la­gen, zwei gro­ße künst­li­che Seen, die das Stadt­zen­trum ein­rahm­ten, und mei­ne Beglei­te­rin klär­te mich auf, dass Donezk nicht nur Stadt der Schwer­indus­trie, son­dern auch die “Stadt der Mil­lio­nen Rosen” sei. Das erin­ner­te mich an Lipezk in der Schwarz­er­de­re­gi­on : Kur­ort und eben­falls Zen­trum der Schwer­indus­trie – solch aben­teu­er­li­che Kom­bi­na­tio­nen gab es nur in der Sowjet­uni­on ! Nach eini­gen Tagen im Don­bass konn­te ich den Stolz der Donez­ker auf die “Mil­lio­nen Rosen”, von denen man in der Tat vie­le im Stadt­zen­trum bewun­dern konn­te, bes­ser ver­ste­hen. Alles war in mühe­vol­ler Arbeit der Step­pe abge­run­gen wor­den.

Die ehe­ma­li­ge Sowjet­uni­on ist das Land der unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten, und nach mei­nem Semi­nar in Donezk hat­te ich wie erhofft zwei Frau­en gefun­den, die mir wei­ter­hel­fen konn­ten : Mari­na woll­te mit mir nach Artemowsk fah­ren, und Lili­ja stamm­te sogar aus Kon­stan­ti­now­ka ! Dazu hat­te man mir zum Geburts­tag eine Fla­sche Krim­sekt aus der Artemowsker Sekt­kel­le­rei geschenkt. Bereits einen Tag spä­ter war ich in der Stadt, in der mein Groß­va­ter vom 19. Dezem­ber 1941 bis zum 12. Janu­ar 1942 ein Kriegs­la­za­rett gelei­tet hat­te.

Neue Eiszeit und eine Welt in Trümmern – Teil VII: Besuch im Donbass
Kon­stan­ti­now­ka im Win­ter 194142 zur Zeit der deut­schen Besat­zung. (Auf­nah­me des Groß­va­ters des Autors)

Die Mau­er der Trä­nen

Hüge­li­ge Step­pen­land­schaft mit Ter­riko­nen und Dat­schas auf der stau­bi­gen Stre­cke von Donezk über Gor­low­ka nach Artemowsk, einer Stadt, die auf­grund der nahe­ge­le­ge­nen Gips- und Salz­stol­len lan­ge vom Salz­han­del gelebt hat­te. Das Kran­ken­haus­ge­bäu­de, in dem mein Groß­va­ter gear­bei­tet hat­te, war schnell gefun­den. Aber im Hei­mat­mu­se­um, wo ich der Lei­te­rin eine CD mit Fotos über­gab, die mein Groß­va­ter wäh­rend der Besat­zungs­zeit von der Stadt auf­ge­nom­men hat­te, erleb­te ich einen Schock. Ich sah ein Pla­kat mit fol­gen­dem Auf­druck in rus­si­scher Spra­che :

Mitt­woch, den 07.01.1942

Auf­ruf an die Juden der Stadt Bach­mut

Aus Grün­den einer iso­lier­ten Unter­brin­gung haben sich alle Juden der Stadt Bach­mut, Män­ner und Frau­en aller Alters­grup­pen, am Frei­tag, dem 9. Janu­ar um 8.00 Uhr mor­gens im Raum des ehe­ma­li­gen Eisen­bahn-NKWD-Gebäu­des im Park ein­zu­fin­den.

  1. Jede Per­son darf Gepäck bis zu 10 kg und auch Lebens­mit­tel­vor­rä­te für acht Tage dabei haben.
  2. Am oben erwähn­ten Sam­mel­punkt sind Woh­nungs­schlüs­sel mit Anga­ben des Namens und der Adres­se (Stra­ße und Haus­num­mer) des Woh­nungs­be­sit­zers abzu­ge­ben.

Ein­tritt in lee­re jüdi­sche Woh­nun­gen und Mit­nah­me irgend­wel­cher Gegen­stän­de aus die­sen Woh­nun­gen durch Zivi­lis­ten ist als Plün­de­rung anzu­se­hen und wird mit dem Tode bestraft.

  1. Nicht­be­ach­tung die­ser Anord­nung, ins­be­son­de­re unpünkt­li­ches Erschei­nen oder Abwe­sen­heit am ange­ge­be­nen Sam­mel­ort, wird aufs Strengs­te bestraft.
  2. Juden, die irgend­wo ange­stellt sind, haben zu kün­di­gen.

Der Bür­ger­meis­ter

Die Lei­te­rin des Hei­mat­mu­se­ums erzähl­te mir den wei­te­ren Ver­lauf der Ereig­nis­se : Zwi­schen dem 9. und 12. Janu­ar 1942 wur­den cir­ca 3.000 Juden aus der Stadt von Mit­glie­dern der Ein­satz­grup­pe C unter logis­ti­scher Mit­hil­fe der 17. Armee in einen Stol­len eines ehe­ma­li­gen Gips-Berg­werks nahe der Stadt ver­frach­tet und dort 50 – 70 Meter unter der Erde bei leben­di­gem Lei­be ein­ge­mau­ert. Um die Akti­on zu ver­tu­schen, wur­den die Wän­de des Stol­lens abge­sprengt. Im Sep­tem­ber 1943, nach der Befrei­ung der Stadt durch die Rote Armee, wur­den nach eini­gem Suchen die Lei­chen ent­deckt und gebor­gen.

Da die Lei­chen auf­grund der unge­wöhn­li­chen Kli­ma­ver­hält­nis­se im Stol­len (per­ma­nen­te Tem­pe­ra­tur von zwölf bis 14 Grad Cel­si­us sowie eine Luft­feuch­tig­keit von 88 – 90 Pro­zent) nicht ver­west, son­dern mumi­fi­ziert waren, konn­te eine Rei­he von ihnen iden­ti­fi­ziert wer­den. Die Umstän­de der Ermor­dung der Artemowsker Juden waren nach dem Krie­ge Gegen­stand der Nürn­ber­ger Pro­zes­se.

9. – 12. Janu­ar 1942. Das war genau wäh­rend der Zeit, als mein Groß­va­ter in Artemowsk das Kriegs­la­za­rett gelei­tet hat­te. Schwer vor­stell­bar, dass er davon nichts mit­be­kom­men hät­te ! 

Aber die Geschich­te geht noch wei­ter : Es stell­te sich näm­lich her­aus, dass genau die kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen, die die Mumi­fi­zie­rung der Lei­chen bewirkt hat­ten, zugleich idea­le Bedin­gun­gen für die Her­stel­lung von Sekt sind. Im Jah­re 1950 wur­de daher in dem­sel­ben Berg­werk eine Fabrik für den Krim­sekt “Artemow­sko­je” ein­ge­rich­tet. Genau der Sekt, den man mir einen Tag zuvor zum Geburts­tag geschenkt hat­te !

Neue Eiszeit und eine Welt in Trümmern – Teil VII: Besuch im Donbass
Kon­stan­ti­now­ka im Win­ter 194142 zur Zeit der deut­schen Besat­zung. (Auf­nah­me des Groß­va­ters des Autors)

Als ich drei Tage danach noch­mals nach Artemowsk fuhr, besich­tig­te ich auch die Sekt­fa­brik und ließ mich durch die tief unter der Erde gele­ge­nen Salz­stol­len füh­ren. Die Lei­te­rin der Besich­ti­gung erzähl­te von sich aus die gesam­te Geschich­te und führ­te uns auch zu dem ent­spre­chen­den Ort, zur “Mau­er der Trä­nen”, aus der aus bis­lang unge­klär­ten Grün­den immer wie­der Was­ser­trop­fen her­vor­quil­len. Dort hat­te man eine klei­ne Gedenk­stel­le mit ein­ge­las­se­nen Skulp­tu­ren, Blu­men und Leuch­ten ein­ge­rich­tet, die ent­fernt an eine Sei­ten­ka­pel­le erin­nert.

Mei­nen spon­ta­nen Vor­satz, nie­mals wie­der “Artemow­sko­je” zu trin­ken, habe ich nicht ein­ge­hal­ten. Aber jedes Mal den­ke ich zuvor an die “Mau­er der Trä­nen”.

Erfro­re­ne Füße sind erfro­re­ne Füße!”

Es war mein vier­ter Tag im Don­bass, als ich mit der Elek­tritsch­ka vom Eisen­bahn­kno­ten­punkt Donezk-Make­jew­ka in die Indus­trie­stadt Kon­stan­ti­now­ka fuhr, wo mein Groß­va­ter fast ein hal­bes Jahr lang ein Armee­la­za­rett gelei­tet hat­te. Die­ser Zeit­raum war nicht nur durch sei­ne Tages­no­ti­zen, son­dern auch mit über 50 Fotos gut doku­men­tiert, die neben dem Laza­ret­tall­tag auch die Stadt selbst und auch eini­ge Frau­en aus der loka­len Bevöl­ke­rung zeig­ten, die von den Deut­schen für die Arbeit im Laza­rett dienst­ver­pflich­tet wor­den waren. Ich woll­te dies­mal nicht nur Orte veri­fi­zie­ren, son­dern mich vor allem mit Vete­ra­nen tref­fen, um von ihnen zu erfah­ren, wie sie die Zeit der deut­schen Besat­zung erlebt hat­ten. Lili­ja, die ich am Mon­tag in Donezk ken­nen­ge­lernt hat­te, hat­te das typisch sowje­ti­sche Impro­vi­sa­ti­ons­kunst­stück fer­tig­ge­bracht, inner­halb kür­zes­ter Zeit in ihrer Hei­mat­stadt alles zu orga­ni­sie­ren.

Neue Eiszeit und eine Welt in Trümmern – Teil VII: Besuch im Donbass
Kon­stan­ti­now­ka im Win­ter 194142 zur Zeit der deut­schen Besat­zung. (Auf­nah­me des Groß­va­ters des Autors)

Klop­fen­den Her­zens betrat ich mit Lili­ja den klei­nen Raum der Vete­ra­nen in der Stadt­ver­wal­tung von Kon­stan­ti­now­ka. Dort saßen etwa zehn älte­re Frau­en, fast alle über 70, und ein sehr vita­ler gleich­alt­ri­ger Mann, die mich gespannt anschau­ten. Die Lokal­zei­tung hat­te eine Jour­na­lis­tin geschickt, die eif­rig mit­schrieb. Ich erzähl­te den Men­schen, dass ich ihnen guten Gewis­sens sagen kön­ne, dass mein Groß­va­ter als beken­nen­der Katho­lik – Lili­ja über­setz­te “Katho­li­ker” – und Lei­ter eines katho­li­schen Kran­ken­hau­ses kein Faschist war. Er ging dem Régime gegen­über so weit es ging auf Distanz und wur­de ein­mal sogar von der Gesta­po vor­ge­la­den, weil er ver­sucht hat­te, sei­ne jüdi­schen Ärz­te­kol­le­gen so lan­ge wie mög­lich am Kran­ken­haus zu hal­ten. Nach dem Krieg hat­te er mit viel Wär­me über die Men­schen in der Sowjet­uni­on gespro­chen und dabei auch zwei medi­zi­ni­sche Mit­ar­bei­te­rin­nen aus Kon­stan­ti­now­ka nament­lich erwähnt.

Aber natür­lich war er ein Okku­pant – wenn auch ein Okku­pant wider Wil­len. Auch er habe, wie alle deut­schen Besat­zer, ihnen das Essen weg­ge­ges­sen. Ich kön­ne ihnen anhand sei­ner Tages­no­ti­zen sogar noch sagen, was er Weih­nach­ten 1941 im Don­bass ver­speist habe : Schwei­ne­bra­ten, “Pute und mäch­ti­ge Weih­nachts­stol­len”! Ich frag­te die Vete­ra­nin­nen, was sie denn wäh­rend der Okku­pa­ti­ons­zeit geges­sen hät­ten. Die Alten schau­ten mich an wie ein Auto : “Was wir geges­sen haben ? – Gras und ver­faul­te Kar­tof­feln haben wir geges­sen!”

Ich zeig­te ihnen Fotos mei­nes Groß­va­ters aus den ver­schie­de­nen Pha­sen sei­nes Lebens – und als wir beim Alter von 65, 70 Jah­ren ange­kom­men waren, da ging auf ein­mal in den Gesich­tern der Babusch­kas die Son­ne auf : “Was für ein sym­pa­thi­scher Mann!”

Natür­lich erreg­ten die Fotos von Kon­stan­ti­now­ka wäh­rend der Besat­zungs­zeit größ­tes Inter­es­se. “Das sind die ers­ten Fotos unse­rer Stadt aus der Zeit der Besat­zung ! Wir hat­ten bis jetzt kei­ne!” Ich woll­te ger­ne eini­ge Orte veri­fi­zie­ren und zeig­te ihnen Fotos des Armee­la­za­retts. Die alten Men­schen erkann­ten es sofort : „Наша, наша, наша!! Наша хирургия!“ (“Unse­re Chir­ur­gie!”). Die deut­schen Besat­zer hat­ten sich mit ihrem Laza­rett in der Chir­ur­gie des Städ­ti­schen Kran­ken­hau­ses ein­quar­tiert. Alle fin­gen sofort an zu rät­seln, wer wohl die abge­bil­de­ten loka­len medi­zi­ni­schen Mit­ar­bei­te­rin­nen mei­nes Groß­va­ters gewe­sen sein könn­ten. Als es an die Fotos vom Laza­ret­tall­tag ging, warn­te ich die Vete­ra­nin­nen : “Ich kann Ihnen die Fotos zei­gen. Dar­un­ter sind auch Fotos von erfro­re­nen Füßen. Aber ich muss Ihnen sagen, dass dies natür­lich Fotos von erfro­re­nen Füßen der deut­schen Besat­zer sind ! Wol­len Sie sie den­noch sehen?” – Die Ant­wort der ukrai­ni­schen Babusch­kas aus dem Don­bass : “Erfro­re­ne Füße sind erfro­re­ne Füße!” Ich hät­te sie küs­sen kön­nen.

Es war wie immer : Von Hass kei­ne Spur ! Dafür die Erleich­te­rung, ja fast Dank­bar­keit, dass sich end­lich, end­lich mal jemand aus dem Land der Besat­zer für ihre Erfah­run­gen inter­es­sier­te ! Immer wie­der wur­de betont, die deut­schen Ärz­te im Kran­ken­haus hät­ten auch Men­schen aus der loka­len Bevöl­ke­rung behan­delt. Ich schenk­te den Vete­ra­nen zum Abschied eine CD mit allen Fotos. Sie ver­ab­schie­de­ten mich mit viel Wär­me und über­reich­ten mir im Gegen­zug das Gedenk­buch für die Opfer ihres Oblasts (Regie­rungs­be­zirks).

Mein Besuch hat­te ein Echo in der Lokal­pres­se. Der Arti­kel der Jour­na­lis­tin ent­hielt einen Auf­ruf an die alten Men­schen, Erfah­rungs­be­rich­te aus der Okku­pa­ti­ons­zeit zu ver­fas­sen und an die Lokal­zei­tung zu sen­den. Eini­ge Wochen spä­ter erschie­nen, illus­triert mit Fotos mei­nes Groß­va­ters vom Besat­zungs­all­tag in Kon­stan­ti­now­ka, vier Berich­te, von denen ich zwei aus­zugs­wei­se zitie­re.

22 Mona­te Hun­ger, Ernied­ri­gun­gen und Angst

In den ers­ten Kriegs­jah­ren ist mein Mann an die Front gegan­gen. Seit­dem habe ich ihn nicht mehr gese­hen. Die­ser Ver­lust und 22 lan­ge Mona­te der Besat­zung – das war das Schreck­lichs­te in mei­nem Leben. Die Fens­ter unse­res Hau­ses gin­gen auf die zen­tra­le Stra­ße, die Kras­na­ja. Ich habe gese­hen, wie durch die­se Stra­ße fast jeden Tag Leu­te getrie­ben wur­den. Zuerst waren das unse­re Kriegs­ge­fan­ge­nen : ins KZ oder zum Erschie­ßen. Spä­ter wur­den die Arbei­ter und die Jugend zum Bahn­hof getrie­ben, wo auf sie die Güter­wag­gons nach Deutsch­land war­te­ten. Wer aus der Rei­he her­aus­lief, wur­de an Ort und Stel­le erschos­sen. Bis jetzt höre ich noch das schau­er­li­che Geschrei einer Frau in mei­nen Ohren, deren Bru­der vor ihren Augen erschos­sen wur­de.

Um nicht “Ost­ar­bei­ter” zu wer­den, kratz­te ich mir und den Kin­dern Füße und Bei­ne auf und rieb sie danach mit Knob­lauch ein, damit sie anschwol­len. So haben das damals vie­le gemacht : Die Deut­schen glaub­ten, es sei eine Infek­ti­on, und schick­ten die­se Leu­te nicht zur Depor­ta­ti­on.

Nicht weit von uns befand sich die Gesta­po. Es gab kei­nen Tag, an dem nicht eine Per­son dort­hin zur Ver­neh­mung geführt wur­de. Nur sehr weni­ge kamen dort wie­der her­aus. Es sei denn, dass sie in den gedeck­ten Plan­wa­gen außer­halb der Stadt zum Erschie­ßen hin­aus­ge­fah­ren wur­den. Die­ses Los traf auch sehr vie­le Arbei­ter unse­rer Glas­fa­brik. Ich wohn­te stän­dig in Angst und war­te­te, dass ich ein­mal abge­holt wür­de.

Die Erin­ne­run­gen an die­se Ereig­nis­se las­sen mich noch bis jetzt nachts nicht ein­schla­fen. Und an etwas Gutes kann ich mich nicht erin­nern.

A. F. Bul­jans­ka­ja

Sie hat­ten auch Kin­der

Ich war damals drei Jah­re alt. Ich erin­ne­re mich selbst nicht, aber mein älte­rer Bru­der hat mir Fol­gen­des erzählt : Unse­re Mut­ter ließ uns für vie­le Wochen allein und ging in die Dör­fer, um Klei­dung gegen Essen zu tau­schen. Ein­mal gab es im Hau­se kein Brot und kei­nen Zwie­back mehr, und die Mut­ter war noch nicht zurück­ge­kehrt. Wir aßen schon drei Tage lang nichts, ich wein­te stän­digm und mein Bru­der konn­te es nicht mehr ertra­gen. Da führ­te er mich an den Zaun des deut­schen Laza­retts, das sich in der Schu­le Nr. 1 befand. Zu Hau­se erschrak er : Er kehr­te zurück – aber ich war nicht mehr da ! Bis zum Abend stand er vor dem Zaun, er wur­de ver­trie­ben und ver­steck­te sich in der Hoff­nung, dass ich irgend­wo in der Nähe umher­schlen­dern und mich sehen las­se wür­de. Sonst wür­de die Mut­ter ihn “töten”!

Neue Eiszeit und eine Welt in Trümmern – Teil VII: Besuch im Donbass
Kon­stan­ti­now­ka im Win­ter 194142 zur Zeit der deut­schen Besat­zung. (Auf­nah­me des Groß­va­ters des Autors)

Als es zu däm­mern begann, öff­ne­te sich die Zaun­tür, und ein Deut­scher kam mit einem Laib Brot in den Hän­den und führ­te mich hin­aus. Der Saum mei­nes Hemd­chens war voll­ge­stopft mit Gebäck und Bon­bons. Dem Bru­der wur­de befoh­len, mich mor­gen wie­der hin­zu­füh­ren. So viel er ver­stan­den hat, hat es den im Laza­rett behan­del­ten Frit­zen gefal­len, mit dem auf­ge­dun­se­nen Kind, das rosa­far­bi­ge Wan­gen hat­te, zu spie­len – vie­le von ihnen hat­ten doch zu Hau­se auch Kin­der.

Spä­ter tauch­te bei mir noch ein “Freund” auf – aus der Brot­wa­ren­fa­brik gegen­über vom Laza­rett. Er hieß Paul, und immer, wenn er mich durch das Fens­ter sah, hat­te er für uns ein Vier­tel und manch­mal die Hälf­te eines hei­ßen Bro­tes. Ich selbst kann mich schon dar­an erin­nern. Beson­ders, als Paul ein­mal nicht hin­aus­kam. Wir stan­den mit dem Bru­der und war­te­ten. Plötz­lich wur­de “unser” Deut­scher in Hand­schel­len hin­aus­ge­führt, und man begann, ihn in das gedeck­te Fahr­zeug hin­ein­zu­sto­ßen. Ich lief zu ihm und er rief : “Lebe wohl, Edward!” Das Fahr­zeug fuhr weg. Und ich fiel auf den Weg hin und wein­te lan­ge.

E. Kar­pu­now

Nach­trag

Wäh­rend der gan­zen Woche mei­nes dama­li­gen Auf­en­halts im Don­bass habe ich kei­nen ein­zi­gen Men­schen getrof­fen, der für die Oran­ge Revo­lu­ti­on gewe­sen wäre. Alle zeig­ten sich deut­lich reser­viert gegen­über die “Kie­wern” und den Men­schen im Wes­ten des Lan­des. Und es schwan­gen, deut­lich ver­nehm­bar, Krän­kun­gen mit : “Die haben uns wäh­rend der Wahl­kämp­fe Быдло (Hor­noch­sen) genannt!” Mir wur­de klar, dass eine gan­ze Regi­on hier völ­lig anders “tickt” – am ehes­ten viel­leicht ver­gleich­bar mit den Bay­ern in Deutsch­land.

Gor­low­ka gehört jetzt zur selbst­er­nann­ten Donez­ker Volks­re­pu­blik. Kon­stan­ti­now­ka war zeit­wei­se von den Rebel­len besetzt, wur­de aber im Som­mer 2014 von Trup­pen der Kie­wer Zen­tral­ge­walt zurück­er­obert. Artemowsk heißt seit 2016 wie­der Bach­mut und ist jetzt ein Vor­pos­ten der ukrai­ni­schen Armee. Die Eisen­bahn­li­nie Donezk-Kon­stan­ti­now­ka wur­de gekappt. Eine Bus­fahrt, die meh­re­re Grenz­pos­ten pas­sie­ren muss, dau­ert jetzt acht Stun­den.

(Die letz­te Fol­ge der Serie erscheint am Sonn­tag, den 15. April 2018. Die vor­he­ri­gen Fol­gen fin­den Sie hier.)

Dr. Leo Ensel (“Look at the other side!”) ist Kon­flikt­for­scher und inter­kul­tu­rel­ler Trai­ner mit Schwer­punkt “Post­so­wje­ti­scher Raum und Mit­tel-/Ost-Euro­pa”. Autor einer Rei­he von Stu­di­en über die wech­sel­sei­ti­ge Wahr­neh­mung von Rus­sen und Deut­schen. Im Neu­en Ost-West-Kon­flikt gilt sein Haupt­an­lie­gen der Über­win­dung fal­scher Nar­ra­ti­ve, der Dees­ka­la­ti­on und der Rekon­struk­ti­on des Ver­trau­ens.

RT Deutsch bemüht sich um ein brei­tes Mei­nungs­spek­trum. Gast­bei­trä­ge und Mei­nungs­ar­ti­kel müs­sen nicht die Sicht­wei­se der Redak­ti­on wider­spie­geln.

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Neue Eiszeit und eine Welt in Trümmern – Teil III : Der Friedhof der Dörfer


von Dr. Leo Ensel

Vor fast drei­ßig Jah­ren, zu Pere­stroi­ka­zei­ten, nahm ich im Herbst 1988 an einer vom Frie­dens­netz des CVJM orga­ni­sier­ten Frie­dens- und Ver­söh­nungs­rei­se in die Sowjet­uni­on teil, die uns unter ande­rem nach Minsk, Mos­kau und Lenin­grad führ­te. Wir woll­ten mit eige­nen Augen sehen und mit eige­nen Ohren hören, wel­che Ver­bre­chen Deut­sche wäh­rend des II. Welt­krie­ges den Men­schen in der Sowjet­uni­on ange­tan hat­ten. In Weiß­russ­land besuch­ten wir die Gedenk­stät­te Chatyn.(1) Hier auf der Stre­cke zwi­schen Minsk und Witebsk gibt es einen Fried­hof, der auf der Welt wohl ein­ma­lig ist : Den “Fried­hof der Dör­fer”. Ein Fried­hof für 186 bela­rus­si­sche Dör­fer, die wäh­rend des Anti­par­ti­sa­nen­kamp­fes 1943 von den Deut­schen abge­fa­ckelt und spä­ter nie wie­der auf­ge­baut wur­den. – Nach die­sem Besuch, der mich tief beein­druck­te, schrieb ich mir eini­ge Mona­te spä­ter den fol­gen­den Text.

Cha­tyn, die Gedenk­stät­te für Hun­der­te von zer­stör­ten weiß­rus­si­schen Dör­fern, für 260 Lager auf dem Gebiet von Bela­rus und für zwei­ein­halb Mil­lio­nen Men­schen aus Weiß­russ­land, die wäh­rend des II. Welt­krie­ges von den Deut­schen ermor­det wur­den.

Ausch­witz, Buchen­wald und Ber­gen-Bel­sen – das waren Orte, die für mich schon immer mit den Gräu­el­ta­ten der Nazis ver­bun­den waren. Aber von Cha­tyn hat­te ich bis kurz vor unse­rer Rei­se in die Sowjet­uni­on noch nie etwas gehört. Auch, dass es so vie­le Lager in der UdSSR gege­ben hat­te, war mir neu. Ja, dass die rus­si­sche Bevöl­ke­rung 20 Mil­lio­nen Opfer im Zwei­ten Welt­krieg zu bekla­gen hat­te, das hat­te ich schon gewusst. (2) Aber was sind schon Zah­len ! Erst kon­kre­te Bei­spie­le von Men­schen aus Fleisch und Blut hel­fen der trä­gen Phan­ta­sie auf die Sprün­ge.

Cha­tyn ist so ein Bei­spiel. Am 22. Mai 1943 wur­den hier alle 150 Ein­woh­ner des Dor­fes vom SS-Son­der­kom­man­do Dir­lewan­ger aus ihren Häu­sern in die Dorf­scheu­ne getrie­ben. Kur­ze Zeit spä­ter brann­te bereits die Scheu­ne lich­ter­loh, wie auch alle übri­gen Häu­ser des Dor­fes. Bis auf den Schmied Josef Kamin­ski ver­brann­ten alle Ein­woh­ner leben­di­gen Lei­bes, dar­un­ter 75 Kin­der. Cha­tyn ist nur eines von 186 weiß­rus­si­schen Dör­fern, die von den Deut­schen zer­stört und nie­mals wie­der auf­ge­baut wur­den. Damit aber nicht genug. 628 Dör­fer Weiß­russ­lands wuden mit allen Ein­woh­nern ver­nich­tet, zudem 4.667 Dör­fer mit einem Teil ihrer Ein­woh­ner.

Ein schwe­rer Weg der Erin­ne­rung

Man sieht unse­rer Mins­ker Rei­se­lei­te­rin Lud­mi­la an, dass auch für sie der Gang durch Cha­tyn jedes Mal wie­der zu einer Belas­tung wird. Zeit­wei­se muss sie sich sehr zusam­men­neh­men. Wir gehen an der Sta­tue vor­bei, die Josef Kamin­ski zeigt. Mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen und wal­len­dem Haar trägt er die Lei­che sei­nes Soh­nes dem Betrach­ter ent­ge­gen. Dahin­ter die Schorn­stei­ne und Grund­mau­ern der 26 Höfe von Cha­tyn. Das ist alles, was von den Häu­sern übrig geblie­ben ist. In Beton gegos­sen, ste­hen sie noch heu­te. In jedem Schorn­stein hängt eine Glo­cke, und jede hal­be Minu­te weht ein Läu­ten über das Gelän­de. In jedem Schorn­stein sind auf einer Tafel die Namen der Bewoh­ner des Hau­ses und das Alter der Kin­der ange­ge­ben. Auf dem Grab der Men­schen von Cha­tyn, ein­ge­mei­ßelt in eine wei­ße Mar­mor­plat­te, ste­hen die Wor­te :

Ihr lie­ben Mit­men­schen, denkt dar­an : Wir haben das Leben, unse­re Hei­mat und Euch geliebt. Leben­di­gen Lei­bes sind wir ver­brannt. Wir bit­ten Euch alle : Mögen Euch Eure Trau­er und Leid Kraft und Mut geben, damit ihr für immer Frie­den auf Erden stif­tet. Damit nie und nim­mer das Leben im Sturm des Feu­ers stirbt.

Dann der Fried­hof der Dör­fer. 186 Grä­ber, für jedes Dorf ein Grab. Auf den Grä­bern Urnen, in denen sich Erde aus dem jewei­li­gen Dorf befin­det. 260 Lager gab es allein in Weißrussland.(3) In den Nischen der lan­gen Gedenk­mau­er ste­hen auf Tafeln Namen und Zah­len. 40.000 Tote, 80.000 Tote, 200.000 Tote. Ins­ge­samt ver­lo­ren im Zwei­ten Welt­krieg 2.300.000 Bela­rus­sen ihr Leben. Jeder vier­te Weiß­rus­se fehlt. An dem abschlie­ßen­den Mahn­mal ste­hen im Kar­ree drei Bir­ken. Wo die vier­te ste­hen soll­te, brennt zur Erin­ne­rung ein ewi­ges Feu­er.

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Bei dem Gang ent­lang der Gedenk­mau­er von Nische zu Nische, dann von Grab zu Grab über den Fried­hof der Dör­fer füh­le ich mich sehr allein. Nie ist mir so deut­lich gewor­den, wie wenig wir von den deut­schen Ver­bre­chen am rus­si­schen Volk wis­sen, nie war mir so bewusst, dass wir uns aus unse­rer his­to­ri­schen Schuld nicht her­aus­steh­len kön­nen. Jede Zahl, jeder Ort, jeder Name ein Schrei. Was wer­den die vie­len rus­si­schen Men­schen emp­fin­den, die eben­falls durch die­se Gedenk­stät­te gehen ?

An der Stel­le, wo die drei Bir­ken ste­hen und das ewi­ge Feu­er brennt, legen wir fri­sche Blu­men und eine Frie­dens­tau­be nie­der, die eine Frau aus unse­rer Grup­pe extra für die­se Rei­se getöp­fert hat. Und dann geschieht etwas – fast hät­te ich geschrie­ben : dür­fen wir etwas erle­ben –, auf das wohl unse­re gan­ze Rei­se hin­ge­zielt hat­te. Neben uns, eben­falls am ewi­gen Feu­er, hält sich eine Rei­se­grup­pe aus Sibi­ri­en auf. Es sind viel­leicht 20 – 30 Frau­en und Män­ner, die meis­ten von ihnen wohl 40 bis 50 Jah­re alt. Lud­mi­la hat eine Idee : “Wollt ihr die­sen Men­schen nicht etwas sagen?” Und dann über­setzt sie, was der Spre­cher unse­rer Grup­pe den Men­schen aus Sibi­ri­en mit­teilt : “Wir sind eine Rei­se­grup­pe des west­deut­schen CVJM. Wir sind gekom­men, um mit eige­nen Augen zu sehen und mit eige­nen Ohren zu hören, wel­che Ver­bre­chen unse­re Väter und Groß­vä­ter am rus­si­schen Volk began­gen haben. Wir beken­nen uns zu die­ser his­to­ri­schen Schuld und bit­ten das rus­si­sche Volk um Ver­zei­hung.”

Ich weiß nicht, wann ich zuletzt solch auf­merk­sa­me Gesich­ter gese­hen habe wie die der Men­schen aus Sibi­ri­en hier. Als Lud­mi­la fer­tig ist mit Über­set­zen, da hat sich für uns alle etwas ver­än­dert : Da wei­nen die rus­si­schen Män­ner und Frau­en herz­zer­rei­ßend wie Kin­der, und wir, wir müs­sen mit­wei­nen. Auf ein­mal ist der Damm gebro­chen. Nie zuvor habe ich so stark erlebt, wie gemein­sa­mes Trau­ern tat­säch­lich ver­bin­den und befrei­en kann. Die Lei­te­rin der sibi­ri­schen Rei­se­grup­pe ant­wor­tet uns, und Lud­mi­la über­setzt wie­der : “In Russ­land gibt es ein Sprich­wort : ‘Die Kin­der kön­nen nichts für das, was ihre Eltern getan haben.’ Wir sol­len nach vor­ne schau­en, die Erde gehört uns allen, so, wie die Son­ne für alle Men­schen scheint.”

So, wie die Son­ne für alle Men­schen scheint. Ich weiß auch nicht, war­um die­ser Satz mich im Inners­ten so getrof­fen hat und war­um ich auch jetzt, Mona­te spä­ter, beim Schrei­ben die­ser Zei­len mit den Trä­nen kämp­fen muss. Ich weiß es nicht, es war nur ein Gefühl, das man in die­ser Stär­ke sonst fast nie erlebt. Ein Gefühl, dass wir, alle Men­schen auf die­ser Welt, zusam­men­ge­hö­ren, dass das, was gesche­hen ist, sich nie­mals wie­der­ho­len darf, und dass ich allen Men­schen in Ost und West wün­sche, eine sol­che Begeg­nung erle­ben zu dür­fen. Ich glau­be, dann wären Krie­ge nicht mehr mög­lich.

Gemein­sa­me Trau­er

Wir ver­tei­len unse­re Blät­ter mit der rus­si­schen Über­set­zung des Schuld­be­kennt­nis­ses der evan­ge­li­schen Kir­chen aus bei­den deut­schen Staa­ten. Sie wer­den auf­merk­sam von den rus­si­schen Men­schen gele­sen. Das gemein­sa­me Wei­nen hat uns frei und glück­lich gemacht, wir kön­nen uns in die Augen sehen, als wären wir schon seit ewi­gen Zei­ten gute Freun­de.

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Als wir zurück zu unse­rem Rei­se­bus gehen, stel­len wir fest, dass der Bus der sibi­ri­schen Grup­pe direkt neben uns geparkt ist. Aus dem rus­si­schen Bus win­ken vie­le freund­lich, und dann kom­men sie noch­mals her­aus­ge­eilt, unse­re Blät­ter mit dem Schuld­be­kennt­nins in der Hand. Wir sol­len ihnen etwas dar­auf schrei­ben, geben sie uns zu ver­ste­hen. Etwas hilf­los male ich das ein­zi­ge rus­si­sche Wort, das ich auf kyril­lisch schrei­ben kann – МИР – und sei­ne deut­sche Über­set­zung : Frie­den. Aber was wir schrei­ben, ist auch gar nicht so wich­tig. Am liebs­ten wür­den wir uns alle noch gegen­sei­tig zur Erin­ne­rung etwas schen­ken.

Was bleibt ? Nie zuvor habe ich so stark erfah­ren, wie viel Trau­er, aber auch wie viel Bereit­schaft zu Ver­ge­bung und herz­li­cher Freund­schaft in den rus­si­schen Men­schen liegt und wie wich­tig es ist, dass wir als Deut­sche den ers­ten Schritt tun. Schuld, Trau­er und Ver­ge­bung – die­se Wor­te sind dann kei­ne Phra­sen mehr, wenn sie sich mit Begeg­nun­gen zwi­schen Men­schen aus Ost und West ver­bin­den. Dann kön­nen aus der gemein­sa­men Trau­er der Wunsch und die Kraft für eine gemein­sa­me Zukunft ohne Krieg und Gewalt wach­sen. 

So, wie die Son­ne für alle Men­schen scheint.

(Fort­set­zung folgt — Teil 1 und 2 kön­nen Sie hier und hier nach­le­sen)

Dr. Leo Ensel (“Look at the other side!”) ist Kon­flikt­for­scher und inter­kul­tu­rel­ler Trai­ner mit Schwer­punkt “Post­so­wje­ti­scher Raum und Mit­tel-/Ost­eu­ro­pa” sowie Autor einer Rei­he von Stu­di­en über die wech­sel­sei­ti­ge Wahr­neh­mung von Rus­sen und Deut­schen. Im neu­en Ost-West-Kon­flikt gilt sein Haupt­an­lie­gen der Über­win­dung fal­scher Nar­ra­ti­ve, der Dees­ka­la­ti­on und der Rekon­struk­ti­on des Ver­trau­ens.

Fuß­no­ten

(1) Die bela­rus­si­sche Gedenk­stät­te Cha­tyn ist nicht zu ver­wech­seln mit der Gedenk­stät­te Katyn bei Smo­lensk, wo Tau­sen­de pol­ni­sche Offi­zie­re ruhen, die der sowje­ti­sche NKWD im Mai 1940 per Genick­schuss ermor­de­te.

(2) Auch ich ver­wen­de­te damals das Wort “rus­sisch” noch weit­ge­hend syn­onym für “sowje­tisch”. Dass die tat­säch­li­che Zahl der sowje­ti­schen Opfer mit 26,6 Mil­lio­nen noch wesent­lich höher lag, wur­de erst in den Neun­zi­ger Jah­ren bekannt.

(3) Die meis­ten von ihnen waren Lager für sowje­ti­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne.

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Neue Eiszeit und eine Welt in Trümmern – Teil I : Russlandbilder einer Kindheit im Kalten Krieg


von Dr. Leo Ensel

Ich bin kein Kriegs­kind, aber ein Kind des Kal­ten Krie­ges. Mehr als die Häl­fe mei­nes Lebens leb­te ich in einer gespal­te­nen Welt. Der Riss, der durch die gan­ze Welt klaff­te, zog sich mit­ten durch mein Land, nicht sel­ten sogar mit­ten durch die Fami­li­en. Der Ost-West-Kon­flikt hat­te sich eine ana­lo­ge Infra­struk­tur geschaf­fen, die bis tief in die Köp­fe und See­len der Men­schen hin­ein­rag­te. Das bipo­la­re Den­ken, das Den­ken und Füh­len in Freund-Feind-Kate­go­ri­en, in “Wir” und “die”, in “hüben” und “drü­ben”, kurz : das Lager­den­ken war fast allen Men­schen, wo auch immer sie sich poli­tisch ver­or­te­ten, zur zwei­ten Natur gewor­den.

Mos­kau, Russ­land, Sowjet­uni­on. In mei­ner Kind­heit im Rhein­land der 50er- und 60er-Jah­re hat­ten die­se Wor­te für mich immer etwas Unheim­li­ches, Bedroh­li­ches. Mos­kau war das Zen­trum des Welt­kom­mu­nis­mus. Die Kom­mu­nis­ten, das waren alte kal­te Män­ner, die vom Kreml aus die hal­be Welt unter­joch­ten und die rest­li­che Hälf­te mit Krieg und tota­li­tä­rer Dik­ta­tur bedroh­ten. Bis in die Ost­zo­ne waren sie bereits vor­ge­drun­gen und hat­ten die­sem Teil Deutsch­lands ihr Herr­schafts­sys­tem auf­ge­zwun­gen. Die Men­schen dort hat­ten sehr unter der Armut und Unfrei­heit zu lei­den, und mei­ne Mut­ter schick­te nahe­zu wöchent­lich Päck­chen nach “drü­ben”. Wir hat­ten Angst, dass “die Rus­sen” irgend­wann ein­mal kom­men und uns erobern wür­den, um auch bei uns den Kom­mu­nis­mus ein­zu­füh­ren. Wir West­deut­schen hat­ten zwar zum Glück die Ame­ri­ka­ner bei uns sta­tio­niert, aber ob die uns wirk­lich beschüt­zen wür­den, wenn es hart auf hart käme, des­sen waren wir uns nicht so sicher.

Ein­mal, wäh­rend der Kuba­kri­se, wäre es um ein Haar so weit gekom­men. Ein bewaff­ne­ter Kon­flikt zwi­schen Ame­ri­ka­nern und Rus­sen schien unmit­tel­bar bevor­zu­ste­hen. Mei­ne Eltern leg­ten Lebens­mit­tel­vor­rä­te an : “Akti­on Eich­hörn­chen”. Gott sei Dank ging noch ein­mal alles gut, Chruscht­schow muss­te auf ame­ri­ka­ni­schen Druck sei­ne Rake­ten aus Kuba wie­der zurück­zie­hen, aber dies hat­te wie­der ein­mal gezeigt, dass man der Sowjet­uni­on nur mit mas­si­ver Gegen­dro­hung begeg­nen konn­te. Den “Soff­jets” durf­te man nicht trau­en.

Mos­kau, Kreml, Roter Platz – das waren Wor­te, Bil­der, die uns Kin­dern Angst ein­flöß­ten. Bit­ter­kalt war es dort, die Men­schen arm und vom Kom­mu­nis­mus gezeich­net. In lan­gen grau­en Schlan­gen stan­den sie vor halb­lee­ren Geschäf­ten eben­so an wie vor dem Lenin-Mau­so­le­um. Rus­si­sche Frau­en schie­nen wenig Weib­li­ches an sich zu haben. Sie waren meis­tens dick – wahr­schein­lich, weil es dort fast nur Kar­tof­feln zu essen gab –, tru­gen Wat­te­ja­cken und ver­rich­te­ten für den Auf­bau des Sozia­lis­mus oft schwe­re Män­ner­ar­beit als Kran­füh­re­rin­nen, Trak­to­ris­tin­nen oder im Stra­ßen­bau. Im Win­ter hat­ten sie dicke Woll­tü­cher um den Kopf gewi­ckelt.

Ab nach Sibi­ri­en!” war auch so ein Satz, der Angst mach­te. Die­ses Land mit sei­nen unend­li­chen Wei­ten schien alles zu schlu­cken. Ob Napo­le­ons Trup­pen oder Hit­lers Wehr­macht, hier war noch jeder Erobe­rungs­feld­zug zu sei­nem ver­dien­ten Still­stand gekom­men, wenn der rus­si­sche Win­ter erbar­mungs­los zuschlug. In Russ­land gab es Wöl­fe, und im Kreml regier­ten star­re Grei­se, die auf dem Roten Platz rie­si­ge Waf­fen­pa­ra­den mit roten Fah­nen an sich vor­über­zie­hen lie­ßen, wobei sie sich selbst applau­dier­ten und den bestell­ten jubeln­den Men­schen­mas­sen fros­tig zuwink­ten. Bre­schnew mit sei­nen zusam­men­ge­wach­se­nen dich­ten schwar­zen Augen­brau­en war wohl für vie­le Men­schen in West­deutsch­land das Sym­bol für “Mos­kau”, “Russ­land”, “Sowjet­uni­on” und “Kom­mu­nis­mus”. Wor­te, die zu Zei­ten des Kal­ten Krie­ges in der Bun­des­re­pu­blik nahe­zu syn­onym waren.

In den Sech­zi­ger Jah­ren (1963−1966) leb­te mein Onkel Alois Mer­tes, der im diplo­ma­ti­schen Dienst tätig war, zusam­men mit sei­ner Frau, mei­nen Vet­tern und mei­ner Cou­si­ne, in Mos­kau. Ab und zu schrieb er uns, wir bewun­der­ten die gro­ßen bun­ten Brief­mar­ken mit den Kos­mo­nau­ten und der ers­ten Frau im Welt­raum und schau­ten fas­zi­niert auf die kyril­li­sche Schrift. Mei­ne Eltern erzähl­ten uns, wie schwer es mein Onkel und mei­ne Tan­te in ihrer Mos­kau­er Diplo­ma­ten­woh­nung hat­ten. Über­all waren Abhör­an­la­gen instal­liert, und wenn die bei­den etwas Wich­ti­ges mit­ein­an­der zu bespre­chen hat­ten, so ging das ent­we­der nur im Frei­en oder im Bade­zim­mer bei lau­fen­der Dusche. Ein- oder zwei­mal im Jahr kamen sie nach Deutsch­land, mein Onkel brach­te mir rus­si­sche Mün­zen mit, und mei­ne Vet­tern erzähl­ten von ihrem All­tag in Mos­kau. Alles wirk­te unheim­lich, aben­teu­er­lich und fas­zi­nie­rend zugleich. Wie auf einem frem­den Pla­ne­ten.

Ein­mal brach­te uns Onkel Alois aus Mos­kau eine Matrjosch­ka mit, die Pup­pe in der Pup­pe. Immer wie­der dreh­ten wir die­se wun­der­schön bemal­te gro­ße Holz­pup­pe auf, hol­ten eine klei­ne­re bun­te Pup­pe her­aus, in der wie­der­um eine noch klei­ne­re steck­te und so wei­ter – es schien kein Ende zu neh­men. Die vier­zehn­te oder fünf­zehn­te Pup­pe hat­te schon kein Gesicht mehr und war so win­zig klein, dass man sie leicht ver­lie­ren konn­te. Mei­ne Mut­ter gab jeder Pup­pe einen rus­si­schen Frau­en­na­men : Nina, Olga, Anja, Nata­scha, Tama­ra, Kat­ja, Tat­ja­na, … Wir stell­ten alle Pup­pen in einer Rei­he auf ein Bücher­re­gal und konn­ten uns nicht satt dar­an sehen. So schö­ne Din­ge gab es also auch in Russ­land !

Eines Tages im Jah­re 1966, es muss von heu­te auf mor­gen gegan­gen sein, hör­ten wir, dass Onkel Alois und sei­ne Fami­lie nicht mehr in Mos­kau woh­nen durf­ten – die Regie­rung der Sowjet­uni­on hat­te sie des Lan­des ver­wie­sen. Es han­del­te sich um einen diplo­ma­ti­schen Ver­gel­tungs­akt zur Aus­wei­sung eines gleich­ran­gi­gen sowje­ti­schen Diplo­ma­ten in Deutsch­land, dem man Spio­na­ge­tä­tig­keit nach­ge­wie­sen hat­te. Auf uns alle wirk­te das wie ein Schock. Wie­der ein­mal hat­te das kal­te kom­mu­nis­ti­sche Régime zuge­schla­gen.

Eigent­lich wur­de in unse­rer Fami­lie gar nicht so sel­ten von Russ­land gespro­chen. Und dabei gab es einen Unter­schied zwi­schen dem schreck­li­chen unmensch­li­chen kom­mu­nis­ti­schen Sys­tem und dem rus­si­schen Volk, das von ihm unter­drückt wur­de. In einer Mischung von Mit­leid und Bewun­de­rung erzähl­te uns mei­ne Mut­ter viel von den unend­li­chen Lei­den, die die­ses Volk in sei­ner Geschich­te schon hat­te durch­ma­chen müs­sen : Damals unter den Zaren, dann unter den Kom­mu­nis­ten und schließ­lich im Krieg, den wir Deut­schen ange­fan­gen hat­ten.

Die “unend­li­che Lei­dens­fä­hig­keit des rus­si­schen Vol­kes” war in unse­rer Fami­lie schon fast ein Topos. Mei­ne Mut­ter erzähl­te uns von der Zärt­lich­keit in den rus­si­schen Rede­wen­dun­gen : “Müt­ter­chen Russ­land”, “Väter­chen Frost”. Oder sie erzähl­te dra­ma­tisch vom kur­zen sibi­ri­schen Früh­ling, wo inner­halb weni­ger Wochen das Eis auf­bricht und der Früh­ling schnell in den hei­ßen Som­mer über­geht. Manch­mal las sie uns rus­si­sche Mär­chen und Geschich­ten vor. Eine beein­druck­te mich sehr : “Wie viel Erde braucht der Mensch?” von Tol­stoi.

Onkel Alois berich­te­te, wie ein­fach, herz­lich und gut, wie tief­gläu­big die rus­si­schen Men­schen sei­en – trotz des Kom­mu­nis­mus. Die Rus­sisch-Ortho­do­xe Kir­che, eine ande­re christ­li­che Kon­fes­si­on mit ihren gol­de­nen Zwie­bel­tür­men, den alten schö­nen Iko­nen, den mehr­stim­mi­gen dunk­len Gesän­gen und den stun­den­lan­gen Got­tes­diens­ten, in denen die Men­schen die gan­ze Zeit ste­hen muss­ten – das alles wur­de zwar von den Kom­mu­nis­ten ver­folgt oder zumin­dest behin­dert (die Kom­mu­nis­ten hat­ten schon aus man­chen Kir­chen Kino­sä­le oder Scheu­nen gemacht), aber das rus­si­sche Volk wür­de sich nie­mals von sei­nem christ­li­chen Glau­ben abwen­den, da waren wir sicher. Spä­ter erfuhr ich, dass es ganz in mei­ner Nähe, auf der ande­ren Rhein­sei­te in Wies­ba­den, eine Rus­sisch-Ortho­do­xe Kir­che gab. Rei­che Rus­sen, die hier – wie auch in ande­ren vor­neh­men west­eu­ro­päi­schen Bädern – vor der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on zur Kur waren, hat­ten sie errich­ten las­sen, und dort steht sie noch immer.

Das Wich­tigs­te aber, was uns aller Angst vor “den Rus­sen”, vor “Mos­kau” und “der Sowjet­uni­on” zum Trotz ein ande­res Bild vom rus­si­schen Volk ver­mit­tel­te, das waren die wun­der­schö­nen rus­si­schen Lie­der. Die­se Lie­der schie­nen die gan­ze Wei­te, die gan­ze schwer­mü­ti­ge Zärt­lich­keit die­ses rie­si­gen Lan­des und sei­ner Men­schen zu ent­hal­ten. Nichts hat mein Ver­hält­nis zu Russ­land nach­hal­ti­ger bestimmt als die herz­zer­rei­ßend schö­nen rus­si­schen Volks­lie­der. Ohne dass es mir jemals rich­tig bewusst gewor­den wäre, setz­te sich wohl in mei­nem Hin­ter­kopf die­ser Kin­der­ge­dan­ke fest : “Auch wenn die Kom­mu­nis­ten in Mos­kau noch so schreck­lich sind – ein Volk, das sol­che Lie­der hat, kann nicht böse sein!”

Fort­set­zung folgt.

Der Autor :

Dr. Leo Ensel (“Look at the other side!”) ist Kon­flikt­for­scher und inter­kul­tu­rel­ler Trai­ner mit Schwer­punkt “Post­so­wje­ti­scher Raum und Mit­tel-/Ost-Euro­pa”. Er ist Autor einer Rei­he von Stu­di­en über die wech­sel­sei­ti­ge Wahr­neh­mung von Rus­sen und Deut­schen. Im neu­en Ost-West-Kon­flikt gilt sein Haupt­an­lie­gen der Über­win­dung fal­scher Nar­ra­ti­ve, der Dees­ka­la­ti­on und der Rekon­struk­ti­on des Ver­trau­ens.

RT Deutsch