Heuchelei deutscher Medien“ — Insider : Warum Reporter aus der Türkei ausreisen


Die Ver­wei­ge­rung der Akkre­di­tie­run­gen für deut­sche Kor­re­spon­den­ten in der Tür­kei hat in Ber­lin für Empö­rung gesorgt. Jour­na­list einer tür­ki­schen Nach­rich­ten­agen­tur hält der deut­schen Pres­se und Bun­des­re­gie­rung den Spie­gel vor. Er nennt exklu­siv Insi­der­infor­ma­tio­nen für die Ent­zie­hung zumin­dest einer Pres­se­kar­te.
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Verweigerte Akkreditierung : Zwei deutsche Journalisten verlassen Türkei


Zwei deut­sche Jour­na­lis­ten haben nach der Ver­wei­ge­rung ihrer Akkre­di­tie­rung am Sonn­tag die Tür­kei ver­las­sen. Der ZDF-Kor­re­spon­dent Jörg Bra­se und der Tages­spie­gel-Repor­ter Tho­mas Sei­bert flo­gen am Nach­mit­tag nach Deutsch­land.

Bei­den hat­te das Pres­se­amt in Anka­ra vor rund einer Woche mit­ge­teilt, dass ihr Antrag auf eine neue Pres­se­kar­te nicht bewil­ligt wor­den sei. Grün­de nann­ten die tür­ki­schen Beam­ten nicht. Die Affä­re hat die seit Jah­ren kri­sen­haf­ten, aber jüngst ver­bes­ser­ten Bezie­hun­gen zwi­schen Deutsch­land und Tür­kei erneut schwer belas­tet.

Bei­de Repor­ter kri­ti­sier­ten vor ihrer Abrei­se in einer Pres­se­kon­fe­renz im ZDF-Stu­dio in Istan­bul das Vor­ge­hen der tür­ki­schen Regie­rung. “Es ist ein Ver­such, aus­län­di­sche Medi­en ein­zu­schüch­tern und Druck auf sie aus­zu­üben”, sag­te Bra­se. Man wer­de sich davon aber nicht beein­dru­cken las­sen. Das ZDF wer­de gegen die Ent­schei­dung auch gericht­lich vor­ge­hen. Er und auch Sei­bert wol­len wei­ter über die Tür­kei berich­ten — nöti­gen­falls von außer­halb.

Mehr als zwei Mona­te nach Ablauf ihrer alten Doku­men­te war­ten wei­ter rund ein Dut­zend deut­sche Kor­re­spon­den­ten sowie zahl­rei­che inter­na­tio­na­le Jour­na­lis­ten auf die neu­en, jähr­lich ver­ge­be­nen Pres­se­kar­ten. Die gel­ten als Arbeits­er­laub­nis und als Grund­la­ge für die Aus­stel­lung einer Auf­ent­halts­er­laub­nis. Medi­en­rechts­ak­ti­vis­ten kri­ti­sier­ten die Ver­wei­ge­run­gen und Ver­zö­ge­run­gen der Akkre­di­tie­run­gen als “Will­kür” und Ver­stoß gegen die Pres­se­frei­heit.

Am Tag vor der Aus­rei­se der bei­den Kor­re­spon­den­ten hat­te die Bun­des­re­gie­rung die Rei­se­h­in­wei­se für die Tür­kei ver­schärft — unter ande­rem mit Ver­weis auf mög­li­che “wei­te­re Maß­nah­men gegen Ver­tre­ter deut­scher Medi­en sowie zivil­ge­sell­schaft­li­cher Ein­rich­tun­gen”.

RT Deutsch


F-35, Gülen und Handelsdruck : USA versuchen Türkei mit allen Mitteln vom S-400-Deal abzubringen


Mein bes­ter mili­tä­ri­scher Rat­schlag wäre, wir füh­ren das nicht wei­ter mit den F-35, wir arbei­ten dazu nicht wei­ter mit einem Ver­bün­de­ten zusam­men, der mit rus­si­schen Sys­te­men arbei­tet, ins­be­son­de­re mit die­sem Luft­ver­tei­di­gungs­sys­tem, einem Sys­tem mit den wahr­schein­lich fort­schritt­lichs­ten tech­no­lo­gi­schen Fähig­kei­ten”, sag­te Cur­tis Sca­parot­ti, der Vor­sit­zen­de der US-Streit­kräf­te in Euro­pa, wäh­rend einer Anhö­rung des Senats­aus­schus­ses für Streit­kräf­te. Scapar­rot­ti ist zeit­gleich “Supre­me Allied Com­man­der Euro­pe” (SACEUR), also der obers­te NATO-Kom­man­deur für Euro­pa, tra­di­tio­nell ein US-Mili­tär.

Der Erwerb des rus­si­schen Luft­ver­tei­di­gungs­sys­tems S-400 durch die Tür­kei wird schwer­wie­gen­de Fol­gen für die US-Ver­tei­di­gungs­be­zie­hung zur Tür­kei haben”, kom­men­tier­te der Pen­ta­gon-Spre­cher Eric Pahon zuvor am Mon­tag gegen­über dem Nach­rich­ten­por­tal Ahval.

Auch das US-Außen­mi­nis­te­ri­um unter­strich, Washing­ton wür­de der Tür­kei klar­ma­chen, dass — wenn sie den Kauf von S-400-Sys­te­men vor­an­trie­ben — die Ver­ei­nig­ten Staa­ten die Teil­nah­me Anka­ras am F-35-Kampf­jet­pro­gramm neu bewer­ten müs­sen. Außen­mi­nis­te­ri­ums­spre­cher Robert Pal­la­di­no teil­te mit :

Wir haben die Tür­kei deut­lich gewarnt, dass ihr poten­zi­el­ler Erwerb des (rus­si­schen) S-400 (Luft­ver­tei­di­gungs­sys­tems) zu einer Neu­be­wer­tung der Teil­nah­me der Tür­kei am F-35-Pro­gramm füh­ren wird und ande­re poten­zi­el­le zukünf­ti­ge Waf­fen­lie­fe­run­gen in die Tür­kei gefähr­det.

Prä­si­dent Recep Tayy­ip Erdoğan wies die US-Dro­hun­gen kate­go­risch zurück. Wie­der­holt gab das Staats­ober­haupt an, dass Anka­ra sich zum Kauf des rus­si­schen Sys­tems fest ver­pflich­tet hat, trotz der Behaup­tun­gen des von den USA geführ­ten Bünd­nis­ses, dass das S-400-Sys­tem nicht in das NATO-Luft­ver­tei­di­gungs­sys­tem inte­griert wer­den kön­ne.

Wir haben das S-400-Abkom­men mit Russ­land abge­schlos­sen, so dass es nicht in Fra­ge kommt, einen Schritt zurück­zu­tre­ten. Die Arbeit ist erle­digt. Wenn es um die Patri­ot-Sys­te­me geht, sind wir bereit, sie zu kau­fen. Die­ser Kauf muss jedoch den Inter­es­sen unse­res Lan­des die­nen”, beton­te Erdoğan im Febru­ar.

Im August 2018 geneh­mig­te die Trump-Admi­nis­tra­ti­on ein Gesetz zum Ver­tei­di­gungs­haus­halt, das die Lie­fe­rung von F-35-Jets an die Tür­kei ver­zö­gert. Zwei Mona­te spä­ter hieß es in einem Pen­ta­gon-Report, dass die Tür­kei mit einem Aus­schluss aus dem F-35-Pro­gramm kon­fron­tiert wer­den könn­te, wenn sie mit dem kri­ti­sier­ten Kauf fort­fährt.

Der Ver­trag zwi­schen Anka­ra und Mos­kau über die S-400 wur­de im Dezem­ber 2017 unter­zeich­net, als bei­de Par­tei­en ein Abkom­men über rund 2,5 Mil­li­ar­den US-Dol­lar für zwei Bat­te­ri­en die­ser Sys­te­me unter­zeich­ne­ten. Die Tür­kei kri­ti­sier­te, dass west­li­che NATO-Ver­bün­de­te ihre Luft­ab­wehr­tech­no­lo­gi­en in der Ver­gan­gen­heit nicht tei­len woll­ten und erst mit Ange­bo­ten reagie­ren, seit­dem klar ist, dass Anka­ra eine Kauf­op­ti­on in Russ­land genießt. Das S-400-Sys­tem gilt als Russ­lands fort­schritt­lichs­tes Lang­stre­cken-Flug­ab­wehr­ra­ke­ten­sys­tem. Die Tür­kei wird das ers­te NATO-Mit­glieds­land sein, wel­ches die­ses Sys­tem in sein mili­tä­ri­sches Inven­tar inte­grie­ren kann.

Die Tür­kei ist seit 1999 am F-35-Pro­gramm betei­ligt, und die tür­ki­sche Ver­tei­di­gungs­in­dus­trie hat eine akti­ve Rol­le bei der Her­stel­lung von Flug­zeu­gen über­nom­men und bereits 1,25 Mil­li­ar­den US-Dol­lar in die Ent­wick­lung des Flug­zeugs inves­tiert. Das Land plant, in den kom­men­den Jah­ren 100 Kampf­flug­zeu­ge vom Typ F-35 zu erwer­ben. Von den 100 Flug­zeu­gen wur­den bereits 30 geneh­migt. Das Land erhielt sei­nen ers­ten F-35-Kampf­jet bei einer Zere­mo­nie in Fort Worth, Texas, am 21. Juni 2018. Bis März 2019 soll­ten zwei wei­te­re F-35 aus­ge­lie­fert wer­den.

USA erhö­hen den Druck zu Han­dels­fra­gen und Gülen-Anhän­gern

Das Büro des US-Han­dels­be­auf­trag­ten erklär­te am Diens­tag, dass die USA den Son­der­sta­tus der Tür­kei in Han­dels­fra­gen been­den wer­den. Die­se Ent­schei­dung wird wahr­schein­lich in der Tür­kei als Maß­nah­me gewer­tet wer­den, den Druck auf die tür­ki­sche Regie­rung in der Russ­land-Fra­ge zu erhö­hen. Die tür­ki­sche Han­dels­mi­nis­te­rin Ruh­sar Pek­can bedau­er­te die Ent­schei­dung. In einer Erklä­rung bean­stan­det sie :

Die­ser Ent­schluss wird sich gleich­zei­tig auch nega­tiv auf die klei­nen und mitt­le­ren Unter­neh­men und die Pro­du­zen­ten der USA aus­wir­ken.

Laut einem Bericht im Han­dels­blatt kämpft die Tür­kei seit lan­gem mit einer hohen Teue­rungs­ra­te, was ange­sichts von anste­hen­den Wah­len Erdoğan angreif­bar macht. Die Infla­ti­on war zwar im Febru­ar wie­der unter 20 Pro­zent gesun­ken, sie bleibt aber auf einem hohen Niveau.

Unter­des­sen habe die First Lady der USA, Mela­nia Trump, laut der popu­lä­ren tür­ki­schen Tages­zei­tung Sabah am Diens­tag eine Schu­le besucht, die von der Gülen-Bewe­gung in Tul­sa, Bun­des­staat Okla­ho­ma, betrie­ben wird. Die Tür­kei beschul­digt den Füh­rer der Bewe­gung, Fethul­lah Gülen, der im US-ame­ri­ka­ni­schen Exil lebt, den ver­ei­tel­ten Mili­tär­putsch gegen die Regie­rung von Prä­si­dent Erdoğan 2016 orches­triert zu haben. Was den Besuch der First Lady beson­ders pikant macht : Seit dem Putsch­ver­such gilt die Gülen-Bewe­gung als “Staats­feind Num­mer eins” in der Tür­kei.

Wäh­rend die Ver­wal­tung der Schu­le leug­net, dass sie Ver­bin­dun­gen zu Gülen unter­hält, sol­len die finan­zi­el­len Bezie­hun­gen zwi­schen der Schu­le und ande­ren Gülen-Ein­rich­tun­gen Fra­gen auf­wer­fen, behaup­tet Sabah.

In einem Round­ta­ble-Inter­view mit der Nach­rich­ten­agen­tur Ana­do­lu am Mitt­woch sag­te der tür­ki­sche Innen­mi­nis­ter Süley­man Soylu, dass allein das Char­ter-Schul­netz der Gülen-Bewe­gung jähr­lich rund 800 Mil­lio­nen US-Dol­lar ein­brin­gen soll.

Zehn­tau­sen­de von Men­schen wur­den seit 2016 wegen ver­mu­te­ter Ver­bin­dun­gen zur Gülen-Bewe­gung ver­haf­tet. Trotz der Kri­tik von west­li­chen Staa­ten über das Aus­maß der Ver­haf­tun­gen gehen die Poli­zei­ein­sät­ze bis heu­te mit Nach­druck wei­ter. Tür­ki­sche Beam­te bestehen dar­auf, dass die Ver­haf­tun­gen not­wen­dig sind, um das “Virus” zu besei­ti­gen, das durch die Infil­tra­tio­nen der Gülen-Bewe­gung in die tür­ki­schen Staats­or­ga­ne ver­ur­sacht wur­de.

RT Deutsch


Türkei beginnt großangelegte Marineübung


Die Übung mit dem Namen “Blau­es Vater­land” soll bis zum 8. März dau­ern. Damit soll nach Anga­ben der staat­li­chen Nach­rich­ten­agen­tur Ana­do­lu unter ande­rem die Koope­ra­ti­on von Heer, Luft­waf­fe und Mari­ne im Ernst­fall getes­tet wer­den.

Das Nach­bar­land Grie­chen­land sieht die Übung kri­tisch. Die bei­den Staa­ten strei­ten sich seit Jahr­zehn­ten um Hoheits­rech­te in der Ägä­is. Zudem gibt es immer wie­der Span­nun­gen mit der Repu­blik Zypern und Grie­chen­land wegen Such­boh­run­gen süd­lich von Zypern. In der Regi­on wer­den rei­che Erd­gas-Vor­kom­men ver­mu­tet. Ver­gan­ge­ne Woche hat­te der tür­ki­sche Außen­mi­nis­ter Mev­lüt Cavu­so­glu laut Ana­do­lu gesagt, sein Land wol­le “in den nächs­ten Tagen” mit Boh­run­gen im See­ge­biet in der Nähe Zyperns begin­nen. (dpa)

Mehr zum The­ma — Tür­kei baut Flot­ten­ba­sis an Schwarz­meer-Ost­küs­te – wegen US-Ankün­di­gung, Kriegs­schif­fe zu schi­cken

RT Deutsch


Analyst : US-Gespräche mit Türkei und Kurden über Sicherheitszone in Syrien sind sinnlos


von Ali Özkök

RT Deutsch hat mit dem Nah­ost-Ana­lys­ten des Arab Cen­ter Washing­ton (ACW), Joe Maca­ron, gespro­chen. Sei­ne Fokus­ge­bie­te sind poli­ti­sche Stra­te­gi­en der USA und Kon­flikt­ana­ly­sen zum Nahen Osten. Zuvor war er als Ana­lyst beim Com­ba­ting Ter­ro­rism Cen­ter (Zen­trum zur Bekämp­fung von Ter­ro­ris­mus) in West Point tätig, das unter ande­rem mit der Kriegs­hoch­schu­le der US-Armee koope­riert.

RT Deutsch : Das Pen­ta­gon und das Außen­mi­nis­te­ri­um wider­spre­chen ein­an­der, wenn es um den Abzug von US-Trup­pen geht. Wie lässt sich das erklä­ren, und wel­che Aus­wir­kun­gen hat das US-Ver­hal­ten auf ande­re Akteu­re in Syri­en ?

Joe Maca­ron : Die abrup­te Ent­schei­dung Trumps und die man­geln­de Klar­heit des Wei­ßen Hau­ses haben die Poli­tik und die Regie­rung der USA in Unord­nung gebracht, wenn es um Syri­en geht. Die Fest­le­gung einer Frist für den mili­tä­ri­schen Abzug, die auf den April fällt, ver­stärkt die poli­ti­schen Dif­fe­ren­zen inner­halb der Ver­wal­tung und dem Kon­gress. Sie erhöht aber auch den Druck auf die “Demo­kra­ti­schen Kräf­ten Syri­ens”, kurz SDF, und die Tür­kei, sich ent­we­der anzu­grei­fen, einen Deal zu schlie­ßen oder einen neu­en Rück­zugs­plan zu akzep­tie­ren.

Ange­sichts der dyna­mi­schen Situa­ti­on in Syri­en und der Unklar­heit des Rück­zugs der USA ver­su­chen wie­der­um alle Betei­lig­ten alle Optio­nen solan­ge wie nur mög­lich am Ver­hand­lungs­tisch zu behal­ten.

RT Deutsch : Anka­ra hält am 31. März Wah­len ab. Die USA wol­len sich im April zurück­zie­hen. Eini­ge Ana­lys­ten ver­mu­ten, dass das ein guter Zeit­punkt für die Tür­kei wäre, ihre lan­ge gewünsch­te Sicher­heits­zo­ne durch­zu­set­zen. Wie sehen Sie die Ver­bin­dun­gen ?

Joe Maca­ron : Es besteht kein Zusam­men­hang zwi­schen der logis­ti­schen Ent­schei­dung der USA, sich zurück­zu­zie­hen, und den tür­ki­schen Wah­len, auch wenn Erdoğan ver­sucht sein könn­te, die­ses The­ma zu nut­zen, um sei­ne Basis zu stär­ken. Die der­zei­ti­gen Gesprä­che über die Ein­rich­tung einer Sicher­heits­zo­ne sind nach wie vor sinn­los, es sei denn, die Tür­kei und die SDF eini­gen sich oder die USA blei­ben in Syri­en, bei­de Sze­na­ri­en blei­ben unwahr­schein­lich.

RT Deutsch : Ilham Ahmed, eine poli­ti­sche Füh­re­rin der YPG-kon­trol­lier­ten Gebie­te Ost­sy­ri­ens, war in den USA. Es wird auch gesagt, dass sie Trump getrof­fen haben soll. Hat sie Ihrer Mei­nung nach ein kla­res Schutz­ver­spre­chen aus den USA erhal­ten ?

Joe Maca­ron : Ahmed hör­te wäh­rend ihrer Rei­se gemisch­te Bot­schaf­ten. Um genau zu sein, sie hat Washing­ton mit neu­en Fra­ge­zei­chen bezüg­lich der Zukunft der US-Poli­tik in Syri­en ver­las­sen. Die Trump-Regie­rung scheint grund­sätz­lich aller­dings an ihrer lang­jäh­ri­gen Poli­tik der Koor­di­nie­rung mit den “Demo­kra­ti­schen Kräf­ten Syri­ens” unter Ein­be­zie­hung der Tür­kei fest­zu­hal­ten. Das ist ein Balan­ce­akt, der schwer auf­recht­zu­er­hal­ten ist, wenn sich die USA aus Syri­en zurück­zie­hen.

RT Deutsch : Anka­ra macht in Man­bidsch kaum Fort­schrit­te. Wie ver­än­dert sich das Ver­hält­nis der Tür­kei zu Russ­land ange­sichts des anste­hen­den US-Rück­zugs in Syri­en ?

Joe Maca­ron : Zuletzt gab der tür­ki­sche Prä­si­dent die Bezie­hun­gen zum syri­schen Staat und zum Geheim­dienst zu. Sowohl die Tür­kei als auch die SDF eröff­nen somit Kanä­le nach Damas­kus, was die Ver­mu­tung ver­stärkt, dass der Rück­zug der USA im Grun­de die Hand­lungs­op­tio­nen der syri­schen Regie­rung stärkt. Russ­land will nicht, dass die Tür­kei das Vaku­um in Man­bidsch aus­füllt, wäh­rend die USA wei­ter­hin die Mög­lich­keit haben, ihre Luft­über­le­gen­heit zum Schutz ihrer Inter­es­sen in Man­bidsch und Nord­sy­ri­en zu nut­zen. Ein bevor­ste­hen­der Rück­zug der USA aus Syri­en könn­te die rus­sisch-tür­ki­sche Kon­kur­renz in Syri­en ver­stär­ken, anstatt ihre Zusam­men­ar­beit zu ver­stär­ken.

Vie­len Dank für das Gespräch !

Mehr zum The­ma — Ex-Stabs­of­fi­zier zu RT Deutsch : Noch kei­ne Nor­ma­li­sie­rung, aber Tür­kei akzep­tiert Assad an der Macht

RT Deutsch


Ex-Stabsoffizier zu RT Deutsch : Noch keine Normalisierung, aber Türkei akzeptiert Assad an der Macht


von Ali Özkök

RT Deutsch hat mit dem ehe­ma­li­gen tür­ki­schen Gene­ral­stabs­of­fi­zier Cahit Dilek gespro­chen. Zu sei­nen Arbeits­be­rei­chen gehör­ten die Ter­ror­be­kämp­fung und die Kon­zi­pie­rung von Sicher­heits­stra­te­gi­en. Heu­te ist er Direk­tor des in Anka­ra ansäs­si­gen “Tür­kei im 21. Jahr­hun­dert-Insti­tuts”.

Laut tür­ki­schen Medi­en reis­te Erdoğan die­se Woche nach Mos­kau, um sich mit Putin auf die Eta­blie­rung einer Sicher­heits­zo­ne in Syri­en zu eini­gen. Wie ende­ten die Gesprä­che ?

Russ­land hat sei­ne Ansich­ten über die Regi­on Ost­sy­ri­en nach dem Abzug der Ver­ei­nig­ten Staa­ten bereits im Vor­aus klar­ge­stellt. Wenn die USA abge­zo­gen sind, soll­te die Kon­trol­le über die Regio­nen, die heu­te von der YPG gehal­ten wer­den, der Ver­wal­tung in Damas­kus über­tra­gen wer­den. Die­se Hal­tung zeigt, dass Russ­land gegen eine tür­ki­sche Prä­senz ist, die Anka­ra öst­lich vom Euphrat eta­blie­ren möch­te. Russ­land-Syri­en-Iran wür­den eine tür­ki­sche Prä­senz in die­sem Raum als Fort­set­zung der US-Poli­tik ein­ord­nen.

Auf der ande­ren Sei­te erwar­tet Russ­land, dass die Tür­kei ihrer Ver­ant­wor­tung in Idlib gerecht wird, wo die al-Qai­da-nahe Miliz Hai­at Tahr­ir al-Scham die Regi­on über­nahm. Die ehe­ma­li­gen al-Nus­ra-Extre­mis­ten grei­fen fort­wäh­rend die syri­sche Armee und rus­si­sche Trup­pen an. Eine par­al­lel lau­fen­de tür­ki­sche Inter­ven­ti­on wird nicht als pas­send ange­se­hen. Für Russ­land und Syri­en liegt die Prio­ri­tät auf Idlib, und eine Ope­ra­ti­on möch­te man nicht zu lan­ge auf­schie­ben.

Immer wie­der äußert sich die tür­ki­sche Regie­rung vage über die Zukunft von Assad. Wie sieht die Stra­te­gie der Tür­kei in Bezug auf die Legi­ti­mi­tät von Assad aus ? Besteht die Mög­lich­keit einer Nor­ma­li­sie­rung ?

Obwohl die Regie­rung von Erdoğan Assad wei­ter­hin zumin­dest öffent­lich igno­riert, scheint sie zu akzep­tie­ren, dass Assad an der Macht blei­ben wird. Es ist jedoch klar, dass eine Nor­ma­li­sie­rung nur mit­tels einer Wie­der­wahl von Assad erreicht wer­den kann, die am Ende eines neu­en poli­ti­schen Befrie­dungs­pro­zes­ses steht.

Kri­ti­ker der Tür­kei behaup­ten immer wie­der, dass die Tür­kei eine neo­os­ma­ni­sche Poli­tik ver­folgt. Die tür­ki­sche Regie­rung ihrer­seits spricht über Sicher­heits­be­den­ken. Wie sieht die lang­fris­ti­ge Stra­te­gie der Tür­kei aus ?

Ich glau­be nicht, dass die Tür­kei eine aus­for­mu­lier­te Nah­ost- oder sogar Syri­en-Stra­te­gie hat. In Bezug auf die neo­os­ma­ni­schen Dis­kur­se muss gesagt wer­den, dass so eine Poli­tik nicht durch­ge­führt wird. Sie dient der innen­po­li­ti­schen Öffent­lich­keit und den exter­nen Fein­den der Tür­kei.

Zur Sicher­heits­fra­ge ist zu sagen, ja, die Bedro­hung der Tür­kei durch Ter­ro­ris­mus hat zuge­nom­men. Aber das ist auch Teil einer fal­schen Poli­tik gewe­sen, die vor allem in Hin­blick auf die 911 Kilo­me­ter lan­ge syri­sche Gren­ze zu bean­stan­den ist. Hin­zu kommt, dass die tür­ki­sche Regie­rung in der Fra­ge des Ter­ro­ris­mus auch nicht aus­rei­chend Unter­stüt­zung von außen bekom­men hat und die­ses Pro­blem nicht aus­rei­chend im Aus­land erklär­te.

Russ­land und die Tür­kei haben auf dem Bal­kan bis­lang nicht eng zusam­men­ge­ar­bei­tet. Glau­ben Sie, dass Tur­kish Stream geeig­net ist, die Koope­ra­ti­on in Syri­en auch auf den Bal­kan zu über­tra­gen ?

Der Kreml trennt poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Gefäl­lig­kei­ten in ver­schie­de­ne Bezie­hungs­be­rei­che. Das heißt, Russ­land tut nicht alles in den glei­chen Topf. Daher kön­nen regio­na­le Pro­ble­me in der Zusam­men­ar­beit in den Berei­chen Ener­gie, Han­del und Mili­tär getrennt von­ein­an­der betrach­tet wer­den. In die­sem Zusam­men­hang dür­fen wir nicht erwar­ten, dass eine ähn­li­che Zusam­men­ar­beit wie in Syri­en auf dem Bal­kan statt­fin­det. Zum Bei­spiel ist gera­de dadurch erst mög­lich, dass Russ­land und die Tür­kei so unter­schied­li­che Posi­tio­nen in der Krim-Fra­ge ein­neh­men kön­nen, ohne dass die Bezie­hun­gen kol­la­bie­ren. Eine ähn­li­che Situa­ti­on wird es auf dem Bal­kan geben.

Am ver­gan­ge­nen Sams­tag sag­te der tür­ki­sche Minis­ter für Land- und Forst­wirt­schaft, Russ­land wer­de das Kon­tin­gent für Toma­ten­im­por­te aus der Tür­kei ver­dop­peln. In wel­chen ande­ren Wirt­schafts­sek­to­ren könn­te Mos­kau mit Anka­ra zusam­men­ar­bei­ten ?

Die Toma­te ist zu einem Sym­bol in den tür­kisch-rus­si­schen Wirt­schafts­be­zie­hun­gen gewor­den, die nach dem Abschuss eines rus­si­schen Kampf­jets im tür­kisch-syri­schen Grenz­ge­biet zusam­men­bra­chen und jetzt wie­der anzie­hen.

Russ­land hilft die schritt­wei­se Nor­ma­li­sie­rung der Wirt­schafts­po­li­tik, von der Tür­kei fes­te poli­ti­sche Ver­spre­chun­gen zu erhal­ten. Die­se Poli­tik ist erfolg­reich. Schließ­lich braucht Anka­ra umfang­rei­chen Zugang zum rus­si­schen Markt, aber solan­ge Mos­kau Mini­schrit­te bei der Visa-Libe­ra­li­sie­rung geht, wird es schwie­rig für die Tür­kei, ihr vol­les Wirt­schafts­po­ten­zi­al zu zei­gen.

Vie­len Dank für das Gespräch !

RT Deutsch